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Der Stau

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Angesichts eines nahezu leeren Stadtsäckels für sogenannte freie Kultur entdeckt sich die Basiskultur-Szene der Stadt Leipzig neu. Das Wir-Gefühl macht die Runde und so auch nicht vor dem Conne Island halt

Wer hätte wohl gedacht, daß die vereinzelten Königskinder der Leipziger Kulturszene – von Schaubühne Lindenfels über naTo bis Conne Island – unter dem Druck des immer spärlicher vorhandenen schnöden Mammons zueinander finden würden? Nun, wahrscheinlich nicht mal alle Kulturprotagonisten selbst, die dies taten. Umso mehr muß verblüffen, was da die letzten Wochen in Leipzig passierte.
Eine illustres Who-is-who firmiert mittlerweile unter dem Sammeltitel „Initiative Leipzig plus Kultur“ (siehe dokumentiertes Flugblatt „Leipzigs freie Kultur wird demontiert“ im Anschluß) und bringt die Stadtpolitik so nach und nach auf Trab – das heißt zu der Erkenntnis, daß die jetzige Kulturförderpolitik so stinkt wie der Fisch vom Kopfe her: gerade mal drei Prozent des gesamten jährlichen Kulturetats der Stadt Leipzig gehen auf das Konto der riesigen freien Szene. Deren definierter Umfang reicht dabei von diversen Off Theater-Gruppen und kleineren Kunst- und Kulturinitiativen bis zu größeren Kulturläden wie Werk II oder Conne Island.
Die für das Jahr 2002 von der Stadt geplante Kürzung dieser drei Prozent um ganze 500 000,- DM brachte die Szene so zum Brodeln, daß das Faß endgültig überlief. In der freien Kulturszene ist man sich mittlerweile völlig im Klaren darüber, daß es nicht etwa nur um die Verhinderung der geplanten Kürzung gehen könne, sondern daß die Rücknahme der vorgesehenen Einsparungen nur die Ausgangs- und Vorbedingung für eine grundsätzliche Neuverhandlung über die Kulturpolitik der Stadt sein kann. Strukturdebatte ist deshalb das geflügelte Wort, das allenthalben die Runde macht. Gefordert wird eine gemeinsame Debatte, die sich nicht auf die Hackordnung des monetaristischen Fressen- und Gefressenwerdens einlassen will, sondern stattdessen einen kulturpolitischen Handlungsrahmen erbringen soll. In der Abfolge eines notwendigen Paradigmenwechsels hin zu strukturellen Synergieeffekten kann das Ziel nur in einer qualitativen wie quantitativen Neuverankerung des Bereiches freie Kultur innerhalb der Stadtpolitik bestehen.
In der Stadtpolitik selbst sind zum jetzigen Zeitpunkt alle Karten ausgereizt. Der zuständige Kulturdezernent Giradet steht der entstandenden Situation selbst völlig ratlos gegenüber, obwohl gerade er an der entstandenen Situation nicht ganz unschuldig ist. War nicht zuletzt er es doch, der der Pflege des Stadtimages und deren Repräsentanz nach außen durch die jahrelange Überbetonung der Bedeutung von Leipziger Schauspielhaus, Oper und Gewandhaus die Prioritätensetzung zuungunsten der freien Kulturszene verfestigte.
Über die Jahre, so läßt sich konstatieren, hat sich etwas aufgestaut, das neu sondiert werden muß. Das offensichtliche Mißverhältnis von 1 zu 30 in den Förderproportionen spricht da nur bände.
Die inzwischen auch Struktur gewordene Initiative plant insbesondere für Januar eine Aktion „weißer Januar“, in der die fortwährende Misere des ständigen Improvisierens, Selbtausbeutens und Kaschierens fehlender Mittel durch den Wegfall aller Angebote verdeutlicht werden wird. Stattdessen soll alle Kraft auf öffentlichen Protest, Veranstaltungen, Aktionen, Gespräche und Diskussionen verwendet werden. Daran wird sich selbtsredend auch das Conne Island beteiligen.

