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Tomorrow-Café, 1.5k

Einführung in den Anarchismus –
Teil 3.

Zusammenfassung einer Vortragsreihe im Theorie-Café(1)


Fortsetzung von 3.5. Peter A. Kropotkin (1842 – 1921) – Anarcho-Kommunismus und -Syndikalismus*

Wie der letzte Teil gezeigt hat, unterscheidet sich die Charakterisierung des menschlichen Wesens, wie sie von Kropotkin verteidigt wird, von den in dieser Hinsicht üblichen anarchistischen Annahmen nur durch die wissenschaftliche Akribie, mit welcher der russische Anarchist seine Anschauungen belegen wollte. Ebenso wie bspw. auch Michail Bakunin setzte er großes Vertrauen in die angeblichen Fähigkeiten des „Volks“, sich selbst solidarisch und freiheitlich organisieren zu können. Dieses Vertrauen steigerte sich bei Beiden bis hin zur Prophezeiung der freien Assoziation von Menschen, welche unvermeidlich am Ende der Geschichte stehen würde und durch keine Kraft auf Erden aufgehalten werden könne. Abgesehen von dieser Einstimmigkeit den Lauf der Geschichte betreffend, unterscheiden sich ihre konkreten Gedanken zur anarchischen Gesellschaftsorganisation allerdings erheblich.
Im Gegensatz zu den Anarchisten Proudhon oder Bakunin, welche die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums anhand der unmittelbar geleisteten Arbeitszeit als einzig gerechte Alternative zum bestehenden Lohnsystem vorschlugen, verwirft Peter A. Kropotkin eine auf Tauschverhältnissen basierende Wirtschaftsordnung völlig. Während seine anarchistischen Vorgänger stets nur den „gerechten Lohn“ und den unmittelbaren Tausch von Waren gegenüber dem auf Geld basierenden etablieren wollten, übernahm er die von den kommunistischen Sozialisten formulierte Losung „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“. Die Vorstellung, dass Menschen anhand ihrer Leistung zu messen seien, kritisierte Kropotkin scharf und wandte sich energisch gegen jede Form von Verteilung, die ein derartiges Kräftemessen und einen Wettstreit um individuellen Besitz zulassen würde. Seinen Schätzungen zufolge sollte es in einer anarchischen Gesellschaft ausreichen, dass die Menschen ca. Vier bis Fünf Stunden am Tag der Tätigkeit nachgehen, welche sie am liebsten tun. Der dadurch geschaffene Reichtum stehe dann allen in gleicher Weise zur Verfügung und es könnte sich je nach individuellen Neigungen alles davon genommen werden, was benötigt wird. Weiterhin schlug Kropotkin vor, die üblicherweise „unangenehmen Arbeiten“ so gut es geht von Maschinen ausführen zu lassen und wo dies nicht möglich ist, sie bestmöglich auf sämtliche dazu fähige Menschen zu verteilen, in erster Linie aber an jene, die möglicherweise Gefallen an ihnen haben.
Sein „Anarcho-Kommunsimus“ bricht auch mit den bis dahin üblichen Vorstellungen der anarchischen Gesellschaftsstruktur. Da Kropotkin wie schon erwähnt ein starker Verfechter der angeblich selbstregulativen Kräfte „des Volks“ war, schien ihm in keinster Weise eine wie auch immer vorbestimmte Form oder Struktur einer freien Assoziation angemessen. Im Unterschied zu den föderalen Konzepten Proudhons oder der starren pyramidenartigen Verteilung der Kompetenzen „von unten nach oben“, wie sie Bakunin entworfen hatte, bezeichnete er die zukünftige, freie Gesellschaftsform als amorph(2). Das bedeutet, dass es zum Einen selbstverständlich keine oberste Regierung oder eine Hierarchie zwischen bestimmten „Ebenen“ der Gesellschaft geben kann. Zum Anderen ist diese Bezeichnung aber auch so zu verstehen, dass eine an individuellen Bedürfnissen gemessene Gesellschaft nicht durch festgeschriebene Regeln funktionieren könne, sondern im stetigen Wandel begriffen sein müsste. Selbstverständlich ist dieser Dezentralisierungsgedanke wie bei den meisten Anarchisten v.a. auch als Kritik der autoritär-staatlichen Sozialismusvorstellungen zu verstehen. Die Basis einer kommunistischen Gesellschaft liegt nach Kropotkin nicht in einem alles beherrschenden und lenkenden Staatsapparat, sondern in vorwiegend selbstständigen Kommunen, welche im Bezug auf Produktion und Verteilung gemeinschaftlich verwaltet werden. Diese Kommunen sollten allerdings nicht an die landwirtschaftliche Rückständigkeit seiner Zeit erinnern, sondern geprägt sein von hoch technisierten Fertigungsmethoden und demnach von dem geringstmöglichen Aufwand menschlicher Arbeitskraft. Im Gegensatz zu den damals und auch heute üblichen industriellen Produktionsstätten setzte sich Kropotkin allerdings energisch gegen die Zentralisierung und Urbanisierung von Menschen und Fertigungsanlagen ein. Die Ballung von Industrien würde ihm zufolge eine überschaubare und selbstregulierte Produktion unmöglich machen. Der üblichen Großindustrie, welche „nichts anderes als Ansammlungen verschiedener besonderer Industrien“ oder „nur Hunderte von Wiederholungen der gleichen Maschine“ sei(3), sind demnach hochtechnisierte Kleinindustrien in übersichtlichen Gemeinden vorzuziehen.(4) Aufgrund moderner Kommunikationsmethoden seien Vereinbarungen zwischen verschiedenen Kommunen mehr und mehr unkomplizierter und Rohstofflieferungen, Aufteilung der Produktion verschiedenster Güter usw. immer einfacher zu koordinieren. Vor allem in Zeiten, in denen gemeindenahe Produktionsanlagen nicht mehr einem ökologischen Desaster gleichkommen, da für die meisten Produktionszweige umweltfreundliche (aber teure) Methoden zur Verfügung stehen und in der weltweit Zugang zum Internet und anderen modernsten Kommunikationsmethoden besteht, sollten derartige Überlegung wieder Aktualität genießen.
Vor allem dieser Aspekt der gegenseitigen, auch globalen Absprache zwischen bestimmten Kommunen, gewinnt mehr Bedeutung angesichts der Tatsache, dass kleine Gemeinden zwar ohne weiteres fähig seien, ihre Mitglieder zu ernähren, zu kleiden und ihnen Wohnraum zu verschaffen, jedoch dieser Standard der Bedürfnisbefriedigung weder den technologischen Möglichkeiten noch den vorhandenen Bedürfnissen der Menschen angemessen ist. Kropotkin schreibt im ersten Band seiner Aufsatzsammlung „Worte eines Rebellen“: „Unsere Bedürfnisse sind so verschiedenartig, sie vermehren sich so schnell, daß eine einzige Föderation bald nicht mehr genügen wird, um sie alle zu befriedigen. Die Kommune wird also das Bedürfnis fühlen, noch andere Bündnisse zu schließen, sich anderen Föderationen beizugesellen.“ (Frankfurt 1978, S. 73). Diese Vernetzung dürfe allerdings nicht missverstanden werden als vorgeplante globale Föderation, welche alle Kommunen in sich zu vereinen hätte, sondern als je nach Anliegen oder Bedürfnis zustande kommende Vereinigung, welche nicht um ihrer selbst Willen zu bestehen hat.
Abgesehen von der Organisation der Produktion gesellschaftlichen Reichtums weist Kropotkin zudem noch darauf hin, dass Verbindungen unter Menschen einer freien Gesellschaft nicht nur einseitig unter dem Mantel ökonomischer Interessenabklärung zu verstehen seien, sondern dass in ihnen vor allem auch die sozialen Bedürfnisse der Menschen eine neue und angemessene Entsprechung zu finden hätten. Mit diesen Vorstellungen eines „Anarcho-Kommunismus“ unterscheidet er sich in der Tat von vielen seiner Mitstreiter. Doch auch wenn seine Theorien die gängigen Vorstellungen eines Kollektivismus kritisierten, war Kropotkin an einer Neuorientierung anarchistischer Gruppen mit beteiligt und trug wesentlich zur Entstehung der bis heute unter Anarchisten am häufigsten bevorzugten Organisationsform bei: dem Anarcho-Syndikalismus.

