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review corner Buch, 1.8k

Bürgerlicher Antifaschismus.


Kleine Sammelrezension

Die These, dass vom Faschismus schweigen soll, wer vom Kapitalismus nicht reden will, ist nicht nur zur Parole, sondern angesichts der realen historischen Geschehnisse auch zur Halbwahrheit geworden. Die These hatte Horkheimer in den dreißiger Jahren formuliert, als der europäische Faschismus von fast allen linken Theoretikern als extremer Klassenkampf und Imperialismus in Zeiten der letzten Zuckungen des Konkurrenzkapitalismus analysiert wurde. Die Entscheidung schien demzufolge zu lauten: Kommunismus oder Barbarei (in Form von Staatskapitalismus, imperialistischem Kriegszustand, Diktatur des Monopolkapitals und dergleichen). Den bürgerlichen Demokratien wurde ihr Untergang prophezeit. Doch schließlich zeigte die Praxis, dass bestimmte bürgerliche Demokratien dem Faschismus und Nationalsozialismus gegenüber renitent blieben, und zwar bis heute. Aus der Geschichte lässt sich zwar ableiten: Faschismus und Nationalsozialismus sind aus kapitalistischen Produktionsverhältnissen hervorgegangen. Es ließe sich aber auch spezifischer konstatieren, dass der Nationalsozialismus von Deutschen verbrochen wurde, wie in der These vom deutschen Sonderweg herausgestellt wird, oder allgemeiner, dass Faschismus und Nationalsozialismus Produkte der bisherigen Menschwerdung, einem bestimmten die innere Natur unterdrückenden „Principium individuationis“ sind, wie es etwa Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in ihrem Buch Dialektik der Aufklärung hervorheben.
Die Linken haben immer sehr gewissenhaft nach Ursachen von Faschismus und Nationalsozialismus geforscht, die in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen liegen, und sind dabei teilweise auch zu richtigen Erkenntnissen gelangt. Doch gerade weil es unter anderem bürgerliche Demokratien waren, die den Nationalsozialismus niedergerungen haben, müssen auch ihre Differenzen zum NS reflektiert werden. Kapitalistische Produktionsverhältnisse bringen ein so großes soziales Elend hervor, dass viele Menschen verhungern. Das ist ein ausreichender Grund, sie zu kritisieren, nicht aber, um sie oder ihr zugehörige Kategorien à la Nation, Staat oder Kapital auch noch per se der Verbrechen Nationalsozialismus und Faschismus zu beschuldigen. Die Differenzen von bürgerlicher Gesellschaft und Nationalsozialismus werden auch anhand lesenswerter bürgerlicher Literatur gegen Faschismus, Nationalsozialismus und Ähnliches deutlich.

„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ (NS-Parole)
John Dewey, Deutsche Philosophie und deutsche Politik, Philo, Berlin/Wien 2000

John Dewey, einer der wichtigsten Philosophen der letzten hundert Jahre, ganz besonders für die amerikanische Philosophie, hat für den Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg votiert und sich zu dieser Zeit in einer Vorlesung mit der Philosophie des deutschen Idealismus beschäftigt, um dadurch auch deutsche Politik und die deutsche Mentalität zu ergründen. Später – weiterhin Gegner amerikanischer Isolations- und Apeacement-Politik – hat er diese Studien angesichts des Nationalsozialismus weiter geführt, den er damals schon als Willen eines Großteils des deutschen Volkes erkannt hat: “Nur in einem empfänglichen Boden und in einer äußerst günstigen Situation konnte der von Hitler gesäte Samen zu Früchten reifen. [...] Der außergewöhnliche, in kürzester Frist erweckte Widerhall dieses geistigen Appells muß als Maßstab dafür angesehen werden, wie sehr er der deutschen Mentalität entsprach.” (43) Seit 2000 liegen die Studien in deutscher Fassung bündig vor.

