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Im Folgenden dokumentieren wir eine Reaktion von Robert Kurz, welcher der Gruppe Krisis angehört, auf die islamistischen Massaker in den USA und seine Folgen

Fanta auf Lebenszeit

Unter dem Eindruck des Schreckens entpuppt sich die bürgerliche Subjekt-Ontologie der antideutschen Linken

In der Geschichte gibt es immer wieder erschütternde Ereignisse, Katastrophen + zumeist, die mit einem Schlag untergründige Widersprüche an die Oberfläche schleudern und verborgene Motive erhellen. Blitzartig finden Umgruppierungen statt, Freund und Feind tauschen die Plätze, und „nichts ist mehr so, wie es vorher war“. Einige Akteure überraschen sich dabei gewissermaßen selbst, und umso mehr erscheint Unvorhergesehenes, wenn es sich um die grundsätzliche theoretische Interpretation des Geschehens handelt. Die Terrorakte in den USA haben offenbar mit großer symbolischer Kraft mitten ins kollektive Unbewußte der kapitalistischen Weltgesellschaft getroffen. Entsprechend extrem und aufschlußreich fallen die Reaktionen des gesellschaftlichen Bewußtseins aus.
Das gilt nicht zuletzt für die Restbestände der radikalen Linken, die dabei unfreiwillig deutlich machen, warum ihre Gesellschaftskritik nicht mehr greifen kann. Äußerlich haben die Ereignisse des 11. September die Linke in feindliche Gegensätze gespalten wie selten zuvor, vergleichbar vielleicht mit dem Schisma bei Ausbruch des 1. Weltkriegs (wenn auch nur noch im Sinne intellektueller Positionen, nicht mehr als gesellschaftliche Kräfte). Große Teile der an der kritischen Theorie Adornos orientierten und einige der so genannten postmodernen oder kulturalistischen Linken, in den vergangenen Debatten einander oft spinnefeind, nehmen angesichts des Terrors mit überraschend großer Selbstverständlichkeit gemeinsam Partei für Kapitalismus und Demokratie, wobei sie teilweise sogar so weit gehen, Bombenkrieg und Militäreinsätze nicht nur zu befürworten, sondern die herrschenden Mächte eines Mangels an Blutdurst zu beschuldigen. Diese kriegshetzerische Haltung rechtfertigt sich unter Verweis auf den antiamerikanischen und antisemitischen Charakter der Anschläge, der jede klammheimliche Freude von Jüngern eines platten Antiimperialismus nur noch als ekelhaft erscheinen lasse.
So richtig dieser Gedanke ist, so sehr ist er bloßer Vorwand. Denn mit derselben Vehemenz werden auch diejenigen angegriffen, die zwar ebenso die barbarische und antisemitische Dimension der Anschläge benennen, daraus jedoch keinerlei Parteinahme für freedom and democracy ableiten, sondern im Gegenteil die planetarisch vereinheitlichte kapitalistische Anti-Zivilisation als den Quellgrund aller Barbarei darstellen. Diese Position, die im Terror des Dschihad und im Terror der Ökonomie, in Nato-Bombern und Gotteskriegern zwei Seiten derselben Medaille erkennt, wird mit den antiimperialistischen Claqeuren des Massenmords auf eine Stufe gestellt, getreu nach dem Motto des westlichen Gotteskriegers Bush: „You are with us, ore you are with the terrorists“.
Es geht hier gar nicht mehr um die Einschätzung einer bestimmten Situation, über die man im Kontext einer emanzipatorischen Kapitalismuskritik streiten könnte, sondern es kommt ein sehr viel tiefer liegender, unheilbarer Dissens über den Begriff der Emanzipation selber zum Vorschein. Was die neue Qualität des Terrors ebenso bewußtlos wie grundsätzlich in Frage stellt, ist weniger ein äußeres Machtverhältnis innerhalb des Kapitalismus als vielmehr die bürgerliche Subjektform selbst. Aber die Linke konnte die Emanzipation nie anders als in dieser Form denken.
