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Was ist Neuer Antisemitismus?


„Der Antisemitismus entwickelt sich weiter.“ (Daniel Jonah Goldhagen)

Das Buch Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte(1) ist ein sehr pluralistisches. Viele Texte sind darin versammelt und Antizionisten kommen auch zu Wort. Thematisch geht es hauptsächlich um die Frage, ob es einen Neuen Antisemitismus gibt, welche Qualität und Quantität er hat und wie er mit Antiamerikanismus und Antizionismus vermittelt ist. Der Neue Antisemitismus ist zudem in den Demokratien ein anderer als in der islamischen Welt und wird in dem Buch in dieser Differenzierung diskutiert. Empfehlenswert sind die Texte von Omer Bartov, Daniel Jonah Goldhagen, Alain Finkielkraut, Ulrich Beck, Gerd Koenen, Jeffrey Herf, Andrei S. Markovits, Ian Buruma, Robert Wistrich und – wenn eine wissenschaftliche Betrachtung aller Ebenen und Verquickungen des Nahost-Konflikts gewünscht ist – Dan Diner. Die Texte werden hier nicht einzeln vorgestellt, sondern dienen als Grundlage, wenn es fortfolgend um eine begriffliche Bestimmung des Neuen Antisemitismus geht. Leider zieht sich durch die meisten Buchbeiträge die verkürzte und damit falsche Einschätzung, der Antisemitismus sei eine feindliche Haltung gegen die Moderne. Dass er das Resultat der Moderne ist und dieser seither innewohnt, bleibt in dem Buch unterbelichtet, und soll hier in die kritische Darstellung des neuen Antisemitismus eingehen, die von dem Buch inspiriert ist.

Die Taten

Am deutlichsten und gefährlichsten ist derzeit zweifelsohne der Antisemitismus in der islamischen Welt, dessen Avantgarde Selbstmordattentate durchführt, deren Zweck die Vernichtung von Menschen ist. Doch nicht nur die Zweite Intifada, die Anschläge auf die amerikanische Ostküste im Jahr 2001 und die Anschläge auf die Synagogen in Istanbul vor zwei Jahren machen diesen Neuen Antisemitismus aus, auch die Hetzrede des malaysischen Ministerpräsident Mahatir Mohamed vor 750 applaudierenden islamischen Staatsbeamten, die Anschläge auf Synagogen und gewalttätigen Übergriffen auf Juden in Europa durch Muslime und die zahlreichen Verschwörungstheorien, die durch islamische Medien begierig aufgegriffen und breit getragen werden, sind deutliche Manifestationen des Neuen Antisemitismus in der islamischen Welt.
Der Neue Antisemitismus in den Demokratien (aber außerhalb der darin „integrierten“ islamischen Communities) ist subtiler und zeigt nur dort seine Militanz, wo er Verständnis oder klammheimlich Freude bekundet, wenn die USA oder Israel von Selbstmordattentätern getroffen wurden. Der Tatendrang der Neuen Antisemiten in der ersten Welt selbst macht sich zivilgesellschaftlich Luft, also in Form von universitären Boykotten gegenüber israelischen Akademikern, in Diskussionsveranstaltungen über die „wahren“ Hintergründe von 9/11, im Anprangern israelischer „Massaker“, in der Würdigung der demokratischen und antizionistischen UNO, in globalisierungskritischen Manifestationen gegen die USA und Israel und in Parolen und Transparenten gegen Imperialismus, Gier, Unterdrückung und Kulturzersetzung.
Während der Neue Antisemitismus in der islamischen Welt sich so deutlich in Rede, Schrift und Tat bekundet, dass er nicht erst kenntlich gemacht werden muss, ist der Neue Antisemitismus in den Demokratien schwer auszumachen, weil er zeitgemäß ist und sich betont antifaschistisch glaubt und gibt.

