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review-corner, 1.6k

Thomas Schultze/Almut Gross:

»Die Autonomen.
Ursprünge, Entwicklung und Profil der autonomen Bewegung.

Konkret Literatur Verlag, Hamburg, 1997

Kein akademischer Abgesang.

, 0.0k

Die AutorInnen des im konkret-Verlag erschienenen „Autonomen“-Bandes beteiligen sich eher – trotz ihres sozialwissenschaftlichen Ansatzes – an der Mythologisierung einer bundesdeutschen Protestbewegung.

Thomas Schultze und Almut Gross waren und fühlen sich immer noch der autonomen Szene zugehörig. Daß sie mit dem vorliegenden Buch ihre Diplomarbeit zur Veröffentlichung bringen, sagt schon einiges über den Stand der Bewegung, die in den 70er Jahren mit radikalem Gestus gegen die bürgerlichen Werte und einiges mehr aufgebrochen ist. Die Deskription der Autonomen im universitären Rahmen ist ganz nebenbei ein Hinweis darauf, daß mit deren politischer Interventionsfähigkeit auch die Attraktivität zur Neige gegangen ist, innerhalb autonomer Strukturen seines Lebens zu fristen.
Der Schatten des Leichenbeschauers lauert jedoch bereits seit Thomas Lecorte („Wir Tanzen bis zum Ende“) und Geronimo („Feuer und Flamme“) hinter den publizistischen Einordnungsversuchen der Autonomen durch Autonome, der Vorwurf hier nun seien Renegaten am Werk, dürfte deshalb nur den Selbstbestimmten über die Lippen gehen, die sich seit Jahren anspruchlos in den staatlich tolerierten Nischen mit Kleinkunst (ehemals Subkultur) und Hobbygärtnerei beschäftigen, den Blick für gesellschaftliche Realiäten schon lange aber verloren haben. Wahrscheinlich wird es so weit gar nicht kommen, denn die ausgesprochene Theoriefeindlichkeit innerhalb der autonomen Szene schützt das Buch vor deren Kritik. Dabei geben sich die AutorInnen alle erdenkliche Mühe, den akademischen Srachstil (jedenfalls für die Buchausgabe) nicht zu übertreiben, formulieren leider aber auch simpel und fade wie ein Flugblatt der AA/BO. Dagegen läßt sich zurecht einwenden, daß es nicht in ihrem Sinn stand, Lyrik oder Pop zu liefern, und wer regelmäßig kluge Gedanken entsprechend serviert haben möchte, kann sich zum Glück weiterhin bei Gremlizas „konkret“ entschädigen.
Die hier besprochenen Bücher/Hefte/Reader sind im Infoladen im Conne Island zur Einsicht/Ausleihe erhältlich.
Schultze/Gross enthalten sich erfrischender Argumentation und Polemik. Sie liefern stattdessen eine zweifellos fleißig zusammengetragene Geschichte der Autonomen, mit dem Ziel, „eine kritische und reflektierte Auseinandersetzung zu ermöglichen.“ Ihr „offenner Versuch“, das Politikverständnis der Autonomen zu hinterfragen, ihre Theorien, Strategien, Aktionen und Utopien zu beschreiben und zu analysieren, ist nach eigenem Bekunden kein akademischer Abgesang, sondern Bestandteil eines ambitionierten politischen Projekts. Mit der „Vermittlung von Erkenntnissen an jüngere Generationen“ ließe sich der „Widerstand entwickeln und konsolidieren“ und „mittelfristig die vielbeschworene rechte, kulturelle Hegemonie - forciert in den Medien, getragen von einem völkischen Konsens und auf der Straße ausgedrückt in rassistischen und sexistischen Attacken und Pogromen - brechen und ein Gegenpol setzen.“ Woher das „mittelfristig“ angesichts der richtigen Analyse des völkischen Konsens, die unter anderem auch besagt, daß sich kaum jemand, geschweige denn ganze jüngere Generationen, für die Geschichten von alternden Linksradikalen begeistert, seine Substanz bezieht, bleibt an dieser Stelle schleierhaft, erschließt sich dann aber schnell aus der weiteren Lektüre. Über deren gesamten Umfang illuminieren die AutorInnen der autonomen Bewegung eine gesellschaftliche Relevanz, die dieser selbst in ihren Hochzeiten niemals gebürte - nichtsdestotrotz um so ausgiebiger sich selbst aber suggerierte.