Dem völlig form-unkritischen Arbeiterbewegungsmarxismus war das Kapital sowieso immer nur als eine äußere Gegenmacht erschienen, die auf dem Boden der ontologisierten gesellschaftlichen Kategorien des Werts zu überwinden sei. Die kritische Theorie ging über dieses Denken hinaus, ohne es wirklich aufheben zu können. Zwar erfaßte Adorno mit der (keineswegs ökonomiekritisch fundierten) Kritik des „Tauschs“ oder der „Tauschgesellschaft“ einen Aspekt der allgemeinen Formebene bürgerlicher Subjektivität. Aber erstens blieb diese Kritik auf die Zirkulation und damit auf ein bloßes Moment der bürgerlichen Gesamt-Konstitution durch die Wertform beschränkt, während die Arbeitsform ebensowenig wie die Politikform einer kategorialen Kritik unterzogen wurde. Und zweitens machte Adorno just dieselbe Form des räsonierenden, auch in die politische Dimension gesetzten bürgerlichen Zirkulationssubjekts zum vermeintlich einzig denkbaren Träger der Emanzipation (eine Subjektform, die er fälschlich durch die staatskapitalistischen Tendenzen der Weltkriegsepoche für „negativ aufgehoben“ hielt). Damit handelte er sich die in seiner Theorie unauflösbare Aporie ein, die Emanzipation einerseits als radikale Kritik der „Tauschform“ oder des Zirkulationssubjekts zu denken, andererseits jedoch diese Kritik nur in der ungebrochenen Form eben dieses Zirkulationssubjekts selbst für realisierbar zu halten.
Praktisch und insbesondere in der Reaktion auf erschütternde Krisenerscheinungen stellt sich diese von Adorno hinterlassene Aporie, die bürgerliche Subjektform in der bürgerlichen Subjektform selbst aufheben zu wollen, als die absurde Notwendigkeit dar, den Kapitalismus immer erst einmal retten zu müssen, um ihn aufheben zu können. Was natürlich nur heißt, daß er letzten Endes unaufhebbar ist. Die platte Faktizität, daß der Kapitalismus die negative Voraussetzung seiner eigenen Kritik und Überwindung ist, verwandelt sich so in das positive Programm seines Erhalts zwecks vermeintlicher „Subjektrettung“. Diese logische Schleife, zur Zeit Adornos immerhin Ausdruck eines theoretischen Fortschritts wie gleichzeitig einer bestimmten historischen Situation, ist allerdings heute hoffnungslos ausgeleiert. Die an der kritischen Theorie orientierte Linke, die Adornos transitorischen Reflexionsstand zu einer „Orthodoxie“ versteinert hat, muß ebenso wie ihre Vettern der postmodern-kulturalistischen Linken am Ende der bürgerlich-aufklärerischen Modernisierungsgeschichte notwendig reaktionär werden, indem sie der zerfallenden modernen Subjektform des Werts nachtrauert, die sie hoffnungslos festzuhalten sucht. Dieses reaktionäre Leitmotiv kommt in den entsprechenden Stellungnahmen zu den Terroranschlägen gegen die USA gerade deswegen besonders krass zum Vorschein, weil eine solche gesellschaftliche Katastrophe eben diese Form grundsätzlich dementiert.
Nicht umsonst wurden die barbarischen Taten von New York und Washington mit dem verheerenden Erdbeben von Lissabon (1755) verglichen, das damals nicht nur eine der Hauptstädte Europas, sondern auch den falschen historischen Optimismus der Aufklärungsphilosophie erschütterte. Und in der Tat hat ja seither die bürgerliche Gesamtepoche des modernen warenproduzierenden Systems, deren Hardcore-Ideologen die Aufklärer nur waren, mit der erdbeben-ähnlichen blinden Gewalt der Wertvergesellschaftung und ihrer „unsichtbaren Hand“ mehr und größere Vernichtungspotentiale entfaltet als alle Fetischverhältnisse, Sklavenhalterzivilisationen und gekrönten Schlächter der bisherigen Geschichte zusammengenommen.