Menschen und Fische springen vor Glück (1978), 48.6k
Menschen und Fische springen vor Glück (1978)
Typisch für deutsche Mentalität und deutsche Philosophie sei ein übertriebener Bezug auf Innerlichkeit, der einher geht mit einem sehr instrumentellen, technischen Verhältnis zur äußeren Welt, der man die eigenen Ideale einpauken will. Entgegen den sonstigen angelsächsischen, ideengeschichtlichen Analysen des deutschen Übels wählt sich Dewey begründet nicht Nietzsche, sondern Kant als herausragenden Urheber wahnhafter oder zum Wahn führender Philosophie aus. Besonders in Kants Zwei-Welten-Lehre sieht Dewey ein typisches deutsches Verhältnis zur Welt. Der Wirklichkeit würde eine höhere, apriorische Vernunft gegenübergestellt. Bei Kant ist die der Wirklichkeit über- und vorgeordnete Welt der Vernunft zwar noch nicht mit einer aggressiven Doktrin assoziiert, bietet dieser aber den Raum – gerade dadurch, dass Kant ihn inhaltlich unterbestimmt lässt. Bei Fichte und Hegel wäre dann das Konzept Kants nationalisiert worden, indem die Deutschen oder Preußen zu Hirten der ideellen Welt erklärten wurden. Die Nationalsozialisten schließlich hätten den Raum über und vor der Wirklichkeit mit noch radikaleren Vorstellungen gefüllt und es als ihre Mission begriffen, die Trennung zu Gunsten der ideellen Welt aufzuheben. Zudem evoziert die Zwei-Welten-Lehre ein Schwarz-Weiß- beziehungsweise Freund-Feind-Schema, das die “Abschattierungen” der Wirklichkeit verleugnen muss, das „total“ sei und auf das “Gefühl” ziele, statt auf das Denken, das sich im Gegensatz zum Freund-Feund-Schema in der “Unterscheidungsfähigkeit” erweise (62f.). Soweit thematisiert Dewey das, was andernorts “Ticketdenken” (Adorno/Horkheimer) genannt wurde, und zeigt darüber hinaus dessen notwendigen Zusammenhang mit Propaganda und einer permanenten politischen Mobilisierung auf. Da sich das Gefühl nicht in der Reflexion und Ausdifferenzierung bewegen kann, sondern der Anregung bedarf, muss die Politik, die auf es baut, “immer irgendeine Quelle der Erregung” schaffen und einen “extremen und ganz finstren Gegensatz” aufzeigen (63). Nicht Rationalismus und Romantik oder Rationalismus und Irrationalismus ständen sich in liberaler Gesellschaft und Nationalsozialismus gegenüber, sondern experimenteller und apriorischer Rationalismus. Der experimentelle Rationalismus stellt die Ideen der Wirklichkeit so wenig absolut gegenüber, wie er sie kompromisslos gegen diese durchsetzen will. Er frönt keinen ewigen, der gesellschaftlichen Wirklichkeit äußeren Ideen: “Jeder lebende Gedanke stellt eine der Welt zugewandte Bewegung dar, eine Haltung, die wir einer praktischen Situation, in die wir verwickelt sind, gegenüber einnehmen.” (79f.) Dadurch würde sich auch ein anderes Verhältnis zum Staat ergeben. Dieser sei nicht wie in Deutschland Handlanger und Bewahrer der ewigen Ideen, deren Reinheit er nahe kommen soll, sondern ein flexibles Mittel, um das “Experiment des Zusammenlebens” (161) zu meistern. Obwohl Dewey Hegel und Kant sehr einseitig interpretiert, reflektiert er doch einen wichtigen Unterschied zwischen einer eher pragmatischen, demokratischen Politik und einer, die unbedingt aufs Ganze zielt und die Wirklichkeit reinen Ideen unterjochen will.
Aber träfe die Kritik, die Dewey gegen Kant formuliert, nicht auch eine kritische Theorie der Gesellschaft, die den ganzen Verblendungszusammenhang namens Kapital abschaffen will, also in einem radikalen Gegensatz zur jetzigen Gesellschaft steht? Eine vermeintliche Kritik, die der gegenwärtigen Gesellschaft mit reinen Kategorien à la Natur, eigentliches Wesen des Menschen oder nichtentfremdete Kommunikation kontert, wäre durch Deweys Kritik entscheidend getroffen. Sie stände dann in einem abstrakten Gegensatz zur Gesellschaft, wie in der Zwei-Welten-Lehre die apriorische Welt zur äußeren Welt. Doch soweit eine kritische Theorie nicht abstrakte Ideale an die Wirklichkeit heranträgt, sondern diese bestimmt negiert(1), die Kritik also um ihre Vermitteltheit mit der von ihr kritisierten Gesellschaft weiß, sollte sie nicht die theoretische Grundlage eines politischen Wahns sein, der hehre Ziele auf den Fahnen stehen hat und letztlich die Realität aber nur mit politischer Gewalt anreichert.
Insofern sollte eine kritische Theorie utopisch sein und auf die Abschaffung von Hunger und Herrschaft und die Herstellung von Gleichberechtigung und Freiheit zielen. Sie sollte bestimmt negieren, d. h. den Standpunkt der Kritik, etwa die zuvor genannten Forderungen, der jetzigen Gesellschaft nicht abstrakt und vermeintlich entgegenstellen, sondern in letzterer die Bedingung ihrer Möglichkeit reflektieren(2). Und sie sollte, gerade dann, wenn sie mal gesellschaftsmächtig wird, die Wirklichkeit nicht als willkürlich zu formenden Stoff eines großen Masterplans, sondern als „Experiment des Zusammenlebens“ begreifen, in dem es Widerstände, Ansprüche und Eigensinn gibt, mit denen nicht dekretorisch und folglich gewalttätig umgegangen werden darf.

