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Tomorrow-Café, 1.5k

Der Utopiebegriff
im Werk Ernst Blochs


Was bedeutet eigentlich Utopie? Reden die meisten Menschen heute von Utopie, so meinen sie die Vorstellung eines Zustands, der doch niemals zu erreichen ist. Utopie – das ist auch ohne einen Begriff von ihr zu haben, etwas für Träumer, etwas für Leute denen der Sinn für Realität abhanden gekommen ist, oder die diesen niemals hatten.
Ernst Bloch, ein nicht unwichtiger Kritiker seiner Zeit, hat den Begriff der Utopie ins Zentrum seiner Gesellschaftskritik gerückt er war einer der Ersten, der den Begriff der Utopie mit einem unorthodoxen Verständnis von materialistischer Gesellschaftskritik verband.
Im Folgenden wollen wir nachforschen, wo und wie der Begriff der Utopie im Werk Ernst Blochs (vor allem in „Geist der Utopie“) entwickelt wird. Blochs Betrachtungen können natürlich nicht bis in kleinste Detail ausgeführt werden, da dies den Rahmen sprengen würde. Die von mir angestellten Betrachtungen, die wesentlich den Inhalt des Utopiebegriffs sehen, sind wichtig, da sie klären, wie Bloch, trotz seiner Verbundenheit zur materialistischen Gesellschaftskritik, metaphysische Fragestellungen in sein Philosophieren über Utopie einbezieht.

1. Betrachtung zum Begriff der Utopie – „Das Dunkle“

Beginnen wollen wir mit unserer Betrachtung beim „Geist der Utopie“, der ersten größeren Schrift Ernst Blochs. „Der Geist der Utopie“, entstanden unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges, war eine Abrechnung mit den Preußen und den Österreichern und deren Krieg. Das Buch lehnt sich jedoch auch sehr stark an andere geschichtliche Entwicklungen und Umstürze an, z.B. die russische Oktoberrevolution. Bloch polemisiert stark gegen Deutschland, beschäftigt sich aber auch mit der Frage, wie unter dem Zeichen des Krieges ein besserer, menschenwürdigerer Zustand zu schaffen sei, der keinen Krieg mehr zulassen würde. Bloch sieht sich hier vor allem die Revolution in Russland an, eine für ihn wahrhaft richtige Wendung der Geschichte. Der realexistierende Sozialismus führt nach Blochs Erkenntnis, wenn auch nicht unproblematisch, zur erfüllten Utopie. Doch wie entwickelt sich bei Bloch dass, was er Utopie nennt? Die Utopie, und das ist anfangs zu erwähnen, ist keine ausschließlich wissenschaftliche Kategorie. Bloch kritisiert, das die Wissenschaft nur noch:“ radiziertes Leben ist“ also ihr eine Systematik zu Grunde gelegt wird, deren Wahrheit und Richtigkeit nicht mehr hinterfragt werden, sie lässt durch ihre Begriffe auch das Staunen – ein wie wir später sehen werden wichtiger Begriff, der für Bloch am Anfang eines jeden Philosophierens über Utopie steht – nicht mehr zu.
Utopie kann sich in der Systemhaftigkeit von Wissenschaft und Philosophie nicht entwickeln. Was Bloch, entgegen der Systemhaftigkeit, für einen Ausgangspunkt der Betrachtung von Utopie wählt, ist das „Dunkel des gelebten Augenblicks“. Das „Dunkel des gelebten Augenblicks“ lässt sich als etwas bezeichnen, das sich der einfachen Betrachtung der Welt entzieht, es herrscht hinter den erscheinenden Dingen und in den Menschen, ist nicht einfach erfahrbar, sondern die reine Innerlichkeit des Subjekts. Um nun dieses „Dunkel“, in dem für Bloch Wahrheit über die Welt steckt – das Sein und Werden der Menschen – betrachten zu können, müsste das Individuum sich selbst inne werden, was soviel heißt, als dass der Mensch in sich und gleichzeitig den Dingen, die um ihn herum herrschen, auf den Grund gehen muss. Das „Dunkle“ jedoch, das die eigentliche Identität des Menschen ausmacht, ist für Bloch nicht so einfach aufzulösen, wie man denkt. Für Bloch stellt sich nämlich folgende Frage: Wenn das „Dunkle“ das ganz Innerliche des Menschen ist, wie kann der Mensch dann das „Dunkle“ erkennen, wenn er doch zur Reflexion aus seiner Innerlichkeit heraus muss, um überhaupt auf ein Objekt, auf sich selbst reflektieren zu können? Die Antwort folgt schnell; es geht nicht, der Mensch kann nicht gänzlich bei sich selbst sein. Hierzu Bloch: „Nun kann ich mich nicht selber erleben und innehaben. Nicht einmal dieses eben, daß ich jetzt rauche, schreibe, gerade nicht will, als zu nah, vor mir stehen. Erst unmittelbar danach kann ich entspannt solches vor mich hinhalten, es gleichsam vor mich drehen.“(1)