Daß am Anfang der Moderne eine wirkliche Naturkatastrophe symbolisch die Ideologie der bürgerlichen Subjektform erschütterte, während an ihrem Ende diese Subjektform selber symbolisch als sekundäre Naturkatastrophe erscheint, kennzeichnet sowohl das Wesen dieser Form als auch ihren „naturgesetzlichen“ historischen Werdegang. Diese Taten können nicht mehr als Äußerungen eines Modernisierungs-Subjekts mit der bürgerlichen Emphase dieses Begriffs mißverstanden werden; die Täter erweisen sich vielmehr als bloße Momente eines gesellschaftlichen Pseudo-Naturprozesses, in dem die Subjektlosigkeit der Fetischform auf die Individuen mit derartiger Gewalt zurückschlägt, daß sie in dieser Form nur noch reagieren wie Agentien eines anorganischen Ablaufs von blinder Zerstörung, ohne deshalb ihre „technische“ Kalkulationsfähigkeit zu verlieren.
Diese Täter sind zwar schon deshalb nicht juristisch abzuurteilen, weil man ja nicht einmal mehr ihre Körper begraben kann; könnte man sie aber vor Gericht stellen, wäre dies sowohl hinsichtlich der Delinquenten als auch ihrer Richter nur noch eine schauerliche Farce auf die bürgerliche Rechtssubjektivität. Taten wie diese führen endgültig das moderne Subjekt und dessen „Selbstverantwortung“ in der Fetischform des Werts ad absurdum, mehr als jede bloße Theorie es könnte. In gewisser Weise galt das auch schon für die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, denn die historisch beispiellosen Untaten der Nazis, die eine unbegreifliche Dimension enthalten, stehen ebenfalls in einem krassen Mißverhältnis zu den Kategorien bürgerlicher Rechtspflege. Der Holocaust entzieht sich der juristischen Bewertung, weil er den Übergang der allem bürgerlichen Recht zugrunde liegenden Subjektform in den mörderischen Wahn deutlich macht.
Der entscheidende Unterschied, der dennoch den Nürnberger Prozessen ein Moment innerkapitalistischer Legitimation verlieh, besteht in der jeweiligen Reichweite kapitalistischer Entwicklungsfähigkeit. Diese ist heute auf Null geschrumpft, während der 2. Weltkrieg noch einmal eine Epoche erweiterter realer Kapitalakkumulation und Metamorphose kapitalistischer Subjektivität einleitete. Wenn die Nazis auch bereits den manifesten Todestrieb des Warensubjekts ausagierten, so repräsentierten sie doch gleichzeitig einen möglichen Entwicklungsweg der bevorstehenden Epoche. Sie waren also im Stande, der weiteren Ausformung kapitalistischer Weltgesellschaft ihren Stempel aufzudrücken. Deshalb ging es im 2. Weltkrieg um die Frage, ob die zweite industrielle Revolution des Fordismus durch ein antisemitisch-rassistisches und militaristisches Weltreich der Achsenmächte oder durch eine ökonomistische und konsumistische Weltmarkt-Gesellschaft der Pax Americana geformt würde. Eine solche innerkapitalistische Alternative stellt sich heute nicht mehr, obwohl sie von Bush bis zu den Bahamas, von Blair und Schröder/Fischer bis zur Jungle World beschworen wird. Der islamistische Terrorismus ist mit seinem technischen Potential des Massenmords gemeingefährlich, aber nicht mehr gesellschaftlich form- und entwicklungsfähig. Dasselbe gilt für die herrschenden demokratischen Mächte selber.
In der Enthemmung der globalen Krisenkonkurrenz, die sich im perspektivlosen Terror wie in den ebenso perspektivlosen demokratischen Weltordnungskriegen und in zahlreichen verwandten Erscheinungen (ethnische Bürgerkriege, Plünderungsökonomie, Amokläufer usw.) zeigt, verliert der moderne Staat das Monopol auf den technologischen Massenmord, der in dieser staatlichen Form von Anfang an ein Wesensmerkmal der kapitalistischen Anti-Zivilisation war. Das blinde Morden im großen Maßstab geht jetzt unmittelbar auf die Individuen und ihre synthetischen Aggregierungen (wie zum Beispiel fanatische religiöse Sekten) über; die Zersetzung der Subjektivität fällt zusammen mit einer Zersetzung der Ideologien, in denen sich die Modernisierung dargestellt hatte. Das Massaker von New York war eine im wahrsten Sinne des Wortes zivilgesellschaftliche Tat. Im Zerfall der bürgerlichen Subjektivität kehrt sich deren Gewaltkern manifest nach außen; das vom objektiven Wahn getriebene Konkurrenzsubjekt macht als letzte Konsequenz der Wertvergesellschaftung die unmittelbare Identität von Vernichtung und Selbstvernichtung deutlich.
