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Kultur-Report, 1.7k

About the main independent stream


Oder wie es sich „unabhängig“ besser schlafen lässt. Doch wer schläft, hat auch irgendwann aufzustehen. Ein veralteter Appell an alle Träumer. Denn wo heutzutage noch „INDEPENDENT“ draufsteht, steckt nicht einmal mehr ein Funken jener Illusion, die einst zumindest den Anschein einer Hoffnung erweckte, fernab von MTV und Arbeitswahn doch etwas reißen zu können. Selbst wenn diese Illusion nur dazu beitrug, eigene Schlüsse zu ziehen, um genau „INDEPENDENT“ in Frage stellen zu können.

once upon a time

Es war einmal könnte es heißen, wenn es um eine Bewegung geht, die so hoffnungsvoll mit Punk begann und mit der Loveparade seine verspäteten Abschlusskundgebungen fand. Ein „war einmal“ wäre jedoch falsch analysiert, würde es doch nur zur Rechtfertigung eines kollektiven Irrglaubens dienen.
Der alte gesellschaftliche Mief jener Zeit und der bedröhnte naive Hippievirus trieb einst die musikalische Jugend dieser Zivilisation auf die Inseln mit so glanzvollen Namen wie PUNK, HARDCORE, HIP HOP, INDIE, später auch ELECTRO, HOUSE etc., Inseln also die für ihr früheres „subkulturelles“ Klima bekannt sein dürfen. Diese stilvoll anders anmutenden Kultursparten, deren Namen für sich selbst standen, weckten Hoffnung beim gebeutelten Sinn suchenden Individuum. Wenn nicht dies als „Alternative“ zum Ganzen, was dann?
Eine Ansammlung von Seelenverwandtschaften tat sich zusammen um in eine „unabhängige“ Welt aufzubrechen. Auf einer Ebene, deren Ziel es schien, das eigene verkappte Dasein als unannehmbar zu outen und es gleichzeitig hinter sich zu lassen, fanden sich Labels, Bands, Kids, Vertriebe und Clubs der gesamten kapitalistisch zivilisierten Welt wieder, um nach eigenen „anderen“ und besseren Gesetzen einem untragbaren System zu widerstehen. Fast wie von selbst entstanden parallel zueinander ähnliche Strukturen, die vorgeblich Kreativität und Einzigartigkeit von Künstlerinnen und Künstlern unterstützen und binden wollten. Ein eigener Anspruch wurde formuliert, der klar machen sollte, worum es einer weit gefächerten Szene geht, die sich bewusst einer Vermarktungsmaschinerie entziehen wollte. Conciousness statt Business, musikalische Authentizität statt musikalische Massenbefriedung und Kreativität statt einer sich ständig reproduzierenden Retortenästhetik als Ausdruck eines „Billboard-Automatismus“, schienen die Mottos eines „independent“ Charakters zu sein. So wurde der Arbeitlose zum Labelchef ohne monatliches Einkommen, oder der Sänger der unbekannten Punkband von nebenan zum günstigsten Plattendealer deines Vertrauens. Alle befolgten die ungeschriebenen Paragraphen des „alternativen“ Musikmarktes, der im Gegensatz zum Branchenhauptfeind Nummer eins, den Majorfirmen, natürlich kein Markt sein durfte. Gezogene Grenzen verlangten keinerlei nähere Erläuterungen, denn wer abgesehen von einer individuellen Politisierung noch ansatzweise eine musikalische westliche Sozialisation aufweisen konnte, war sowieso in der Lage zwischen Qualität und Qualität zu unterscheiden. Denn über Geschmack lies und lässt sich bekanntlich nicht streiten, denn den hat man oder eben nicht. Und den diesem Konsensgeschmack entsprechenden Produkten, konnte beruhigten Gewissens der selbe Background mit den bestmöglichsten Absichten beglaubigt werden. Oftmals wurde ästhetisierte Kritik an den Auswüchsen der Verhältnisse zur Strategie, Wesen und eigentlichem Kern entstehender Bands, Zines, und Labels. Ob nun Mister (Sub)universum Henry Rollins(1) von „search and destroy“ sprach oder als Adaption dazu die intelligente HC/Punk-Formation NO MEANS NO „stay home and read a book“ propagierte, allesamt verstanden sich im Grunde als Appell an die verschlafenen Geister da draußen, dessen Köpfe es zu erobern galt. Ob zum Stein gegriffen werden sollte oder besser erstmal zum eigenen Leben stand nicht zur Debatte, solange hinter allem Vertonten der Blick auf die Welt nicht vergessen wurde.

