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The return of history

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Robert Kagan: Die Demokratie und ihre Feinde. Wer gestaltet die neue Weltordnung?, München 2008

Oder: wieviel 19. Jahrhundert steckt im 21. Jahrhundert?


Die Geschichte ist zurückgekehrt. Dies ist die Quintessenz des essayistisch gehaltenen neuen Buches von Robert Kagan.(1) Das klingt banal, ist es aber nicht. Vielmehr ist darin eine analytische Schärfe enthalten, die sich nicht allzu häufig findet. In dem Satz kommt eine spezifische Weltsicht zum Ausdruck, die in Deutschland nicht nur minoritär, sondern in hohem Maße unbeliebt ist. Sie wird mit den amerikanischen Neocons in Verbindung gebracht und dies nicht zu Unrecht. Robert Kagan ist einer ihrer Vordenker und gilt als Spezialist in außenpolitischen Fragen. Neben vielfältiger journalistischer Tätigkeit in Zeitschriften wie The New Republic, Commentary, und Weekly Standard war er lange Jahre Politikberater und Redenschreiber republikanischer Politiker. Außerdem ist er Mitbegründer des einflussreichen neokonservativen Think tanks Project for the New American Century. Während des Präsidentenwahlkampfs 2008 fungierte er als einer der politischen Berater von John McCain.
Die Position Robert Kagans könnte als eine Synthese aus den idealtypischen Polen Realismus und demokratischem Interventionismus bezeichnet werden, die die außenpolitische Diskussion in Amerika auszeichnen. Stark beeinflusst durch die graue Eminenz der amerikanischen Außenpolitik, Henry Kissinger, analysiert Kagan die heutige Situation durch die Brille der europäischen Geschichte des 19. Jahrhunderts. Es geht folglich um Allianzen, Mächtekonkurrenz und die Durchsetzung von Interessen. Die Frage der Macht ist wieder präsent. Kagan definiert sie als „die Fähigkeit, andere zu veranlassen, das zu tun, was man will, und sie von dem, was man nicht will, abzuhalten.“ (20)

Die weltpolitische Konstellation

Jedoch ist die jetzige Weltlage nicht nur eine Wiederkehr der Vergangenheit. Gekennzeichnet ist sie durch zwei große Konfliktlinien. Das erneute Aufeinanderprallen von Großmächten evoziert die Konstellation des 19. Jahrhunderts. Neu hingegen ist das Aufkommen des radikalen Islam als einem nichtstaatlichen Akteur. Diese beiden Tendenzen zusammenzubringen, unterscheidet Kagan auch von anderen Neocons, wie beispielsweise Norman Podhoretz, der in seinem Buch World War IV. The Long Struggle Against Islamofascism die Weltlage nur durch das Prisma der Anschläge am 11. September 2001 betrachtet.
Nach dem Ende des Kalten Krieges, so Kagan, ist „die Welt (...) wieder normal geworden.“ (7) Der alte Gegensatz zwischen Autokratie und Liberalismus bestimmt erneut die Entwicklung und Amerika als einzig verbliebene Supermacht ist einem neuen Wettbewerb mit anderen Mächten ausgesetzt. Wir leben nach Kagan weder in einem postmodernen Zeitalter noch in einer Welt, in der Gewalt und Krieg keine Rolle mehr spielen, sondern in einem neuen „Zeitalter der Gegensätze.“ (8) Das verkündete Ende der Ideologien und der proklamierte Sieg der liberalen Demokratien haben sich desavouiert. Die von Präsident George H. W. Bush im Jahre 1991 ausgerufene „Neue Weltordnung“, die sich durch Harmonie zwischen den Nationen auszeichne, war ein Wunschtraum. Dies zeigen der Aufstieg Chinas, Indiens, die nuklearen Ambitionen des Iran und die Rückkehr Russlands auf die Bühne der Weltpolitik sowie die Wiederkehr der durch den Kalten Krieg neutralisierten ethnischen Gedächtnisse, die sich auf dem Balkan und in ehemaligen Sowjetrepubliken in Gemetzeln entladen haben. Kagan schreibt: „Statt der neuen Weltordnung führen die widerstreitenden Interessen und Bestrebungen der Großmächte abermals zu den Allianzen, Gegenallianzen und kunstvollen Tänzen mit wechselnden Partnern, wie sie einem Diplomaten des neunzehnten Jahrhunderts auf Anhieb vertraut wären. Sie verursachen außerdem geopolitische Bruchlinien, an denen die Ambitionen der Großmächte sich überschneiden und einander in die Quere kommen. Höchstwahrscheinlich werden hier die Verwerfungen der Zukunft auftreten.“ (17)