Weil es keine weitere Entwicklung des Kapitalismus und seiner Subjektform mehr gibt, kann auch keine neue Epoche kapitalistischer Dynamik mehr emanzipatorisch besetzt werden (was allerdings auch in der Vergangenheit immer schon einem auf die bürgerliche Subjektivität verkürzten Begriff von Emanzipation entsprochen hatte). Die Grenzen des modernen warenproduzierenden Systems sind objektiv und immanent, können also nicht weggeredet werden. Die linkskulturalistischen und antideutschen Ignoranten, die eine wertkritische Reformulierung der Marxschen Krisentheorie als bloße „Schwarzseherei“ oder „Apokalyptik“ abtun möchten, werden von der Realität selbst widerlegt. Die völlige Verkennung der Situation, wie sie aufgrund ihrer reaktionären Haltung unvermeidlich ist, treibt sie allerdings dazu, in den Konflikten der weltkapitalistischen Barbarisierung geradezu verzweifelt nach dem wegbrechenden Boden der wunderbaren Moderne zu strampeln; ganz so, als handelte es sich nach wie vor um einen weiteren Schub des Modernisierungsprozesses und nicht um dessen selbstdestruktives Ende, als könnte noch einmal ein „gutes“, irgendwie emanzipatorisch mißzuverstehendes Subjekt in der bürgerlichen Form angerufen und müßte nicht endlich die radikale Kritik dieser Subjektform selbst auf die Tagesordnung gebracht werden.
In dieser Hinsicht nehmen die kruden Antiimperialisten und die antideutschen bzw. kulturalistischen Zivilisationsretter der Form nach eine identische Position ein; nur der phantasmatische Subjektbezug ist historisch different. Was bei den ersteren spukt, ist das Gespenst jenes Antiimperialismus, dem das bürgerliche Subjekt „nachholender Modernisierung“ im Ostblock und in der Dritten Welt entsprochen hatte. Dieses Subjekt, das von 1917 bis 1989 in den historisch ungleichzeitigen peripheren Regionen eine falsche Jugendfrische der warenproduzierenden Moderne samt allen Attributen revolutionärer Emblematik mimen konnte, gibt es nicht mehr, weil im globalen Krisenprozeß der dritten industriellen Revolution die Welt negativ gleichzeitig gemacht und zu einem einzigen geschlossenen Gesamtsystem vereinheitlicht worden ist. Bin Laden ist in all seiner Scheußlichkeit von Antisemitismus und religiösem Wahn tatsächlich der einzig noch mögliche Typus von Repräsentation der Dritten Welt, soweit sie sich nicht von der Illusion einer eigenständigen Entwicklung auf dem Boden des modernen warenproduzierenden Systems zu lösen vermag.
Nachdem die Mimikry der aufklärerischen bürgerlichen Morgenröte in der kapitalistischen Peripherie (Che Guevara mit Goethe-Schmöker und der MP im Arm) sich unter den Bedingungen der negativen Globalisierung in die gesellschaftliche Finsternis von Massenelend und Todessehnsucht verwandelt hat, flüchten insbesondere die von der kritischen Theorie Adornos beeinflussten Linken, die es noch nie so besonders mit dem Antiimperialismus hatten, noch weiter zurück in die moderne Subjektgeschichte, nämlich in die aufklärerische Bürgerlichkeit des europäischen 18. Jahrhunderts. In dieser Version bezieht sich die reaktionäre Subjekt-Nostalgie direkt zurück auf die westliche Urform der Ideologie vom „autonomen Bürger“ der Wertvergesellschaftung; übrigens mit allen chauvinistischen Konsequenzen. Aber diese demokratische und zirkulative „Autonomie“ des Marktsubjekts, der Logik nach von Haus aus eine illusionäre Selbstdefinition von Exekuteuren des irrationalen kapitalistischen Selbstzwecks, gibt es als greifbare historische Realerscheinung ebensowenig mehr wie das ehemalige Subjekt „nachholender Modernisierung“ in der Peripherie.