3.6. Anarcho-Syndikalismus

Syndikate waren ursprünglich eigentlich nichts anderes als gewerkschaftliche Arbeitervereinigungen, die meistens an einen bestimmten Betrieb, bzw. Produktionszweig gebunden waren. Im Unterschied zu den heutigen Gewerkschaften, deren meist nur noch die Rolle der Interessenvertretung von Arbeitnehmern in Tarifgesprächen zukommt, waren die Ziele der Syndikalismusbewegung allerdings in erster Linie die selbstorganisierte und gemeinschaftliche Übernahme der Produktionsmittel. Sie entstand im 19. Jahrhundert in Frankreich, wo syndikalistische Vereinigungen auch erstmals legalisiert wurden. Im Jahr 1895 gab es dort bereits ca. 700 von ihnen. Obwohl vielen Anarchisten schnell die zahlreichen Übereinstimmungen zwischen Anarchismus und Syndikalismus im Bezug auf Selbstorganisation und Föderalismuskonzeptionen auffielen, gab es zahlreiche Diskussionen über das Für und Wider einer anarchistischen Beteiligung an Syndikaten. Die Befürworter, unter ihnen – z.B. Kropotkin, aber auch romanische Anarchisten wie Pellontier oder Monatte – wiesen vor allem darauf hin, dass neben den schon erwähnten theoretischen Gemeinsamkeiten der Syndikalismus v.a. wegen seiner Massenbasis in der Bevölkerung für eine Beteiligung anarchistischer Strömungen attraktiv sei. Zudem hatte der Anarchismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts in seiner desolat isolierten Situation kaum noch etwas zu verlieren und der Syndikalismus schien als Quelle für neue Ideen und Impulse mehr als geeignet.
Die Hauptargumente der Gegner dieser Vereinigung – ihr prominentester Vertreter war wohl der Italiener Malatesta – beschränkten sich im Wesentlichen auf die Bedenken, dass der Syndikalismus nur reformistisch die Arbeitssituation verbessern wolle und mit einer sozialistischen Umwälzung der Gesellschaft nicht viel zu tun habe. Zudem wurden Befürchtungen gehegt, die Bürokratie des Syndikalismus könnte die anarchistischen Ideale einer spontanen Selbstorganisation untergraben.
Da die Befürworter schnell in der Mehrzahl waren und die meisten anarchistischen Aktivisten angesichts ihrer erschreckenden Bedeutungslosigkeit sowieso verzweifelt nach neuen Organisations- und Aktionsformen suchten, strömten sie zur Jahrhundertwende zahlreich in die Syndikate. Das Ziel des durch diese gegenseitige Beeinflussung entstandene Anarcho-Syndikalismus war in erster Linie die baldmöglichste Übernahme der Produktionsmittel und die genossenschaftliche Produktion. Zum Einen um augenblicklich die Arbeitsbedingungen der Betroffenen zu verbessern und zum Anderen, um nach anarchistischem Modell durch föderale Vernetzung der Syndikate die kapitalistische Produktionsweise zu überwinden.
Diese neue Form des sozialen Protests fand sehr schnell begeisterte Anhänger in den romanischen Ländern, wo ja zuvor auch schon die politischen Ideen Bakunins zahlreiche Anhänger hatten. Im Zuge des spanischen Bürgerkriegs zwischen faschistischen und antifaschistischen Gruppierungen gelang es den Anarcho-Syndikalisten in Katalonien sogar weitgehende Funktionen zu übernehmen. Obwohl es in der Geschichte auch zahlreiche andere anarchistische Bewegungen auf jedem Kontinent gab, welche zeitweise das gesellschaftliche Zusammenleben organisierten, hat wohl keine die Popularität des katalonischen Anarcho-Syndikalismus erreicht. V.a. weil sich auch heute noch zahlreiche Anarchisten auf jenen praktischen Umsetzungsversuch, eine freie Gesellschaft zu organisieren, berufen, soll er hier noch einmal etwas genauer betrachtet werden.