„all good? it ain’t – and that’s the truth“ (de la soul)

Eine Weile lang schien das Konzept aufzugehen. Unmengen an Bands sprossen aus dem Boden. Eine erweiterter als die andere, und jene wieder innovativer als irgendeine je zuvor. Kein Halt wurde vor musikalischen Experimenten gemacht und Grenzen sprengend fanden unvereinbare Strömungen zueinander und kreierten durchaus Annehmbares. Es schien sich etwas zu bewegen und das schönste schien, dass immer etwas zu sagen sei, um sich die eigene „heile“ Welt zu bestätigen. Und natürlich war auch der Feind, auf den sich allesamt einigen konnten, immer schnell benannt, und genau an jenem Punkt kam die eigene Logik des Selbstverständnisses gewaltig zum erliegen. Egal ob es nun Sonymusic, die Pelzindustrie oder Amerika waren, die für alles Böse dieser Erde verantwortlich gemacht wurden, die individuelle Schuld am Fortbestehen des bestehenden Systems wurde kein Deut weit hinterfragt, geschweige denn als mitverantwortlich analysiert. Der eigene Lebensweg schien immer ein besserer zu sein, da McDonalds gemieden und die Musik nur bei „Guten“ gekauft wurde. Dass hier in Vergangenheit gesprochen wird, könnte fälschlicherweise den Eindruck erwecken, in den letzten Jahren hätte ein Urknall der Aufklärung stattgefunden. Dass dem nicht so ist, muss nicht großartig erwähnt werden, nur ist es gerade im Gefilde der Musik und Jugendkulturen mehr als offensichtlich, welch logische Entwicklung und gesellschaftliche Vereinnahmung kapitalistische Prinzipien mit sich gebracht haben und glaubt man noch so sehr daran dass eine „andere Welt“ möglich sei. Und der einstig sich selbst auferlegte Anspruch auf Vollständigkeit einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung ist in den meisten Fällen nicht mal mehr nur Schein. Begreifen will das allerdings niemand, denn wer kratzt schon gerne an den Eckpfeilern der eigenen Existenz.
Begreifen wir Popkultur als folgendes: „Pop entstand nach dem zweiten Weltkrieg als rebellisches Kind der westlichen, kapitalistischen Zivilisation, um als Sprachrohr, Gefühlsverstärker und Identitätskonstrukteur schnell fast alle Jugendliche dieser Zivilisation zu einen“(2), so müssen wir das Modell Independent und Subkultur als popkulturelle Enkelkinder definieren. Und wie einst Pop als Modell bald zum wichtigen unerlässlichen Teil dieser zu verabscheuenden Gesellschaft verkam, so können auch deren Enkel, die sich somit gern als Pop im Pop verstanden, trotz begrüßenswerter Intentionen niemals das halten, was ihre eigentlichen Namen versprechen. Frühere Vorzeigeindielabels und Vertriebe der Independentkultur sind somit entweder Teil einer Majorkultur geworden, da Majors schnell den verkaufsträchtigen authentischen Charakter einer „ehrlicheren“ Musik zu würdigen und für sich nutzen wussten. Andere behaupten zwar immer noch „life is too short for boring music“(3), jedoch bezieht sich die anzugreifende Langeweile nicht mehr auf die Langeweile CHARTS als solche, da man selber unter vorgefundenen veränderten Bedingungen bilanztechnisch nicht mehr wirklich hinter den „Anderen“ (majors) zurücksteht und die gleichen Vermarktungsstrategien nutzt um existieren zu können. Denn hoch gelobte „unabhängige“ Strukturen unterliegen den selbigen expansiven Prinzipien eines Gesellschaftssystems, dessen Alternative keine reformierten Systeme des Kritisierten sein können, sondern ausschliesslich deren Abschaffung.

the fear of being found

Justin Timberlake, 18.6k Dass es bei Musik, Kultur nicht anders zugehen kann wie überall, kann mit einem ständigen Präsentationswillen genannter Erscheinungen mit erklärt werden. Egal ob Musikerinnen, Verleger etc., allen sei unterstellt sich dem Leben auf jener sinnlichen Ebene zu entziehen und sich so die saugenden Gegebenheiten angenehm wie möglich zu gestalten, ob nun für sich selbst oder für Andere. Und kulturelles Engagement als Überlebensgrundlage dienen zu lassen, sei es über verkaufte Platten die Miete zahlen zu können, kann nicht „als dem Kommerz auf dem Leim gegangen sein“ abgetan werden. Denn ein krampfhaft naiver unkommerzieller Umgang mit Kultur fördert nicht etwa wie gewollt eine emanzipatorische individuelle Herangehensweise und grundlegende Reflexion der Gesellschaft, sondern schießt sich selbst als „besseres Leben im falschen“ ins Aus. Die Tatsache wird gern übersehen, dass jener „underground“-Umgang einen noch lange nicht aus den Zwängen einer Arbeitswelt entlässt, ganz im Gegenteil. Und lieber sich die Nächte um die Ohren hören und saufen, um dabei gemeinsam über den generellen Unsinn zu sinnieren, als zu wissen, den nächsten Morgen für den Unterhalt seine „unabhängige Parallelwelt“ arbeiten zu müssen. Dass es hierbei nicht um ein Plädoyer für VIVA geht, muss klar sein wie Klöse an Weihnachten. Dazu reicht ein einfaches musikästhetisches Verständnis, um gefälligen Scheiß von Einfallsreicherem unterscheiden zu können, egal ob es auf VIVA läuft oder nicht. Die Diskussion, ob das neue JUSTIN TIMBERLAKE Album, ex member der boygroup NSYNC(4), seine positive Berechtigung hat, und die immer größer werdende Begeisterung von Top-Ten-Hits bei Kiez-Diskos sprechen Bände und verdeutlichen das unbewusstes Aufbrechen von einem abstraktem Gut und Böse. Zu Ende gedacht hieße dies, eine längst überfällige Auflösung der unsäglichen Differenzierung eines guten und bösen Kapitalismus.