die autonomen - cover, 12.2k Dies geschieht im Buch keinesfalls gewollt, auch die AutorInnen bemühen sich um die Unterscheidung von Anspruch und Wirklichkeit, sondern die Überbewertung erfolgt über den Umweg der leider nur viel zu sanft und spärlich angebrachten Kritik und der einseitigen Herkunft der Quellen. Der Rückblick auf die Autonomen wird anhand ihrer eigenen Publikationen geführt und speist sich auch aus den persönlichen Erfahrungen der AutorInnen, was natürlich nicht völlig falsch ist, aber zu kurz greift, möchte man wie Schultze/Gross auch Praxis, Theorien und Strategien der autonomen Bewegung kritisieren und nicht nur beschreiben. So ist der vorherrschende Bezugspunkt, an dem die Bewertung ansetzt, das Selbstverständis der Autonomen und ihre Abgrenzung zu anderen Teilen der Linken in der BRD. Dies führt unter anderem dazu, daß der Szene aufgrund der Mobilisierungen nach Wurzen (hier schönt man in der Chronologie, welche ein Kapitel des Buches bildet, die Teilnehmerzahl auf 8000), Gorleben und Hellersdorf eine Lebendigkeit attestiert wird, die nichts über die realen Erfolge des politischen Engagements aussagt. Damit unterläuft Schultze/Gross ein Lapsus, den sie ihrem Untersuchungsgegenstand an einer Stelle des Buches selbst als „autistisches Gruppenverhalten fernab der gesellschaftlichen Realität bei gleichzeitiger Fehleinschätzung der Relevanz, Akzeptanz oder Richtigkeit der eigenen Meinungen“ vorwerfen.
Die immer sehr „solidarisch“ gehaltene Betrachtung der Autonomen ist auch in sich widersprüchlich und dies verwundert um so mehr, als Schultze/Gross in einer Serie über die Autonomen in der Zeitschrift 17Cdeg. ihre Kritik prononcierter vortrugen. Zwar wird auch im vorliegenden Buch die Unfähigkeit der Autonomen auf den nationalen und rassistischen Konsens im wiedervereinten Deutschland zu reagieren, ihn überhaupt als solchen zur Kenntnis zu nehmen, diskutiert, jedoch fürchtet man sich irgenwie, zu des Pudels Kern zu kommen und dichtet gar den rassistischen Pogromen „revoltierende Momente“ an. Wenigstens läßt man sich nicht herab, eine der taktischen Quintessenzen, welche Autonome z.B. nach den rassistischen Angriffen auf Flüchtlinge in Mannheim parolengeübt so formulierten - „Ausländer sind die falsche Adresse, haut den Politikern auf die Fresse“ in aller Konsequenz zu wiederholen. Nein, auch für Schultze/Gross verbietet sich irgendwie sozialrevolutionäre Agitation in Bezug auf rassistische Attacken des Mobs. Die Abgrenzung bleibt aber uneindeutig und scheint nur für die schlimmste Zeit der Pogromwelle zu gelten. Früher zum Beispiel, als die Volksmassen in der BRD angeblich weniger rassistisch waren, scheiterten die (im Buch sehr ausführlich und hervorragend nachvollziehbar dargesetellten) Revolten- und Revolutionskonzepte der Autonomen auch nur an deren schlechter Vermittlung und der einseitigen Konzentration der Autonomen auf Militanz und Subkultur. Und wie gesagt, ist es verblüffend, daß sich in der Artikelserie der Zeitschrift 17Cdeg. die Bewertung jenes Komplexes anders ließt: „Wer einmal die Ebene der individuellen Erinnerung an diese oder jene halbwegs staatsgefährdente Aktion verläßt (daß es immer besser war/ist, am Bauzaun zu rütteln, statt