home | aktuell | archiv | newsflyer | radio | kontakt
[109][<<][>>]

Tomorrow-Café, 1.5k

Der prozessierende Widerspruch als verhältnisloses Verhältnis der Verwandlung von Geld in mehr Geld


(Teil II von „Die ungeheure Warensammlung als prozessierender Widerspruch“)



Profitrate, 29.1k Im Folgenden lege ich den Teil 2 meiner Darstellung der Kritik der politischen Ökonomie dar. Ich habe mich entschieden, in dieser Reihe einen Grundaspekt marxschen Denkens heraus zu greifen und an verschiedenen Stellen des Marxschen Gesamtwerkes aufzuzeigen. Dabei habe ich mich für das Problem des doppelt erscheinenden Reichtums entschieden.
Auf den ersten Blick erscheint der bürgerliche Reichtum als eine ungeheure Waarensammlung, die einzelne Waare als sein elementarisches Dasein. Jede Waare aber stellt sich dar unter dem doppelten Gesichtspunkt von Tauschwert und Gebrauchswert“ (Marx, MEW 13, S. 15). Bei Marx selbst spielt der Reichtum als Ausgangspunkt die zentrale Rolle.
Zu Marxens Zeiten erfolgte ein sehr schneller Anstieg der produzierten Gütermenge und parallel dazu ein nicht minder schnelles Anschwellen des materiellen und sozialen Elends. In herkömmlicher traditionsmarxistischer Leseweise wurde diese Problematik all zu schnell verkürzt auf die Thematik der Reichen, die immer reicher und der Armen, die immer ärmer werden. Das stimmte zwar auch und hat durchaus bis heute nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt, dennoch geht die Marxsche Gesellschaftskritik erheblich tiefer.
Dies verweist auf die bereits angesprochene Doppelform des Reichtums: Marxens Analyse zielt auf die Fragestellung, warum die Menschen von einem Reichtum, den sie selbst herstellen, zunehmend selbst beherrscht werden, bzw. warum sie ihn nicht derart beherrschen, dass er sie wenigstens satt macht. Nach Marxens Erkenntnis ist das nicht lediglich ein Problem der Verteilung oder der politischen Verhältnisse. Diese ruhen vielmehr auf einer bestimmten Art zu produzieren.
Im letzten Teil wurde dargestellt, wie sich aus der erscheinenden Doppelform des Reichtums die Verselbständigung des Geldmediums und damit eine fetischistische Verkehrung von Mitteln und Zwecken ergibt, die dazu führt, dass Menschen wie Dinge und Dinge wie handelnde Menschen auftreten. Im Tausch werden die Menschen schließlich zu Anhängseln der Waren und ihrer Bewegung selbst: „Diesen der Waare mangelnden Sinn für das Konkrete des Waarenkörpers ergänzt der Waarenbesitzer durch seine eigenen fünf und mehr Sinne“. Der Tausch ist sowenig wie das Geld nur ein Mittel, das den Austausch der Güter einfach nur „besser“ bewerkstelligt. Er ist selbst eine besondere Ausformung des Fetischprinzips und bringt die Gesellschaft unter seine Kontrolle. Auch hier ist die typische Verkehrung von Zweck und Mittel am Wirken. Der kapitalistische Tausch wird zum Zweck an sich. Der wirkliche, materielle Austausch von Gütern ist auch hier nur ein Nebenprodukt.
Es kommt also zu einer Verselbständigung des Geldmediums und in dessen Folge zur Konstitution von Quasi-Naturgesetzen: von Menschen gemacht und doch unerbittlich waltend ohne dass sich ein einzelner Mensch gegen sie erwähren könnte.