2. Betrachtung, „Das Noch-Nicht-Bewusste“ und die Auseinandersetzung mit dem Traum

Nach dem ersten Abschnitt steht nun fest, dass Bloch die Meinung vertritt, Menschen besäßen in ihrem Inneren einen Punkt, der nicht einfach zu betrachten ist und das menschliche Handeln wesentlich beeinflusst. Das Handeln und Denken können wir nur im Nachhinein reflektieren, aber nicht während wir handeln oder etwas denken. An dieser Stelle ändert sich für Bloch auch die Art der Sicht auf die Dinge, die Inhalte des Denkens verschwimmen, werden nicht mehr ohne weiteres zugänglich.
Obwohl das Erlebte nun wesentlich unbeleuchtet, für den Menschen kaum zu fassen ist, besteht doch die Potenz, Erlebtes wieder an die Oberfläche des Bewusstseins zu bringen. Bloch: „Jedoch das vergangene Wollen, vergangene Erleben hört nicht auf zu bestehen und nachzuwirken, auch wenn es nicht mehr gegenwärtig bewusst ist. Im Traum vor allem kehrt das wachende untergegangene Wollen wieder, bemächtigt sich, bewegt und dennoch nichts mehr bewegend, halluzinierter Erinnerungsinhalt.“(2)
Der Traum wird nun ein „Gegenstand“, in dem Bloch die Möglichkeit utopischen Denkens vermutet, vor allem im Wachtraum. Der Wachtraum unterscheidet sich insofern vom Nachttraum, als Bloch beim Wachtraum eine Tendenz zur Verbesserung, gar Aufhebung der alten Welt sieht, der „Wachträumer“ setzt seine Traumobjekte selbst ein, stellt sich ein für Bloch, „Zukünftiges“ vor. Der Nachttraum dagegen ist nicht von solcher Progressivität erfüllt. Der Nachtträumer ist passiv, weiß seine Handlungen im Traum nicht zu beeinflussen, ist ihnen ausgeliefert. Hieraus entwickelt sich nun eine grundsätzliche Kritik des Freudschen Traumbegriffs und des Begriffs des Unbewussten. Der Traum, der wesentliche Aussagen über das Unbewusste macht, repräsentiert nur eine Seite des Unbewussten. Im Schlaftraum zeigen sich zum Beispiel unerfüllte Wünsche, oder Sachen, die sich im normalen Alltag des Menschen nicht verwirklichen ließen und nun aufgearbeitet werden. Das impliziert, dass sich der Traum, als Äußerung des Unbewussten, nur aus der Vergangenheit und vergangenen Wünschen und Vorstellungen reproduziert, etwas Nicht- Mehr- Bewusstes, was mit der Kraft des kreativen Träumens nicht zu viel zu tun hat(3). Bloch kritisiert hier auch den Umgang mit dem Gegenstand, während die Psychoanalyse als Wissenschaft den Traum nicht auf seine utopische Fruchtbarkeit untersucht. Dies verlangt Bloch und kritisiert gleichfalls den Umgang mit dem Schlaftraum:
„Der Schlaftraum selber also stammt zumeist in jedem Sinn aus der Vergangenheit, zersetzt gegenwärtig Gewesenes in Vergangenheit und hält es in den toten Teilen, in deren Stereotypie, in der Wiederholungstendenz bloßer „Natur“ fest. Ja schließlich: auch eine Einzelwissenschaft, die lediglich das Gewesene, das Material betrachtet und jeden Lichttrieb ohne Rest auf kreatürliches Vorher herunteranalysiert, jeden utopischen Strom verliert und schließlich in leere Mechanik eingrenzt: auch die solchergestalt entspannte, auf Entspanntes gerichtete Einzelwissenschaft ist schließlich dem nicht mehr Bewussten, einer so sehr stabilisierenden Vergangenheit verhaftet, dass in ihr schließlich nur noch Steine rollen.“ (ebenda, S.239). Bloch gibt dem Unbewussten, daher noch ein zweites Moment bei – das „Noch-Nicht-Bewusste.“ Das „Noch-Nicht-Bewusste“, im Wachtraum hervorkommend, ist eine Brutstätte von realitätsübersteigenden Gedanken. Sie sind aber nicht vollständig von der Realität gelöst, sondern repräsentieren eine Realität, die eben nicht ist, aber sein könnte. Das utopische Bewusstsein antizipiert in diesen Wachträumen also eine andere Welt, ohne diese bis ins kleinste auszumalen.

