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Im Folgenden dokumentieren wir einen Vortrag von Moishe Postone, welcher auf einer Veranstaltung im Juli 2000 in Berlin gehalten wurde. Dies ist die übersetzte Kurzfassung des englischen Vortrages.

Welchen Wert hat die Arbeit?

Der Versuch einer kritischen Neubetrachtung Marxschen Denkens.

ist das wert?, 26.8k
IST DAS WERT
Für die Linke ist die historische Wende der neunziger Jahre – Zusammenbruch der kommunistischen Staaten Osteuropas, Rollback des Wohlfahrtsstaates, Entstehung des Neoliberalismus – eine Herausforderung: Einerseits muss man diesen Veränderungen inhaltlich begegnen, andererseits ist man mit der Vorhaltung konfrontiert, sie markierten das Ende des Marxismus und seiner Gesellschaftstheorie. Gleichzeitig stellt die erneut sich zeigende ungebremste Dynamik des Kapitalismus auch poststrukturalistische Geschichtsansätze und Theorien der demokratischen Selbstbestimmung in Frage.
Andererseits bestätigt die jüngere Geschichte die Bedeutung von historischer Dynamik und Strukturwandel, was zu einer Neukonzeption von Marx’ Kritik der Politischen Ökonomie führen sollte. Um der aktuellen Entwicklung gerecht zu werden, kann diese jedoch nicht an die traditionelle marxistische Kapitalkritik anschließen, die den Kapitalismus in erster Linie als Klassenverhältnis auf der Grundlage von Eigentumsverhältnissen, vermittelt durch die Marktkräfte, beschrieb und ihm einen Sozialismus entgegensetzte, der durch das Gemeineigentum an den Produktionsmitteln und Zentralplanung gekennzeichnet sei. Dabei handelt es sich nur um die Vorstellung, unter Beibehaltung und analog zur industriellen Produktionsweise Verteilungsgerechtigkeit erzielen zu können.
Ein Ansatz, der keine Basis für eine emanzipatorische kritische Theorie darstellen kann und sich vom tatsächlichen Emanzipationsbedürfnis in den heutigen Industriestaaten weit entfernt hat. Nötig ist also eine Sozialtheorie, welche der historischen Dynamik seit etwa 1980 gerecht wird. Marx’ ausgereifte Sozialtheorie stellt dafür eine sehr gute Basis dar.
Zunächst muss man sich klar werden – und das ist ein zentraler Punkt –, dass Marx’ Kategorien spezifisch für die kapitalistische Gesellschaftsordnung sind. Keine Theorie, auch nicht die von Marx, ist transhistorisch anwendbar, und auch der Historische Materialismus des frühen Marx’ muss heute als zumindest relativiert gelten.
Marx machte als Grundform des Gesellschaftsverhältnisses im Kapitalismus, als strukturierende und strukturierte Praxis die Ware aus. Die Warenform des Gesellschaftsverhältnisses ist bei Marx durch die Arbeit gekennzeichnet, die in objektivierter Form auftritt und als „konkrete Arbeit“ und „abstrakte Arbeit“ einen Doppelcharakter hat: „Konkret“ ist die allen Gesellschaftsformen eigene Interaktion der Menschen mit der Natur. „Abstrakt“ ist die dem Kapitalismus eigene Form des durch die Arbeit bestimmten Gesellschaftsverhältnisses.
In seinem Spätwerk betrachtet Marx das durch die Arbeit vermittelte Gesellschaftsverhältnis nicht mehr als transhistorische Voraussetzung. Vielmehr macht Marx dieses Gesellschaftsverhältnis als das Grundmerkmal der Moderne aus. Wenn die kapitalistische Arbeit aber historisch spezifisch ist, dann sind Ware und Kapital sowohl konkrete Arbeitsprodukte als auch objektivierte Formen gesellschaftlicher Vermittlung. Diese zweite Funktion haben sie in nichtkapitalistischen Gesellschaften nicht.
Das durch die Arbeit vermittelte Gesellschaftsverhältnis im Kapitalismus tritt quasi-objektiv, formal auf und ist von dem Dualismus einer abstrakten, allgemeinen, und einer konkreten, materiellen Dimension geprägt, die beide als „natürlich“, nicht gesellschaftlich vermittelt erscheinen. Dasselbe gilt auch für Besitz: Wert als die dominante Form des Besitzes im Kapitalismus bemisst sich allein in menschlicher Arbeitszeit, ist also durch ein Gesellschaftsverhältnis vermittelt und im Gegensatz zu rein materiellem Besitz historisch spezifisch für den Kapitalismus. Wert ist eine selbstvermittelnde Form des Besitzes; er bemisst sich nach der benötigten Arbeitszeit. Diese benötigte Arbeitszeit ist keine rein deskriptive Kategorie, sondern sie bezeichnet eine Zeit-Norm, welche den Produzierenden auferlegt wird. Darin manifestiert sich eine neue, abstrakte Form der Herrschaft, welche die Menschen unpersönlichen, zunehmend rationalisierten strukturellen Imperativen und Beschränkungen unterwirft: Die Beherrschung der Menschen durch die Zeit. Diese von Marx im „Kapital“ analysierte Herrschaftsform ist als reine Klassenherrschaft nicht ausreichend beschrieben, weil man damit ihrem quasi-objektiven, ortslosen und dynamischen Charakter nicht gerecht würde.