„Fluchwürdiges Rentabilitätsprinzip“ (deutscher Ökonom)
Wolfgang Hock, Deutscher Antikapitalismus. Der ideologische Kampf gegen die freie Wirtschaft im Zeichen der großen Krise, Fritz-Knapp-Verlag, Frankfurt a. M. 1960

Die Verwirklichung des Kommunismus ist sicher - Karl Marx 100. Todestag gedenken (1983), 43.1k
Die Verwirklichung des Kommunismus ist sicher - Karl Marx 100. Todestag gedenken (1983)

Ein Begriff, den die Antideutschen zu Recht als adäquate Bezeichnung für einige Formen des Antikapitalismus wiederentdeckt haben, gab 1960 einem kleinen Buch eines deutschen Liberalen, das sich kritisch mit der deutschen politischen Ökonomie auseinandersetzt, seinen Titel. Der deutsche Antikapitalismus, so Wolfgang Hock, sei in erster Linie antiliberal. Der deutsche Geist käme nicht klar mit “den Realitäten” und der “Entwurzelung” in der liberalen Epoche, sehne sich nach einer “>>metapolitischen<< (C. Franz) Ordnung” (15) und stelle die Staatsräson über die Freiheit des Einzelnen. Selbst der sogenannte Liberalismus sei in Deutschland antiliberal und hätte sich hauptsächlich durch Kompromisse (1848, 1871), die Hock ausführlich nachzeichnet, mit dem autoritären Staat hervorgetan. Der deutsche Antiliberalismus manifestiere sich auch in der deutschen Volkswirtschaftslehre, der daran gelegen sei, dass Begriffe wie “Volk”, Produktivität”, “Versorgung” und “Bedarfsdeckung” wirtschaftliche Relevanz bekämen (41). Auf linker wie rechter Seite meinte man in Deutschland, der Kapitalismus sei im Absterben begriffen und lehnte deswegen herkömmliche Mittel der Krisenbewältigung, etwa die Kreditexpansion, wie Heinrich Brüning sie 1931 angeblich vorgeschlagen hatte, zu Gunsten von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ab. Die rechte Seite sollte sich mit ihrem Krisenlösungsmodell durchsetzen, das hauptsächlich auf Autarkie der deutschen Wirtschaft zielte. Die deutschen Kapitalisten waren zwar nicht so antikapitalistisch, einer Enteignung zuzustimmen, wie sie der linke Flügel der NSDAP gefordert hatte, aber antikapitalistisch genug, um in großen Teilen dem wahnwitzigen Ansinnen einer deutschen Autarkie und dem Nationalsozialismus überhaupt zu folgen.
Wolfgang Hock schreibt sehr leidenschaftlich gegen das Fehlen eines liberalen Bürgertums in Deutschland an, zeichnet die Gründe dieses Fehlens nach und arbeitet mit vielen Belegen. Zudem reflektiert er die Krise als Katalysator für die Konjunktur und die praktische Durchsetzung des deutschen Antikapitalismus. Seine Leidenschaft für die Ideologie des Bürgertums wirkt auch nicht lächerlich, da er kein Antideutscher zu sein scheint, der trotz Kapital-Lektüre und leerem Geldbeutel glaubt, das Bürgertum in Deutschland substituieren zu müssen. Vielmehr scheint es sich um einen selbstbewussten Bürger zu handeln, dem der Liberalismus wichtiger als sein Vaterland ist.

