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Im folgenden dokumentieren wir einen Vortrag, welchen das Gründungsmitglied und Schlagzeuger von Ton Steine Scherben im Rahmen der 3. Linken Buchtage am 15. Mai 2004 in Berlin hielt.
Kultur-Report, 1.7k

Deutschland und Pop.


Die Einladung über dieses Thema zu sprechen hat mir ein Artikel in der Jungle World eingebracht, in dem ich mich mit der Band Mia beschäftigte. Die bezeichnet sich gleichzeitig mit ihrer Liebeserklärung an die deutsche Nation in Interviews als „definitiv links“ – und da ich mal eine Band mitgegründet hatte, die das ebenfalls von sich behauptete (Ton Steine Scherben) erschien ich als der Geeignete, etwas genauer hinzuschauen. Danach werde ich darüber nachdenken, was das denn eigentlich ist – linke Musik. Auch wenn das ziemlich schwierig ist. Üblicherweise beschäftigt man sich dann zuerst und zurecht mit den Texten und an zweiter Stelle mit dem Umfeld einer Band – wo tritt sie auf, auf welchem Label veröffentlicht sie. Eine Beschäftigung mit der Klangästhetik ist eher selten, denn sie ist schwierig. Wer glaubt, ich müsste da mehr wissen nach all den Jahren, die ich Musik mache, überschätzt Musiker. Die diskutieren über solche Themen meist erstaunlich wenig. Mein Versuch zu erklären, wie die Gleichung von Rock und Rebellion mal entstanden ist, erhebt dabei nicht den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Ich versuche mir meinen Reim aus meinen persönlichen Erfahrungen als Musiker zu machen. Wenn ich deshalb auf die 60er/70er zurückgreife, also die Zeit, wo Musik als Mittel linker Politik ins Blickfeld geriet, dann soll das nicht nach Nostalgie klingen – die Verhältnisse waren da noch überschaubare. Und vielleicht ist es ja bei der Kritik von Popmusik ganz hilfreich, sich noch an Zeiten erinnern zu können, in denen dieser Industriezweig noch im Entstehen war.
Das Auge des Fischadlers, 110 x 90 cm, Ölgemälde, 16.9k
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Beim Thema „Deutschland und Pop“ ist erst einmal eine Eingrenzung nötig, denn Pop scheint ein allzu schwammiger Begriff zu sein. Mittlerweile ist alles irgendwie Pop. Harald Schmidts Fernsehshow wie Westerwelles Auftritt im Big Brother-Container. Wenn Pop mal als Äußerung von Unten gegolten hat, als Selbstermächtigung, Gegenkultur oder Repräsentation der Nichtrepräsentierten, dann ist davon außer an ihren Rändern nicht mehr viel zu spüren. Wenn Popmusik noch für eine Utopie steht, dann ist es oft nur die Utopie der Lottoannahmestelle. Es ist symptomatisch, wie in der Form der Casting-Shows Musik, Talkshow, Lotterie und Gladiatorenkampf, bei dem das Publikum erbarmungslos mit dem Daumen nach oben oder unten zeigt, in einem Format zusammenlaufen. Große Teile der Popmusik, um die wird es hier gehen, scheinen nur noch zwei Rollenmodelle anzubieten – entweder du machst dich zur gefälligen Ware oder zum archaischen Krieger gegen die Moderne.
Die nächste Eingrenzung ist nötig bei der zweiten Hälfte des Veranstaltungstitels – Deutschland. Dass es Popmusik in Deutschland gibt, ist eine Selbstverständlichkeit. Und die ist vielgestaltig und kümmerte sich meist um eines nicht – um Deutschland, um die Nation. Worum es hier geht, sind diejenigen Teile des Pops, die sich die nationale Identität auf die Fahne geschrieben haben – was in Deutschland heißt, das angebliche Fehlen einer solchen Identität, eines angeblich gesunden Nationalstolzes etc. zu beklagen. Von der politischen Rechten ist man das gewohnt. Die hatte allerdings nie etwas mit Pop am Hut. Den Konservativen galt das jahrzehntelang als bekämpfenswerte Verfallserscheinung der bürgerlichen, der westlichen Demokratie. In den letzten Jahren allerdings mussten wir beobachten, dass eine neue Rechte Pop und vor allem auch Popmusik als Feld ihres Kulturkampfes entdeckt hat.
Hier wird es allerdings nicht um mehr oder weniger offen rechte Musik gehen, sondern um Musiker, die sich selber als „definitiv links“ bezeichnen oder von uns immer irgendwo links von der Mitte verortet wurden. Ist dieses Linkssein mehr als eine Frage des Besuchs der richtigen Kneipen, ist es noch mit irgendeiner politischen Praxis verbunden? Und welche Utopie steht dahinter? Wenn denn überhaupt noch eine Utopie auszumachen ist, die über die Affirmation des Ist-Zustandes hinausgeht. Eine Affirmation, die ganz bestimmt keine bewusst doppelbödige Überaffirmation ist, die es ja auch als Pop-Strategie gab, sondern die nur noch eines will: ein kuscheliges Plätzchen im Ist einer scheinbar alternativlos gewordenen Gesellschaft. Am Beispiel der Band Mia zeigt sich, dass dieses unreflektierte sich-irgendwie-links-fühlen durchaus die Gefahr in sich trägt, den falschen Versprechungen aufzusitzen und sie dann auch noch zu propagieren. Da ist Kritik legitim, gerade weil diese Band sich selber bei jeder Gelegenheit als durchaus politisch darstellt und uns mit ihrer Musik die Welt erklären will.
