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Tomorrow-Café, 1.5k

Hooliganismus



(Fortsetzung des ersten Teiles aus CEE IEH #134)

3.8. Ehrenkodex als Maxime

Bei den Hooligans bildete sich mit der Zeit ein bestimmtes Wertesystem heraus, damit auch bei den gewalttätigen Ausschreitungen alles in einem „geregelten Rahmen“ verläuft. Dieser Ehrenkodex enthält im allgemeinen fünf Aspekte: Der Kampf findet nur mit den Fäusten und ohne Waffen statt; wenn ein Hooligan am Boden liegt, wird von ihm abgelassen; gegenseitige Anzeige und die Zusammenarbeit mit der Polizei sind verboten; Bilder von Auseinandersetzungen dürfen nur als Erinnerungsfoto dienen und Unbeteiligte dürfen nicht angegriffen werden (passiert aber oft). Mittlerweile lässt sich aber sehr stark bezweifeln, dass dieser Ehrenkodex überhaupt existiert hat, da Waffen, Gewalt gegen Außenstehende und das Eintreten auf am Boden liegende Hooligans schon lange gängige Praxis ist. Dieses Ausleben von exzessiver Gewalt ist selbst schon im Hooliganismus angelegt. So gibt es unter den Hooligans vor allem in der letzten Zeit immer mehr gewaltbereite Jugendliche, welche keinen „traditionellen“ Bezug mehr zu dem Sport und den Vereinen haben und nur noch Spaß am Erlebnis der Gewalt empfinden können, d.h. die Gewalt ist sich selbst Zweck geworden. Die jungen, in den 90er Jahren neu mobilisierten Fans, kennen nicht die geschichtliche Bedeutung des Sports, des Vereins oder der Umgebung, haben keine langjährige emotionale Bindung an den Verein und treten so individueller auf. Daraus lässt sich ebenfalls erklären, warum ein Teil von ihnen zu offensiven und gewalttätigen Handlungen tendiert. Die jüngeren Hooligans ohne traditionelle Bindung zum Verein agieren mit gesteigertem Aktionismus, kurzfristig und variabel. Es gibt keine Grenzen mehr. Weder in der Ausübung bzw. Auslebung des Gewaltaktes noch vor dem eigenen Selbst. Für die degradierten Warensubjekte gibt es keine klassische Ich-Grenze mehr, sondern sie müssen sie vielmehr stetig überschreiten, damit sie sich selbst spüren können. Sie können sich erst als Subjekt konstituieren, indem sie in der Gewalt und dem kollektiven Exzess aufgehen. Es ist das faschisierte, sadomasochistische Subjekt, das erst Bestimmung von sich selbst machen kann, wenn es sich in der unmittelbaren Gewalterfahrung für das (Hooligan-) Kollektiv aufopfert. Nur, dass es heute keines bestimmten Bezugs mehr bedarf und damit auch jener scheinbare Legitimationsversuch nicht von Nöten ist, wodurch auch jede Möglichkeit von Kritik und Reflexion an ihr Ende geraten ist. Denn wenn Gewalt durch Gewalt legitimiert wird, hat man es mit etwas sich absolut und identisch Setzendem zu tun, ohne dass sich eine absolute Identität herstellen könnte. Demnach ist sie selbstreferenziell und selbstreflexiv. Man(n) hat einfach Spaß dran. Und wer das nicht versteht, wird es nur verstehen können, wenn er sich doch darauf einlässt. Ansonsten könne man über diese Erfahrung oder diesen Kick nicht sprechen. Zu mindestens stellt es sich so im Verständnis der Hooligans dar. Es ist ein in sich geschlossenes „Weltbild“, ohne dass es ein Weltbild geben würde.


Rathausbesetzung, 44.1k

Conne Island: Erst Krawall machen, ...

, 34.6k

... anschließend eine Vereinssatzung entwerfen.

4. Die Gewalt

4.1 Gründe für Gewalt

Auf die Frage, warum Gewalt Spaß macht, geben die Hooligans z.T. diffuse Antworten: wegen des Kicks, des Adrenalinrausches, der Kameradschaft oder, dass man etwas erleben möchte, anstatt nur zu leben. Für Hooligans ist es die Suche nach der Sensation, nach dem persönlichen aktiven Erleben und nicht nur die passive Erfahrung des Zuschauerdaseins beziehungsweise des eigenen Alltags. Auf diese Weise brechen sie aus der zivilisierten Welt aus und erleben eine „farbige“, „aufregende“ und „pralle“ Welt: Die Welt der Unmittelbarkeit und des Naturrechts.
Indem sie etwas Extremes unternehmen, möchten sie sich von der gesellschaftlichen Masse und der eigenen Unzufriedenheit absetzen. Dabei hängt das Ausbrechen aus einem als grau empfundenen Alltag nicht mit dem Einkommen oder der gesellschaftlichen Stellung zusammen, auch wenn die Mehrheit der Hooligans dem Arbeitermilieu entstammt. Das Gefühl nach dem wahrhaften Erleben bekommt bei ihnen den Stellenwert einer Droge. Demnach ist das aktive Erleben, statt des passiven Lebens, welches mit der Moderne identifiziert wird, die Suche nach dem Kick, wenn auch nur für einen kurzen Moment, die Kernmotivation der Hooligans. Sie sind der regressive Ausdruck der auf Warennomaden reduzierten Subjekte, welche ihre Ohnmacht gegenüber der vermittelten Gesellschaft mit dem Wunsch nach Unmittelbarkeit beantworten. Dabei können sie so ziemlich bei allem mitmachen. Ob es nun die Jagd auf Ausländer, Obdachlose, Nazis oder sonst wie „Asoziale“ ist, oder doch nur ein guter Drogentrip mit einer fetzigen Schlägerei, spielt dabei keine Rolle. Solange es natürlich „Spaß“ macht und etwas „abgeht“, sind sie dabei. Schranken gibt es dabei heute schon lange nicht mehr.

