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Fadenscheinig

Das Werk II und die Aggrogemeinde. Ein LeserInnenbrief.

Das soziokulturelle Zentrum Werk II vermietet zum wiederholten Male seine große Veranstaltungshalle als Ort für einen Auftritt von Sido, versucht dabei seinen Ruf nicht zu verlieren und veröffentlicht einen Standpunkt. Im Folgenden soll es weniger um eine Bewertung des angekündigten Rappers gehen als vielmehr um die Umgangsweise des Werk II mit diesem Thema.

Die Ankündigung des nahenden Events im Werk II öffnet mit der Betonung der provokanten Art und der Indizierung diverser Songs, um dem einen eigenen „Standpunkt“ folgen zu lassen (vgl. www.werk-2.de). Mit altherrenhaftem Sprachgebrauch versucht sich darin das Werk II, sein kritisches Selbstverständnis zu erhalten. Doch leider bezeugt der „Standpunkt“ nur, dass es damit nicht weit her ist und das Werk II entweder nicht willens oder nicht fähig ist, sein kulturelles und kulturpolitisches Profil am eigenen Anspruch auszurichten.
Die Stellungnahme macht Eines sehr deutlich: das Werk II hat keinen Standpunkt zum Konzert mit Sido oder ähnlich gelagerten Acts. Man betont das Hinterfragen und Diskutieren, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Konsequenzen stehen nicht zur Debatte.
Dabei wird deutlich, dass das gesamte Team des Werk II Sido und Co. durchaus ernst nimmt und deren Aussagen nicht ausschließlich als überhöhtes Spiel mit Metaphern versteht. Angesichts der identitätsstiftenden Verankerung sexistischer und homophober Lyrics und daraus abgeleiteten Handlungen der Aggrogemeinde ist dies durchaus richtig. Doch die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis sind erschreckend und falsch. So werden dem angekündigten Künstler „faschistoide Ansätze zu Frauenbild und Homosexualität“ unterstellt und ihm trotzdem eine Bühne geboten. Möglich wird dies mit dem Verweis auf die Popularität der Aggro-Rapper. Weder argumentiert das soziokulturelle Team, welches die faschistoiden Ansätze konkret sein sollen, noch wird in der Veröffentlichung eine Wertung vorgenommen, geschweige denn Kritik oder eine Gegenposition formuliert. Statt dessen hinterfragt und diskutiert das Team vom Werk II lyrische Qualitäten und wähnt sich, mit dem Verweis auf die soziokulturelle Herkunft, auf der richtigen Seite.
Im „Standpunkt“ werden Sexismus und Homophobie nicht als – Second Life, 15.2k bisweilen performativ auf die Spitze getriebener – Ausdruck weit verbreiteter, gesellschaftlich verankerter Ansichten zu Geschlechterrollen und Homosexualität gekennzeichnet. Vielmehr würden sie im Dienste der „profitablen Indoktrination“ und der „geistigen Marktführerschaft von MTV und Co.“ in die jugendlichen Köpfe gehämmert. Ganz davon abgesehen, dass MTV in diesem Punkt dem Werk II schon einen Schritt voraus ist und das Geschlechterverhältnis und die Repräsentation von Frauen in HipHop-Videos durchaus bisweilen kritisiert, so gleichen sich der Musiksender und der Kulturveranstalter darin, keine Konsequenzen zu ziehen. Zwar wird in kritischer Geste auf dies oder jenes verwiesen, doch noch im gleichen Atemzug dient die Provokation als Verkaufsargument. MTV zeigt weiter unterwürfige, entbößte Frauenkörper und das Werk II veranstaltet Sido.

Letzteres verwehrt sich darüber hinaus geradezu reflexhaft gegen den Vorwurf des Zensierens oder Verbietens. Noch bevor jemand diesen überhaupt erheben könnte, wird der Vorwurf abgewehrt, um das falsche Verständnis von Toleranz nicht zu gefährden. Was wäre schlimm daran, im Dienste eines kulturellen und kulturpolitischen Profils Konzerte mit Sido nicht zu veranstalten? Warum zieht das Werk II keine Konsequenzen aus den eigenen Diskussionen? Warum gab es während der letzten Konzerte keine ernstzunehmenden Versuche, Sexismus oder Homophobie zu thematisieren?

Da hilft auch der Hinweis auf die eigene, sozialarbeiterische Zielstellung, der „Arbeit mit Jugendlichen aller Sparten“ nichts. Denn wohin das führt, hat tatsächlich der Umgang mit Neonazis auch in Leipzig gezeigt. Entgegen des gänzlich unpassenden NPD-Beispiels aus dem „Standpunkt“ des Werk II und ohne eine Gleichsetzung von homophobem HipHop und Nazis vorzunehmen, ist festzuhalten, dass die Veröffentlichung einem Plädoyer für das gründlich gescheiterte Konzept „akzeptierender Jugendarbeit“ argumentativ sehr nahe kommt. Mitte bis Ende der neunziger Jahre galt dieses als eine Möglichkeit des Umgangs mit Nazicliquen in Leipzig-Grünau. Damals wurde in einigen städtischen Jugendclubs konzeptionell vermieden, gegenüber JN Kadern und der Verbreitung einer rassistischen Gesinnung Stellung zu beziehen oder notwendige Grenzen zu setzen. Die SozialarbeiterInnen des Kirschberghauses gaben zu Protokoll: „Ziel des Projektes zur Betreuung dieser ‚rechten` Cliquen ist es, eine allgemeine Ausgrenzung dieser Jugendlichen zu verhindern, selbst Toleranz zu praktizieren und damit auch bei den Jugendlichen Toleranz zu fördern und Radikalismus entgegenzuwirken.“ Die Leiterin der Völkerfreundschaft berichtete nicht ohne Stolz: „Unter anderem konnten wir gewaltbereite, rechtsgerichtete Jugendliche in unsere Projekte integrieren. Die können unsere Proberäume uneingeschränkt nutzen, selbst Instrumente haben wir hier.“ Und nach der Probe konnte die integrierte und für ihre Einstellung belohnte Jugend auf der Straße das umsetzen, was im städtischen Jugendclub beim Bier noch besungen wurde.

Eine Konzertabsage des Werk II käme angesichts der Präsenz von Aggro Berlin keiner autoritären Indizierung oder einem die sinnvolle Auseinandersetzung verhinderndem Boykott gleich. Mit Blick auf die Schwere der vom Werk II erhobenen Vorwürfe gegenüber der geladenen Künstler wäre dies eher ein Lichtblick in der bisweilen konturlosen Programmgestaltung des Werk II und gemessen an den eigenen Aussagen nur konsequent. Es ist eben keine Frage lyrischer Qualitäten, sondern eine Frage nachvollziehbarer kultureller und kulturpolitscher Positionierung.
Als pure Geste ist Kritik nichts Wert und es wäre allemal glaubwürdiger, wenn das Werk II das möglicherweise lukrative Konzert als als eine Veranstaltung unter vielen unkommentiert durchführen würde.

Marvin Alster


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last modified: 24.4.2007