„Die kulturelle Identität ist der lebendige Kern der individuellen und kollektiven Person” (UNESCO)
Alain Finkielkraut, Die Niederlage des Denkens, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1989

In den späten 80ern hat der französische Philosoph Alain Finkielkraut eine Essaysammlung wider “Die Niederlage des Denkens” geschrieben. Bedroht wäre das Denken seit Jahrhunderten durch Ideologien, die das Denken an Kultur, Boden, Volk und dergleichen festbinden wollen. Das Lob des eigenständigen Denkens —– “seine Fähigkeit, die Gegebenheiten zu überwinden, den Einfluß der Gemeinschaft, der Epoche, der Heimaterde zu hintertreiben” (45f.) – ist in den Essays unübersehbar. Und im Gegensatz zu Dewey bezieht sich Finkielkraut positiv auf Kant, indem er ein anderes Moment der Kantischen Philosophie betont: “Und dann kamen die Philosophen der Aufklärung: Unter dem Vorwand, dieselbe zu verbreiten, haben diese Denker dem kostbaren Erbe der Vorurteile hart zugesetzt. Anstatt sie in Ehren zu halten, sollten sie zerstört werden. Aber damit waren sie nicht zufrieden: nachdem sie sich ihrer entledigt hatten, sollte das Volk es ihnen nachtun. Mit Kants Worten lautete ihr Wahlspruch: Sapere aude, habe keine Angst zu wissen, wage es, dich über alle Konformismen hinwegzusetzen, [...] ohne die Hilfe des Beichtvaters oder die Stütze der Binsenwahrheiten.” (30) Das Denken sei nicht nur wegen seiner Fähigkeit zu überschreiten zu loben, sondern auch, weil es die Grundlage wäre, sich über Kulturen und Grenzen hinweg auf gemeinsame Werte zu verständigen.