3. Betrachtung, „Das Noch- Nicht- Sein“ – oder wie Trieb, Not und Staunen den Menschen über sein bloßes Sein hinausbringen

Bloch stellt sich in seiner weiteren Betrachtung der Welt die Frage, wie der Mensch sich vom Tiere unterscheidet, ein Wesen mit bewussten Wünschen und Wunschvorstellungen wird, nach Höherem, etwa einer befreiten Gesellschaft, strebt. Hier entwickelt sich nun die Kategorie des „Noch-Nicht-Seins“. Das „Noch-Nicht-Sein“ treibt uns, Blochs Ansicht nach, eben zu jenem „hohen“, utopischen Bewusstsein. Aber jede Kategorie, steht sie nur für sich, ist sinnlos, wenn nicht erklärt wird, worüber sie sich eigentlich konstituiert. Bloch führt drei grundlegende Begriffe ein – den Trieb, die Not und das Staunen.

Der Trieb

Die Auseinandersetzung mit dem Trieb ist für Bloch besonders wichtig. Alle menschlichen Triebe lassen sich für ihn auf einen Ur-Trieb, den Selbsterhaltungstrieb zurückführen. Das erste was den Menschen antreibt, das erste Herausgehen aus sich, die Notwendigkeit mit Natur umzugehen, beziehungsweise in ein Wechselverhältnis mit ihr zu treten, um am Leben bleiben zu können, das ist es, was bei Blochs Triebanalyse(4) entscheidend ist. Der Selbsterhaltungstrieb, zu dem auch die Suche nach Nahrung gehört, die Stillung des Hungers, reproduziert sich immer wieder. Er (der Trieb) kann nur kurze Zeit befriedigt werden, ein weiteres Argument für den Autor des „Geist der Utopie“ zu glauben, dass dieser Trieb der Urtümlichste ist.
Um aber überhaupt einen Trieb zu verspüren, muss es einen Mangel an etwas geben und da der Mangel nach einer Zeit immer wieder auftritt, nicht dauerhaft beseitigt ist, stellt die Befriedigung eine „Notwendigkeit“, eine „Not“ dar.

Die Not

Die Not ist uns in die Wiege gelegt, wir müssen essen und schlafen. Die Notwendigkeit dies zu tun ist, für Bloch, für den der Selbsterhaltungstrieb – am wesentlichsten, Ursprung von Kultur, von Denken überhaupt. Wie vorhin erwähnt, strebt der Mensch danach, den eigenen Mangel zu beheben. Da der Mangel nach einer gewissen Zeit wieder entsteht, strebt der Mensch also immer wieder nach dessen Befriedigung. Da der Mensch merkt, dass der Mangel immer wieder kommt, versucht er „vorzusorgen“ – mit dem Ziel, den Mangel nicht mehr zu verspüren. Bloch sieht im Kampf gegen den Mangel ein ursprüngliches Element der Entstehung der Zivilisation: „Indem Menschen darauf hin arbeiteten, wurden sie, als sie aufhörten, bloß Sammler, bestenfalls Jäger zu sein, erst erfinderisch, also dieser Art klug. Nackt geboren, nicht mehr instinkthaft gepeilt, in einer Umwelt, worin man, als nicht geheurer, jede Spur beachten muß und auch der Ast einer Fichte zu denken gibt. Dem Gebrauch des Feuers folgte das bewußte Herstellen von Werkzeugen, um aus Rohstoffen, die unbearbeitet selten taugen, Kleider, Haus, gekochte Speisen und immer neues Plus gegen die nackte Not zu bilden.“(5)
Hinzu kommt, dass Bloch nicht nur das Entdecken und Entwickeln aus der Not ableitet, sondern auch das Grübeln und sich versenken. Die psychische Not nämlich ist es, die der somatischen folgt, uns die Frage aufzwingt: Warum haben wir Not, woher rührt sie überhaupt? Dieses Fragen; woher die Not kommt, das Suchen nach ihrer Ursache, das scheinbare Ausfindigmachen, dessen was uns staunen macht, ist es, was Bloch als nächstes analysiert.