Würde man bei alledem von Unterhaltungsmusik reden statt von Pop, hätte man es einfacher. Da ist der Anspruch, was es sein soll, schon im Namen enthalten. In Deutschland war Unterhaltungsmusik über Jahrzehnte weitgehend deckungsgleich mit dem Schlager. Der unterschied sich in einem wichtigen Punkt von Popmusik. Die kam von außen, aus USA und England und war in der ersten Zeit ein echtes Kellerkind, das im Radio nicht oder fast nicht lief. Auch die Quotendiskussion ist nichts Neues. In Westdeutschland galt die Quote für deutsche Produktionen auch ohne gesetzliche Regelungen de facto bis zum Ende der 60er. In der DDR von Staats wegen noch viel länger. Jetzt ist der Pop im Staat angekommen in Gestalt eines Scorpions-Fans als Kanzler. Und die Rolle des Schlagers haben Bands wie Mia und Wir sind Helden übernommen. Erstere treten in die Fußstapfen von Freddie Quinn, der schon in den 60ern mit nationalen Tönen und einem markigen „Wir“ unangenehm auffiel. „Wir sind Helden“ verkaufen uns mit „Aurelie“ Udo Jürgens‘ „Griechischen Wein“ in neuen Schläuchen. Alles beim Alten – und damit kein Grund zur Aufregung. Aber war da nicht mal irgendwas anders. War da nicht mal was mit Rebellion?
Entstanden ist der Mythos von Pop als Protestkultur in enger Nähe zur Popmusik – und trotz seines Warencharakters war Pop bzw. Popmusik eine zeitlang ein Medium, das die Unzufriedenheit vor allem der Jugend gegen vorgefertigte Lebensbedingungen transportierte. In den 90ern verschwand das Rebellische weitgehend zugunsten einer kritiklosen Freude am Konsum in einer scheinbar alternativlos gewordenen Welt. Politik ist immer eine Machtfrage. Die wurde nicht mehr gestellt und auf eine Frage des richtigen Styles reduziert. Für die Generation Golf ging es um den möglichst coolen Konsum im richtigen Outfit. Aber egal wie man die Entwicklung von Popmusik oder einzelner ihrer Felder beurteilt, vor einem schien man sicher – Nationalismus oder Rassismus haben im Pop keinen Platz. Der war immer kosmopolitisch. Auf der klanglichen Ebene war Popmusik immer ein Bastard, das Kind der Musik vieler Länder. Zu diesem historischen Erbe kamen die neuesten technischen Innovationen hinzu, die nicht mehr deutsch oder englisch waren, sondern Sony oder Apple. Aus all diesen Versatzstücken baute man sich eine eigene Identität, die unabhängig machte von vorgefundenen Konzepten, die uns eine angebliche Natur aufzwangen, die sich auf Nation, Rasse oder Klasse berief. Dass dieses „jeder ist seiner Identität / seines Glückes Schmied“ in einer durchökonomisierten Welt an enge Grenzen der Freiheit stößt, ist klar. Dass der Pop-Hedonismus der 60er für den Kapitalismus auch ein Modernisierungsschub war, bei dem nicht nur die Individuen gewinnen, sondern auch neue Produkte, neue Arbeitsformen entstehen, ist auch wahr.
Es blieb aber ein Internationalismus, der aus der Ähnlichkeit der Lebens- und Arbeitsbedingungen eines Zwanzigjährigen in Kalifornien und eines in Hamburg resultierte. Die kann man nicht mehr als Erbfeinde aufeinander hetzen. Wenn der Verlust von kulturellen Unterschieden beklagt wird, kann man durchaus mal die Frage stellen, ob das nicht ein Preis ist, der die Sache wert ist, war doch das Argument „die sind anders“ jahrhundertelang die Legitimation für Kriege. Vor allem dann, wenn die nicht nur anders waren, sondern auch etwas Anderes hatten – was man selber haben wollte. Das ist natürlich ein Idealbild von Pop, das nie 100-prozentig stimmte. Seit den 90ern diskutieren wir über einen wachsenden rechten Rand. Aber da retteten wir unseren Glauben an Popmusik, in dem wir solche Erscheinungen entweder als „typisch Pop“ interpretierten, als Provokation, ironisches Spiel mit Zeichen – um es dann weniger als politischen denn als geschmacklichen Ausrutscher zu sehen. Oder da, wo die politische Absicht eindeutig war und solche Entschuldigungen nicht funktionierten, haben wir das einfach als nicht wirklich zum Pop gehörend interpretiert, sondern als etwas, was von außen kommt und den „guten“ Pop missbrauchen will.
Eine Band wie Rammstein hat noch eine Debatte ausgelöst – weil sie relativ leicht zu durchschauen ist in ihrem Spiel mit Versatzstücken faschistischer Ästhetik. Im Gegensatz zu denen oder Witts Teutonengedröhn kommen Mia modern und flippig daher. Unter der positiven, mit hip gestylter Weltoffenheit drapierten „wir sind wieder wer“-Position, geht jede Debatte über die politische Realität Deutschlands verloren – von der Asylpolitik, rassistische Überfälle, Verarmung und prekären Arbeitsverhältnisse bis zur Rot-Grünen Verteidigung deutscher Interessen am Hindukusch. Die Musik von Mia funktioniert nach demselben Wohlfühl/Weghör-Prinzip. Die ersten Strophen von „Was es ist“ könnten ein beliebiges Liebeslied zu tausendmal gehörten musikalischen Wendungen sein. So schleicht sich der positive Bezug auf die Nation in das Ohr von Hörern, die bei einem offen nationalistischen Song wahrscheinlich protestiert hätten. Das macht eine Band wie Mia so gefährlich. Deren Publikum wird bei oder nach dem Konzert keine Ausländer jagen, obwohl das auch schon vorgekommen ist. Dafür werden sie den nächsten Bundeswehreinsatz ohne Hinsehen als angebliche Lehre aus der deutschen Vergangenheit beklatschen, genau wie die nächste Drehung der neoliberalen Schraube.