Vorsicht in der Umgebung gefährlicher Maschinen (1984), 36.5k
Vorsicht in der Umgebung gefährlicher Maschinen (1984)
Die Aufklärung als philosophische Schule begann mit dem französischen Philosophen Voltaire, der die universelle Vernunft und deren schrittweisen Sieg gegenüber Gewohnheiten und Vorurteilen lobt. Doch fanden sich schnell Gegner der Aufklärung. Der deutsche Philosoph Herder hat diese Philosophie als Ausdruck französischen Chauvinismus abgelehnt und statt dessen die jeweiligen Eigenarten der Völker betont und gelobt. Doch nicht nur in der Philosophie, auch in der gesellschaftlichen Praxis gibt es den Gegensatz von Aufklärern, die universell, und deren Gegnern, die antiuniversell denken. Während der Ruf der französischen Revolution “Es lebe das Volk!” und die Errichtung der französischen Nation nicht auf die Erhebung einer ominösen französischen Seele abzielte, sondern auf Eigenständigkeit und der Erlösung geknechteter Menschen aus der festen Zugehörigkeit der Ständegesellschaft, wurde dieser Pakt – auch in Frankreich – durch “Konterrevolutionäre” (28) zunehmend zu einer Ideologie, die den Menschen die Eigenständigkeit nahm, sie an den Heimatboden schmiedete und den individuellen Geist einer Kollektivseele opferte. Die Debatte zwischen Universalisten und Antiuniversalisten im Anschluss an die französische Revolution zeichnet Finkielkraut auch am Werdegang Goethes nach, der als junger Mann ähnlich Herder argumentiert hatte, aber angesichts eines chinesischen Romans erschüttert wurde. Von diesem erwartete er gänzlich andere ihm unbekannte literarische Formen und Inhalte. Aber was er vorfand, war ihm eingängig. Das veranlasste ihn zu den Einsichten, dass eine Weltliteratur möglich wäre und dass das “Vaterland seiner poetischen Kräfte und seines poetischen Wirkens [...] das Gute, Edle und Schöne [ist], das an keine besondere Provinz und kein besonderes Land gebunden ist [...].” (zit. n. Finkielkraut, 46).
Die gleichen Einwände, die Finkielkraut gegen die Antiuniversalisten des 19. Jahrhunderts vorbringt, träfe auch die linke “Philosophie der Entkolonialisierung”. Denker wie Claude Lévi-Strauss, der den “alten Partikularismen” attestiert, “die ästhetischen und spirituellen Werte geschaffen zu haben, die dem Leben seinen Wert verleihen” (zit. n. Finkielkraut, 91), aber auch Michel Foucault hätten in ihren Theorien den Menschen zu einem Ensemble äußerer Einflüsse degradiert und damit einerseits das alle Menschen Verbindende, die Vernunft, aufgegeben, und andererseits den Einfluss der die Menschen umgebenden äußeren Faktoren verabsolutiert, den man laut Finkielkraut zwar nicht aberkennen, aber durch die Vernunft “hintertreiben” könne und müsse. Durch diese Philosophie wäre einem romantischen Kulturbegriff Vorschub geleistet worden, der den Menschen nicht als universelles, vernünftiges Wesen, sondern als an seine Kultur, Sprache und Tradition geknüpftes Wesen auffassen würde. „[...] Herder sprach vor allem für die Seinen; die Philosophen der Entkolonialisierung hingegen sprechen für den Anderen. [...] Sie wollen den Fremden rehabilitieren: aus diesem Grunde heben sie jede Bewußtseinsgemeinschaft der Menschen auf. Wenn sie sich aufspielen mit dem, was sie von den anderen Kulturen unterscheidet, so um diesen die Würde wiederzugeben, die der abendländische Imperialismus ihnen geraubt hatte. [...] In ihrer Fremdenfreundlichkeit machen sie sich die Sache der einfachen Leute zu eigen, erklären den Tod des Menschen im Namen der so unterschiedlich gearteten Menschen [...] und [verkünden] ihrerseits die Absetzung der universellen Werte [...].” (71f.) Damit die Kolonialisierten ihre Unabhängigkeit erlangen, sollen sie – so die Philosophie der Entkolonialisierung – zu ihrer Kultur zurück finden, also – so Finkielkraut – zu “Gefangenen ihrer Zugehörigkeit” (75) werden.