One World, Old Europe

Das was die Friedensbewegung und die Globalisierungskritiker unter anderem angreifen: Globalisierung und „Kulturimperialismus“, sind tatsächlich zwei ihrer wichtigsten Bedingungen. Über Musik, Fernsehen, Internet, Traveling und andere Formen warenförmiger Zerstreuung ist der Traum einer Weltgesellschaft wahr geworden – leider unter völlig falschen Vorzeichen. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse haben in den letzten Jahrzehnten nicht nur die Menschen kosmopolitisiert, sie weiter über ihren kulturellen, nationalen und völkischen Tellerrand getrieben, sondern auch den Antisemitismus. So wie die Menschen weltweit in den Demokratien die gleichen Schokoriegel, Fernsehbilder und Subkulturen konsumieren, so haben sich auch antisemitische Einstellungen verbreitet. Und so wie sich die Schokoriegel, Fernsehbilder und Subkulturen qua weltweiter Verbreitung von der Scholle emanzipiert haben, so hat sich auch der Antisemitismus in den Demokratien von der Verbundenheit mit der jeweiligen Scholle emanzipiert.
Die politischen Konzepte der Neuen Antisemiten heißen daher Internationalismus, Multikulturalismus, Ethnopluralismus, Völkerfamilie, Völkergemeinschaft, Völkerfrieden, Kulturvielfalt, One World und so weiter. Nicht mehr dem Volksstaat zediert sich das „fortschrittliche“ Individuum, sondern der globalen Gemeinschaft. Diese sei im Grunde gut und harmonisch, wird aber von bösen Mächten unterminiert. Das Pali-Tuch und die Pace-Fahne werden inbrünstig getragen, während die ausgesuchten Gegner Sharon, Bush und IWF- und WTO-Vertreter als gierige Rambos oder übergroße „Bonzen“ mit Dollarzeichen in den Augen dargestellt werden.
Dem rastlosen und zerstörerischen „jüdischen Prinzip“ haben die alten Antisemiten die Volksgemeinschaft entgegengesetzt, indem sie die als konkret und unvermittelt erscheinenden Momente der kapitalistischen Produktionsverhältnisse als die eigentliche Gesellschaftlichkeit des Menschen hypostasiert haben. Das Volk haben sie gegen vermeintlich korrupte respektive „verjudete“ Politiker, die schaffende Arbeit gegen den Wucher und die gegenständliche Kunst gegen die „entartete“ Kunst in Stellung gebracht. Doch Volk, schaffende Arbeit und Gegenständlichkeit sind in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen selbst vermittelt. Das Volk ist Resultat und Träger des bürgerlichen Staats, die schaffende Arbeit Resultat und Träger der Kapitalverwertung und die Gegenständlichkeit – nicht nur in der Kunst – Resultat und Träger gesellschaftlicher Abstraktion, was nicht zuletzt die kraftstrotzenden Arier in den Nazi-Kunstwerken eindrucksvoll demonstrieren. Die Antisemiten verleugnen die gesellschaftliche Genese der konkret erscheinenden Seite des Kapitalverhältnis wie auch deren aktive Teilhabe an dessen permanenter Krise – d.i. die ständige und nie zu ihrem Ziel kommende Mobilisierung der Menschen im Banne der unersättlichen Kapitalakkumulation –, indem sie die Genese und Krise als „jüdisches Prinzip“ halluzinieren und bekämpfen.