Kapital:

In der fetischistischen Verselbständigung des Geldmediums liegt die Logik des Kapitals verborgen. Das Geld erscheint als sinnvolles Mittel der Güterverteilung nach dem Schema Ware gegen Geld (1) und dann Geld gegen Ware (2), also W-G-W. Da das Geld jedoch als Selbstzweck gesetzt ist, beginnt der Kreislauf zwingend mit dem Geld. Also Geld gegen Ware (1) und Ware gegen Geld (2). Die Formel des Kapitals läuft daher hinaus auf: G-W-G. Dieser Prozess macht unter dieser Voraussetzung aber nur dann Sinn, wenn dabei eine Verwertung erfolgt, wenn also dabei mehr Geld herausspringt als anfangs vorhanden war. Genau in diesem Fall ist von Kapital zu sprechen. Geld, das sich zu mehr Geld verwertet, Geld, das einen Mehrwert heckt: also G-W-G’ = G-W-G+m (Mehrwert).
Marx spricht daher vom Wert als einem automatischen Subjekt. Das Geld als Ausdruck des Werts, also als Ausdruck allgemeiner gesellschaftlicher Arbeit setzt sich um in Waren und deren Verkauf bringt mehr Geld hervor, als am Anfang vorhanden war. Das geht nur unter weiterer Ansaugung gesellschaftlicher Arbeit. Also nur durch die Vernutzung menschlicher Arbeitskraft kann es zur Entstehung von Mehrwert kommen. Der Wert springt im Kapital stets von einer Form in die andere: von der Geldform in die Warenform und zurück in die Geldform und verwertet sich dabei.
Dieser Prozess ist zu denken als ein permanentes Oszillieren des Werts zwischen den beiden Polen des doppelten Reichtums. Die stoffliche Umformung von Natur ist notwendige Bedingung der Vermehrung und dabei doch gleichzeitig stets nur ihr Ausdruck.
Genau in diesem Sinne ist das Kapital als ein gesellschaftliches Verhältnis zu begreifen. Es verhalten sich dabei zueinander: 1) unmittelbare Verausgabung flüssiger, lebendiger menschlicher Arbeitskraft auf der einen Seite und 2) menschliche Arbeit in bereits verausgabter Form, dargestellt in Geld, Maschinen, Gebäuden, gesellschaftlicher Infrastruktur. Kapital stellt also in seiner Doppelstruktur angesammelte und ständig neue Ansammlung menschlicher Tätigkeit zum Zwecke ihrer Vernutzung dar. Kapital ist in sich die Darstellung des Widerspruches zwischen Arbeit in ihrer unmittelbaren lebendigen Verausgabung und in ihrer bereits verausgabten Form.

Formen des Kapitals:

