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Olympia 2000 – Dabei sein ist alles
Die Paranoia-Metropole Sydney hält im Vorfeld der stattfindenden olympischen Spiele all das parat, wogegen sich linke Positionierungen seit Jahren aussprechen. Rassismus, Bullen, Verbote, Strafen, härtere Gesetze – mithin das ganze Sammelsurium eines Rechtsstaates. Dort, wo nichts und niemand dem Overkill in Sachen Olympia entrinnen kann.

olympia, 23.7k Ein Blick auf die Vorbeugungsmaßnahmen zur Bekämpfung von Kriminalität während des Großereignisses wird selbst bei der Berliner Anti-Olympia-2000-Front für Jubelschreie gesorgt haben. Das australische Parlament verabschiedete kurzum ein Gesetz, welches das Rauchen in Restaurants, Einkaufszentren und offiziellen olympischen Stätten verbietet. „Uns wurde erzählt, dass bei Olympia Partytime in Sydney ist. Das wird aber eine sehr brave und kontrollierte Fete“, gibt ein member of parliament den Wink mit dem Zaunspfahl. Ruhestörer und Raucher sind unerwünscht. Wer die Zigarette an verbotenen Plätzen qualmen lässt, muss 700 Mark Strafgeld zahlen. Das Fahren mit dem Auto auf den sogenannten Olympia-Spuren schlägt noch einmal mit 450 Mark zu Buche. Parken in der Nähe von Wettkampfstätten belastet das Konto einschließlich Abschleppgebühren mit 600 Mark.
Auch als Olympia-Zuschauer lebt man gefährlich. Wer flucht, ein T-Shirt mit einem Aufdruck wie „fuck olympics“ trägt oder als eine andere „Belästigung“ identifiziert wird, kann rausgeschmissen und bestraft werden. Ein Spurt auf den Rasen des Olympiastadions zieht ein zwölfmonatiges Stadionverbot und die Vorladung vor Gericht nach sich. Dort dürfte auch eine Vielzahl der Demonstranten aus dem Lager der Aborigines oder der Anti-Olympia-Aktivisten landen. „Alles, was eine größere Störung nahe einer olympischen Sportstätte hervorrufen könnte, wird wahrscheinlich nicht unsere Unterstützung finden.“, umschreibt ein Polizei-Kommandeur das faktische Protest-Verbot im Olympia-Zirkel. Falls die Polizeikräfte nicht ausreichen, erlaubt ein Sondergesetz auch den Einsatz der Armee auf der Straße – mit Schußwaffen.
Für Australien, traditionell von einem Ende-der-Welt-Komplex geplagt, ergibt sich die Chance, sich als aufstrebendes und multikulturelles Musterland zu präsentieren. Die internen Maßstäbe aber sollten in vielfacher Hinsicht wichtiger sein. Während die Spiele 1956 in Melbourne noch unter britischer Aufsicht und geprägt von einer „White Australia-Politik“, der systematischen Ausgrenzung nicht-weißer Immigranten, waren, soll diesmal alles besser und vor allem fortschrittlicher werden. Dass dieses Ziel auch erreicht wird, liegt im Interesse aller Beteiligten. So verzeichnet Australien mit fünf Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote seit Jahren. Die Wirtschaft ist im Aufschwung und erfolgreiche Militärinterventionen beflügeln stets nationale Selbstwertgefühle. Auch die Ausnahmeathletin des Landes schlechthin, Cathy Freeman, ist praktischerweise aboriginal und natürlich unpolitisch.
Doch mit dem zwingenden Aufeinandertreffen mehrerer Nationen bei Olympischen Spielen hat man im bekannt weltoffenen und gastfreundlichen Australien arge Probleme. So verfiel das Organisationskomitee der Olympischen Spiele (SOCOG) unlängst der nationalistischen Polemik dortiger Boulevardblätter und lud kurzerhand, der Unterstützung konservativer Politiker gewiss, amerikanische und japanische Bands von der Eröffnungszeremonie aus. Daraufhin titelte die Jungle World: „Australiens Olympia-Komitee hat sich bei den Vorausscheidungen zu den Disziplinen Nationalismus und Rassismus schon qualifiziert.“ Das Ende der Fahnenstange ward allerdings längst nicht erreicht. Als das Privileg, als erster die Fackel durch das griechische Olympia tragen zu dürfen, vergeben wurde, fiel die Wahl auf das Kind einer griechisch-australischen Migrantenfamilie. Gerade im Einwanderungsland Australien sollte jene Schülerin das gediehene Zusammenleben zweier Kulturen personifizieren. Jedoch sehr zum Unwillen des Vizepräsidentin des hiesigen IOC, der in seiner Tochter die geeignetere Würdenträgerin sah.
Selbst die eigens für die Spiele ins Leben gerufenen Anti-Terror-Einheiten sorgen für Aufsehen. Beschossen sie in einer übereifrigen Aktion versehentlich einige Wohnungen im Olympischen Dorf, sollen sie auch dafür sorgen, dass das Zeigen des Aborigines-Symbols, einer gelben Sonne auf rot-schwarzen Grund, eine Eintagsfliege bleibt. Der ohnehin schon langwierige Prozess der Annäherung zwischen Aborigines und der politischen Klasse Australiens wird derweil weiter verzögert. Während die Verbrechen vergangener Regierungen auch der jetzigen keine Entschuldigungen abnötigen können, wird der Zwiespalt immer größer. Traditionalisten und Konservativen zur Freude, Aborigines-Aktivisten zum Trotz. Selbige drohen nun in Person ihres renommierten Mitgliedes der Aboriginal and Torres Strait Islanders Commission (ATSIC) Sir Charles Perkins mit massiven Protesten, denn wenn schon „Australien schweigt, hört vielleicht die Welt zu“. Doch die scheinen nur die fünf Ringe, den Coca-Cola-Schriftzug und das McDonald’s-Logo wahrzunehmen. Und vielleicht einen der ruhmreichen Fackelträger, die für ein Entgelt von 380 Dollar der Unsterblichkeit frönen.
Teewald



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last modified: 28.3.2007