Die neuen „fortschrittlichen“ Antisemiten möchten die Weltgemeinschaft reinigen – von Politikern, Staaten und Wirtschaftskreisen, die sie als Schuldige gesellschaftlicher Krise halluzinieren und bekämpfen. Deswegen stellen sie die vermeintlich Schuldigen als gierige Blutsauger dar, deren abstraktes Interesse als Dollarzeichen dargestellt wird, während Pace-Fahnen und Pali-Tücher für Harmonie und Bodenständigkeit stehen. Die Globalisierungskritiker bekämpfen nicht die globale Gemeinschaft, sondern deren Unterminierung durch egoistische Mächte. Die „USA und Israel“ sollen z.B. laut Noam Chomsky vor ein „Tribunal gestellt“ und ihrer „Kriegsverbrechen“ wegen verurteilt werden. Dass innerhalb der meisten Kulturen und Völker viel schlimmere Herrschafts-, Ausbeutungs- und Gewaltverhältnisse herrschen als im heutigen Irak oder gar den USA, und dass mehr als hundert Kriege und Bürgerkriege auf der Welt geführt werden, mit denen Israel und die USA nichts zu tun haben, wird konsequent verdrängt. Eine grundsätzlich richtige Weltgemeinschaft wird halluziniert, in der es eine naturgeschichtlich gewachsene quasi-organische Harmonie zwischen den Völkern und Kulturen geben würde – wäre da nicht die egoistische Interessenpolitik von zionistischen, amerikanischen und wirtschaftlichen Kreisen. Dass die derzeitige Weltgemeinschaft insgesamt von einem falschen gesellschaftlichen Verhältnis durchzogen und konstituiert ist, wollen die Antikapitalisten nicht wissen. Sie bringen das vermeintlich Konkrete gegen den sogenannten Kapitalismus in Stellung, die vermeintlich organische Weltgemeinschaft gegen sogenannte egoistische Machenschaften. Chomskys Traum eines Tribunals gegen Israel und die USA zeigt das Gewaltpotential dieser Ideologie auf, die antiimperialistisch, antinationalistisch und antirassistisch daherkommt.
Doch der Neue Antisemitismus reflektiert nicht nur die Globalisierung in sich, auch geschichtliche Erfahrung hat den Antisemitismus verändert: weil „Hitler ... dem Antisemitismus Schande gemacht“ hat (Alain Finkielkraut), sprechen die Neuen Antisemiten eine andere Sprache und denken in anderen Kategorien als die Antisemiten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die Kategorie der Rasse ist verschrien, das Führerprinzip auch, staatliche Militäraktionen sind mindestens kritikabel und die nationale Judenfrage ist en gros verschwunden. An die Stelle von Blut und Rasse ist heute die kulturelle Identität getreten, die zu erhalten sei, an Stelle des Führers sorgen heute Netzwerkstrukturen und Plenas als Integrationskräfte, statt staatlicher Gewalt setzt man auf die internationale Gewalt von unten, deren Vorbild Che weltweit auf T-Shirts präsent ist, und an die Stelle der nationalen Judenfrage ist der Hass auf die „eigentlichen Roguestates“ (Peter Sloterdijk) Israel und die USA getreten.
Viele Europäer glauben, aus dem Nationalsozialismus gelernt zu haben, indem sie gegen staatlichen Militarismus, Separierung und Nationalismus vorgehen. Diese europäische Lehre aus dem Nationalsozialismus kulminiert in der Betonung des Völkerrechts und dem kategorischen Imperativ: „Nie wieder Krieg“. Diese Irrlehre wenden sie nun ausgerechnet gegen den Staat Israel, dessen Partikularismus, Nationalismus und Militarismus sie nicht als notwendige Reaktion auf Auschwitz begreifen wollen.