Ein Teil der Aufregung, die eine Band wie Mia entfacht hat, rührt daher, dass das eben nicht mehr der Angriff von außen auf unser fröhliches Pop-Universum ist. Die Musiker der Band kommen aus denselben Szenen, gehen in dieselben Clubs wie wir alle. Nachdem aber all die Jahre die Antwort auf die Frage nach unserer Heimat hieß: Tocotronic oder Frickel-Elektronik, wird plötzlich als allerneuestes in Sachen Identitätskonstruktion etwas ziemlich altes angeboten: die Nation. Dabei handelt es sich nicht um einen einzelnen Ausrutscher in einem Interview oder einen missverständlichen Song. Es ist ein durchgehendes Konzept, hinter dem nicht nur die Band sondern eine ganze Gruppe von Künstlern, Designern, Werbeleuten steht, die uns passend zur Musik auch noch die schwarz-rot-goldene Clubwear verkaufen wollen. Auf den ersten Blick hat das ja was rührend Doofes, die (Re)konstruktion der nationalen Identität von der schwarz-rot-goldenen Unterhose zu erhoffen. Aber wenn die Designerin Eva Gronbach, die uns mit Hilfe Mias ihre Kreationen verkaufen will, eines erreicht mit ihrer „Liebeserklärung an Deutschland“-Kollektion, dann ist es das Ende jedes kritischen Hinterfragens nationaler Politik. Konsequenterweise hieß die nächste Kollektion „Mutter Erde Vater Land“ – womit endgültig jede Debatte ersetzt ist durch etwas scheinbar Naturhaftes, etwas worüber man nicht diskutieren kann.
Mia verfahren in „was es ist“ nach demselben Prinzip. Die Liebe wird im Text über den Verstand gesetzt und die Liebe zur schwarz-rot-goldenen Nation als Sache des Herzens und damit als „Natur“ jeder Diskussion entzogen.
Für Eva Gronbach hat sich die Wiederentdeckung der Nation ausgezahlt. Sie durfte Innenminister Schily ihre Entwürfe für die neue, deutsche Polizeiuniform vorstellen. Auch das hippeste Redesign der Nation endet beim Polizeiknüppel. Ob Mia ihre Chance kriegen und beim nächsten Bombeneinsatz der Bundeswehr zur Truppenbetreuung aufspielen dürfen, hängt davon ab, ob es die Band dann noch gibt. Das Musikgeschäft ist schnelllebig. Aber selbst wenn die Band bald vergessen ist, die Tür, die sie aufgemacht haben, bleibt offen.
Mia wehren sich gegen den Vorwurf, nationalistische Tendenzen zu bedienen, mit der Erklärung „wir sind definitiv links“. Das ist erst mal eine gute Nachricht. Scheinbar gibt es doch noch einen Konsens zwischen der Band und ihren Kritikern, dass der Soundtrack für eine bessere Welt auf der Linken zu Hause ist. Also alles nur ein Missverständnis? Der Stein des Anstoßes ist Mias Liebeserklärung an die Nation: „Fragt man mich jetzt, woher ich komme, tu ich mir nicht mehr selber leid.“ Der Ton macht hier tatsächlich die Musik. Das Wort, das unangenehm auffällt, da wir es sonst aus den Mündern von Walser, Homann und anderen Geschichtsrevisionisten kennen, heißt „Selbstmitleid“. Bei der Beschäftigung mit der Frage, wie dieses von ordentlichen und fleißigen Menschen, Dichtern und Denkern bevölkerte Land einen beispiellosen Vernichtungskrieg beginnen konnte, von Selbstmitleid zu reden, verweist dieses notwendige Nachdenken ins Reich der psychischen Erkrankungen, gegen die man Psychopharmaka verordnen sollte – im Gegensatz zu einem als gesund propagierten Nationalbewusstsein. Wenn Mia dabei erklären, sie wollten etwas für eine „neue Identität“ tun, ist das Quatsch. Ihr Erfolg beruht darauf, die vorhandene Identität zu bestätigen. Diese Bestätigung äußert sich auch musikalisch. Und das nicht erst durch Mias gänzlich unironischen Versuch, mit Blasmusik die Brücke zwischen Musikantenstadl und Techno zu schließen. Es ist vielleicht kein Zufall, dass sie einen Aufguss der Neuen Deutschen Welle präsentieren. Dort wurden schon in den 80ern Stimmen laut, die diese von allen schwarzen Rock’n’Roll-Wurzeln weitgehend befreite Musik als bewusste deutsche Identititätsfindung sahen.
Wenn Mieze, die Sängerin der Band, in einem Spiegelinterview, um zu zeigen wie radikal links sie ist, von einer Gesellschaft ohne Geld träumt, klingt das ja erst mal ganz sympathisch. Sängerin Mieze: „Ich schneide dir die Haare, dafür legst du mir die Fernsehkabel. Arbeit muss doch nicht mit Austausch von Geld verbunden sein.“ Aber ob ich für meine Arbeit Geld oder Naturalien bekomme, ändert nichts daran, dass ich meine Arbeitskraft verkaufen muss. Da wird das Geld als symbolischer Ausdruck der ökonomischen Verhältnisse zum Schuldigen gemacht, ohne Ausbeutung und Unterdrückung in Frage zu stellen. Die aber sind älter als das Geld. Dahinter steckt nicht nur der Traum von einer vorindustriellen Gesellschaft, einer angeblich besseren Vergangenheit, in der jeder auf der Scholle wirtschaftet, auf die ihn die „Natur“ gestellt hat.
Allzu ernst ist Mias Antikapitalismus ohnehin nicht gemeint. Zumindest nicht so ernst, dass er die Sängerin davon abhalten würde, auf dem Cover des Shoppingguides des Tip zu posieren.