Das Staunen

Utopisches Denken, das aus der Verankerung rein empirischen Wissens heraustreten möchte, hat seinen Progress auch im Staunen. Es sind vor allem die kleinen Dinge, die kurzen Momente, einfache Befremdlichkeiten, die uns aus unserem Alltag reißen. Bloch untersucht nun, wo die wissenschaftlich-empirische Erkenntnis noch nicht so stark ausgeprägt ist, wo überhaupt noch über Dinge gestaunt wird, sich Menschen Fragen nach dem Sein von Gegenständen und ihrem eigenen Leben stellen. Hierbei geht er auf die einfachsten Kinderfragen zurück: „Warum ist etwas und nicht nichts?“(6) oder: „Warum ist die Banane krumm?“
All dieses kindliche Fragen ist auf ein Staunen über die eigene Umwelt zurückzuführen. An diesem Punkt ist das Fragen aber noch nicht in einen Denkprozess gesetzt, auf den gleich die Antwort folgt, kausal noch nicht verbunden mit empirischem Denken.
Gerade aber die empirischen Wissenschaften müssen, als Instrument der Naturbeherrschung, dem Staunen gefolgt sein, war es doch ihr Zweck, die Furcht vor allem Unerklärlichen, das zu bestaunen war, zu verlieren.
Es ist demnach davon auszugehen, dass ein konstitutives Moment der empirischen Wissenschaft das Staunen war. Heutzutage aber gibt es durch die empirischen Wissenschaften kein Staunen mehr, das zu Fragen über das Sein führt. Diese Feststellung führt Bloch dazu, den Kampf gegen die positivistischen Wissenschaften aufzunehmen und das Staunen wieder möglich zu machen, indem die Empirie zu Gunsten der Subjektivität, die auch störrisches Gegendenken möglich macht, einige Schritte zurücktritt. Schlussendlich ist also zu erwähnen, dass das Staunen den Antrieb zu immer neuem Staunen gibt.

4. Karl Marx, Religion und die Utopie

Schon sehr früh, also im „Geist der Utopie“, versucht Bloch, Ansätze utopischen Denkens herauszukristallisieren. Eine wichtige Rolle spielt hierbei auch die Religion. Religion, das ist im ersten Sinne: Judentum. Was bei Bloch im besonderen Maße analysiert wird, ist der jüdische Messianismus. Die Vorstellung aber, dass ein von Gott gesandtes Wesen auf die Erde gelangt, die Menschheit zu erretten, ist mit Blochs Interpretation von Messianismus nicht vereinbar.
Hier nämlich ist vielmehr der Mensch sein eigener Messias. Gott kommt nicht in Menschengestalt zu uns, sondern wir werden in Menschengestalt zu Göttern.(7) Wie und auf welchem Wege wird der Mensch nun zum eigenen Messias? Hier gibt es für Bloch nur eine Antwort: Sozialismus! Dadurch, dass die Marxsche Kritik der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, Blochs Ansicht nach die zeitgemäßeste, die Probleme der Gesellschaft am adäquatesten beleuchtendste ist, versucht Bloch nun Messianismus und sozialistische Revolution zusammen zu denken, als Voraussetzung für verwirklichte Utopie zu nennen. Der Schlussteil des „Geist der Utopie“ trägt die Überschrift: „Karl Marx, der Tod und die Apokalypse“. Eben hier vereinen sich verschiedene Momente, Karl Marx als „Vordenker der Revolution“, gepaart mit dessen tiefgreifender Kapitalanalyse, wird als grundlegend für die Abschaffung der Produktionsverhältnisse erachtet, alles materielle Übel inbegriffen.
Für Bloch beinhaltet die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse gleichzeitig das Ende der leidvollen Welt, die echte Schöpfung der Menschheit kann beginnen – also ein dazu kommender, apokalyptischer Gedanke.(8) Nach der Befreiung bleibt die Religion, jedoch erhalten, sie soll erzieherischen Charakter haben. Deshalb kritisiert Bloch auch die atheistische Ausrichtung des Marxismus, der zwar die materiellen Übel abschaffen möchte, das Seelenheil der Menschen aber nicht bedenkt.
In späteren Werken Blochs ist der Zugang zur Religion schon wesentlich differenzierter, beziehungsweise die Hinwendung zu Marx stärker. Zwar ist klar, dass die Religion nie aus dem Zentrum der Blochschen Philosophie gerückt ist, schon gar nicht bei der Auseinandersetzung mit dem Tod, aber die Anlehnung an die Marxsche Religionskritik wird größer.
Marx bezeichnet das religiöse Elend als einen Ausdruck des wirklichen Elends und als Protestation gegen das wirkliche Elend. D.h. die Religion ist ein Ausdruck der falschen gesellschaftlichen Verhältnisse, aber auch ein Mittel um mit den Widrigkeiten des Lebens fertig zu werden. Beides zeugt davon, dass die Welt nicht das hält, was sie verspricht, der Mensch noch kein selbstbestimmtes Wesen ist.
Hier entsteht für Bloch eine Potenz: die Menschen streben, und das macht die utopische Tendenz aus, nach einer besseren Welt, wenn es auch auf religiösem Wege ist.(9) Dieser religiöse Weg muss also so interpretiert werden, dass es keinen Gott mehr gibt, keine Autorität an die zu glauben wäre, sondern der Mensch muss als Herr eingesetzt werden und an ihn muss auch als Macher der Geschichte Glauben gespendet werden.(10) Sind diese Voraussetzungen geschaffen, schwingt in jeder solcher messianischen Vorstellung auch ein Stück Utopie mit.