In der Philosophie der Entkolonialisierung ist die ursprüngliche Philosophie des Volksgeistes zu ihrem “Ausgangspunkt zurückgekehrt” (86). Herder hatte noch keinen Begriff der Rasse zur Verfügung, die Philosophie der Entkolonialisierten lehnt den Begriff der Rasse zeitgemäß ab. Die Rassetheorie selbst sei post festum als zwischenzeitlich Hinzugetretenes einzuordnen und habe den Volksgeist, den Herder und die Philosophie der Entkolonialisierung kulturell begründeten, biologisch fundieren wollen. „Wie die alten Lobsänger der Rasse halten die gegenwärtigen Fanatiker der kulturellen Identität den einzelnen im Gewahrsam seiner Zugehörigkeit.“ (85) Während das Wort Rasse allgemein tabuisiert sei, lebe sein Inhalt, der „Fetischismus der Verschiedenheit“ (87), fort, etwa in einer Erklärung der UNESCO von 1982: „[...] die kulturelle Identität ist der lebendige Kern der individuellen und kollektiven Person; sie ist das Lebensprinzip [...].“ (zit. n. Finkielkraut, 150)
Der letzte Essay überrascht. So wie das Denken und das Individuum durch die kulturelle Identität eingeebnet werden, so geschehe dies neuerdings auch mittels der Kulturindustrie. “Nun zerstört die Logik des Konsums die Kultur [...] Von nun an wird das geistige Leben vom Vergnügungsprinzip – der postmodernen Form des Interesses – bestimmt. Es geht nicht mehr darum, die Menschen zu autonomen Subjekten heranzubilden, es geht darum, ihren unmittelbaren Gelüsten Genüge zu tun, sie möglichst billig zu unterhalten. Als loses Konglomerat von flüchtigen und zufallsbedingten Bedürfnissen hat das postmoderne Individuum vergessen, daß Freiheit etwas anderes war als die Macht, das Programm zu wechseln, und die Kultur mehr als ein befriedigter Trieb.” (130) Zweifelsohne fördert die Kulturindustrie kein autonomes Denken, sondern einzig eine Zerstreuung, die möglichst wenig eigenständige geistige Tätigkeit herausfordert. Der Unterschied, den Finkielkraut unterschlägt, ist aber ihre Stellung gegenüber dem ihr Äußerlichen. Während die Volksgemeinschaft das ihr vermeintlich Disparate bekämpft und der Feinderklärung bedarf, ist der Kulturindustrie das ihr Fremde egal oder Quelle der „Innovation“. Während die Volksgemeinschaft sich gegen Juden, „Zigeuner“ und andere zusammenrottet, kann Finkielkraut in Ruhe neben der Kulturindustrie existieren und muss es höchstens dulden, dass eine bestimmte politische Konjunktur zu einer mehr oder weniger schlechten Adaption seiner Essays in einem Leipziger Kultur- und Politheftchen führt. Wo er den Verfall der bürgerlichen Kultur feststellt, entdeckt Finkielkraut plötzlich den Kapitalismus als Übel – dessen „Geist [...] bezieht nun all die spontanen Genüsse des Lebens ein, die er zur Zeit seiner Entstehung unerbittlich verfolgte“ (126) und entwürdigt sie. Doch verleugnete Finkielkraut zuvor, dass schon das Fortschreiten der Vernunft gegen schlechte Gewohnheiten und Vorurteile unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen schwer möglich ist. Denn die irrationalen Formen der Vergesellschaftung und soziale Missstände bedingen diejenige Irrationalität, die Finkielkraut anprangert.
Das Buch ist sehr zu empfehlen, schon allein wegen der Kraft seiner Sprache. Beispielsweise wenn der Autor den Gegnern der universellen Vernunft nachstellt: „[...] die Philosophie sollte wieder an den Punkt gebracht werden, an dem die Volkweisheit stehen geblieben war; das Denken sollte wieder bei der Meinung in die Schule gehen. Das Cogito sollte in die Tiefen des Kollektivs tauchen, die abgebrochene Verbindung mit den Vorfahren wieder aufnehmen; die Suche nach Autonomie sollte durch die Suche nach Authentizität ersetzt werden. Jeder kritische Widerstand mußte aufgegeben werden: man sollte sich von der mütterlichen Wärme der mehrheitlichen Lehren durchdringen lassen und sich ihrer unfehlbaren Urteilskraft beugen! Die Vernunft an den Instinkt ketten! [...] Zurück in den Kokon der Nation! [...] Alles im Menschen ist von dieser besonderen Substanz (der Volksseele) durchdrungen, von diesem Idiotismus geprägt. “ (31f.)