Vier Formen des Neuen Antisemitismus
    „Der Antizionismus ist der gerechtfertigte, schließlich jedermann verständlich gemachte Antisemitismus. Er ist die Erlaubnis, demokratischerweise Antisemit zu sein.“ (Vladimir Jankélévitch, Das Verzeihen, Essays zur Moral und Kulturphilosophie, Frankfurt am Main 2003, S. 245)
Der Antiimperialismus, der sich auch als Antikapitalismus begreift, hat den Imperialismus zum existentiellen Feind ernannt und damit die wirtschaftlich und militärisch potenten Staaten als böse Mächte und die betroffenen Kulturen, Völker und Nationen als revolutionäre Partner stilisiert. Dass es den Betroffenen nicht immer schlechter und teilweise unter imperialistischer Herrschaft sogar besser ging, als vormals in ihren Stämmen, Clans, feudalen Gesellschaften, Nationen oder Modernisierungsdiktaturen, wird unterschlagen. Zudem rückt der Antiimperialismus von der Befreiung der Individuen ab und huldigte ethnischen, völkischen oder kulturellen Kollektiven. So wie der Antiimperialismus von einer Kritik der politischen Ökonomie als einer Kritik fetischistischer und apersonaler Herrschaftsverhältnisse nichts wissen will, so versteht er den Imperialismus auch nicht als Emanation der kapitalistischen Produktionsverhältnisse und bekämpft ihn dementsprechend so, als wäre er ein von gierigen Kapitalisten ausgeklügeltes Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnis. Schuldig seien bestimmte Kreise, die die Selbstbestimmung von naturgeschichtlich gewachsenen Kulturen und Völkern verhindern und deren Reichtum und Identität rauben und zerstören. Alles in allem fungiert der Antiimperialismus, der ein Kampfbegriff der sozialistischen Regierungen wie auch der mehr oder weniger antiautoritären Linken im Westen war, als eine Ideologie, um an Stelle der Reflexion auf die Verhältnisse die Welt in gut und böse, harmonisch und gierig, gemeinschaftlich und partikularistisch einteilen zu können.
In dem Maße wie Antiimperialismus und Imperialismus in der linken Weltanschauung als das Gegensatzpaar schlechthin ausgewiesen wurden, in dem Maße wuchs auch die Feindschaft gegen Israel und die USA – wiederum eine große Übereinstimmung zwischen den außerparlamentarischen Linken im Westen und der real existierenden sozialistischen Weltanschauung im Osten, wobei in letzterer auch strategische Entscheidungen eine Rolle gespielt haben werden.
Der Antiamerikanismus halluziniert die Vereinigten Staaten, insbesondere deren wirtschaftliche, politische und militärische Macht als kulturlos und geldfixiert. Amerika wird all das zugeschlagen, was in der Moderne als gemeinschafts- und traditionszersetzend erfahren wird: die Macht des Geldes, reine Gegenwartsbezogenheit, Egoismus, Fortschrittsgläubigkeit, dekadenter Luxus, instrumentelle Vernunft, Naturzerstörung und Entfremdung von eigentlichen Werten des Lebens. Gegen Amerika werden Gemeinschaftlichkeit, Kultur, Ideale, Naturverbundenheit und sinnliche Vernunft hochgehalten. Darüber hinaus wird demjenigen Staat, der am ehesten Schmelztiegel war und ist und durch alle rassistischen und ethnischen Konflikte hindurch Menschen unterschiedlichster Herkunft und Religion in einem Staat integriert hat, Rassismus vorgeworfen. Deswegen wählen die linken Kids in Europa Malcolm X, Martin Luther King und Mumia Abu Jamal zu ihren Idolen, statt jemals auf die Idee zu kommen, die zu Tausenden inhaftierten und zum Tode geweihten Regimegegner in Cuba, China, Saudi Arabien oder sonstwo zu unterstützen. Der Antiamerikanismus ist so gut wie identisch mit dem Antiimperilismus, schließlich hat letzterer seinen „Hauptfeind USA“ (Alain de Benoist). Nur Israel, ein Land so groß wie Sachsen, zieht ähnlich viel Aufmerksamkeit der Antiimperialisten auf sich.