time after time

Zum Zeitgeist verkommt nun mal alles, auch wenn es noch so viel Innovation erwecken vermag. CALEXICO(5), die als Paradebeispiel einer „Indiekultur“ stehen, bringen es mit dem Wissen um sich selbst auf den Punkt: „...heutzutage kannst du dir nichts mehr sicher sein, und das ist das einzige, was du sicher weißt“(6).
Das eigene Lebensmodell entlässt sich somit selber in eine ungewisse Zukunft. Den letzten Atemzügen dennoch so viel Bedeutung zukommen zu lassen, heißt nichts anderes als ein Festhalten an überholten Idealvorstellungen, für die keinerlei Realität mehr gegeben ist. Wenn sich also die Leipziger POP UP-Messe als „Independent popculture“ versteht und gleichzeitig einen Vergleich mit der Musikmesse POPKOMM scheut, aufgrund der bösen Kommerzialisierung, die dort in Köln ihren Lauf nimmt, so beziehen sie sich ausschließlich auf ihre „ehrlicheren“ Ansprüche im Gegensatz zu den Westlern. Ehrlicher, da ausgewähltes Programm kreativer und innovativer sei und mit dem großen Business Musik nicht viel am Hut habe. Am Ende stellt jedoch jene Kleinauflage nichts anderes dar und bewahrt sich ihren guten Schein mit der Irritation „independent“, anstatt Besucherinnen Anstösse zu geben, von was eigentlich Unabhängigkeit gefordert wird und vor allem warum.
In diesen Unsicherheiten als Konsequenz vom ständigen Hinterfragen, kann ein kultureller Enthusiasmus nur dazu dienen, aufgrund realisierter Gegebenheiten stets dabei zu sein um einem völligen Durchdrehen entgegenzustehen, anstatt sich eine Alternative vorzugaukeln.
In solch wahrgenommener Form ist er umso wichtiger Part des Lebens, wichtig für das eigene Glücksempfinden – und popkulturelle Musik als sich in ihrer Form ständig entwickelnde Errungenschaft, wichtig als Maßstab gegen rückständige Denkmodelle, die diese Welt noch schwärzer aussehen lassen, als sie es bereits ist. Verlassen wir uns nicht auf oberflächliches „Anderssein“, unterstützt von Styles, Beats und Gitarren, die vor Inselmentalitäten noch so sehr strotzen. Es kann nur darum gehen einen Ansatz zu finden, dass Bestehendes als das benannt wird, was es ist und gleichzeitig die Notwendigkeit einer kulturellen Ebene trotz Kulturindustrie neu zu definieren. Eine Ebene, die es vermag sich selbst zu reflektieren um mögliche Ansatzpunkte für wirkliche umfassende ästhetisierte Kritik via Musik Kunst etc. zu entwickeln. Denn warum nicht versuchen, das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden.

pop@island.free.de

Fußnoten:
(1) Henry Rollins war beginn der achziger Jahre Frontmann der HC-Vorreiter-Band BLACK FLAG.
(2) Ulf Poschardt in DIE BEUTE NR.3 „politikbegriffe in der popkultur“ 1999, s.56
(3) Slogan der EFA medien gmbH, der größte und erfolgreichste deutschen Vertrieb für Tonträger im „independent“ Musikspektrum.
(4) In einer Ausgabe der Wochenzeitung Jungle World wurde in der Rubrik DISKO darüber diskutiert, ob man das Album gut finden darf oder nicht, außerdem fand bekanntes Album bei vielen Musikkritikern großen Anklang.
(5) Eine bekannte erfolgreiche amerikanische Indie mariachi post country band, die es vor allem in Europa mit ihrem neuen Album „feast of Wire“ in diverse top ten der Album Charts geschafft haben.
(6) WOM Journal 02/03.


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last modified: 28.3.2007