Der Wiederaufstieg Russlands

Die West- und Südwestgrenze Russlands, also das westliche Eurasien, sieht er als eine stark umkämpfte Zone, was durch den aktuellen Konflikt zwischen Russland und Georgien in aller Brutalität bestätigt wurde. Die prowestlichen Tendenzen, die sich nach dem Zusammenbruch innerhalb der russischen Gesellschaft Gehör verschafften, sind durch Putin wieder stark zurückgedrängt worden. Russland nutze vor allem seine Energievorräte als politische Waffe, um seinen Einfluss auszubauen und seinen alten Großmachtsstatus zurückzubekommen. Der erneute Streit zwischen Russland und der Ukraine um die Transitrouten für russisches Gas nach Europa ist dafür ein anschauliches Beispiel.
Es ist kein Zufall, dass Kagan auf den in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts tätigen englischen Diplomaten und späteren Premierminister Lord Palmerston rekurriert, um das Verhalten Russlands zu verdeutlichen. Was sich abspiele, sei eine Rückkehr des Great Game, das die klassische Auseinandersetzung zwischen England und Russland um Zentralasien bezeichnet, jedoch mit bedeutenden Unterschieden. Die Rolle Englands habe jetzt die Europäische Union, deren Ziel die Überwindung des Nationalstaats und ein Hinter-sich-Lassen der klassischen Machtpolitik sei, während Russland genau diese reaktiviere. Dies formuliert Kagan prägnant: „Russland und die EU sind zwar geographische Nachbarn, in geopolitischer Hinsicht aber leben sie in unterschiedlichen Jahrhunderten. Die EU des 21. Jahrhunderts (...) steht einem Russland gegenüber, das noch sehr weitgehend eine traditionelle Macht des neunzehnten Jahrhunderts ist und die alte Machtpolitik praktiziert.“ (24)

Die asiatischen Großmächte

Ähnlich verhalte es sich mit dem Aufstieg Chinas. China, das lange Spielball der europäischen Mächte war, ist zu einer führenden Wirtschaftsmacht aufgestiegen, was zugleich den Ausbau seiner militärischen Fähigkeiten fast zwangsläufig impliziere, weil die ökonomische Potenz auch abgesichert werden müsse. Hinzu komme noch die permanente Spannung mit Taiwan, wozu China eine klassische imperialistische Position vertrete. Es ist somit das Paradigma einer traditionellen Macht, die einen normalen Weg des Aufstiegs gehe. Deshalb, so Kagan, sei es „kein Wunder, dass die Chinesen der postmodernen Ansicht ablehnend gegenüberstehen, dass die Macht des Nationalstaats – militärische Macht eingeschlossen – obsolet geworden sei. (...) Man sollte ihnen allerdings nicht vorwerfen, dass sie die Welt so sehen, wie sie ist.“ (39)
Die Veränderung der chinesischen Rolle in Asien verändere auch die japanische Politik, das nach der erzwungenen Pazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg wieder selbstbewusster auftrete und versuche, ein Gleichgewicht zu China aufzubauen. Diese Konfrontation werde voraussichtlich einer der wichtigsten geopolitischen Konflikte in Asien. Hinzu komme aber noch der Aufstieg Indiens, das zu einer Hegemonialmacht auf dem Subkontinent geworden sei und bei der ebenfalls die wirtschaftliche und die militärische Komponente konvergierten. Die geforderte Anerkennung als Atommacht und die Durchführung von Atomtests sind diesem Machtstreben geschuldet. Aufgrund der Situation in Kaschmir und aufgrund des jahrzehntelangen Streits mit Pakistan, der anderen Atommacht der Region, werde der indische Subkontinent ein geopolitisches Pulverfass mit weit reichenden Implikationen bleiben, die Kagan folgendermaßen formuliert: „Aber auch ohne unmittelbare Aussicht auf einen Konflikt gestaltet der geopolitische Wettbewerb die Struktur der internationalen Angelegenheiten neu. Wie im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert tun sich die Großmächte zusammen, bilden formelle und informelle Allianzen zur Wahrung ihrer Interessen und Unterstützung ihrer Ambitionen.“ (51) Das Bündnis zwischen China und Pakistan einerseits und die Annäherung Indiens an die USA und Japan andererseits sind in dieser Hinsicht exemplarisch.
Der andere Staat in der Region, der nach Hegemonie strebt, ist der Iran, wofür Kagan vor allem eine einzigartige „Spielart von nationalem Ehrgeiz“ (54) verantwortlich macht, die sich aus einer mythologisierten Betrachtung der Vergangenheit speise und Selbstachtung aus dem „Widerstand gegen stärkere und häufig erdrückende externe Mächte“ (54) ziehe. Die permanente narzisstische Demütigung sei Israel. Eine Verhandlungslösung mit dem Iran beurteilt Kagan skeptisch, weil sich der Iran in die östliche Hemisphäre, also nach China und Russland, orientiere und lediglich an einer Gegenmacht zum Großen Satan Amerika interessiert sei.