Kaubi

Fußnoten:
(1) Ernst Bloch, Geist der Utopie – zweite Fassung, Frankfurt am Main 1964, S. 237
(2) Ebenda, S. 237
(3) Bloch kritisiert hier auch den Umgang mit dem Gegenstand, während die Psychoanalyse als Wissenschaft den Traum nicht auf seine utopische Fruchtbarkeit untersucht, verlangt dies Bloch und kritisiert gleichfalls den Umgang mit dem Schlaftraum: "Der Schlaftraum selber also stammt zumeist in jedem Sinn aus der Vergangenheit, zersetzt gegenwärtig Gewesenes in Vergangenheit und hält es in den toten Teilen, in deren Stereotypie, in der Wiederholungstendenz bloßer "Natur" fest. Ja schließlich: auch eine Einzelwissenschaft, die lediglich das Gewesene, das Material betrachtet und jeden Lichttrieb ohne Rest auf kreatürliches Vorher herunteranalysiert, jeden utopischen Strom verliert und schließlich in leere Mechanik eingrenzt: auch die solchergestalt entspannte, auf Entspanntes gerichtete Einzelwissenschaft ist schließlich dem nicht mehr Bewussten, einer so sehr stabilisierenden Vergangenheit verhaftet, dass in ihr schließlich nur noch Steine rollen." Ernst Bloch, "Geist der Utopie" - zweite Fassung, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1964, S.239
(4) Bloch verwirft bei der Beobachtung der Triebstruktur des Menschen die psychoanalytische Ansicht, dass der Sexualtrieb wesentlich den Umgang der Menschen beeinflusst. Im „Geist der Utopie“ kritisiert er daher, dass Psychoanalyse viel zu sehr auf die „Kreatürlichkeit“ des Menschen, zum Beispiel beim Sexualverhalten, rekurriert. Der Sexualtrieb nämlich wandelt sich für Bloch in den geschichtlichen Epochen, mit wechselnden gesellschaftlichen Verhältnissen. Bloch geht auch ganz im Gegensatz zum Bedürfnis nach Nahrung davon aus, dass das Bedürfnis den Sexualtrieb zu befriedigen wesentlich geringer ist, man viel länger ohne die Befriedigung des Sexualtriebs leben könnte. Dass jedoch der Umgang mit dem Selbsterhaltungstrieb, bei wandelnden Produktionsverhältnissen und damit Konsumtionsverhältnissen, einer Wandlung unterzogen wird, lässt sich nicht herauslesen. ( Vgl. Peter Zudeick, Der Hintern des Teufels, 1987, S. 209)
(5) Ernst Bloch, „Zugang“ , in: „Auswahl seiner Schriften“, Frankfurt am Main, 1964, S. 36
(6) Ebenda, S. 37
(7) Dazu Ernst Bloch: „Das bedeutet: der letzte, echte, unbekannte, übergotte Gott, unser aller Enthüllung, ‘lebt’ auch jetzt bereits, obzwar er nicht ‘gekrönt’, nicht ‘objektiviert’ ist; er ‘weint’, wie einige Rabbinen von Messias sagten, auf die Frage, was er tue nachdem er nicht ‘erscheinen’ und erlösen kann; er ‘west’ in unser aller Tiefstem als ‘ich bin, der ich sein werde’ (...)“
(8) Siehe dazu: Peter Zudeick, Der Hintern des Teufels, 1987, S. 65
(9) Wie vorhin erwähnt ist dieses religiöse Streben aber nicht mehr mit einem Gott verbunden, sondern die Menschen sollen ihr eigener Messias sein.
(10) Bloch lehnt sich hier vor allem an die Ketzergeschichten an, versucht zu belegen, dass jede Religion auch die Rebellion gegen sie werden kann. Religion kann demnach vom Menschen, für den Menschen uminterpretiert und nutzbar gemacht werden, also auch aus affirmativer Starre befreit werden.

  • kultur-report: Utopie im CEE IEH #84

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last modified: 28.3.2007