Der gesellschafliche Kontext

Ein grober Fehler wäre es, die offenkundige Misere von der gesellschaftlichen Wirklichkeit abzukoppeln. Und diese Wirklichkeit ist davon geprägt, daß die Verschuldung auf allen Ebenen – ob nun Bund, Länder, Kommunen oder Gemeinden – kein Ausdruck eines falsch umgesetzten oder fehlerhaften Subsidiaritätsprinzips ist, sondern vielmehr einer generellen Wirtschafts-Krise, die sich nicht nur auf die EU oder Deutschland beschränkt, sondern dort noch am sanftesten daherkommt. Die generelle Verschuldung der noch oder ehemaligen Wohlfahrtsstaaten ist mittlerweile so immens, daß man allenthalben froh ist, wenn man überhaupt noch ein paar Zinsen der aufgenommenen Kredite ausgleichen kann. Spätestens seit den 90ern sind die westlichen Metropolen wie die gesamten Gemeinwesen nicht etwa von Krisenbewältigung gekennzeichnet, sondern nur noch von politischer Krisenverwaltung. Proportional dazu stieg der Regionalismus als besondere Ausprägung von Patriotismus, der zunehmend den obsolet werdenden traditionellen Nationalismus ablößt. Der Grund dafür liegt nicht zuletzt in dem von der kapitalistischen Ökonomie ausgehenden Zwang von sogenannten Standortbedingungen, die Marx und Engels einst Akkumulationsbedingungen für das Kapital nannten. Die teilweise Entmachtung der staatlichen Zuständigkeit internationalisiert die Konkurrenz auf einer anderen Ebene, auf der Ebene der Regionen. In einem viel stärkerem Maße ist deshalb die jeweilige Region inklusive ihrer dazugehörigen Kommunen und Gemeinden heutzutage gegenüber dem Staat der ideelle Gesamtkapitalist.
Daß die öffentliche Hand, also auch eine Kommune wie Leipzig, deshalb mit immer weniger öffentlichen Mitteln auskommen muß, ist so gesehen nicht etwa eine Schlappe der Politik, sondern ein objektiver Zwang weltweiter kapitalistischer Krise. In diesem Kontext sind auch die Rufe nach Innerer Sicherheit und starken politischen Händen zu betrachten, die dazu führen, daß die Etats in den Bereichen Militär und innerer Sicherheit aufgestockt werden, wo man hingegen im gleichen Atemzug in allen anderen Bereichen die Mittel kürzt. Auch die Proteste gegen die sogenannte Globalisierung stehen unter genau diesem Eindruck einer schwächelnden öffentlichen sozialen Hand.
Daß heute stärker denn je seit 1945 die „invisible hand“ (Adam Smith) des Marktes alles regeln soll, ist auch ein Problem für die gesellschaftliche Legitimierung von öffentlicher Kulturförderung. Das soziale Moment von Kultur wird zum Nebeneffekt von Kulturindustrie. Und markt-schreierische Massenkultur wird wiederum leichtfertig zu generellem Müll im Vergleich zu derjenigen, die von öffentlicher Hand gefördert wird, erklärt. Das Feindbild Amerika als Verkörperung von Massenkultur und Kulturindustrie gegen ein Europa der Hoch- und geistvollen Kultur lugt unter einem solchen Schema deutlich hervor. Wenn es also um die Einforderung einer öffentlichen Kulturförderung geht, so kann es nicht um einen Kategorienstreit von besserer oder schlechterer Kultur gehen, sondern in allererster Linie um die Betonung der sozialen Rolle und Funktion von Kultur. Ausdrückliche Sozialität, wie sie hier verstanden werden soll, ist nur als eine parteiische zu denken, die bewußt gegen repressive Lösungen in Stellung gebracht werden muß.

Wie frei ist die freie Szene?

Wie frei eine sich selbst als frei deklarierende Szene im Kapitalismus wirklich ist, soll vorsichtshalber der Mißintepretation wegen Erwähnung finden. Die freie Freiheit besteht eben einzig und allein darin, entweder genügend Kohle zu bekommen oder nicht. Die freie Szene ist somit also vielmehr eine unfreie und steht in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis im doppelten Sinne: abhängig von der finanziellen Förderung und abhängig vom Markt. Unter diesem generellen Zwang erst dürfen sich Kreativität und künstlerische Ästhetik entfalten. Auch sie sind somit keineswegs wertfrei, sondern das vermarktbare Moment ist immer schon mitbedacht und in das künstlerische Gesamtkonzept eingegangen.
Alle wollen auf dem Markt bestehen und der Gedanke von Konkurrenz ist deshalb schon immer mit in jede Inszenierung, jede Choreografie eingegangen.
Wenn man unter derartigen Gesichtspunkten dann davon spricht, daß Konkurrenz als Geschäftsbelebung Kreativität fördert, dann ist dieser Begriff von Kreativität im real existierenden Kapitalismus schon immer einer vom Kulturmarkt für den Kulturmarkt und es geht immer nur darum, wie weitgehend der Markt über jegliche Formen von Kunst und Kultur beherrschend sein soll.
Genau darum geht es auch in der gegenwärtigen Auseinandersetzung um die Kulturförderung in Leipzig. Und unter genau diesem Eindruck ist auch richtig, daß sich eine linke Institution wie das Conne Island an den Protesten gegen die bisherige Förderpraxis beteiligt.
Sollte dabei ein klein wenig blauäugige Arbeitskampfromantik durchschimmern, so sei das bitteschön nachzusehen.
Sören Pünjer


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last modified: 28.3.2007