4.2. Gewalt und Männlichkeit

Durch das sinnlich, unmittelbare Erleben stellt sich bei den meisten Hooligans eine Selbstbestätigung der physischen Überlegenheit her. So wird ein starker Bezug der Akteure auf ein stilisiertes Männerbild hergestellt. Hierdurch findet eine Überbetonung beziehungsweise Idealisierung der Männlichkeit statt, die vor allem bei den Heranwachsenden deutlich wird. Zu diesen männlichen Attributen gehören hauptsächlich Mut, Stärke, Kraft und Kameradschaft, welche alle sehr stark in der Hooligansubkultur verwurzelt sind. Aufgrund dessen hat gerade die Fankultur einen großen Reiz für Männer, da diese traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit dort sehr stark gepflegt werden. Dementsprechend wird das Ausweichen vor gewalttätigen Auseinandersetzungen als feige und unmännlich angesehen. Im Gegenzug erweist man dem Sieger erhöhten Respekt. So antwortete ein Hooligan auf die Frage der Wochenzeitung SPIEGEL: „Wenn einer wegläuft von euch, wird er dann als Feigling angesehen?“ mit der Aussage:„Feigheit vor dem Feind. Der kriegt von uns selber vor den Kopp. Er kann sich aussuchen, entweder kriegt er von uns eine auf die Fresse oder von den Bremern oder den Bayern.“ So kann man mit Recht davon sprechen, dass es innerhalb der Gruppen auch eine gewisse Form von Lynchjustiz gibt, welche gegen den Einzelnen vollstreckt wird, falls er sich gegenüber der Hooligangemeinschaft verweigert. Die Akzeptanz der Gruppenmitglieder definiert sich hier vorwiegend über aggressive Leistungsgesichtspunkte beim Zusammentreffen mit Gegnern, Polizisten oder unerwünschten Personen. Mitglieder solcher auffälligen, aggressiven Gruppen müssen sich allein schon deswegen durch Aggression hervortun, um den entsprechenden Leistungserwartungen der eigenen und anderen Gruppen gegenüber gerecht zu werden. Das gruppeninterne Solidaritätsgefühl wird durch einen bestimmten Kleidungsstil und das systematische Anfeuern (dies muss nicht immer vorkommen) der eigenen Mannschaft zusätzlich verstärkt und nach außen verdeutlicht.

4.3. Gewalt und subjektive Rechtfertigung

Die Gewalt von Hooligans wird von ihnen als grundsätzlich legitim angesehen, meistens mit dem Argument, dass der Gegenüber diese Auseinandersetzung genauso sucht. Dies führt zu einer Normalisierung ihrer eigenen Gewalt. Eine Gewissensfrage wird dabei nicht gestellt, da es innerhalb der Subkultur ein grundsätzliches Einverständnis über die Ausübung von Gewalt gibt, auch wenn es nicht die einzige Subkultur ist, in der die Anwendung von Gewalt Legitimität erfährt. Um diese Rechtfertigung für sich selbst zu beanspruchen und die körperliche Gewalt zu affirmieren, ist das Mittel der Stigmatisierung eine Notwendigkeit für die Akteure. Jede gegnerische Person oder Gruppe, die Sieg und Erfolg verhindern, wirkt gegen die Bedürfnislage der Fans und stellt ihre Identität in Frage. Auf diese Bedrohungen reagieren die Fans mit Stigmatisierungen, egal in welcher Form diese auch geschehen mögen. In dem Maße, in dem die gegnerische Mannschaft durch Stigmata, die sich u.a. antisemitisch oder rassistisch darstellen können, abgewertet wird, wird auch die eigene Identität aufgebaut. In der Folge werden Schuldgefühle abgebaut und die eigene Gewalt als legitim angesehen. Hinzu kommt das Herunterspielen der möglichen Konsequenzen der eigenen Handlung, das Abschieben und Vernebeln der eigenen Verantwortlichkeit sowie einseitige Schuldzuweisungen zum Gegenüber bei gleichzeitiger Abwertung des Opfers. Nicht umsonst gibt es auch unter den Hooligans eine relativ große Zuneigung zum Neofaschismus, was sich in antisemitischen (Auschwitz-Lied) und rassistischen (Uh-Uh Rufe bei schwarzen Spielern) Parolen und der Verwendung faschistischer Symbole darstellt.

Robert

Ein 3. Teil wird sich mit dem Verhältnis von Hooliganismus und der Entgleisung von Gewalt zu regelrechter Ideologie beschäftigen.

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last modified: 28.3.2007