Der Antizionismus macht dem Staat Israel die Vorwürfe, die der Antisemitismus den Juden gemacht hat. Solange sich der Zionist als Kibbuzim-Jude präsentierte, der im Angesicht seines Schweißes seinen Acker bewirtschaftete, wurde er von den Linken geliebt, als er sich in einer hochgerüsteten Armee offensiv verteidigte, wurde er als Imperialist gebrandmarkt und von der antiimperialistischen Linken verteufelt. „(S)ein Anspruch zu kämpfen, um fortzubestehen und zu überleben“ ist in den Augen des Neuen Antisemiten – so wusste Jankélévitch – „ein an sich unbegreiflicher Skandal und hat etwas Maßloses...“ (a.a.O., S. 248). Die Antizionisten äußern nichts gegen Juden, sondern gegen den „aggressiven Zionismus“. Dem Antizionismus gilt Israel als künstliches Gebilde und auf so was hat es der zeitgemäße Vulgär-Dekonstruktivismus und Antinationalismus abgesehen. Galt dem Antisemitismus einst der Jude als fremdes Element in der Volksgemeinschaft, so gilt nunmehr dem Antizionisten Israel als fremdes Element in der Weltgemeinschaft. Während der Jude als heimtückischer Zersetzer gehasst wurde, wird zwar auch Israel dafür gehasst, dass es sich innerhalb der arabischen Welt „gewieft“ „einnisten“ konnte, aber ebenso wegen seinem „rambohaften“, überlegenen Militarismus. Überhaupt hat es die Linke – im Glauben, aus dem Faschismus eine Lehre gezogen zu haben – im Namen der Emanzipation auf Nationalismus, Partikularismus und Militarismus abgesehen, d.h. auf die Eigenschaften, die Israel als antiantisemitischen Staat ermöglichen. Der Antizionismus gibt sich zwar als Staatskritik aus, zielt aber objektiv auf Judenmord. Denn Israel mag momentan nicht der sicherste Staat für Juden sein, erfüllt aber für einen Großteil der Juden die Schutzfunktion schlechthin.
Auch der Antirassimus kann eine Form des Neuen Antisemitismus sein – und ist es oftmals. Dieser Antirassismus spricht muslimischen Migranten in der westlichen Welt per se ein Opferstatus zu und stellt ihnen einen Blankoschein nicht nur für die Wahrung ihrer bescheuerten und zumeist gefährlichen muslimischen Identität, sondern auch für ihr antisemitisches Weltbild aus. Dieser Antirassismus fällt auch bezüglich des Nahost-Konklikts sein typisches Urteil: die armen arabischen Unterdrückten und die bösen israelischen Nationalisten mit ihrer Besitzstandswahrungsmentalität und ihren Panzern. Solche Antirassisten verstehen den Hass der Araber – wenn manchmal auch nicht „die falsche Form, die dieser Hass annimmt“ (Gerhard Hanloser) – und sprechen „den Arabern“ ihr Dasein als selbstverantwortliche Individuen ab, indem sie ihnen absprechen, maßgebliche Akteure sein zu können, die nicht reflexartig mit Steinschleudern ihr Revier verteidigen und sich verzweifelt für ihre Sippe aufopfern, sondern einen organisierten Krieg gegen die Juden und Israel und für das islamische Megaracket führen. Dieser Antirassismus manifestiert sich in UNO-Resolutionen und antirassitischen Grenzcamps. Linksradikale Antiras griffen vor drei Jahren in Straßburg aus einer von einem Grenzcamp ausgehenden Demonstration heraus eine Synagoge an und beschmierten diese dabei auch mit den Worten: „These are Nazis“.
Telos des Antiimperialismus, Antiamerikanismus, Antizionismus und sogenannten Antirassismus ist die Einlösung und Zementierung der naturgeschichtlich gewachsenen Weltgemeinschaft, die durch egoistische Interessenpolitik gieriger, kulturloser, asoziale Kreise zerstört werden würde. Dabei glaubt und gibt sich der Neue Antisemitismus zumeist antifaschistisch. Oftmals sind es gar die Leute, die sich gegen den Antisemitismus alter Provenienz in ihrer Umgebung stark machen, die gleichzeitig die Neuen Antisemiten sind – bloß dass sie sich freilich als solche nicht bezeichnen, sondern als Linke und Antifaschisten. Weil der Neue Antisemitismus seine Feinde nicht mehr biologisch bestimmt und es auf Staaten und imperialistische Kreise abgesehen hat, können sich auch Juden oder Amerikaner seiner Argumentation anschließen – etwa Judith Butler im Buch Neuer Antisemitismus?.