Die Rolle Amerikas

Diese veränderte Situation tangiere auch die Stellung Amerikas als einziger Weltordnungsmacht. Die neue Rolle werde sehr ambivalent aufgefasst. Viele amerikanische Liberale wünschten sich vielmehr eine an den Idealen Woodrow Wilson ausgerichtete Welt des Rechts und der Institutionen, in der sich die Durchsetzung der Demokratie und Gerechtigkeit zwangsläufig ergäben. Gerade wegen des starken amerikanischen Bestrebens nach Selbstbestimmung und Autonomie fühlten viele Amerikaner sich nicht wohl in der Rolle, die Amerika als Nation zukommt. Dies kommentiert Kagan wie folgt: „Das große moralische Dilemma der Menschheit (...) ist die Tatsache, dass sich moralische Ziele oft nicht verwirklichen lassen, ohne dass man zu Maßnahmen greift, die selbst von fragwürdiger Moral zu sein scheinen.“ (59) Amerika dürfe sich seinen Verpflichtungen aber nicht entziehen, allerdings hält Kagan ein unilaterales Agieren für falsch, weil es der Größe der Aufgabe nicht gerecht werde. Es zeichne sich zunehmend eine Allianz zwischen Russland und China ab. Dies wäre eine Allianz von zwei der größten Nationen der Erde mit mehr als anderthalb Milliarden Menschen und schlagkräftigen Militärapparaten und dazu wäre es noch eine Allianz von Autokratien. Deshalb plädiert er für einen Zusammenschluss, ein Konzert der Demokratien. Er schreibt: „Während des Kalten Krieges konnte man leicht vergessen, dass die Auseinandersetzung zwischen Liberalismus und Autokratie seit der Aufklärung andauert. Diese Streitfrage entzweite bereits im späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert die USA und weite Teile Europas – Europa selbst war fast das gesamte neunzehnte und bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein gespalten. Nun kehrt das Thema zurück und beherrscht die Geopolitik des 21. Jahrhunderts.“ (65) Diese Konstellation sei in den letzten Jahren immer deutlicher geworden und habe sich vor allem im Kosovokrieg 1999 gezeigt, der für Russland und China „dramatischer und verstörender“ (72) gewesen sei als der Irakkrieg 2003, weil dort mit Bezug auf universelle Werte und das Völkerrecht die nationalstaatliche Souveränität unterminiert worden sei. Dabei handele es sich nicht um juristische Raffinessen, sondern um die grundlegende Frage der Legitimität autokratischer Regierungen.

Der war on terror

Quer zu dieser Auseinandersetzung liegt der zweite große Konflikt im internationalen System: der Kampf und der Terror der radikalen Islamisten. In ihnen sieht Kagan eine antiaufklärerische und antidemokratische Bewegung, die sich als „die letzte Bastion“(90) gegen die kulturellen und politischen Errungenschaften der Moderne erweise.
In Russland und China seien mit einer ökonomischen Öffnung auch kulturelle Änderungsprozesse in Gang gesetzt worden, die von den Machthaber zwar nicht intendiert, aber auch nicht zu verhindern gewesen seien und kaum mehr rückgängig gemacht werden könnten. Mit anderen Worten: Kapitalismus ist ohne politische Liberalisierung zu haben, ohne kulturelle jedoch kaum. Genau dagegen wenden sich die Islamisten und möchten die Geschichte bis an den imaginierten Zeitpunkt zurückdrehen, als der Islam noch herrschend und rein gewesen sei. Jeglicher Einfluss des Westens und der Moderne solle ausradiert werden, wobei Kagan unter Modernität Folgendes versteht: „sexuelle, politische und wirtschaftliche Befreiung der Frau, Schwächung der kirchlichen Autorität bei gleichzeitiger Stärkung des Säkularismus, die Existenz dessen, was gewöhnlich Gegenkultur genannt wird, und künstlerische (wenn nicht sogar politische) Freiheit, was auch die Freiheit einschließt, Blasphemien zu begehen und Symbole des Glaubens, der Autorität und Moral zu verspotten.“ (90)
Die Islamisten könnten den Kampf nicht gewinnen und ihr Ziel sei aussichtslos. Dennoch seien sie schwer zu besiegen, weil es zu keinem weltweiten Bündnis kommen werde, dass den war on terror in den Mittelpunkt stellt. In Russland werde damit Tschetschenien assoziiert, in China die Uiguren in der Provinz Xinjiang, gar nicht zu reden vom den Beziehungen zum Iran, Syrien oder Terrororganisationen wie der Hisbollah oder der Hamas, in denen China und Russland meist keine Terroristen sähen.