Das Berliner Lifestyle-Blatt betreibt auch sonst die Ehrenrettung Mias mit viel Aufwand. Da wird in einer langen Homestory die Normalität der Band vorgeführt mit der beinahe rührenden Botschaft: wir sind wie ihr – also können wir nicht böse sein. Für diese Botschaft opfert man schon mal das, was sonst eines der wichtigsten Marketing-Argumente einer Band ist – das behauptete Neue und die ebenfalls behauptete Nonkonformität. Doch kaum macht Mieze den Mund auf, ist sie wieder bei ihrem Lieblingsthema und überrascht uns mit der Behauptung, es wäre „verboten das böse D-Wort zu benutzen“. Wo denn? Und mit welch schrecklichen Sanktionen muss denn der rechnen, der dieses angeblich böse Wort gebraucht? Egal ob Werbetexter, Zeitungsschreiber, Fernsehmoderator oder Politiker – wenn man ihr Glauben schenken darf, stehen ganze Berufsgruppen mit einem Bein im Gefängnis.
Interessant ist, was Karl Hermann, der Chefredakteur des Tip, im Editorial schreibt. Damit meine ich nicht seine Definition von Patriotismus als Stolz auf ein Gemeinwesen. Vor der Frage, worauf man denn stolz sein könne oder gar müsste, käme erst mal die Frage: braucht man das überhaupt? Mir hat noch niemand erklären können, wozu. Karl Hermann wertet das gleich selber ab als ohnehin nur „modische Chiffren“, die „keinen politischen, sondern popkommerziellen Gesetzen gehorchen“. Aha – demnach geht es also nur ums Geld. Allerdings um richtiges, nicht etwa bloß Popgeld, weswegen Hermann auch richtig sauer ist auf die, wie er schreibt, „geifernden“ Kritiker. Dass er sich offensichtlich persönlich betroffen fühlt, hat vielleicht etwas damit zu tun, dass im Musikteil seiner Zeitung die Trennung zwischen Produktwerbung und Journalismus manchmal etwas unscharf ist. Mal abgesehen davon, dass seine Verteidigung einen Boomerang enthält – „modische Chiffren“ soll ja wohl heißen, dass das Geschrappel der Band und ihre Sprüche ohnehin nicht ernst zu nehmen sind. Das klingt etwas seltsam, wo uns doch gerade der Tip normalerweise von jedem Produkt, das bei Sony & Co vom Fließband fällt, nicht müde wird zu erklären, wie bedeutend dieses Werk wäre und wie unvollkommen unser Leben, wenn wir das nicht sofort kaufen. Der Tip ist da ganz popkommerziell „powered by Sony“. So steht es jedenfalls auf dem Titelblatt der Mai-Ausgabe. Ob damit auch Karl Herrmanns Verteidigung Mias gemeint ist, entzieht sich meiner Kenntnis.
Pop, Kommerz und nationale Befindlichkeiten schließen einander nicht aus, wie man an der Diskussion um eine Quote für deutsche Musikproduktionen sieht. Da wird mit einer Mischung aus rein ökonomischer Standortsicherung und nationaler Identität argumentiert. Und nationale Identität kann scheinbar in Deutschland immer nur in Tateinheit mit Bedrohung gedacht werden. Und wider alle historischen Fakten fühlen sich dabei immer die Deutschen als die Bedrohten. Für diese Quote tritt auch Bundestagspräsident Thierse ein und setzte bei einer Podiumsdiskussion des „Festivals Musik und Politik“ ganz selbstverständlich amerikanische Musik mit Einheitsbrei gleich. Deutsch dagegen ist Vielfalt. Vor allem ist deutsche Musik etwas, was der Eigenart der deutschen Seele entspricht, die scheinbar doch anders ist als andere – und besser. Dabei ist der völkische Subtext von Thierses Kulturverständnis wahrscheinlich nicht zu trennen von seiner vordemokratisch, väterlichen Bevormundung des Hörers. Die Besucher der Veranstaltung, von denen etliche schon zu DDR-Zeiten als Kulturfunktionäre gegen die Amerikanisierung gekämpft hatten, hörten es gern.
Das Neue an Mia ist, dass sie es statt mit diesem altbekannten Lamento mit etwas versuchen, was sie für eine positive Besetzung des Begriffes Deutschland halten. Dabei dürfen sie sich über zweierlei nicht wundern – die Kritik von links, obwohl sie doch meinen dazu zu gehören. Und das Lob von rechts. Da freut sich die NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“: „Jahrzehntelang war die Hegemonie in der Jugendkultur ein unantastbarer linker Erbhof, … Diese kulturelle Vorherrschaft ist nun zumindest spürbar angekratzt.“ Dann wird dort der Bogen von Mia zu Josef Maria Klumb geschlagen, mit dessen Band Weissglut Sony schon einmal ins nationale Klo griff und dessen „Spannbreite von Punk, Faschismus, Dandytum, Katholizismus und Freigeistigkeit“ als Vorbild präsentiert werden. Die „Deutsche Stimme“ findet den Ansatz von Mia o.k. – sie müssen aber noch viel lernen. Von Leuten wie Klumb. Mia wünschen sie dann noch, dass ihre Karriere nicht den Angriffen der „Blockwarte der political correctness“, der „Sturmabteilung des Gutmenschentums“ zum Opfer fallen würde, die den armen Klumb um seinen sicher geglaubten Erfolg gebracht haben. Der musste angeblich seine Brötchen nach dem Rausschmiss bei Sony als Friedhofsgärtner verdienen – was für jemanden, der aus der Gothic-Szene kommt, allerdings eher wie ein Traumjob klingt. Sind nun Mia damit dort angekommen, wo sie hingehören? Die Verbindung Mia/Klumb, die von der „Deutschen Stimme“ konstruiert wird, ist Wunschdenken des NPD-Blattes. Allerdings eines, für das die Band den Anlass geliefert hat.