In demselben Maße, wie die Schrecken der äußeren und inneren Zerstörungsprozesse auch die kapitalistischen Zentren erreichen, fällt die nur scheinbar radikale Kritik von der aufklärerischen Linken ab wie eine alte Haut, und sie bekennt sich mit ungeahnter Vehemenz zu ihrem bürgerlichen Wesen, um gemeinsam mit der herrschenden Krisendemokratie das Ende einer Welt von Subjekten des Werts nicht wahrhaben zu wollen. Zur Legitimation dieser Haltung fällt einigen bauernschlauen Köpfen nichts besseres ein als die Behauptung, eine (wertkritische) Distanz zu den Zersetzungsprozessen der kapitalistischen Anti-Zivilisation, ihrer Subjektform und ihren falschen Alternativen sei gewissermaßen logisch gar nicht möglich, weil wir schließlich alle Bestandteile der Wertvergesellschaftung und selber bürgerliche Subjekte seien. Diese Argumentationsfigur ist schlicht albern. Daß wir Produkte einer mehrhundertjährigen bürgerlichen Zurichtungs-, Zumutungs- und Verinnerlichungsgeschichte sind, daß man uns auch individuell in dieses System hineinsozialisiert hat und wir zweifellos in der bürgerlichen Subjektform leben - all dies verhindert doch nicht, diese negativen gesellschaftlichen Formen kritisch wahrnehmen zu können.
Wie jeder Mensch in seinem persönlichen Leben virtuell zu sich selbst auf Distanz gehen und sich in seinem Denken und Handeln selbst beobachten kann, so ist dies auch hinsichtlich der eigenen Gesellschaftlichkeit möglich. Und dabei handelt es sich ja auch nicht um ein bloßes intellektuelles Glasperlenspiel, sondern um die unausweichliche Verarbeitung negativer Erfahrungen von Zumutung, Leid und Unlebbarkeit. Daß diese Verarbeitung als ideologische (im Sinne eines falschen, nämlich affirmativen Bewußtseins) mit mörderischen Konsequenzen geschieht, macht die kritische und emanzipatorische Verarbeitung nicht unmöglich. Das Individuum geht eben nicht in seiner bürgerlichen Subjektform auf.
Was von den Adepten Adornos einst (zu Unrecht) als die vermeintliche kybernetische Geschlossenheit der Wertvergesellschaftung und ihrer Subjekte beklagt wurde, womit man dann sich selber als Kritiker nicht mehr erklären konnte, wird nun gegen das Beharren auf radikaler Kritik gerichtet: Mit dem Anspruch kritischer theoretischer Begrifflichkeit und der Verweigerung einer ferneren innerkapitalistischen Parteinahme, so die denunziatorische Behauptung, würden sich die Träger dieser Kritik der Sünde einer unerlaubten Distanz zu ihrer eigenen bürgerlichen Immanenz schuldig machen. Was für ein Scheinargument: Weil wir Kinder des Kapitalismus sind, sollen wir diesen als ein „Ding an sich“ gar nicht erkennen können und, sobald es mit der Krise ernst wird, auch nicht mehr als feindlichen Gegenstand behandeln dürfen. Das kantianisch verblödete Gerede, daß „der Theoretiker der Wert“ sei, zunächst als kryptische „höhere Form“ der radikalen Kritik angepriesen, entpuppt sich jetzt als Schutzbehauptung eines ordinären theoretischen Opportunismus und als Selbstvergatterung auf die kapitalistische Subjektform, die man zur allgemeinen Verpflichtung machen möchte. Die theoretische Gewissenlosigkeit selbst spielt sich als Gewissen der kritischen Theorie auf. Während die auf die Subjektform zu erweiternde Reformulierung radikaler Kritik verweigert wird, kommt das ebenso illusionäre wie schäbige Motiv zum Vorschein, angesichts des drohenden Zusammenbruchs der Wertvergesellschaftung die eigene bürgerliche Haut zu retten.