Die Notwendigkeit der amerikanischen Hegemonie

Vor diesem Hintergrund bringe die amerikanische Hegemonie Vor- und Nachteile. Die Eigenheiten der amerikanischen Außenpolitik, wie eine Skepsis gegenüber internationalen Institutionen, ein Hang zum Unilateralismus und zugleich ein aufgeklärtes Eigeninteresse in Verbindung mit einem moralischen Sendungsbewusstsein, würden unabhängig von der amerikanischen Regierung fortbestehen, weil sie eng mit der Geschichte verwoben sind. Diese führe immer wieder zu Widersprüchen und Unstimmigkeiten mit Europa und anderen Verbündeten. Auf die militärische Vorherrschaft Amerikas könne nicht verzichtet werden, ohne „internationale Kollektivgüter“ (104) zu verlieren. Um dies zu verdeutlichen, wählt Kagan ein Beispiel, das in der europäischen Geschichte immer wieder zu Kriegen geführt hat und einer der Hauptanlässe für gewaltvolle Eskalationen war: die Freiheit der Meere und der Meerengen. Allein die amerikanische Marine gewährleiste die Sicherheit und die Befahrbarkeit der internationalen Wasserwege und zwar selbst dann, wenn Amerika sich im Krieg befinde. Was eine Schließung des Suez-Kanals und der Straße von Hormus für den Welthandel bedeuten würde, ist gar nicht auszumalen. Dass dies in den letzten Jahrzehnten nicht geschah, sei nicht den internationalen Abkommen, garantiert durch die UN, zu verdanken, sondern der Dominanz der US-Navy. Denn, so Kagan, die „Weltordnung fußt nicht allein auf Ideen und Institutionen. Sie wird von Machtkonstellationen geprägt. Die Weltordnung der 1990er Jahre spiegelte die Machtverteilung in der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg wider. Die heutige Ordnung entspricht dem wachsenden Einfluss der Großmächte, auch der autokratischen.“ (105)

Der Bund der Demokratien

Die einzig adäquate Reaktion darauf sei ein Bund der Demokratien, der sich eventuell zunächst informell und dann jedoch regelmäßig zu Treffen und Konsultationen zusammenfinden sollten. Die Fehler der 1990er Jahre, also die Annahme, dass die Demokratie sich automatisch durchsetze, müsse vermieden werden. Es gelte offen Partei für die demokratische Idee zu signalisieren und mit anderen Nationen zusammen Themen zu diskutieren, die sich bei den Vereinten Nationen nicht ansprechen ließen. Es gehe um die gegenseitige Solidarität und die Unterstützung derjenigen, die für Freiräume kämpften. Dies betreffe auch Aspekte wie die Frage, ob die Demokratisierung des Nahen Osten oder die Unterstützung von Autokratien dem nationalstaatlichen Interesse Amerikas mehr entspricht. Hierzu Kagan: „Es gibt in diesen Fragen keine neutrale Haltung. Entweder unterstützen die Demokratien der Welt die autokratische Herrschaftsform durch Entwicklungshilfe, Anerkennung, freundschaftliche diplomatische Beziehungen und regelmäßigen Wirtschaftsverkehr oder sie setzen in unterschiedlicher Intensität ihren vielfältigen Einfluss ein, um demokratische Reformen zu fordern.“ (109)
Er wendet sich gegen die Unterstützung von Diktatoren, auch wenn sie proamerikanisch sind. Dies wurde im Kalten Krieg als eine Notwendigkeit erachtet, um die Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern. Jedoch habe bereits die Erfahrung aus der Reagan Zeit deutlich gemacht, dass sich die Förderung der Demokratisierung lohne. „Ja, unter dem Strich lohnt sich das Risiko. Vielleicht lohnt sich das Risiko auch noch einmal im Nahen Osten, und nicht nur als Strategie der Demokratisierung, sondern im Rahmen einer größer angelegten Kampagne gegen den radikalen Islamismus, die dessen Konfrontation mit der modernen globalisierten Welt beschleunigt und verstärkt.“ (110)
Notwendig sei es, sich vor Augen zu führen, dass die Ausbreitung der Demokratie historisch eine junge Entwicklung ist, die erst nach dem Sieg über den Nationalsozialismus einsetzte und nach dem Ende des Kalten Krieges seine Fortsetzung fand. Die Hoffnungen auf eine neue Weltordnung waren richtig, aber haben sich als naiv entpuppt. Es bestehen neue Herausforderungen. Diese zu ignorieren, sei keine Option. Die liberalen Demokratien müssten sich ihnen annehmen.