Die historische Dynamik des Kapitalismus führt zu ständigen Transformationen nicht nur des Produktionsprozesses, sondern auch der Gesellschaft. Zur historischen Dynamik des Kapitalismus gehört aber auch, dass sie sich selbst als Konstante des gesellschaftlichen Lebens immer wieder neu produziert: Soziale Vermittlung erfolgt durch Arbeit, und menschliche Arbeit bleibt ein unverzichtbarer Teil des gesamtgesellschaftlichen Produktionsprozesses.
So ist es also kein Wunder, wenn der Kapitalismus bei all seiner Produktivität bisher weder allgemeinen Wohlstand noch deutliche Reduzierungen der Arbeitszeit gebracht hat: Der Kapitalismus selbst verhindert die dafür nötige Neuorganisation des Gesellschaftslebens, für die er doch erst die Voraussetzungen geschaffen hat.
Die Marxsche Mehrwerttheorie wird von traditionellen Marxisten häufig auf die – zutreffende – Tatsache reduziert, dass der Mehrwert von der Arbeiterklasse geschaffen wurde. Sie beinhaltet aber auch, dass zu den Kennzeichen des Kapitalismus nicht eine zunehmende Produktion von Waren – also von materiellem Besitz – gehört, sondern eine zunehmende Produktion an Wert – also an Besitz plus sozialer Vermittlung. Dies führt zu einer unkontrollierbaren Art des „Wachstums“, die unter anderem die zunehmende Zerstörung der Natur zur Folge hat.
Wer zwischen Besitz und Wert unterscheidet, kann den industriellen Produktionsprozess auch nicht als rein technischen begreifen, der lediglich von den Kapitalisten für ihre eigenen Zwecke missbraucht wird. Er muss vielmehr zu dem Schluss kommen, dass der Prozess selbst im wesentlichen kapitalistisch ist. Damit kommt man auch einem der zentralen Paradoxe des Kapitalismus näher: Während er einerseits eine technologische Entwicklung befördert, welche die Wertproduktion zunehmend unabhängig von menschlicher Arbeit macht, findet eine bedeutende Verkürzung der Arbeitszeiten oder eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen kaum statt. Anstatt dessen wird die Arbeit lediglich ungleichmäßiger verteilt. Die Struktur von Arbeit und Produktion im Kapitalismus kann also nicht nur mit technologischen Begriffen erfasst werden, sondern muss auch in ihrer gesellschaftlichen Dimension gesehen werden. Wie der Verbrauch unterliegt sie der Wirkung von Ware und Kapital.
Marx liefert kein lineares Entwicklungsschema zu einer Gesellschaft jenseits der existierenden Strukturen und Organisation von Arbeit; er sieht Industrieproduktion und Proletariat auch nicht als Grundlagen einer künftigen Gesellschaft. Er argumentiert vielmehr, dass sowohl die auf dem Proletariat basierenden Produktionsverhältnisse als auch das unkontrollierbare Wachstum durch die Warenform vermittelt sind und dass Produktionsverhältnisse und Wachstum in einer Gesellschaft anders aussehen könnten, in welcher materieller Wohlstand den Wert als dominante Form des Wohlstandes verdrängt hätte. Das hat übrigens auch zur Folge, dass auch antagonistische Klassengegensätze kapitalismus-spezifisch sind.
Diese Reinterpretation von Marx geht weit über die traditionelle Kritik an den bürgerlichen Verteilungsverhältnissen (Markt und Privateigentum) hinaus; sie ist mehr als nur eine Kritik von Ausbeutung und ungleicher Verteilung von Reichtum und Macht. Sie analysiert die moderne Industriegesellschaft als kapitalistisch und den Kapitalismus als abstrakte Herrschaftsstruktur, als gekennzeichnet von einem zunehmenden Auseinanderfallen von individueller Arbeit und individueller Existenz und einem blinden Glauben an unkontrollierte Entwicklung. Sie sieht die Arbeiterklasse als Grundelement des Kapitalismus und nicht als Verkörperung seiner Negation. Implizit stellt sie ein Konzept in den Raum, in dem der Sozialismus nicht mehr der Selbstverwirklichung von Arbeit und Industrie-Produktion dient, sondern der Abschaffung des Proletariats und der auf ihm basierenden Produktionsform sowohl als auch des dynamischen Systems abstrakter Verpflichtungen, welche die Arbeit als gesellschaftliches Vermittlungsverhältnis mit sich bringt.
Sobald im Mittelpunkt der Kritik nicht mehr die ausschließliche Beschäftigung mit Markt und Privateigentum steht, wird der Weg frei für eine Kritische Theorie der postliberalen Gesellschaft – und womöglich auch der sogenannten real existierenden sozialistischen Staaten als (fehlgeschlagene) Verhältnisse der Kapitalakkumulation und nicht als gesellschaftliche Zustände, die – wie schlecht auch immer – den Kapitalismus historisch negierten.
Moishe Postone


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last modified: 28.3.2007