Eine progressive Antizionistin
    „Ich erklärte ihr, ich gehörte ... zu den progressiven Juden (und bediente mich einen Moment lang der Identitätspolitik) ...“ (Judith Butler)
    „Womöglich bildet Antiamerikanismus heute eines der klarsten Merkmale einer progressiven Haltung. Wer antiamerikanisch eingestellt ist, bekennt sich zu einem Vorurteil, das schon eo ipso Widerstand gegen den mächtigsten Staat der Welt signalisiert. So gewinnt der Antiamerikanismus in progressiven Kreisen eine Legitimität, die andere Vorurteile nicht mehr besitzen, mit Ausnahme von Antizionismus und Antisemitismus.“ (Andrei S. Markovits)
Judith Butler redet Israel-Boykotten, beziehungsweise „Desinvestions-Kampagnen“ das Wort und verteidigt ihre Aufforderung an Universitäten, „Investkapital aus dem Staat Israel zurückzuziehen“. Außerdem müssten wir, ginge es nach Judith Butler, historisch endlich so weit sein, die Jüdische Geschichte nicht mehr als reine Opfergeschichte darzustellen. Butler möchte schnell wieder zur Normalität zurück, also die Geschichte der Juden als Geschichte von Tätern schreiben. Sie will an das „Palästinenserkind, das durch israelisches Gewehrfeuer grausam getötet wird“, erinnern, gerade weil sie das „Erbe der Shoa psychisch und politisch geprägt hat“. Sie stellt daher die Frage: „Werden wir schweigen ... oder werden wir uns erheben ..., selbst wenn das laute Aussprechen ein Risiko für uns darstellt? Der Versuch von jüdischer Seite, Israel in diesen Zeiten zu kritisieren, entspringt gerade diesem Ethos, möchte ich behaupten?“ Das Erbe der Shoa ist laut Butler Referenzpunkt einer Kritik an Israel. Wie stellt sich das „Risiko“ dar, auf das Butler hinweist? Das Risiko sei der Vorwurf des Antisemitismus, der „konstruiert“ sei und als „Mittel“ benutzt würde, „um die politische Rede zu zensieren“, und den die „Kritiker Israels“ ständig zu hören bekämen. Immer wieder – quasi als Wegmarkierung durch ihren Text – trägt Butler vor, dass der Antisemitismusvorwurf „ein Klima der Angst“ schaffe. Man muss also Butler und den Herausgebern des Buches wirklich dankbar sein, diese Position trotz „Zensur“, „Mundtotmachen“ und „McCarthy-Methoden“ geschrieben und veröffentlicht zu haben. Wahrscheinlich bedurfte es großen Mutes, den Text an den gut aufgestellten Heerscharen zionistischer Wächter, die die Kritik an Israel „zum Schweigen“ bringen und „ersticken“ wollen, in das Buch hineinzuschleusen, das übrigens weltweit bei renommierten Verlagen gedruckt wird. Butler stilisiert sich als Kämpferin einer mittellosen und verfolgten Minderheit gegen einen angeblichen rabiaten proisraelischen Mainstream. Komplementär dazu kämpft sie gegen „brutale“ „israelische Besetzung“, „Abriss von Häusern in Ramallah oder Dschenin“, „Tötung von zahllosen Kindern und Zivilisten“, „Tötung von Kindern in Dschenin“, „Gewalttätigkeiten und Mord an Kindern und Zivilisten“, „militärische Besetzung“, „israelische Besatzungspolitik“, „militärische Macht“, israelische „Brutalität“, israelischen „ausgemachten Nationalismus“, „Enteignung im großen Maßstab“, „gewaltsame Enteignung des Landes von Palästinensern“, „dauerhafte Aufhebung grundlegender Rechte für Palästinenser“, „Gemetzel“, „Vertreibung von 700000 Palästinensern“, „Entwürdigung der Palästinenser“, „die Mauer“, „Politik der USA“, „israelische Politik der ‚außerlegalen Tötung’“ und „koloniale Besatzung und koloniale Entrechtung“. Sie spielt zum einen mit den Chiffren Dschenin und Kindermord, die sich längst von Tatsachen losgelöst haben, und hantiert – wenn sie mal konkret wird – mit übertriebenen Zahlen, die selbst innerhalb ihres Textes weiter – wie es in Gerüchteküchen nun mal üblich ist – anwachsen (erst spricht sie von 700000 Palästinensern, die 1948 vertrieben wurden, und zehn Seiten später von 750000). Butler hat keinen Begriff von Antisemitismus und damit auch nicht vom Neuen Antisemitismus. Sie geht davon aus, Antisemitismus sei nur dort am Werk, wo das jüdische Volk als Solches angegriffen wird. Da sie nicht das jüdische Volk, sondern Israel kritisiere, könne sie keine Antisemitin sein. Dass den Antisemitismus nicht allein ausmacht, auf wen er losgeht, sondern auch das Wie, d.h. die Art und Weise seiner Argumentation, bekommt Butler nicht in den Blick – dazu denkt Butler selbst zu sehr in den Bildern und Kategorien des Neuen Antisemitismus. Doch nicht nur Judith Butler verteidigt in dem pluralistischen Buch den Antizionismus. Auch Antony Lerman will Antizionist sein, meint aber, dies wegen der prozionistischen Armada und ihrer „Waffe“ nicht zu können – leider wird er durch das Buch Lügen gestraft und darf sogar sein Bedürfnis formulieren, die Aktionen der israelischen Armee mit denen der Nazis zu vergleichen: „... die Antisemitismus-Waffe bleibt besonders dann stumpf, wenn sie dazu benutzt wird, Vergleiche zwischen den Aktionen der israelischen Armee und der Art und Weise, wie die Nazis Juden behandelten, abzuweisen.“