3.7. Die CNT/FAI und der spanische Bürgerkrieg*

Die CNT (Confederacion Nacional del Trabajo) wurde 1910 in Spanien gegründet und mit ihr erlangte der in Frankreich entstandene Anarcho-Syndikalismus in Spanien seine größte Wirksamkeit. Ihr Zentrum lag zwar in Barcelona, der Hauptstadt Kataloniens, allerdings kann in dieser Hinsicht von einer zentralisierten Parteispitze keine Rede sein. Die spanischen Syndikate waren vorwiegend auf lokaler Ebene organisiert und vereinigten anders als beim französischen Original die Arbeitenden aller Produktionszweige in sich. Aufgrund dieser dezentralisierten Struktur besaß die CNT so gut wie keine Bürokratie. Zum Zeitpunkt ihrer größten Popularität im Jahr 1936 hatte sie trotz einer Mitgliederzahl von weit über Einer Million nur einen einzigen bezahlten Funktionär, welcher jederzeit abwählbar war. Die Führungskader der lokalen Syndikate entschwanden nicht der Basis in der Bevölkerung, sondern blieben im allgemeinen in ihrer Gemeinde, gingen weiter ihren Tätigkeiten nach und waren daher meist ansprech- und kontrollierbar.
An sozialen Partnerschaften oder Lohnverhandlungen hatte die CNT so gut wie kein Interesse. Ihre Forderung nach der endgültigen Abschaffung kapitalistischer Verhältnisse fand ihren Ausdruck in einem permanenten und offenen Klassenkampf, der nicht nur wie bis dahin bei Syndikalisten üblich mit dem Mittel des Generalstreiks geführt wurde, sondern ebenfalls dem bewaffneten Aufstand nicht ablehnend gegenüberstand. Die Militanz der CNT und die Wahl ihrer Methoden: Streik, Guerilla, Sabotage, Enteignung usw. sind jedoch nicht auf eine generelle Gewaltverherrlichung zurückzuführen, sondern auf die sozialen Verhältnisse, in der sie ihre politische Tätigkeit begann. Jene waren geprägt vom Elend großer Bevölkerungsschichten, heftigen Klassengegensätzen und vor allem auch von der alltäglichen Gewalt seitens des Staates. Jene Notwendigkeit zu illegalen Operationen war natürlich nicht vereinbar mit einem öffentlichen Auftreten der CNT als Massenorganisation, weswegen sich 1927 eine nur aus CNT-Mitgliedern bestehende Nebenorganisation, die FAI (Federacion Anarquista Iberica) formierte, welche weitgehend die Untergrundaktionen organisierte. Die im Endeffekt nicht von weitgehendem Erfolg gekrönten Aktionen der CNT/FAI, welche ab ca. 1917 auch im Verbund mit der sozialistischen Gewerkschaft UGT (Union Gerneral de Trabajadores) stattfanden, prägten ihr politisches Wirken bis zur Mitte der dreißiger Jahre und waren getrieben von dem Anliegen, die gesamte spanische Arbeiterschaft zur sozialen Revolution zu bewegen, um dem Verbund aus Großgrundbesitzern, Industrie-Bourgeoisie, Militär, der Kirche und dem Königshaus ein Ende zu bereiten. Ab 1936 war die Aufgabenverteilung der CNT allerdings verschoben, da in diesem Jahr der spanische Bürgerkrieg zwischen der reaktionären Union von Kirche, Großgrundbesitzern, Monarchisten sowie den Faschisten und einer antifaschistischen Volksfront ausbrach, welche aus Anarchisten Sozialisten, Kommunisten, Republikanern und verschiedenen demokratischen Kräften bestand. Der Krieg wurde ausgelöst durch den Putschversuch einiger Generäle unter der Führung Francos, welcher überhaupt erst Anlass dafür war, dass sich die verschiedensten Gruppierungen gegen diese Bedrohung zusammenschlossen.
Bis zum Sieg der Faschisten 1939 waren die Interessen der spanischen Anarchisten also dahingehend verändert, dass die Verteidigung der von antifaschistischen Gruppen verwalteten Gebiete Spaniens höchste Priorität genoss, weswegen sie ihre zum Teil heftigen Auseinandersetzungen mit stalinistischen u.a. politischen Gruppen in Anbetracht der Bedrohung durch die Faschisten vorerst zurückstellten. Andererseits gab es keinen Grund dafür, nicht auch in den von ihnen kontrollierten Gebieten, d.h. vorwiegend in Katalonien, die anarcho-syndikalistische Umstrukturierung der Gesellschaft voranzutreiben. Bei diesem Vorhaben gab es Seitens der CNT gemäß dem anarchistischen Ideal der Selbstorganisation viele Auslegungsmöglichkeiten und nur wenig klare Prinzipien. Diese waren v.a. die Einrichtung einer freien Gesellschaft ohne Herrschaft und Ausbeutung, die Enteignung und selbstverwaltete Übernahme der Produktionsmittel und die gerechte Verteilung des sozialen Reichtums. Anhand verschiedener Organisationsmodelle im industriellen und landwirtschaftlichen Bereich wird sich nun zeigen, inwieweit dieses Ziel erreicht wurde(5):
Im Agrarsektor kam es zur Gründung verschiedenster Kollektive. Den meisten war gemein, dass nur persönliche Möbel, Kleidung, ein wenig Land und Kleinvieh nicht zum Gemeineigentum zählten und alles übrige prinzipiell der Verwaltung des Kollektivs zu übergeben war. Die landwirtschaftlichen Flächen wurden größtenteils zusammengelegt und im allgemeinen verbrannte man bei Gründung eines Kollektivs auch zunächst alle auffindbaren Grundbücher, Besitzurkunden usw. Beim Eintritt in ein Kollektiv, welcher meist freiwillig war (es wurde nur in vereinzelten Fällen von Zwangskollektivierungen berichtet), hatte man zwar sämtliches Vermögen abzutreten, jedoch wurden auch Schulden weitgehend übernommen. Ebenfalls freiwillig war der Verbleib im Kollektiv. Es war zwar in Ausnahmen ein Ausschluss möglich, dann wurde jedoch der abgetretene Besitz zurückgegeben.
Die Rechte eines jeden Kollektivisten waren im wesentlichen kostenlose Strom- und Wasserversorgung ebenso wie Wohnung. Ebenfalls der Besuch von Bildungseinrichtungen stand für alle Bevölkerungsschichten zur Verfügung, genauso wie medizinische Versorgung, Alten- und Invalidenpflege. Allerdings gab es auch Pflichten für die Kollektivbewohner. Diese waren vorwiegend die Schulpflicht für Kinder bis 14 Jahre und die Arbeitspflicht für alle Menschen, die nicht durch Alter oder Krankheit beeinträchtigt waren. Man wurde zwar nicht mit den Waffen zur Produktion gezwungen, allerdings bei Verweigerung der Arbeit im allgemeinen von der übrigen Verteilung der geschaffenen Güter ausgeschlossen. Männer und Frauen zwischen 14 und 60 arbeiteten also. Und dies auch vorwiegend nach den üblichen Klischees der Geschlechterrollen: Männer auf dem Feld oder in Fertigungsanlagen, Frauen in den Schulen, im Pflegebereich oder dem des Haushalts.
Bei der Verteilung der hergestellten Gebrauchsgüter und Lebensmittel hatten sich schnell zwei verschiedene Systeme herausgebildet: Das kommunistische Verteilungsprinzip und der Familienlohn. Bei ersterem wurde nach Eintritt ins Kollektiv und der Aufnahme der Arbeit ein Produzentenausweis ausgestellt. Mit ihm konnte man sich dann in den dafür zuständigen Lager- und Verteilungshäusern alles aushändigen lassen, was man benötigte. Obwohl kriegsbedingt dieses Verteilungsprinzip nur selten zur Anwendung kam, funktionierte in jenen Kollektiven das öffentliche Leben völlig ohne Geld oder anderer dafür benutzter Tauschmittel. Weit häufiger kam jedoch der Familienlohn zur Anwendung. Bei diesem Prinzip gab es zwar keine Verteilung gemäß dem am Individuum orientierten Prinzip „jedem nach seinen Bedürfnissen“, allerdings nahm man auch nicht die erbrachte Leistung der Kollektivisten als Maß. Der gemeinsam geschaffene Reichtum wurde anhand von Einheitslisten verteilt, in denen versucht wurde, eine Art Durchschnittsmenge an benötigten Gegenständen je nach Familienstand, Wohnverhältnissen, Art der ausgeführten Tätigkeit usw. zu erstellen. In jener Einheitsliste für Bedürfnisse waren je nach Kollektiv eine Anzahl von speziellen Bons oder Peseten pro Person oder Familie festgeschrieben, welche jedem Kollektivisten zur Verfügung stehen sollten.
Man kann festhalten, dass im Zuge dieses Umstrukturierungsversuchs zwar verschiedene Kommunen entstanden, welche in sich geschlossen zwar halbwegs gerecht funktionierten und in Anbetracht der Kriegssituation gewaltige soziale Fortschritte machten, jedoch war das Kollektivsystem im landwirtschaftlichen Sektor allgemein betrachtet alles andere als gerecht. So wurde sich dem Problem, dass der Reichtum eines Kollektivs stark von der geographischen Lage oder Fruchtbarkeit der Böden abhängig ist, kaum gestellt. Auch die Tatsache, dass die Mitglieder der verschiedenen Kommunen mit unterschiedlich großem Besitz eintraten wurde nicht berücksichtigt. Jede einzelne Assoziation hatte vorwiegend für sich zu wirtschaften und so entstanden zwar wie schon erwähnt recht wohlhabende und gut versorgte unter ihnen aber auch andere, in denen sich die wirtschaftliche Lage der Menschen kaum zum Besseren veränderte.
Im industriellen und städtischen Sektor war dies kaum anders. Wenige Tage nach Bekanntwerden des Vorhabens der CNT/FAI, die spanische Gesellschaft anarcho-syndikalistisch zu organisieren(6), waren 70% der Fabriken, das gesamte Transportwesen, die öffentlichen Dienste (Stadtwerke, Post usw.), Hotels, Restaurants, Zeitungen und der gesamte Kulturbetrieb (Kinos, Theater) unter der Verwaltung der CNT organisiert. Einzig die Banken und somit das Geld waren fest in der Hand regierungstreuer Beamter. Die Betriebe wurden nun vorwiegend von den Belegschaften selbstständig übernommen, weswegen die Arbeiter nun die Fabriken als ihren Besitz verstanden. Die Entlohnung der Arbeitenden wurde teils in der alten Lohnstaffelung beibehalten, teils durch einen Einheitslohn abgelöst. In jedem Fall wurde aber die Entlohnung durch Geld beibehalten. Allerdings waren nun betriebliche Absicherungen wie die Arbeitslosen-, Unfall- und andere Versicherungen vorgeschrieben. Diese von den Arbeitern selbst getragene Produktion führte nun aber genau zum Gegenteil eines solidarisch gestalteten Produktions- und Verteilungssystems. Ebenso wie im Agrarsektor beschworen die Anarcho-Syndikalisten einen rücksichtslosen Betriebsegoismus, bei dem jede Belegschaft nur versuchte innerhalb der eigenen Möglichkeiten das meiste herauszuholen.
Dieses System wurde von den kommunistischen und sozialistischen Rivalen der CNT/FAI m.E. zu Recht auch als „Syndikalistischer Kapitalismus“ oder „Neoarbeiterkapitalismus“ bezeichnet. Rückblickend zeigten sich allerdings auch Teile der anarcho-syndikalistischen Bewegung einsichtig und gestanden viele ihrer Fehler ein. So zum Beispiel Abad de Santillan: „Wir sahen im Privateigentum an Arbeitswerkzeugen, Fabriken und Verkehrsmitteln und im kapitalistischen Verteilungsapparat die Hauptursache des Elends und der Ungerechtigkeit. Wir wollten die Sozialisierung allen Reichtums, damit kein einziger Mensch mehr vom Festgelage des Lebens ausgeschlossen bleibe. Wir haben einiges getan, aber es war nicht gut getan. An die Stelle des früheren Besitzers haben wir ein halbes Dutzend gesetzt, und sie betrachten die, von ihnen geleiteten Fabriken oder Verkehrsbetriebe als ihren Besitz, dazu auch noch mit dem Nachteil, daß sie nicht immer wissen, wie man ein Verwaltungsgetriebe organisiert und die frühere Betriebsleitung durch eine bessere ersetzt.“(7)

