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das Erste, 0.9k

Frieden? – Ja. Aber jetzt?



Während hier die Friedensbewegung endgültig auf antiisraelisch gleichschaltet, behält die Linke in Israel den Überblick. „Schalom achschaw“, „Frieden jetzt“ heißt die größte und einflussreichste Organisation der israelischen Friedensbewegung. Und die Vertreterinnen und Vertreter von „Frieden jetzt“ sind in ihrer Mehrzahl für diesen Krieg. Überhaupt sind die Friedensdemos, die zur Zeit in Tel Aviv regelmäßig stattfinden, vergleichsweise schlecht besucht. Als es um den Abzug aus dem Gaza-Streifen ging, waren auf der Kundgebung, die von „Schalom achschaw“ mitorganisiert wurde, 400.000 Leute. Heute kommen wöchentlich hundert oder zweihundert Menschen zusammen. Zu den Gründen später mehr.
Und wie sieht`s in Leipzig aus? Hier gibt`s jeden Montag eine Mahnwache. Und es gab ein Friedensgebet, das es in sich hatte. In Anwesenheit der „jüdisch-christlichen Arbeitsgemeinschaft“ wurde dort den Jüdinnen und Juden mal so richtig gesagt, wo`s langgeht: Das (christliche) Neue Testament wurde den jüdischen Glaubensvorschriften des Alten Testaments gegenüber gestellt. „Im Alten Testament heißt es: ‚Liebe deine Nächsten und hasse deine Feinde`; Jesus aber hat uns gelehrt: ‚Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die linke hin`“, salbaderte einer vom evangelischen Missionswerk. An dieser Stelle stand eine Dame auf und verließ sichtlich erzürnt und mit dem Ruf „Schalom!“ das schöne harmonische antijudaistische Friedensgebet. Zurück ließ sie die evangelischen Gutmenschen,
Disco-Plakat, 36.1k