Diese Halloween-Party der antideutschen und postmodernen Linken nach dem 11. September macht allerdings auch deutlich, daß die Aporie in der Theorie Adornos nicht mehr länger ausgesessen werden kann. Sie wird denn auch aufgelöst; allerdings nicht kritisch, sondern affirmativ. Die Adornosche Kritik der Tauschform und damit des Zirkulationssubjekts entfällt. Schon länger hatte sich die Tendenz angedeutet, die im Anschluß an die Marxsche Krisentheorie betriebene Analyse des postmodernen Finanzkapitalismus und der in den 90er Jahren ausgebildeten globalen Strukturen des fiktiven Kapitals als „potentiell“ oder „irgendwie“ antisemitisch zu denunzieren. Nicht in der falschen Erklärung des fiktiven Kapitals und seiner Funktion soll die politische Ökonomie des Antisemitismus bestehen, sondern darin, überhaupt seine Existenz zu benennen. In der Rückkoppelung auf die Affirmation des Warentauschs wird daraus zwingend die Anforderung, die Geldform als solche für sakrosankt zu erklären. Als Antisemit muß demzufolge schon gelten, wer das Bankensystem nicht unbedingt für einen Hort der Zivilisation hält. Diese Affirmation des Zirkulationssubjekts kann gar nicht anders, als schließlich einen antisemitischen und barbarischen Charakter der Kapitalismuskritik überhaupt zu entdecken. Erst dann ist die theoretische Regression abgeschlossen.
Natürlich ist diese intellektuelle Rückwärtsbewegung auch defensiv gegenüber dem realen Krisenprozeß: Die zerbrechende Vergesellschaftungsform soll um jeden Preis erhalten werden, und sei es als Trugbild einer immerwährenden globalen Finanzblasen-Zivilisation; gerade wenn diese vor unseren Augen zerplatzt. Die illusorische Defensive wird auch auf einer anderen Ebene bürgerlicher Subjektivität deutlich. Dem antideutschen Sekten-Organ Bahamas ist zu entnehmen, daß alles, was „den Islam“ ausmache, „der Haß auf Schönheit und Genuß“ sei. Diese Aussage ist so brüllend dumm, daß sie keine Kritik verdient. Aufschlußreich ist allerdings, welche Gegenbilder bemüht werden.
So findet sich in demselben Traktat der Hinweis, die antizivilisatorische Potenz der deutschen Gesellschaft nach dem 11. September manifestiere sich ausgerechnet in den Kommentaren über das „Ende der Spaßgesellschaft“. Die Redaktion der Jungle World wiederum schickt der Wertkritik schöne Grüsse aus Kabul, die in diesem Zusammenhang etwas dunkel auf die Geilheit von „Girlie-Klamotten“ verweisen. Und eine Aushilfs-Jeanne d'Arc der Nato namens Andrea Albertini kreiert zur Abrundung ihres Beifalls für den zivilisatorischen Bombenregen auf afghanische Wohn- und Krankenhäuser den überaus intelligenten und mitreißenden Slogan „Fanta statt Fatwa!“ (Jungle World 43/2001). Dürfen wir aus diesen netten Hinweisen auf die Natur von „Schönheit und Genuß“ in der alleinseligmachenden Warenform schließen? Was spontan herausrutscht, ist meistens verräterisch und manchmal unfreiwillig komisch. Mit der hier zum Ausdruck kommenden materiellen, seelischen und intellektuellen Frugalität (Spaßgesellschaft, Girlie-Klamotten, Fanta) kann es allerdings kaum ein archaischer Beduinenstamm in der Wüste aufnehmen. Je militanter die jüngsten ideologischen WerbetexterInnen des Zivilisationskampfes die kapitalistische Ontologie verteidigen, desto unwiderstehlicher verweisen die von ihnen gewählten Bilder und Symbole auf das Mitleid erregende Endstadium einer zugerichteten Subjektivität, die den längst armselig gewordenen Warenkonsum ideologisiert. Fanta auf Lebenszeit sei ihnen gegönnt.
Bislang waren sich postmodern-kulturalistische Linke und antideutsche Adorno-Enkel nicht zuletzt deshalb in den Haaren gelegen, weil die einen es vorzogen, der kapitalistischen Kulturindustrie zu frönen und in diese irgendwelche widerständigen Potentiale hineinzuinterpretieren („der Konsument als Dissident“), während die anderen einem elitären Ideal von gehobenem bildungsbürgerlichen Luxusgenuß huldigten, das zu verallgemeinern wäre; beide gleichermaßen unreflektiert hinsichtlich der Kontamination des Genusses durch die Wertabstraktion (z.B. Leistungshedonismus und Konkurrenzhedonismus) und der materiellen Produktionsbedingungen (z.B. Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen). Jetzt sind es ausgerechnet die antideutschen Edelhedonisten, die in ihren Imaginationen auf der untersten Stufe warenkonsumistischer Banalität ankommen, als wollten sie „dem Islam“ unbedingt den infantilen Charakter der „westlichen Zivilisation“ beweisen.