Abschließende Bewertung

Das analytische Potential des Buches von Kagan, das das 19. Jahrhundert als Erkenntnisfolie benutzt, dürfte deutlich geworden sein. Im postmodernen Europa beschäftigt man sich nicht mit Machtpolitik und nationalstaatlichen Interessen, sondern setzt die Hoffnung in die UNO und darauf, dass sich alle Konflikte durch Reden und Verhandeln lösen lassen. Eine Ironie der Geschichte ist dabei, dass die Perspektive Kagans eine Konsequenz aus der europäischen Geschichte ist, die durch (meist jüdische) Immigranten, wie beispielsweise Morgenthau und Kissinger, in die amerikanische Diskussion gebracht wurde und die aus einer persönlichen Verfolgungs- und Diskriminierungserfahrung resultiert. Lediglich dem amerikanischen Einfluss nach dem Zweiten Weltkrieg und der erfolgreichen Zivilisierung (West-) Deutschlands ist es zu verdanken, dass sich eine Abkehr von der europäischen Geschichte vollziehen konnte und Europa und vor allem Deutschland sich heute seinen Pazifismus zu Gute hält. Sich dessen nicht bewusst zu sein, verweist auf einen Verfall der historischen Urteilskraft. Dies sieht auch Kagan, wenn er in einem anderen Buch schreibt: „And now, in the final irony, the fact that the US military power has solved the European problem, especially the ‚German problem', allows Europeans today, and Germans in particular, to believe that American military power, and the ‚strategic culture' that has created and sustained it, is outmoded and dangerous.“(2)
Kritikwürdig an Kagans Position, und damit steht er exemplarisch für die Neocons, ist, dass er keinerlei Perspektive jenseits einer nationalstaatlich organisierten Welt denken kann. Sicherlich tritt er für die Ausbreitung der Freiheit und der Selbstbestimmung des Einzelnen ein, was seine Position emanzipatorischer macht als die aller Kulturrelativisten und Kritiker der vermeintlich eurozentristischen Aufklärung, dennoch verfällt er selbst in eine problematische Argumentation, wenn er eine anthropologische Konstante, das vermeintlich ewige menschliche Streben nach Macht, bemüht, um aktuelle politische Konstellationen zu erklären. Des Weiteren bedürfte es einer Darlegung der Bedingungen, die für den Erfolg einer Demokratisierung notwendig sind. Kagan schimmert zwar der Zusammenhang zwischen ökonomischem Wohlstand und Liberalismus, sowie zwischen ökonomischer und kultureller Freiheit, leider bleibt dies jedoch weitgehend unbestimmt. Eine weitere Schwachstelle ist, dass er die Wirkmächtigkeit der ideologischen Aspekte in der aktuellen Konstellation unterschätzt. Die islamistische Ideologie des Iran, der staatlich propagierte Antisemitismus und der Hass auf Israel spielen bei ihm faktisch keine Rolle, wenn er die Hegemoniebestrebungen des Iran diskutiert. Unbeachtet bleibt auch die iranische Kooperation mit der Hamas und der Hisbollah, also die Zusammenarbeit zwischen rogue states und nichtsstaatlichen Terrororganisationen.