Die Jugendjahre des Conne Islands I:
Ein hornaltes Disco-Plakat
Winfried Helbig (der für die Ewigkeit richtig charakterisiert ist als Mann mit der großen Meise und dem kleinen Megaphon [M. Schneider in Incipito 07/2003]) und die Herren Antizionisten vom Verein Arabischer Studenten und Akademiker (VASA). Alle wurden draußen erwartet von ungefähr 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Mahnwache, teils mit Libanon-, teils mit Palästinafahnen, mit Pali-Tüchern und mit auf die Backen (rechte UND linke) gemalten Libanonflaggen. Und mit Schildern: „Mr. Olmert: Bomben auf Frauen und Kinder bringen keinen Frieden“. So kam es, dass die Mahnwache „Für Israel und seine Nachbarn“ ganz ohne Israel auskam. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass ohne Gefahr für die körperliche Unversehrtheit es gänzlich unmöglich gewesen wäre, beispielsweise eine Israelfahne zu zeigen.
Wie hoch das Aggressionspotenzial der Friedensfreundinnen und Friedensfreunde ist, ließ sich in der nächsten Woche studieren, als einige Leute vom Bündnis gegen Antisemitismus das Flugblatt „Dieser Krieg ist notwendig. Kein Appeasement mit Islamisten“ verteilen wollten (siehe Dokumentation in diesem Heft). Die Flyer wurden den Leuten aus der Hand geschlagen und zerrissen. Die herbeigerufene Polizei erkannte messerscharf, dass das BgA mit dem Flugblatt provoziert hatte. Winfried Helbig sagte durch sein kleines Megaphon: „Wir lassen uns nicht provozieren“ und so war der schöne Frieden ohne Israel wieder hergestellt und dessen „Nachbarn“ mit ihren volksdeutschen Brüdern und Schwestern wieder alleine und unbehelligt von Israel-Solidarität.
Am darauf folgenden Samstag gab es dann eine richtige kleine Islamisten-Demo in Leipzig (eine Premiere!). „Allah hu akbar!“ („Allah ist groß!“) wurde skandiert auf dem Weg von der Nikolai- zur Thomaskirche, also beginnend an der Kirche, deren weltberühmte Friedensgebete nicht nur den Frieden im Nahen Osten und den Weltfrieden im Blick haben, sondern auch den „Welttierschutztag“ oder „10 Jahre Nagelkreuz“. In der Thomaskirche, dem Ziel der Demo, gibt es den Pfarrer Wolff und der ist nicht ganz so durchgedreht wie der Kollege von St. Nikolai. In seinem Redebeitrag hat Christian Wolff auf das Existenzrecht Israels als unhintergehbare Voraussetzung einer friedlichen Lösung verwiesen. Dafür wurde er ausgebuht. Applaus bekam er keinen.
Dafür fanden einige Nazis mit ihrer Pali-und-Libi-Soli großes Interesse. Auftritt W. Helbig als Hippie (Bericht von freier-widerstand.net, Rechtschreibung im Original): „Während der Demo konnten einige Flugblätter an Mann und Frau gebracht werden, welche den Anmelder (besagter Hippie) auf die Aktivisten aufmerksam werden lies. Dieser wollte zunächst nur das weitere verteilen der Flugblätter untersagen. Als er jedoch den T-Hemd Aufdruck eines Aktivisten gewahr wurde (Keine Waffen für Israel – Gegen Zionismus) und diesen, mit nach Orientierung ringendem Blick, las, reagierte er auf Gutmenschen art. Der Zug wurde gestoppt und darauf hingewiesen das man hier keines falls gegen Zionismus sei. Des weiteren wurden die Aktivisten aufgefordert die Demo zu verlassen, der Aufforderung wurde folge geleistet und die Demo eben nur am Rand begleitet. Andere Teilnehmer, die das kleine Spektakel unmittelbar verfolgten, äußerten ihr Unverständnis über die Maßnahme und erkundigten sich wo man denn das ‚tolle Teil` beziehen können.“ Herr Helbig ist nun zwar alles Andere als ein Hippie, aber wenn die Nazis zukünftig auch weiterhin von Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Friedensdemo so interessiert und wohlwollend empfangen werden, steht einem besseren Kennenlernen ja nichts im Weg. Auch wenn Helbig selbst sich noch ziert, werden auch zukünftig die Gemeinsamkeiten – zum Beispiel in der Sprache – sicher doch überwiegen: Auf dem Fronttransparent der Demo stand „UNO für alle. Keine Sonderbehandlung für Israel“. ‚Sonderbehandlung` war das nationalsozialistische Code-Wort für die Vernichtung der Juden. Es erfreut sich gerade einer großen Beliebtheit. Auch der antisemitische Werner Pirker von der „Jungen Welt“ verwendete es letztens in dem Kommentar, in dem auch darüber zu lesen war, warum sich für Linke eine Haltung verbietet, die gleichzeitig für Israels Existenzrecht und für die palästinensische Sache ist: „Niemand wäre je auf die Idee gekommen, die Solidarität mit der indigenen Bevölkerung Südafrikas an eine Anerkennung des Apartheidregimes durch den ANC zu knüpfen. Das weiße Südafrika gibt es nicht mehr. Und einen funktionsfähigen Palästinenserstaat wird es erst geben, wenn der Zionismus besiegt ist.“ (jw, 11.08.06)
So ist das, wenn in Deutschland in Frieden gemacht wird: Während die einen (in diesem Fall O. Lafontaine) dazu aufrufen, für das Existenzrecht Israels einzutreten und gleichzeitig mit denen solidarisch zu sein, die dieses Recht nicht anerkennen, rufen andere (hier: W. Pirker) zur Vernichtung Israels auf. Wieder andere wollen, dass Israel auch noch andere Backen hinhält (aber ‚bitte keinen Antizionismus auf unserer antiisraelischen, antijudaistischen Veranstaltung mit allen Fahnen außer der israelischen!`) oder erkundigen sich, wo auch nicht-antizionistische Linke Nazi-Shirts mit dem Aufdruck „Gegen Zionismus!“ kaufen können.
Verlassen wir dieses traurige Land (und insbesondere die noch traurigere Stadt Leipzig, wo Stalinisten-Zausel von Nazis Hippie genannt werden und Jeanswesten-Träger sowohl Pfaffe als auch Revolutionsheld zu sein vorgeben dürfen) und gehen wir nach Israel. Dort gibt es ja auch eine Linke, die es in sich hat, und eine Friedensbewegung. Es gibt sogar einen Zausel: Uri Avnery. Aber er versammelt mit der von ihm gegründeten Organisation Gusch Schalom nicht mehr Tausende, sondern nur einige Dutzend Menschen bei den Friedensdemos, die wöchentlich in Tel Aviv stattfinden. Ein Großteil der Bevölkerung, aber eben auch viele derer, die an der Seite Avnerys für den Abzug aus dem Gaza-Streifen demonstriert hatten, sind nun für den Krieg. Der Grund ist simpel: Es geht nicht um Besatzung oder um Operationen auf fremdem Gebiet, sondern es geht um die Verteidigung der Unversehrtheit der Grenzen des Staates Israel und damit um seine Existenz. Viele Israelis, und auch Leute aus der Friedensbewegung, fragen sich, was Israel für seine Rückzüge aus dem Gaza-Streifen (letztes Jahr) und aus dem Südlibanon (im Jahr 2000) bekommen hat: außer Raketenangriffen nichts. Henryk M. Broder hat recht und drückt aus, was die Israelis denken, wenn er im Interview mit dem „Standard“ sagt: „Der Konflikt würde genauso bestehen – genauso drei Mal unterstrichen –, wenn Israel nur aus der Tel Aviver Strandpromenade bestehen würde.“ (Der Standard, 10.08.06) Den Islamistinnen und Islamisten von Hamas und Hisbollah geht es nicht um eine eigene Staatlichkeit für Palästina in anerkannten Grenzen. Ihnen geht es (wie es auch in ihren Programmen steht) um die Vernichtung Israels.
Amos Oz, bekannter israelischer Schriftsteller und der Friedensbewegung gewogen, hat mit einigen anderen Intellektuellen vor einigen Wochen den Krieg gegen die Hisbollah verteidigt. „Schalom Achschaw“ hat bekannt gegeben, dass es die Friedensdemos derzeit nicht als Organisation unterstützt. Kurz vor dem in Kraft getretenen Waffenstillstand (Stand: 14.08.) hat fast der gleiche Kreis von Intellektuellen die Einstellung der Kampfhandlungen gefordert. Nicht jedoch, weil der Krieg falsch gewesen wäre, sondern weil er erreicht habe, was er habe erreichen können und seine Fortsetzung unnötig Menschenleben auf beiden Seiten riskieren würde, ohne die Hisbollah weiter zu schwächen.
Ein guter Bekannter von Uri Avnery und Amos Oz, wie Letzterer ein Gründungsmitglied von „Schalom Achschaw“, Amir Peretz, ist zur Zeit israelischer Verteidigungsminister und sorgt in dieser Funktion für friedenschaffende Maßnahmen: die Entwaffnung der Hisbollah. Und so bleibt wahr, was in polemischer Absicht schon einige Male gesagt wurde: Die wirkliche Friedensbewegung und emanzipatorische Kraft in dieser Region ist die israelische Armee.

Sven

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last modified: 28.3.2007