Das ZDF sattelte auf die boomenden Casting-Shows drauf mit „Die Deutsche Stimme“. „Deutsche Stimme“ heißt auch die Zeitschrift der NPD. Ein dummer Zufall. Aufgeregt hat sich deshalb niemand, da man vom ZDF ohnehin nicht viel erwartet. Das ist der Unterschied. Von einer Band wie Mia, die vor einem Jahr noch auf einer 1. Mai-Demo gespielt haben, erwartet man mehr. Aber statt die Enttäuschung ausschließlich der Band anzulasten, müssen auch die Erwartungen auf den Prüfstand. Dass eine Band, die eigentlich nichts anderes sagt als der Meinungs-Mainstream, so in die Kritik gerät, hat mit unseren Erwartungen an Popmusik zu tun. Da liegt die Deutsche Stimme (die NPD-Zeitung) mit ihrer Analyse, die Linke würde so erbost reagieren, weil der angebliche Erbhof der kulturellen Hegemonie in Gefahr wäre, teilweise richtig. Sie übertreibt allerdings. Eine linke Hegemonie hat es nie gegeben. Allerdings eine breitere Akzeptanz linker Vorstellungen gab es tatsächlich mal – zumindest bei Jugendlichen und damit der typischen Klientel von Popmusik. Aber wenn die Linke verloren gegangenen kulturellen Einfluss wieder zurück gewinnen möchte, reicht kollektives Mia-Bashing nicht aus.
Nachdem klar ist, dass Mia alles mögliche sind, aber eines sicher nicht – definitiv links – stellt sich die Frage, was das denn nun eigentlich ist, linke Musik? Funktioniert das so: ich finde die Band xyz toll, habe mir gerade eine Gitarre gekauft und außerdem halte ich mich für politisch eher links. Also ist das Ergebnis linke Musik. Nicht unbedingt. Bei Licht besehen handelt es sich um einen Linken, der Musik macht. Meist tut er es vor Gleichgesinnten, bekehrt also die, die schon bekehrt sind. Es geht aber auch anders herum. Viele Musiken haben eine große subversive Kraft entfaltet, ohne dass deren Macher jemals so etwas im Sinn hatten. Elvis Presley oder Bill Haley hegten eines ganz bestimmt nicht – Umsturzpläne. Das unterstellten ihnen ihre Gegner. Für die 60er gilt das Gleiche. Interviews mit den musikalischen Protagonisten sind meist eine ziemliche Enttäuschung. Und zwar nicht erst die Interviews, die sie heute in irgendwelchen Golden-Oldie-Shows geben. Trotzdem hatte die Musik ihre Zeit als Vehikel einer Rebellion gegen das Bestehende und den Zwang, sich da einzupassen.
Heute maulen ehemalige Mitglieder von Ton Steine Scherben, dass es ein Fehler war, sich politisch zu äußern – und dann auch noch links, was für sie mittlerweile ein Schimpfwort zu sein scheint. Neidvoll schauen sie auf Udo Lindenberg, der über den flotten Sprüchen niemals das Geschäftliche vergessen hat. Aber egal. Wo die Ex-Scherben jetzt ihre politische Heimat suchen, „Keine Macht für niemand“ bleibt, was es ist – ein klares Statement gegen die Herrschaft des Menschen über den Menschen. Bei anderen Songs der Scherben scheint das nicht immer so eindeutig zu sein. „Allein machen sie dich ein“ wird gerne auf NPD-Versammlungen gespielt. Joachim Witt und Nena covern heute die Lieder der Band. Was einmal eine dezidiert linke Musik war, scheint heute für viele nur unpolitisch oder nur noch diffus „dagegen“. Da wundert es dann nicht, dass es mittlerweile eine Schnittmenge gibt zwischen den Fans der Böhsen Onkelz und der Scherben. Diese Entwicklung ist der Grund, warum ich noch einmal neu begonnen habe, darüber nachzudenken, was denn nun linke Musik ist, wo ich doch dachte, ich hätte die Antwort schon gefunden.
Was die Scherben von z.B. Elvis Presley unterschied, war die feste Absicht, sich mit der Musik politisch zu artikulieren und zu wirken. Den Scherben wird oft das Lob erteilt, die angeblich erste Band gewesen zu sein, die Rockmusik mit deutschen Texten machte. Das stimmt nicht. Solche Bands hatte es immer gegeben, seit den frühen Tagen des Rock’n’Roll. Diese Behauptung stimmt noch weniger, wenn man die DDR mit in die Betrachtung einbezieht. Unangenehm fällt mir dabei auf, dass viele, die das behaupten, zwar darüber reden, in welcher Sprache gesungen wurde – das was scheint sie aber wenig zu interessieren. Dabei ist es das eigentliche Verdienst der Scherben, früh die Musik als Mittel der politischen Artikulation erkannt zu haben. Dass ihnen das so gut gelang, lag daran, dass die Musik mit einer entsprechenden politischen und Lebenspraxis verbunden war. Sie sangen nicht in wohlgesetzten Versen über einen Kampf, den sie nur aus der Zeitung kannten. Die Wut war die eigene. Rockmusik war das geeignete Medium, diese Wut auszudrücken, weil sie von außen kam und sich damit dem Leben, dem man entfliehen wollte, etwas entgegensetzte, was völlig anders klang. Diese Musik war im doppelten Sinne unerhört. Einmal weil sie noch ungehört, also neu war und ihre Bedeutung ein Terrain war, das man sich aneignen konnte. Und unerhört im Sinne von Skandal – zumindest für das Mainstream-Deutschland, das dafür Begriffe wie „Neger-“ oder „Besatzermusik“ fand.