Zusatz: Die Veränderung der amerikanischen Außenpolitik

Interessant ist ferner, wie sich die Außenpolitik unter der neuen amerikanischen Regierung gestalten wird. Dass es zu einer fundamentalen Änderung kommt, ist nicht anzunehmen. Bereits in den letzten Jahren ist der Einfluss der neokonservativen Ideen auf die Außenpolitik Amerikas massiv zurückgegangen. Pars pro toto stehen dafür die Entlassung Donald Rumsfelds als Verteidigungsminister und John Boltons als UN-Botschafter. Dies hängt nicht zuletzt mit der verfehlten Politik im Irak zusammen. So richtig der Sturz der totalitären Ba'ath-Diktatur unter Saddam Hussein bleibt, so wichtig ist es aber auch einzugestehen, dass im Nachkriegsirak so gut wie alle Fehler gemacht wurden, die gemacht werden konnten. Der Erfolg einer Demokratisierung, wie er sich in Europa und in Japan nach 1945 zugetragen hat, konnte nicht wiederholt werden. Die jetzige Situation im Irak sollte weder apokaplyptisch noch schönfärberisch dargestellt werden. So sind die gerade stattgefundenen Wahlen, in denen sich eine partielle Abkehr von religiösen Parteien vollzogen hat, ohne Zweifel positiv zu werten. Dennoch wird sich der Irak im besten Fall in den nächsten Jahren zu einem formal demokratischen Staat entwickeln, der de facto in drei Teile geteilt ist und in dem Stammesaffiliationen über die Loyalität entscheiden. Der Zeitplan für den Abzug der US-Truppen wurde bereits unter der republikanischen Regierung ausgehandelt und wäre von jedem Präsidenten durchgezogen worden. Amerika kann nicht ewig über 100 000 Soldaten im Irak stationiert lassen. Zugleich wird es nicht zu einem vollständigen Abzug kommen. Amerikanische Militärberater und Spezialtruppen werden auf lange Zeit bleiben, weil ein Auseinanderbrechen des Irak durch einen Bürgerkrieg unvorhersehbare und deshalb auf jeden Fall zu vermeidende Konsequenzen für die gesamte Region hätte.
Das größte Problem am Krieg gegen den Irak, der von Beginn an ein „war of choice“ (Thomas Friedman), ein gewollter Krieg, war, ist, dass er eine Ablenkung vom Zentrum des war on terror implizierte, von Afghanistan. Afghanistan ist heute der narco state Number One. Circa 90% des weltweit produzierten Opiums wird dort angebaut. Dies bedeutet für die Taliban, die wieder einen großen Teil des Landes kontrollieren, jährlich ungefähr 3 Milliarden Dollar Einnahmen. Zugleich ist Afghanistan nach einer aktuellen Studie einer der korruptesten Staaten auf der Erde. Retrospektiv lässt sich konstatieren, dass es besser gewesen wäre, zunächst die Taliban zu zerschlagen und Bin Laden zu fangen oder zu töten.
Damit wären vorteilhaftere Bedingungen für eine Demokratisierung des Nahen Osten geschaffen gewesen. Die Fokusverlagerung in der amerikanischen Außenpolitik weg vom Irak ergibt sich aus der jetzigen Situation und den dringlicheren Problemen. Das erneute Säbelrasseln Nordkoreas erscheint im Vergleich zur Situation in Pakistan und im Iran fast schon vernachlässigenswert. Die Ernennung von zwei Sonderbotschaftern für Pakistan / Afghanistan und den Nahen Osten durch die neue amerikanische Regierung, zeigt, dass die Brisanz der Situation erkannt wurde. Ob sie Erfolg haben wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Ihr Vorgehen erscheint aber besser als ein stures Festhalten an gescheiterten Konzepten.
Wer ihr einen völligen Bruch mit der Bushpolitik vorwirft, verschließt die Augen vor den Veränderungen der letzten Jahre und verkennt, dass diese Politik (leider) in großen Teilen gescheitert ist. Dass der Iran heute eine Regionalmacht ist, die nach Atombomben strebt, ist ein (ungewolltes) Resultat aus den Kriegen gegen die Taliban und gegen den Irak. Dies könnte jeder wissen, dessen Horizont über Deutschland und sich radikal dünkende kleine Diskussionszirkel hinausreicht.

Sebastian Voigt

Anmerkungen

(1) Robert Kagan: Die Demokratie und ihre Feinde. Wer gestaltet die neue Weltordnung?, München 2008. Das Buch ist auch sehr günstig als Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich. Alle Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe. Der englische Originaltitel ist sehr viel treffender. Er lautet „The Return of History and the End of Dream“, New York 2008.

(2) Robert Kagan: Of Paradise and Power: America and Europe in the New World Order, 2003, S. 43

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last modified: 20.2.2009