Trotz des zeitweise großen Einflusses der CNT/FAI in der Bevölkerung Spaniens, scheiterten ihre Vorhaben wenig später nicht nur wegen der Niederlage im Bürgerkrieg. Da ihr nie daran gelegen war, sich selbst als Regierungsmacht zu installieren(8), gab sie ihren politischen Gegnern die Gelegenheit, dies umso wirkungsvoller zu tun. Abgesehen von der immer größer werdenden Macht ihrer Rivalen, war die CNT/FAI auch durch die Erfolge Francos bei der Eroberung der iberischen Halbinsel unter Druck gesetzt. Da sie aufgrund ihrer anarchistischen Ideale zunächst politische Ämter ablehnte und später nicht viel mit ihnen anzufangen wusste, als sie um eine Beteiligung an der Regierung nicht herum kam, wurde die Partei der Anarcho-Syndikalisten halbwegs schnell von den Kommunisten und Sozialisten politisch Matt gesetzt und verdrängt. Die noch übrig gebliebenen Kollektive wurden schließlich durch den Sieg faschistischer Truppen 1939 zerschlagen und auch die Mitglieder der CNT/FAI hatten nun damit zu tun, nicht selbst Opfer der Faschisten zu werden. Mit der Machtübernahme durch Franco endet damit prinzipiell die Geschichte des spanischen Anarcho-Syndikalismus.