„Der deutsche Wald, die Heimat können sich nur noch auf die Linke verlassen“ (stellvertretender Vorsitzender Die Linke.PDS)
Richard Herzinger/Hannes Stein, Endzeitpropheten oder Die Offensive der Antiwestler; Fundamentalismus, Antiamerikanismus und Neue Rechte, Rowohlt, Reinbeck bei Hamburg 1995

Nationalfeiertag in der Kommune, 56.0k
Nationalfeiertag in der Kommune
Richard Herzinger und Hannes Stein dürften bekannt sein, da sie in größeren deutschsprachigen Zeitschriften publizieren und mit ihrer freundlichen Haltung gegenüber Israel und der jüngsten amerikanischen Außenpolitik herausstechen. In den Neunzigern haben sie gemeinsam ein Buch geschrieben, in dem sie ihren Begriff von Freiheit verteidigen. Erkennen müsse man, „daß es zur Errichtung einer humanen gesellschaftlichen Ordnung notwendig ist, sich aus den diktatorischen Fesseln der >>Kultur<< und >>Tradition<< zu lösen. Diese Idee heißt Universalismus: Sie öffnet die Tore für Menschen unterschiedlichster Abstammung und kultureller Prägung und bietet ihnen das Experiment des Zusammenlebens auf der Basis für alle gültigen Menschenrechte an.“ (88) Ähnlich Finkielkraut wollen sie den Universalismus gegen alle Ideologien retten, die das Individuum fesseln, und im Gleichklang mit Dewey propagieren sie das „Experiment des Zusammenlebens“. Da die Bedrohung des Individuums und des Experimentcharakters des Zusammenlebens nicht nur von der Neuen Rechten ausgeht, sondern auch von bestimmten Antirassisten, Multikulturalisten, Grünen und dem Islamismus, halten sie die klassischen politischen Kategorien „links“ und „rechts“ für überholt und finden sich auch selbst nicht in diesen Kategorien wieder. Viele Linke und Rechte hätten sich gleichsam darauf versteift, die „Kultur“ und die „Kulturen“ gegen den westlichen Liberalismus in Stellung zu bringen. Zudem sei der Antiamerikanismus ein verbindendes Element. Die ideologische, sich bisher kaum wahr haben wollende Querfront von links und rechts belegen sie anhand diverser Quellen. So hat es mal eine Musikgruppe gegeben, die ein Teil der deutschen Friedensbewegung in den 80ern war. Sie nannte sich „Zupfgeigenhansel“ und ihren Tonträgern waren theorielastige Booklets beigelegt, in denen auch der BAP-Produzent, ehemalige SPD-Kulturfunktionär und jetzige stellvertretende Vorsitzende der Linken.PDS Dieter Dehm einen Text beisteuerte: „Unser Volk war die bereitwillige Monofriermasse für die Kulturmonopolisten aus den USA [...]. Derart intensiv ist kein Volk in Westeuropa jemals kulturell fremdbestimmt worden. [...] Der deutsche Wald, die Heimat können sich nur noch auf die Linke verlassen, sei sie nun rot oder grün oder am besten beides.“ (zit. n. 51f.) Anhand dieses Zitates dürfte auch einsichtig werden, warum Herzinger und Stein die Ökologiebewegung kritisieren. In ihrem Kampf gegen die Regression von Multikulturalismus und Antirassismus von Gegnern zu Verteidigern kultureller Eigenart unterscheiden Stein und Herzinger zwischen liberalem und damit universalistischem Antirassismus und Multikulturalismus, wie sie beispielsweise von der frühen Bürgerrechtsbewegung in den USA und den Autoren selbst vertreten wurden und werden, und separatistischem oder partikularistischem Antirassismus und Multikulturalismus, denen es um kulturelle Authenzität statt individueller Autonomie ginge. Und Herzingers und Steins multikulturelle Toleranz hört dort auf, wo individuelle Autonomie und Universalismus durch fremde Kulturen, Ideologien und Religionen bedroht sind. Folglich kritisieren sie – ihrer Zeit voraus – den Islamismus, besonders dessen Hass auf westliche Dekadenz und dessen Frauenbild.

Abschließend

Festzuhalten bleibt noch, was die bürgerlichen Kritiker erst gar nicht explizieren. Dass sie nicht wie viele linke Kritiker den Fehler begehen, bestimmte exponierte Kreise als Urheber nationalsozialistischer Ideologie und Praxis auszumachen, um das vermeintliche revolutionäre Subjekt – das Volk oder die Massen – freizusprechen. Sie müssen keine theoretischen Verrenkungen anstellen, um die Interessen des Monopolkapitals mit Antisemitismus, Rassismus, Autarkie und anderen nationalsozialistischen Elementen zu vermitteln. Damit ist eine Fehlerquelle ausgeschlossen und bestimmte Ideologien und Praxen – wie deutscher Antikapitalismus – werden der Analyse zugänglich. Eine neue Fehlerquelle kommt freilich hinzu. Während der blinde Fleck der linken Kritiker das vermeintlich revolutionäre Subjekt ist, so heißt jener bei den bürgerlichen Kritikern – in ihren Worten – freier Markt oder freie Wirtschaft. Womit an dieser Stelle noch nichts über Schuld und Unschuld der kapitalistischen Produktionsverhältnisse gesagt ist.

Hannes Gießler

Fußnoten

(1) Zum Begriff der bestimmten Negation – vgl. am besten Hegels Auseinandersetzung mit dem Skeptizismus in der Einleitung zur Phänomenologie des Geistes.
(2) ... wie der Vortrag (2003) von Manfred Dahlmann zum Thema „Bedingungen und Begriff des Kommunismus“, abgedruckt in der Bahamas Nr. 42 unter dem Titel: Einheit in der Trennung, im Internet zu finden unter www.isf-freiburg.org/beitraege/Kongress.htm (15.9.2005)

Das Buch John Dewey, Deutsche Philosophie und deutsche Politik kann im Infoladen Leipzig ausgeliehen werden.


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last modified: 28.3.2007