Die Gefahr Neuer Antisemitismus

Der neue Antisemitismus in den Demokratien ist ein verwandelter Antisemitismus, dessen Marktschreier insbesondere die Linke von und nach 1968 war und ist, der man nach Auschwitz viel mehr Gutes zutraut als der Rechten, deren Aussagen in der kritischen Öffentlichkeit unter Generalverdacht stehen – deswegen kann selbst die Neue Rechte, die seit Jahrzehnten das erzählt, was in der globalisierungskritischen Bewegung und in der Friedensbewegung problemlos unter die Massen gebracht wurde, zumeist nur indirekt punkten. Es macht keinen Sinn, dem Neuen Antisemitismus die Maske vom Gesicht reißen zu wollen. Er ist nicht nationalistisch, rassistisch, zumeist auch nicht völkisch und er folgt auch keiner europäisch-imperialistischen Logik. Er meint es ernst, wenn er sich antiimperialistisch, antikapitalistisch, antizionistisch, antiamerikanisch und antirassistisch gibt.
Der Neue Antisemitismus in den Demokratien steht insofern in Verbindung zum Neuen Antisemitismus in der islamischen Welt, als dass er an ihm den Antizionismus nachvollziehen kann, an ihm den originären Antisemitismus nicht wahrhaben will und – wenn es sein muss – die Selbstmordattentate als undifferenzierte und taktisch unkluge Überreaktion kritisiert. Er sieht in den Antisemiten in der islamischen Gesellschaft nicht Antisemiten, die es auf das Leben der Juden abgesehen haben, sondern von Rassismus und Imperialismus Unterdrückte, die als Verdammte dieser Erde ihr Unbehagen etwas übertrieben artikulieren. Da der Neue Antisemitismus ein globalisierter ist, entsteht in der Sprache der Befreiung und Gerechtigkeit eine weltweite Akzeptanz für Judenmord. Somit ist der Neue Antisemitismus in Europa, den USA und sonstwo tatsächlich ein Schutzpatron und – wie im Fall der UNO und der EU – ein Steigbügelhalter für den antisemitischen Tatendrang der islamischen Umma.

Hannes Gießler

Fußnoten

(1) Doron Rabinovici, Ulrich Speck und Natan Sznaider (Hg.), Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, 332 S.

Das Buch kann im Infoladen im Conne Island ausgeliehen werden.


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last modified: 28.3.2007