Dieser Doppelform entspricht die Darstellung des Kapitals in Form des konstanten (capital constant) und des variablen Kapitals (capital variable). Als konstantes stellt es das Kapital als Darstellung bereits vernutzter Arbeit dar und als variables seiner Darstellung in Form von Arbeitskraft. Dabei kann das variable Kapital durchaus Geld sein (also konstantes Kapital), welches sich in lebendige Arbeitskraft umsetzt. Andererseits stellt das konstante Kapital ehemals lebendige Arbeitskraft dar. Der Widerspruch verdoppelt sich an seinen Polen. Lebendige ist künftige verausgabte und verausgabte ist ehemals lebendige Arbeitskraft (1), beide sind nur in Verbindung miteinander denkbar, das andere ist jeweils die Bedingung des einen (2) und jedes ist jeweils das andere (3). Diese komplizierte Darstellungsform ist Ausdruck des Kapitals als ständiges dialektisches Springen des Werts von einer Form in die andere und Ausdruck der Tatsache, dass das Kapital niemals stillstehen kann und darf ohne aufzuhören Kapital zu sein. Es ist aber auch ein Moment dieses Widerspruchs, dass diese Unmöglichkeit tatsächliches jedes Mal im Kapitalkreislauf eintritt. Das Geld ist Ausdruck dieser wirklichen Unmöglichkeit.
Steht Kapital still, so bezeichnet man es als Schatz. Der Schatz ist logisch bereits im „einfachen Warenkreislauf“ angelegt. Da man mit Geld „alles“ kaufen kann aber doch nie oder gerade deshalb nie genug davon hat, treibt jede auf dem Geld beruhende Wirtschaftsweise dazu, nur Waren zu verkaufen und dafür nicht sofort neue Waren zu kaufen, sondern das Geld zu sammeln, es also aus der Zirkulation heraus zu ziehen (Marx nennt dies: „aufschatzen“). Das Ziel ist es, mit viel Geld besonders viel erreichen zu können. Der perfekte Schatzbildner ist jedoch der Kapitalist. Er hortet sein Geld nicht zum Schatz, sondern schmeißt es gerade heraus. Aber nicht um Unmengen von Waren zu kaufen, sondern um eine ganz bestimmte Ware zu kaufen. Er investiert in Arbeitskraft, Maschinen, Roh- und Hilfsstoffe, Fabriken und beginnt zu produzieren. Er vollzieht den Kapitalkreislauf G-W-G’. Schatz und Kapital stellen somit einen Gegensatz dar. Dennoch ist der Schatz die Grundlage für kapitalistische Investition und gelingende kapitalistische Investition führt wieder zu einem Schatz. Dieser darf aber um keinen Preis der Welt Schatz (also aufgehäuftes Geld) bleiben, sondern muss zurück in die Produktion, um sich erneut zu verwerten. Verharren in einer Gesellschaft massenhaft Gelder in der Schatzform, so stockt der Verwertungsprozess und das Kapital verfällt. Der Gegensatz von Schatz und Kapital verdeutlicht den Widerspruch innerhalb der Formel des Kapitals selbst. Das Kapital muss sich stets verwerten, kann niemals in dinglicher Form vorliegen, weil es sich schon wieder in den nächsten Verwertungsprozess stürzen muss. Dennoch muss es, um genau dies zu können, sich zeitweise aufschatzen, sich also in dieser Zeit gerade nicht verwerten, also nicht Kapital sein. Es ist Kapital indem es zeitweise nicht Kapital ist.
Eine Unterscheidung innerhalb des Kapitals die jenseits der von variablem und konstantem Kapital liegt, ist jene zwischen fixen (capital fixe) und zirkulierendem Kapital (capital circulaire). Das zirkulierende Kapital ist jenes, welches stets vollständig in den Produktionsprozess eingeht: die Arbeitskraft (also das gesamte variable Kapital) oder die Roh- und Hilfsstoffe.
Unter dem Begriff des fixen Kapitals werden jene Teile des Kapitals gefasst, welche nicht sofort sondern nach und nach in den Verwertungsprozess eingehen, also jene Teile, welche in der Buchhaltung „abgeschrieben“ werden. Das betrifft Maschinen und Gebäude. Der Wert einer Maschine fließt nicht ein für alle Mal in die Verwertung, sondern bei jedem Produktionsdurchlauf ein bißchen.