Petitionen an den Bundestag zu schicken versteht sich von selbst) und sich an eine Kritik der ideologischen Positionen ‘der’ Autonomen versucht, wird rasch zu dem Ergebnis kommen, daß es die in der Szene populären selbstverwirklichenden und sozialrevolutionären Ansätze waren/sind, die den notwendigen Widerstand gegen die germanische ‘Wiedervereinigung’ unmöglich machten. Der militante Reformismus versagte, als es darauf ankam, dem ‘Volk’ die Feindschaft zu erklären. Real zu tun mit den ‘Massen’ hatte die autonome Bewegung eigentlich nie. Sie zog (und ihre Reste ziehen mehrheitlich immer noch) ihr Durchhaltevermögen jedoch wesentlich aus der Vorstellung, im Grunde das gleiche zu wollen wie Millionen Ausgebeutete und Beleidigte - nur eben konsequenter und militanter.“ Einigermaßen unverständlich bleibt nach dem Genuß jener Zeilen, wie im Schlußkapitel des Buches („Autonome - quo vadis“) von den selben AutorInnen ein neues sozialrevolutionäres Konzept eingefordert wird, welches sich nun am Staat orientieren soll, „um seine nationalen und internationalen Strukturen und Funktionsweisen herausarbeiten, um seine Anknüpfungspunkte für einen neuen Widerstand und eine neue revolutionäre Politik entwickeln zu können.“ Um so mehr als einige Seiten davor den Autonomen richtigerweise noch ihre Staatsfixiertheit, ihre simpel-dumme Schweinesystem-BRD-Faschistenstaat-Analyse vorgeworfen wurde, die nicht selten ausblendete, daß es unabhängig vom staatlichen und ökonomischen Interessen eine „rassistische und antisemitische Grundlatenz in der BRD-Bevölkerung (vor und nach der Vereinigung)“ gibt, „die den Sozialcharakter vieler Deutscher prägt“. Man wird aus den Analysen und besonders aus den darausfolgenden Schlüssen von Schultze/Gross nicht immer richtig schlau. Ab und zu beschleicht einen das Gefühl, einen von Alt-Autonomen und Antinationalen fabrizierten Sammelband zu lesen, nicht aber eine inhaltlich geschlossene Monographie.
Und auch wenn durch diesen diffusen Charakter kein einziger Mythos der autonomen Szene so auseinandergenommen wird, wie es ihm gebührt, weder der von der Revolution, auch nicht der vom Viertel und der von der Militanz gleich gar nicht, läßt sich das Buch trotzdem mit Gewinn goutieren - als Nachschlagewerk für Zonen-Autonome zum Beispiel, die immer schon mal wissen wollten, in welche linke Tradition sie sich nach 89 begeben haben. So ziemlich von jeder theoretischen Auseinandersetzung, die innerhalb der autonomen Bewegung geführt wurde, vom Jobber-Ansatz der Zeitschrift „Wildcat“ bis zur Organisierungsdebatte innerhalb der autonomen Antifa, werden im Buch die Grundpossitionen und der Verlauf der Diskussionen dargestellt. Ein eigenständiges Kapitel am Ende über autonome Frauen und Frauen/Lesben beschreibt die Organisierungsversuche, die sich gegen die Männerdominanz innerhalb der Neuen Sozialen Bewegungen und auch in der autonomen gemischten Szene wendeten. Auch hier werden theoretische Grundpositionen, Diskussionen und Aktionsformen referiert, das Resümee, daß die autonome „kleine Frauenbewegung“ relativ bedeutungslos war und ist, läuft auch nicht wie im „gemischten“ Teil des Buches der vorausgehenden Analyse davon.
Alles im allen eine empfehlenswerte Ergänzung zu Geronimo. Weniger plakativ, aber gleichfalls streitbar. Für Linke mit Wissens- oder/und Erinnerungslücken und dem Wunsch nach einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. ulle


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last modified: 28.3.2007