3.8. Der Anarchismus im 20. und 21. Jahrhundert*

Die Popularität des spanischen Anarcho-Syndikalismus wurde geschichtlich von keiner anderen anarchistischen Bewegung mehr erreicht. Allerdings trug vor allem die Vertuschung anarchistischer Bestrebungen auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs wesentlich zu einer Art Geschichtsfälschung bei, welche dem Westen wie dem Osten den endgültigen Sieg im Laufe der Geschichte attestieren sollte. Da beide Gesellschaftssysteme für sich reklamierten, das Ende der Geschichte zu symbolisieren, konnte ihnen an noch einer konkurrierenden Vorstellung einer freien Gesellschaft nicht viel gelegen haben. Abgesehen von der Machno-Bewegung in der Ukraine, welche blutig vom sowjetischen Militär niedergeschlagen wurde(9), gab es allerdings Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts vereinzelt anarchistische Bestrebungen v.a. in Südamerika und China, welche jedoch ähnlich wie in Spanien nicht lange Bestand hatten. Des weiteren wären noch einige geschichtliche Ereignisse und Entwicklungen zu nennen, an denen Anarchisten nicht unbeteiligt waren. In der Münchener Räterepublik, einem Regierungsbündnis aus Sozialisten, Anarchisten, Kommunisten und anderen linken Kräften nach Ende des Ersten Weltkriegs waren trotz ihrer Kritik der Regierungsgewalt die Anarchisten Gustav Landauer und Erich Mühsam vertreten, ebenso wie der stark auf Proudhon bezugnehmende Silvio Gesell(10). Er selbst und viele von ihm beeinflusste Menschen und Organisationen hatten am Vorabend des Dritten Reichs auch einen sehr guten Draht zu antisemitisch-völkischen Bewegungen (siehe Fußnote 10). Nach dem Zweiten Weltkrieg waren beispielsweise in den Studentenbewegungen der 60er Jahre anarchistische Theorien wieder aktueller und in praktischer Hinsicht könnte man z.B. die israelischen Kibbuzim auch als Kommunen begreifen, welche teilweise von anarchistischen Organisationsmodellen beeinflusst sind, wie man sie u.a. bei Kropotkin findet.
Ein bis dahin unbekanntes Gesicht des Anarchismus zeigte sich wohl zum ersten Mal öffentlich während und nach den Antiglobalisierungsprotesten wie sie bspw. in Seattle stattfanden. Wer schon einmal den Film „Fightclub“ gesehen hat, wird sich wahrscheinlich gefragt haben, was sich Protagonist Tyler (Brad Pitt) wohl Wahnsinniges dabei denkt, von einer Gesellschaft ohne Technik zu träumen, in der die Menschen ihre selbst angebauten Maiskolben auf der zerrissenen Autobahn trocknen. Allerdings gibt es v.a. in den USA tatsächlich anarchistische Gruppierungen, für die das Elend der Menschheit mit dem ersten Pflug begann. Publizisten wie der US-Amerikaner John Zerzan verteidigen die Vorstellung, dass es in der Urzeit die einzig freie Form der Gesellschaft gab; irgendwo auf einer Entwicklungsstufe zwischen Homo erectus und Homo sapiens. Unter der Losung „Zivilisation zerstückeln“ haben die Verteidiger jener klar rückwärtsgewandten und technikfeindlichen Ideologie ein klares und einfaches Programm zur Lösung aller Probleme anzubieten. „Alles kaputt machen!“. Dass im Zuge der Zerstörung moderner Anbau- und Verteilungsmethoden definitiv ein großer Teil der Menschheit unvermeidlich stirbt, wird dabei billigend in Kauf genommen und teilweise sogar gefordert mit der Begründung, die Erde sei sowieso überbevölkert.
Neben der in Deutschland aktiven FAU – Mitglied der internationalen Organisation IAA – einer anarcho-syndikalistischen Gruppe, welche allerdings keinen nennenswerten gesellschaftlichen Einfluss hat, waren anarchistische Theorien v.a. bei selbstorganisierten Projekten der Elendsverwaltung in der Dritten Welt wieder aktuell. Vor allem Proudhons Idee der Tauschringe und Gesells Konzept des Schwundgelds(11) erfreuten sich in einigen Gebieten Südamerikas wie in Argentinien zur Zeit seiner Wirtschaftskrise großer Beliebtheit. Auf Seiten der verarmten Bevölkerung, da es unabhängig vom Weltmarkt möglich war, auf lokaler Ebene Lebensmittel und andere Gebrauchsgüter zu tauschen und angesichts der zusammengebrochenen Wirtschaft für einige Teile der Bevölkerung wenigstens die Nahrungszufuhr halbwegs gesichert wurde. Und auf Seiten der Regierung hatte man auch nichts dagegen einzuwenden, da weite Teile der Bevölkerung sich gegenseitig Ramsch unterjubelten und dadurch weder auf die Idee kam, an die staatlichen Einrichtungen zu appellieren, noch ihnen mit revolutionärem Umsturz zu drohen. Selbstverständlich gibt es nichts dagegen einzuwenden, im Falle von Krisen durch Selbstorganisation das eigene Überleben zu sichern, jedoch hat dies natürlich nicht im geringsten etwas mit der Abschaffung kapitalistischer oder der Einrichtung freier und menschlicher Verhältnisse zu tun.