Auch in diesem Gegensatz drückt sich der Doppelcharakter des Reichtums, bzw. die Schwierigkeit der Vermittlung zwischen dem Reichtum in Form von Gebrauchswerten und seiner notwendigen Darstellung in Quanta abstrakter Arbeitszeit aus. Das ständig fluktuierende Wesen des Kapitals bricht sich gewissermaßen an diesem Kapital selbst, da es stets einen Teil an sich trägt; welcher eben nicht vollständig sich verwerten kann; sondern verharren muss: EINE Produktion, in der sich alle Maschinen sofort verbrauchen wäre technischer Schwachsinn. Mit zunehmender Entwicklung des Kapitals kommt es sogar zu einem quantitativen Anstieg des fixen Kapitals, da die Maschinen ja ständig modernisiert werden, um effektiver produzieren zu können. Damit verschärft sich das in diesem Sachverhalt verborgene Problem: nur noch ein immer kleiner werdender Teil erfüllt die Funktion des Kapitals, nämlich ständig zu zirkulieren und dabei seine Form zu wandeln, während ein immer größerer über längere Zeit in einer Form verharrt.
Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion zerfällt entsprechend der Widersprüchlichkeit dieses Prozesses in den Produktionsprozess und den Zirkulationsprozess des Kapitals. Dem entspricht die unmittelbare materielle Produktion, die der Herstellung von Gebrauchswerten dient, auf der einen Seite und ihrer nötigen Darstellung in Quanta menschlicher Arbeitszeit auf der anderen Seite. Infolge der Verselbständigung des Geldmediums unterliegt auch der Zirkulationsprozess einer Verselbständigung. Daher erscheint es, als ob die Schöpfung des Wertes in der Zirkulation möglich wäre. Marx hingegen hält fest: Der Wert entsteht in der Zirkulation und er entsteht nicht in der Zirkulation. Die Zirkulation ist vielmehr notwendige Bedingung dafür, dass überhaupt Wert realisiert wird. Ohne die Aufspaltung des Reichtums und ohne Verselbständigung der Zirkulation gäbe es überhaupt keinen Wert, gäbe es überhaupt keine über den Wert vermittelte Gesellschaft. Das jedoch sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Vernutzung menschlicher Arbeitszeit die Grundlage dieser Art von Gesellschaft ist.
Diese Aufspaltung enthält jedoch in sich die Möglichkeit, dass die Zirkulation sich tatsächlich real von der Grundlage der produktiven Vernutzung menschlicher Arbeitskraft entkoppeln kann. Dazu später im Teil 3 dieser Abhandlung.
Im Verlauf des kapitalistischen Produktionsprozesses erfolgt eine weitere strukturelle Entgegensetzung: Die Aufspaltung der Arbeit in geistige und körperliche. Der Mensch ist zunächst ein denkendes und handelndes Wesen. Menschen müssen handeln, um in ihrer Umwelt bestehen zu können. Und um Handeln zu können, müssen sie denken und über ihr Handeln denken sie wiederum nach, was zu verändertem Handeln führen kann. Im Vollzug kapitalistischer Produktion spaltet sich dieser Prozess jedoch auf. Einige Menschen müssen weitgehend nur noch körperlich arbeiten – bei ihnen geht es nur noch um die Einsaugung materieller Arbeitskraft – sie spezialisieren sich auf die Verrichtung körperlicher Tätigkeiten. Auf der anderen Seite spezialisieren sich andere Menschen auf die geistige Arbeit – auf das Verrichten geistiger Arbeit – sie organisieren, kontrollieren, managen den Produktionsprozess, denken über die Gesellschaft und deren mögliche perfektere Organisierung nach. Darunter leiden beide Formen der Arbeit. Die körperliche Arbeit wird nach Möglichkeit von allem Nachdenken befreit, die geistige nach Möglichkeit von aller körperlicher Zutat. Beide verselbständigen sich gegeneinander und können als reale Gegensätze wahrgenommen werden. Der körperlichen Arbeit erscheint alles Nachdenken als reine Zumutung, der geistigen die körperliche Anstrengung. Hinzu kommt, dass die grundlegende Differenzierung weitere nach sich zieht. Die geistigen und körperlichen Tätigkeiten werden selbst vielfach zergliedert und zerlegt. Menschen verkommen zu halbautomatisierten Arbeits- bzw. Denkwesen, die sich jeweils mit einer einzelnen Teiltätigkeit herumzuplagen haben und über das Ganze weder Überblick noch Kontrolle haben. Sie sind eingebunden in eine Struktur, die sich über ihre Köpfe hinweg vollstreckt und deren Funktionen sie auszuführen haben – ansonsten haben sie keine Überlebensmöglichkeit.