Neu und außerhalb der deutschen Schlager- und Volksliedgemütlichkeit war am Klang der Bands nicht nur die Bezugnahme auf schwarze synkopierte Rhythmen und die Melodik des Blues mit ihrer verminderten Quinte und der Unentschiedenheit zwischen Dur und Moll, die in Europa lange als Teufelswerk galten und von der Kirche verfolgt wurde. Auch technologische Innovationen spielten eine Rolle. Die elektrische Gitarre war frei von Traditionen und versetzte eine vierköpfige Band in die Lage, einen großen Raum zu füllen ohne vielköpfiges Orchester mit seinen ökonomischen und hierarchischen Implikationen. Der Saal wurde nicht nur gefüllt. Es war höllisch laut – für damalige Verhältnisse. Eine wichtige Rolle spielte dabei ein gerade erst erfundenes Instrument. Der elektrische Bass. Auf der Mitte der 60er beliebtesten Bassanlage stand als Typenbezeichnung: Foundation Bass. Eigentlich hätte da auch stehen können; shake the foundations. Das tat das Ding auch im übertragenen Sinne. Das Fundament der bürgerlichen Anständigkeit geriet mächtig ins Wanken durch die direkt auf den Körper zielenden Vibrationen dieser Musik.
Am Beispiel Rock’n’Roll zeigt sich, dass es tatsächlich die Musik, der Sound und der Vortrag sind, die da Wirkung entfalten. Die Texte waren, bis sie mit Leuten wie Bob Dylan ins Zentrum rückten, ziemlich banal. Irgendwas muss also an der Musik dran sein, dass sie die Inhaber der Macht auf den Plan ruft – und dass diese Inhaber der Macht sich in ihrer Rolle bedroht fühlen. Dabei scheint die Wahl der Musik, die zum Vehikel für eine Opposition wird, nicht beliebig zu sein. In den 60ern war es mit Rock und Blues eine Musik, die von außen kam, während linke Agitatoren sich politische Musik damals nur in Anknüpfung an Volksmusik vorstellen konnten. Diese Musik kam nicht nur von außen, ihre Liebhaber konnten sich damit selber ein Außen schaffen. Nicht als träumerischen Eskapismus, wie ihn der Schlager immer bot, sondern als ganz praktische Konstruktion eigener Lebensverhältnisse. Es scheint, als hätten die Beatfans Adornos Satz von der Unmöglichkeit von Gedichten nach Auschwitz auf eine ganz unakademische Weise in die Praxis umgesetzt – mit einer Musik, die dieser ganz sicher nicht mochte. Ohne große theoretische Debatte wollte man weg vom Schlager, der gar zu sehr nach dem alten Deutschland klang. Rockmusik bot sich dabei nicht nur der fremden Sprache wegen als Bruch an – die Musik spielte eine mindestens gleichwichtige Rolle. Klaus Theweleit hat in dem Zusammenhang mal vom „Finden der eigenen Sprache“ geschrieben. Das war es nicht nur auf der Ebene der gesprochenen Sprache. Das war es auch auf dem Gebiet des Körpers, den man sich im Tanz oder den langen Haaren zurück eroberte.
Wenn man mal aufhört, 68 als Studentenbewegung zu betrachten, kommt man an Popmusik nicht vorbei. Dass zu den Demonstrationen, an denen anfangs ein paar hundert Studenten teilnahmen, viele tausend kamen, lag am Zustrom von Schülern, Lehrlingen und jungen Arbeitern. Was die auf die Straße und in die Opposition trieb, war nicht der antiimperialistische Kampf oder Vietnam, das waren die eigenen, täglich erfahrenen Lebensbedingungen. Bedroht waren die dabei nicht durch die US-Militärmaschine, sondern durch die eigenen Lehrer, Eltern, oder die Bauarbeiter, die Jagd auf Langhaarige machten. Wer in den Erinnerungen von ehemaligen Mitgliedern der Bewegung 2. Juni nachliest, wird finden, welche Bedeutung die Musik bei der Bildung dieser Szene bildete, die sich vornehmlich nicht aus Studenten, sondern Arbeitern rekrutierte. Zwischenstationen auf dem Weg dahin waren die „Umherschweifenden Haschrebellen“ und der „Blues“. Da ist die Musik schon im Namen enthalten. Zu den ersten Militanzerfahrungen der späteren Protagonisten dieser Gruppe, z.B. Bommie Baumann und Ralf Reinders, gehörte das Konzert der Rolling Stones in der Waldbühne 1966. Wenn es so etwas wie einen Soundtrack zu 68 gegeben hat, dann die Musik der Stones. Von heute aus gesehen, mit dem Bild der Band als zerknitterter Jetset-Millionäre vor Augen, kann man das kaum noch glauben. Und was ist am Text von „Sympathy for the Devil“ links?