4. Generelle Betrachtung des Anarchismus*

Bevor ich die positiven Ansätze das Anarchismus noch einmal diskutiere, will ich an den Anfang dieser rückblickenden Einschätzung zunächst jene Theorien stellen, welche meines Erachtens nicht nur völlig falsch und unüberlegt sind, sondern teilweise sogar eine offene Flanke zu menschenverachtenden Ideologien haben. Der am Ende von Teil Zwei dargestellte Versuch Kropotkins, den Menschen ein prinzipiell gutes Wesen zu attestieren, ist nur eine Form der Charakterisierung des Menschen, wie man sie auch noch in weit schlimmerem Maße bei anderen Anarchisten antrifft. Die ziemlich harmlosen Abhandlungen Kropotkins zeugen trotz alledem von der im Anarchismus weit verbreiteten Intention, das menschliche Wesen mit klaren Bestimmungen zu charakterisieren. Nicht selten fallen dabei Wendungen wie „Der Mensch ist von Natur aus ...“ oder ähnliche Formulierungen. Diesen Fehler, ein natürliches Verhalten (und damit ist meistens ein „richtiges“ gemeint) der Menschen festzulegen, bzw. eine dafür angemessene Gesellschaftsform zu entwickeln, findet man bei fast allen Anarchisten. Die Vorstellung „natürlicher Verhaltensweisen“, „natürlicher Bedürfnisse“ usw. kann allerdings ebenso formuliert werden als lustfeindliche Absage an als „unnatürlich“ charakterisierte Bedürfnisse o.ä. Der in Fußnote 10 schon erwähnte Klaus Schmitt beispielsweise, treibt diese Vorstellung auf die Spitze, indem er eine an den Theorien Silvio Gesells orientierte „natürliche Wirtschaftsordnung“ fordert, welche einem ohne staatliche Eingriffe gemildertem, freien Markt entspricht. Dies schließt sogar die Vorstellung mit ein, dass die natürliche Konkurrenz unter den Menschen zusätzlich den Effekt haben würde, dass Leute mit qualitativ schlechterem Erbgut dieses Hauen und Stechen nicht überleben würden und nur die Besten überleben. Das sei, so Klaus Schmitt, immer noch besser als Genmanipulation.
Ein anderes Problem einiger Anarchisten ist durch ihre Verteidigung, kleinerer, selbst organisierter Strukturen zu erklären. Der Aspekt der Staatskritik, beziehungsweise die Ablehnung einer durch Herrschaft „von oben“ durchgesetzten Umstrukturierung ist zwar mehr als richtig, jedoch grenzt die Verteidigung ländlicher Strukturen und die Ablehnung moderner, zentralisierter Verhältnisse bei einigen Anarchisten beinahe an Volkstümelei. Unter anderem bei dem deutschen Anarchisten Gustav Landauer sind einige Formulierungen zu finden, in denen bspw. das Mittelalter als Phase der selbstregulierenden Kräfte beinahe angepriesen wird, auch wenn er deutlich macht, dass es sich bei der Einrichtung einer freien Gesellschaft nicht um die Wiederholung des Mittelalters handeln dürfe. Die mit dieser Vorstellung einhergehende Forderung, kleinere Gemeinden zu fördern, die Einrichtung einer freien Assoziation also „im Kleinen“ zu beginnen, grenzt sich meines Erachtens nicht stark genug von dem regressiven Charakter vieler eingeschworener Dorfgemeinden ab. Auch wenn traditionelle Lebensformen im Gegensatz zu modernen eher selbstreguliert waren, so ist das trotzdem alles andere als ein Indiz für Freiheit. Vor allem noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren sie eher geprägt von bodenständigem Denken und regressiven Erklärungsmodellen der Gesellschaft, welche den Menschen an eine bestimmte Kultur oder Lebensweise ketteten und damit jegliche Idee ablehnten, eine weltweite und freie Gesellschaft einzurichten, welche den individuellen Charakter der Menschen zu entwickeln sucht. Ganz zu schweigen von der Barbarei des Mittelalters, in der noch blutige Herrschaftsverhältnisse existierten, die meisten Menschen der Willkür ihres Königs, Fürsten, Lehnsherrn usw. ausgeliefert waren und die teils menschenverachtenden, teils blödsinnigen Vorstellungen des Christentums den Alltag in Europa regierten.

4.1. Arbeitskritik

Dass einige seiner Theoretiker mit ihren Überlegungen äußerst kritikwürdiges Terrain beschreiten, ist allerdings kein Vorwurf, den man einseitig den Anarchisten unterstellen könnte. Es gibt wohl kaum eine sozialistische Strömung – sei sie anarchistisch oder kommunistisch – in der das nicht ebenso der Fall ist. Daher ist es auch umso wichtiger, die definitiv fruchtbaren Gedankenanstöße des Anarchismus noch einmal aufzurollen. Als einer der wichtigsten kann wohl auf jeden Fall die Kritik der Arbeit gelten, welche bis jetzt hier noch gar nicht erwähnt wurde. Zwar haben die meisten ernstzunehmenden linken Gruppen in der Bundesrepublik sich dieses Mindeststandards der Kritik schon angenommen, jedoch sah dies bis Ende der 70er Jahre noch ganz anders aus. Ebenso wie in der traditionellen Linken wurde bis dahin so gut wie nur die Befreiung der Arbeit, v.a. vom Kapital eingefordert. Die gesamte Arbeiterbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts erhob die Arbeit zu einem so starken Identitätsmoment ihrer selbst, dass ihre Kritik, wenn man das überhaupt so nennen kann, sich immer nur gegen die richtete, welche scheinbar nicht arbeiteten. So kam es unter anderem deswegen zu dem folgenschweren Schluss, Kapitalisten, Geldverleiher, Spekulanten usw. als parasitär zu beschimpfen. Weil die Zusammenhänge von Kapital und Arbeit, von Produktions- und Zirkulationssphäre und von Geldkapital und dem der Produktion – bspw. in Form von Maschinen – nicht erkannt wurden, meinte man, das Elend abschaffen zu können, indem man die Arbeit von allen sie ausbeutenden Elementen befreit. Diese Glorifizierung der Arbeit zum Guten schlechthin wurde erstmals von Anarchisten kritisiert. Vielleicht ist dies auch der Tatsache zu verdanken, dass Kommunisten und Anarchisten in ihren theoretischen Kämpfen stets nach neuer Munition suchten und für sich selbst spezifische Inhalte reklamieren wollten, das tut jedoch im Endeffekt für die formulierte Kritik nichts zur Sache. Die Anarchisten sahen das revolutionäre Potential nicht ausschließlich in der Arbeiterbewegung, da es die Herrschaft in allen Lebensbereichen und nicht nur dem der Produktion zu kritisieren galt. Anhand ihrer Staatskritik bemerkt man ja auch bereits, dass für sie die Einrichtung einer freien Gesellschaft nicht gleichzusetzen ist mit der bloßen Änderung der Produktionssphäre und ihrer Organisation. Bei Kropotkin und auch bei Landauer finden sich zudem schon erste Momente einer Kritik, die nicht nur auf die Befreiung der Arbeit, also die Befreiung der Tätigkeiten von den Zwängen der kapitalistischen Produktion, sondern auch auf die Befreiung von der Arbeit hinausläuft. Als eigenständige Position wurde dies allerdings erst Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts von dem teilweise anarchistisch beeinflussten Paul Lafargue in seinem Polemikgeladenen Pamphlet „Das Recht auf Faulheit“ formuliert. Zwar nicht gerade theoriegeladen, dafür umso offensichtlicher, weist er auf den Wahnsinn hin, welcher mit den „ekelerregenden Loblieder[n] auf den Gott Fortschritt“(12) verbunden ist. Er fordert daher, die Arbeit so gut es geht von Maschinen ausführen zu lassen und den zeitlichen Aufwand für die Menschen drastisch zu reduzieren.