Die Regression auf die kapitalistische Muttervernunft ist eben bloß fiktiv und kann die frühbürgerlichen Ideale nicht revitalisieren, sondern muß dem tatsächlichen Verfallszustand nolens volens Rechnung tragen; und so kann die Milch der frommen Denkungsart, die aus diesen verwelkten Brüsten noch zu saugen ist, eben nur eine fade Limonade sein. Die Kritik, die lediglich die aufklärerische Subjekt-Illusion des „autonomen Bürgers“ konserviert hat, zerfällt bei der ersten ernsthaften Berührung mit der Realität des 21. Jahrhunderts zu Staub. Was übrig bleibt, ist der Ruf nach dem pragmatischen Flächenbombardement. Heute gilt für eine kritische Theorie, die schon keine mehr ist: Kratze an der elitären orthodoxen Adornitin, und der vulgäre bürgerliche Nato-Demokrat kommt zum Vorschein.
Wenn die Aporie Adornos affirmativ aufgelöst wird, erscheint eine Ideologie der willkürlich auseinandergerissenen bürgerlichen Subjektform, die im Verhältnis zum Antisemitismus und zu den Nazis bloß spiegelverkehrt ist. Die Scheinkonkretion, die jetzt offenbar an die Stelle der Arbeit gesetzt werden soll, ist der Warenkonsum. Wie die Nazis das Arbeitssubjekt durch die Vernichtung der Juden vom Zirkulations- und Konsumsubjekt „befreien“ wollten („schaffendes“ versus „raffendes“ Kapital, „Arbeit macht frei“, „Kanonen statt Butter“), so soll jetzt umgekehrt in der Diktion der antideutschen Zivilisationsretter das Zirkulations- und Konsumsubjekt durch die perspektivische Auslöschung der barbarisierten Massen in der Dritten Welt („Antirassismus ist antizivilisatorisch“) von der Arbeit „befreit“ werden. Dieses irrationale Konstrukt löst die wirkliche Einheit der bürgerlichen Subjektform natürlich ebensowenig auf wie das entgegengesetzte der Nazis. Blieben dort Geldform und Zirkulationssphäre real unaufgehoben, so bleibt hier die Arbeit kategorial unangetastet und die Arbeitskritik beschränkt sich auf einen flachen bürgerlichen Konsumhedonismus.
Von diesem Standpunkt aus hat auch jede Kritik an der keynesianischen Nostalgie etwa der so genannten linken Globalisierungsgegner, der Attac-Leute etc. etwas durchaus verlogenes. So richtig es ist, die politische Regulations-Illusion gegenüber den transnationalen Finanzmärkten, die demokratische Staatsfixiertheit und Arbeitsontologie dieser Positionen zu kritisieren und deren implizite Nähe zur politischen Ökonomie des Antisemitismus aufzudecken, so unwahr wird diese Kritik, wenn sie selber auf einer bloß umgekehrten, im kapitalistischen Sinne positiv globalistischen Apotheose des Zirkulations- und Konsumsubjekts beruht und damit ebenso verkürzt und für mörderische Implikationen offen ist wie ihr Gegenstand.
Zwar mag diese Version der bürgerlichen Subjekt-Ontologie dem transnationalen Kasino- und Dienstleistungs-Kapitalismus der 90er Jahre mehr entsprechen als die nostalgische Apotheose von Arbeit, Beschäftigung und nationalem Sozialstaat. Aber erstens fliegt der „arbeitslose“ neue Finanzkapitalismus sowieso in die Luft und läßt kein unbeschädigtes Zirkulations- und Konsumsubjekt in den kapitalistischen Zentren zurück. Was Bin Laden nicht schafft, das schafft die unsichtbare Selbstmordhand des Kapitals. Und zweitens besteht überhaupt kein Bedarf an einer neuen Generation von weltordnungs-kriegerischen Realos der kritischen Theorie. Die bombenfreundliche Fanta-Linke ist nur noch eines, nämlich völlig überflüssig.
Robert Kurz



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last modified: 28.3.2007