Die 60er sind vorbei. So einfach, wie es Musik damals hatte, einen Standpunkt zu beziehen – nämlich auch durch die Ungeschicklichkeit ihrer Gegner – ist es nicht mehr. Die Repressionsmechanismen sind viel abstrakter geworden als zu Zeiten, als alte Nazis das Sagen hatten. Und es ist ja gut, dass das vorbei ist. Aber das macht es für Musik, die den Anspruch hat, subversiv zu sein, wesentlich schwieriger. Rockmusik ist nicht bloß kommerzialisiert, sie ist mittlerweile Volksmusik auch in den unangenehmen Bedeutungen, die dieses Wort bereit hält. Pop ist heute Teil dessen, was Friedrich Merz Leitkultur genannt hat. Deren zentraler Konsens ist es, das Leben ausschließlich unter seiner ökonomischen Verwertbarkeit zu sehen. Und wenn man kein aktuelles Produkt hat, dann verkauft man seinen verblichenen Starruhm wie Johnny Rotten im englischen Pendant zu „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“. Wenn man von linker Musik redet, setzt das zuallererst einmal voraus, dass eine Trennung sichtbar ist zwischen dem Musiker als Individuum und seiner Musik als künstlerische Äußerung um ihrer selbst willen – und auf der anderen Seite der zur Ware gewordenen Musik und ihrem Tauschwert. Besteht diese Trennung noch oder fallen Musiker und die zu verkaufende Ware nicht längst in eins? Sei es, weil der Musiker, von Kopf bis Fuß wie eine Litfasssäule mit Logos beklebt mit der Musik gleich eine Modekollektion anbietet (bei Mia in den Nationalfarben) oder weil er seinen Körper als zu gestaltendes und vermarktendes Produkt sieht, bei dem die Entscheidung „Nasenring oder nicht“ aufgrund derselben Logik gefällt wird, mit der das Designteam bei Opel die Frage klärt, ob das neue Automodell eckige oder runde Schlussleuchten bekommt. Eine subversive Musik müsste diesen Konsens brechen und nicht wie „Wir sind Helden“ im Marketingseminar lernen, wie man sich selber effektiv zur Ware macht – genausowenig, wie man die Sängerin von Mia auf dem Cover des Tip-Shopping-Guides von dem Kleid und damit der Ware unterscheiden kann.
Und wenn Musik als subversives Medium – warum dann gerade die soundsovielte Variante von Pop – eine geölte Maschine, die als einzige soziale Interaktionsform das Kaufen kennt? Fängt da das Problem nicht schon mit der Präsentationsform an, der Guckkastenbühne, der Front zum Publikum, wir hier oben – ihr da unten. Dazu werden dann all die vorhersehbaren Posen präsentiert – vom dem obligaten Griff des Sängers an sein Gemächt, über die Bauchweh-Grimassen beim Gitarristen. Die Reaktionen des Publikums sind genauso ritualisiert. Alles Wiederholung des Altbekannten, das mit seiner so signalisierten Vertrautheit zusammen mit der falschen Geborgenheit auch ein falsches Gefühl von Stärke erzeugt. Das Problem sahen schon die Scherben. Rio Reiser erzählte in einem Interview, warum sie irgendwann Songs wie „Macht kaputt was euch kaputt macht“ aus dem Repertoire strichen. Es war keine inhaltliche Distanzierung. Was ihm Unbehagen bereitete, war die Erfahrung, dass man in der emotional aufgeheizten Atmosphäre eines Konzertes das Publikum leicht mit ein paar Sätzen in Kamikaze-Aktionen stürzen kann. Das waren ganz konkrete Erfahrungen. Schließlich wurden die Scherben in den 70ern gerne engagiert, um für geplante Aktionen unter dem Deckmantel eines Konzertes eine größere Zahl Leute zusammen zu bekommen. Das lud der Band nicht nur eine Verantwortung auf, die irgendwann zu groß wurde. Das in den Konzerten beschworene Wir geriet auch in Konflikt mit den Vorstellungen von persönlicher Freiheit.
Aber wenn man anfängt über eine Musik nachzudenken, die für den Zuschauer eine nachvollziehbare soziale und musikalische Interaktion bietet, in der die Dinge noch ausgehandelt werden, landet man bei Free-Jazz oder in elitären Elfenbeintürmen. Vor ein paar Wochen habe ich im Radio die Vorstellung einer gerade erschienenen CD gehört. Streicher-Duos, Trios und Quartette. Alles Zwölfton-Musik, die Musik-Avantgarde der 20er. Ist das linke Musik? Die Gegner haben es so gesehen. Die drei auf der Platte versammelten Komponisten wurden alle im KZ umgebracht. Für die Nazis war das links, zersetzend, ein Teil ihrer phantasierten Bedrohung des gesunden Volkskörpers und seiner als „arteigen“ geglaubten Kultur. Diese Ansichten waren durchaus Mehrheitsmeinung – und zwar auch noch nach 1945 und in beiden Deutschlands. Trotzdem denkt niemand an solche Klänge, wenn von subversiver Musik geredet wird. Dabei kann diese Musik auch noch darauf verweisen, sich bis jetzt der Kommerzialisierung weitgehend entzogen zu haben.
Alles schön und gut, bekomme ich dann als Einwand zu hören, aber solche Musik nervt. Was passiert eigentlich beim Hören und warum nervt diese Musik? Die Kapazität des menschlichen Gehirns, Daten zu speichern, ist enorm. Was wesentlich begrenzter ist, ist unsere Fähigkeit, eine eingehende Datenmenge zu verarbeiten. Das Gehirn behilft sich mit einem Trick. Es tastet die eingehende Informationsflut auf vertraute Muster ab. Die Hintergrundgeräusche etwa, die uns in der Stadt permanent begleiten, werden nicht einzeln verarbeitet, da wäre unsere Aufnahmekapazität schnell an ihren Grenzen. Sowie das Gehirn diese Geräusche als etwas Bekanntes identifiziert hat, wird das als ein Block weiterverarbeitet, auf dem Straßenlärm steht und bei dem sich nicht weiter um die einzelnen Teiltöne gekümmert wird, solange nicht ein Geräusch deutlich von der Norm abweicht und zum Nachdenken zwingt. Beim Hören von Musik funktioniert es ganz ähnlich. Sind Rhythmen, Melodik, der Sound vertraut, wird nicht mehr auf Details geachtet.