4.2. Staats- und generelle Herrschaftskritik

Der Anarchismus ist wohl die einzige politische Strömung, welche stets eine konsequente Kritik des staatlichen Handelns formulierte. Sie richtete sich nicht nur gegen die bestehenden Staatsformen des Absolutismus oder des Liberalismus, sondern v.a. auch gegen die Revolutionsvorhaben der Marxisten. Die Anarchisten wussten, dass eine Gesellschaft nicht in verschiedenen Stadien freier wird und auch, dass gewalttätige Herrschaft – v.a. die eines zentralisierten Staates – kein Durchlauferhitzer auf dem Weg zur kommunistischen Gesellschaft ist. Schon lange vor der Oktoberrevolution und der Machtergreifung der Bolschewiki im Jahr 1917 warnten sie davor, dass eine sozialistische Diktatur nicht zu einer freien Gesellschaft, sondern nur zu ihrer eigenen Verewigung führen kann. Bakunin und später Kropotkin lagen daher mit ihren Befürchtungen durchaus richtig, dass die staatliche Durchsetzung eines abstrakten Freiheitsideals zuallererst der Menschenopfer auf dem Altar einer sicher gewähnten Zukunft bedürfe. Die Terrorherrschaft Lenins und später in heftigerer Form auch die von Stalin wandte sich ja auch nicht zuletzt gegen die Anarchisten selbst.
Allerdings, so richtig der Einwand war, dass Menschen, welche durch staatliche Gewalt in eine neue Gesellschaftsform gezwungen werden, nicht automatisch anfangen, sich frei und solidarisch zu verhalten. So zielsicher und treffend ihre Kritik der bestehenden Formen der Herrschaft nicht nur in Gestalt des Staates war, so sehr mangelte es ihnen allen an der theoretischen Schärfe einer Gesellschaftstheorie. Ihr Vorwurf des Regierungsfetischismus traf zwar zu, aber eine entwickelte Begründung dafür, warum eine Gesellschaft sich so gewalttätig gegenüber den Menschen verhält und vor allem warum dies in den bestehenden Formen geschieht, lieferte keiner von ihnen. Die meisten von ihnen waren gut darin, treffende Formulierungen für den gesellschaftlichen Wahnsinn des Kapitalismus zu finden. Jedoch versäumten sie es, ihre gewählten Begriffe mit der Wirklichkeit zu vermitteln in dem Sinne, dass begründet wird, weswegen es im Kapitalismus aufgrund seiner gesellschaftlichen Organisation eine Notwendigkeit für menschliches Leid gibt. Diese Erkenntnis und Kritik wäre m.E. überhaupt erst die mindeste Grundlage, um jene Verhältnisse zu ändern. Oder anders formuliert: ohne dass man den Prozess der Kapital- bzw. Wertverwertung durchschaut, kann man ihn nicht abschaffen.

4.3. Folgen der Begrifflosigkeit

Dieses generelle Versäumnis, die eigenen Vorstellungen mit der Wirklichkeit zu vermitteln, hatte nicht zuletzt eine unglaubliche Blauäugigkeit und Naivität im Bezug auf die politischen Tätigkeiten zur Folge. Wolfgang Harich fand dafür eine m.E. sehr treffende Metapher: „Die Wahrheit ist: Er sägt an den Ästen, auf denen noch gar nicht gesessen werden kann, und glaubt dabei, die höchsten Wipfel zu erklimmen.“(13) Nicht zuletzt wegen ihrer Kompromisslosigkeit, was die Umsetzung einer herrschaftsfreien Gesellschaft angeht, versäumten es die Anarchisten, gemäß der sie umgebenden, höchst gewalttätigen Umgebung zu reagieren. Sie wollten stets den letzten Schritt vor dem ersten machen und wurden daher nicht nur einmal (siehe Absatz zum spanischen Bürgerkrieg) von ihren politischen Gegnern einfach überrannt. Das muss noch lange nicht heißen, dass der erste Schritt die Besetzung des Staates sein, muss aber wenigstens in dieser Hinsicht traf auch der Vorwurf der Marxisten gegenüber den Anarchisten zu, dass eine politisch nicht organisierte Bewegung irgendwann untergehen werde, weil sie sich nicht gegen die Außenwelt zu wehren weiß.
Des weiteren ergeben sich viele Schwächen des Anarchismus aus ihrer Unkenntnis über die Funktionsweisen der kapitalistischen Gesellschaft, v.a. deren Ökonomie. Da seine Vertreter sich nicht die Mühe machten, aus den Erscheinungen des Kapitalismus seine abstrakten Gesetzmäßigkeiten abzuleiten, blieb ihnen oft nichts anderes übrig, als bestehende Herrschaftsformen auf zwischenmenschliche Gründe zu reduzieren. Dass der Kapitalismus deswegen Menschenopfer fordert, weil seine Produktionsweise an dem selbstzweckhaften Vermehren von Kapital und nicht an menschlichen Bedürfnissen orientiert ist, hat keiner von ihnen verstanden. Aufgrund dieser Schwäche, kritisierten sie die gesellschaftliche Herrschaft immer nur als eine der Menschen untereinander und nicht als die eines abstrakten Prinzips der Kapitalakkumulation, unter dem alle Menschen zu leiden haben und für das auch alle mehr oder weniger verantwortlich sind. Dieser Fehlschluss bringt den Anarchismus nun aber in die Situation, Verantwortliche für die kritisierten Verhältnisse zu bestimmen. Meistens sind dies die immer wieder für das Elend der Menschen schuldig gemachten Kapitalisten, Spekulanten, Großgrundbesitzer usw. Nicht nur, dass dieses Welterklärungsbild dumm und falsch ist, es hat auch immer eine offene Flanke für die vernichtende Ideologie des Antisemitismus, welcher jene Schuldigen klar als Juden zu benennen weiß. Aus diesen inhaltlichen Überschneidungen ist auch zu erklären, warum viele anarchistisch beeinflusste Theoretiker – z.B. P.J. Proudhon oder Silvio Gesell – auch klar antisemitisch argumentierten (siehe Teil 1 der Einführung).