Oder nur noch auf solche, die aus dem Rahmen fallen. Wenn also eine Band ihre textliche Aussage mit einer beim Hörer bekannten und beliebten Musik verbindet, läuft sie Gefahr, dass ihre gut gemeinte Botschaft einfach unbemerkt durchrutscht. Jedenfalls dann, wenn der gesangliche Vortrag ebenfalls im Rahmen des Wohlklangs und normierter musikalischer Formen bleibt. Aber selbst wenn der Text einiges an Raffinesse und Doppelbödigkeit hat, ist nicht garantiert, dass die Botschaft ankommt. „Der Turm stürzt ein“ von den Scherben kontrastiert den metaphernreich beschriebenen Untergang des Abendlandes mit einer Schunkelmusik, deren Heimat die Kirmes und nicht der Rock and Roll ist – und weint damit diesem Abendland musikalisch keine Träne nach. Diese Ironie scheint aber nicht bei allen Hörern angekommen zu sein. So wie sich Punks auf „Keine Macht für niemand“ beziehen, ist das „Schwarze Album“, von dem „Der Turm stürzt ein“ stammt, die Lieblingsplatte einer neuen Fan-Gemeinde, die dieses Album als die von ihnen begrüßte Abkehr von der (linken) Politik feiern und von denen ein Teil rechtsesoterischen Weltbildern anhängt, die mit dem ursprünglichen emanzipatorischen Zielen der frühen Scherben wenig zu tun haben. Wenn das vertraut volkstümliche der Musik den Text ironisch brechen sollte, dann ist das bei dieser Klientel misslungen.
Der andere Weg ist ebenfalls nicht einfach. Macht man die Musik so ungewöhnlich und die Texte doppelbödig, dass sie Aufmerksamkeit fordern, ist die Reaktion des Hörers nicht unbedingt Begeisterung. Die Goldenen Zitronen arbeiten sich schon lang an diesem Problem ab. Der Gefahr, nebenher und gedankenlos konsumierbar zu sein, versuchen sie durch Sperrigkeit in Text und Musik zu entgehen. Das funktioniert am besten live. Die Platten mögen sich weniger Leute auflegen. Da kommt als Kommentar, dass das nerven würde. Klar, als Dauerberieselung, zu der Musik ja auch gerne benutzt wird, taugt das nicht. Über die Omnipräsenz von Musik, ob zwangsweise im Kaufhaus und im Fahrstuhl oder als selbstgewählter Kokon, in den man sich mit Hilfe des Walkmans einspinnt, könnte man auch mal nachdenken. Ein großer Einluller dabei ist der Rhythmus – oder das, was in seiner gnadenlos computerbegradigten Form davon noch übrig ist. In einer Welt, wo alles dem Diktat der Uhr unterworfen zu sein scheint, wo die Musik sich dem gerne unterwirft in Gestalt der Herrschaft der Beats per Minute, ist diese kein Gegenentwurf mehr. Da wäre es ja vielleicht wichtig, wenigstens in der Musik die Freiheit zurück zu gewinnen, die Zeit beschleunigen, dehnen oder gar mal anhalten zu können. Oder mal ganz abschalten.
Die permanente Präsenz von Musik ist sicherlich ein Grund für ihren sich in rapide sinkenden Verkaufszahlen ausdrückenden Bedeutungsverlust. Es ist eine Präsenz, die sich gekoppelt hat an die Allgegenwart der Ware. Kein Genre der Popmusik scheint mehr zu existieren, das nicht in Werbespots untrennbar verschmolzen ist mit Autos, Intimspray und Bausparvertrag. Die Bilderwelten der Werbung und der Musik sind mittlerweile genauso untrennbar miteinander verschmolzen. Wenn die Verwertbarkeit in der Werbung das Kriterium ist, das subversive Musik von kommerzieller unterscheidet, bleibt von Popmusik nicht viel übrig. Wobei es eigentlich heißen müsste, die Omnipräsenz der gehörten, nicht der gemachten Musik. Gerade aber in Zeiten, wo Musik ihre größte politische Wirkung entfaltete, war sie eine do-it-yourself-Bewegung, in der Mitmachen vor Perfektion rangierte. Dabei ging das Mitmachen weit über die Musik hinaus. Meine Phantasie reicht dabei aus, mir eine Musik vorzustellen, welche die fragwürdigen Formen der Rockmusik hinter sich lässt, ohne deshalb elitär und nur für wenige hör- und vor allem machbar zu sein. Das Open Mic des Poetry Slam könnte dann für beides gelten, das Wort und die Musik. Dann könnten wir miteinander reden und miteinander musizieren.
Popmusik konnte mal subversiv wirken, weil sie wenigstens partiell ein Außen zur gesellschaftlichen Normalität darstellte. Jetzt ist sie drinnen und beides, die Gesellschaft und die Popmusik als eine ihrer florierenden Industriezweige und zugleich Ideologieproduzenten, kann man nur kritisieren, wenn man versucht, sie so weit wie möglich von außen zu betrachten, Das hieße unter anderem aufzuhören, auf die nächsten drei oder vier Gitarrenträger zu hoffen, die mit ihrer Musik die Welt retten wollen. Nicht solange die nur im Kleinen die Mechanismen der Popindustrie nachbilden. Erfolg besteht für die darin, die Szene, deren Diskursen man seine Ideen verdankt, ganz schnell zu verlassen – nach oben. Ist man da angekommen, wird man meistens auch nicht glücklich. Der Drogenkonsum von Musikern hat ja nichts Dionysisches. Es ist entweder Dauersedierung oder Leistungssteigerung, um die Doppelrolle des betrogenen Betrügers zu ertragen, der hoffen muss, dass ihn das System Pop erst dann wieder ausspeit, wenn genug Geld für die Rente eingespielt ist.
Ein Verdienst haben Mia: indem sie ihren geschäftlichen Erfolg mit dem Erfolg der Nation verbinden, lassen sie eine neue Ehrlichkeit in die Popmusik einziehen. Endlich mal einer, der sagt, dass das zwei Seiten derselben Medaille geworden ist...

Wolfgang Seidel


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last modified: 28.3.2007