5. Schlussbemerkungen

Wie weiter oben schon erwähnt, ist diese Anfälligkeit für regressive Ideologien nicht nur dem Anarchismus vorzuwerfen. Im Gegenteil: Aufgrund seiner generellen Ablehnung, Menschen einem abstrakten Ideal zu opfern, sind seine antisemitischen Tendenzen im Vergleich zu anderen linken Strömung vergleichsweise gering. Eine Auseinandersetzung mit anarchistischen Positionen halte ich daher auch immer noch für hilfreich, da diese zum einen einige fruchtbare Ideen zu einer radikalen Gesellschaftskritik beizusteuern haben und v.a. auch, weil man anhand deren Theoretiker nachvollziehen kann, aus welchen Gründen anfangs sehr gehaltvolle Forderungen oft zu einer sehr plumpen Gesellschaftstheorie verkommen. Und vor allem sind die praktischen Umsetzungsversuche des Anarchismus in der Geschichte äußerst sympathisch, was die Orientierung am Ideal der freiheitlichen Organisation und dem Versuch, Menschen nicht nach Leistung zu messen betrifft.
Um zu analysieren, welche Fehler man bei der Entwicklung einer treffenden Kritik vermeiden sollte, ist es allemal dienlich, ein wenig Proudhon oder Bakunin zu lesen. Um eine treffende Kritik kapitalistische Verhältnisse allerdings ernsthaft zu entwickeln, empfehle ich jedoch eher Karl Marx.

Arthur....

Fußnoten

(1) Für den dritten Teil der verschriftlichten Version gilt ebenfalls, dass der Stoff, welcher im Vortrag referiert wurde, hier nicht in gleichem Umfang wiedergegeben werden kann. Die am meisten gekürzten Punkte sind erneut mit einem * gekennzeichnet. Längere Versionen beider Teile werden bald auf der Website von Tomorrow (tomorrow.de.ms) veröffentlicht. Leser von Teil 1 und 2 wird diese Fußnote bereits langweilen.
(2) „[Die anarchische Gesellschaft] sucht die vollständige Entwicklung der Individualität, verbunden mit der höchsten Entwicklung der unter allen Gesichtspunkten freiwilligen Verbindung für alle möglichen Stufen, für alle denkbaren Ziele: eine stets wandelbare Verbindung, die in sich selbst die Grundlagen für die Dauer trägt und die Formen annimmt, die in jedem Augenblick am besten den mannigfachen Bestrebungen aller entsprechen“ (P. Kropotkin: Der Anarchismus, Siegen-Eiserfeld 1983, S. 68).
(3) P. Kropotkin: Landwirtschaft, Industrie und Handwerk, Berlin 1976, S. 197
(4) „Habet Fabrik und Werkstätten dicht neben euren Feldern und Gärten und arbeitet in ihnen! Natürlich nicht jene großen Betriebe [...] sondern die zahllose Mannigfaltigkeit von Werkstätten und Fabriken, die notwendig sind, die unendliche Verschiedenartigkeit des Geschmacks zivilisierter Menschen zu befriedigen.“ (a.a.O., S. 196).
(5) Ich beziehe mich bei dieser Schilderungen vorwiegend auf folgende Quellen: Peters, Dietrich: Der spanische Anarcho-Syndikalismus, Leverkusen 1989; Anarchistische Texte 29: Die spanische Revolution IV, West-Berlin 1982).
(6) Auf dem Kongress der CNT/FAI am 18. Juli brachte man sich mit der Losung „Faschismus oder soziale Revolution“ beinahe in Fontstellung zur republikanischen Union anderer Parteien.
(7) zit. nach Peters, Dietrich: Der spanische Anarcho-Syndikalismus, Leverkusen 1989, S. 56
(8) Bspw. lehnte sie das Angebot der Zentralregierung in Madrid ab, die Regierungsgewalt über Katalonien übertragen zu bekommen. In ihrer Antwort „Von der Nutzlosigkeit einer Regierung“ führen sie dafür verschiedenste Gründe an. Hauptmotivation war v.a. die Skepsis gegenüber einer Regierungsbeteiligung und die Ablehnung gegenüber dieser im Allgemeinen und das Vertrauen der CNT/FAI auf das allmähliche Absterben des Staates.
(9) Zur Unterdrückung von Anarchisten durch an die Macht gekommene Kommunisten wird in der längeren Fassung noch mehr zu finden sein.
(10) Ich erwähnte es bereits im ersten Teil der Einführung: Dieser von Klaus Schmitt als „Marx der Anarchisten“ bezeichnete Wirtschaftstheoretiker baut bezugnehmend auf anarchistische Wirtschaftstheorien ein Gesellschaftsbild auf, dessen feste Bestandteile Rassenhygiene, Antisemitismus u.a. menschenverachtende Ideen sind. Einen Überblick darüber gibt m.E. recht gut ein Vortrag von Peter Bierl (www.rote-ruhr-uni.com/texte/bierl_tauschring.pdf).
(11) Eine Idee, die durch allmählichen Verfall des Geldwerts erreichen will, dass Geld nicht gehortet werden kann und stets im Umlauf bleibt. Davon wird sich eine bessere Wirtschaft und das Verschwinden des als ungerecht empfundenen Zins erhofft.
(12) Lafargue, Paul: Das Recht auf Faulheit, 1978, S. 14
(13) zit. nach Narr, Wolf-Dieter: „Peter A. Kropotkin: Memoiren eines Revolutionärs – Anarchistische Anmerkungen anlässlich ihrer Neuauflage“ in Graswurzelrevolution Nr. 280, Juni 2003


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last modified: 28.3.2007