Ebenfalls der Doppelform des Reichtums entspringt die Aufteilung in produktive und unproduktive Arbeit. Als produktiv bestimmt Marx jede Arbeit, die innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses vollzogen wird und direkt der Verwertung des Geldes dienlich ist. Also ist jene Arbeit produktiv, die nicht gegen Revenue (pures Einkommen, von dem man lebt) sondern gegen Kapital (Einkommen, das wieder neu verwertet wird) getauscht wird. Putze ich jemandem die Schuhe und verlange dafür 2€ so ist das zwar Arbeit – aber eben keine produktive, sondern unproduktive. Schließlich findet dabei keine Geldverwertung statt. Anders verhielte es sich, wenn ich Angestellter eines Schuhputzunternehmens wäre und meine Arbeit hier Teil der Kapitalansammlung wäre. Ob eine Arbeit produktiv oder unproduktiv ist, hat also nichts mit der Art dieser Arbeit sondern ausschließlich etwas mit ihrem gesellschaftlichen Charakter zu tun. So kann ein Arbeiter in der Schwerindustrie unproduktive Arbeit leisten – so z.B. wenn er in der Rüstungsindustrie tätig ist und sein Einkommen (indirekt) vom Staat gesichert wird (da die Ausgaben für Rüstung unter den Staatskonsum fallen, also aus Steuern finanziert werden) – es handelt sich hier nur um Revenue, nämlich weiter verteilte Steuern, nicht um Kapital (dass das Rüstungsunternehmen selbst Gewinn – Rendite – erzielt – tut da nichts zur Sache – jede Art von Rüstung bleibt unproduktiv). Andererseits kann jemand in einer Putzkolonne eines Dienstleistungsunternehmens durchaus produktive Arbeit verrichten.
Nur die Arbeit ist also produktiv vom kapitalistischen Standpunkt aus, welche direkt der Verwertung dient. Also jene Arbeit, die sich in abstrakter menschlicher Arbeit darstellt und als Kapital ansammelt. Alle anderen Arbeiten sind unproduktiv und daher vom unmittelbaren Verwertungstandpunkt des Kapitals aus betrachtet, unproduktiv. Damit werden sie tendenziell auch nicht ausgeführt. Nur jene Arbeiten bestehen vor der unerbittlichen kapitalistischen Logik, die der Geldverwertung dienen. Das heißt: 1) all jene Tätigkeiten, die Menschen durchaus nützlich sind aber kapitalistisch nicht verwertend sind, werden, wenn überhaupt, nur in sehr geringem Maße ausgeführt – alles was nicht der Verwertung dient, ist im besten Falle zweitrangig – z.B. Menschen satt machen, heilen oder bilden, die dies nicht bezahlen können. 2) Aber auch all jene Tätigkeiten, die dem Kapital selbst zwar dienlich sind, aber nicht seiner unmittelbaren Verwertung nützlich, sind ebenfalls nur zweitrangig.
Hierunter fällt die Bereitstellung staatlicher Infrastruktur wie Straßenbau, Post- und Fernmeldewesen, Organisierung des Steuern- und Abgabensystems, Rüstung, Polizei, Armee, Eisenbahnen, soziale und ökologische Folgekosten der Produktion oder Infrastruktur für’s Internet. Mit zunehmender kapitalistischer Entwicklung wachsen allerdings die Kosten für diesen Rahmen der kapitalistischen Produktion immer mehr. Hier wird ein weiteres Moment sichtbar, an dem die beiden Erscheinungsformen des Reichtums nicht mehr miteinander vermittelbar sind. Es erweist sich, dass die für den Bestand der kapitalistischen Gesellschaft erforderliche Umformung von Naturstoffen sich nicht mehr mit ihrer Darstellung als Verwertungsprozess deckt – womit das Verhältnis als ganzes prekär wird.

Rate des Mehrwerts:

diese ist Ausdruck des Kapitals als gesellschaftlichem Verhältnis. Wir hatten gesehen, dass sich im Kapitalverhältnis stets lebendige und vernutzte Arbeit entgegenstehen. Innerhalb des Kapitals drückt sich dies als Verhältnis zwischen konstantem und variablem Kapital aus. Die Rate des Mehrwerts ist bestimmt durch das Verhältnis zwischen dem gewonnenen Mehrwert und der angewandten Menge Arbeitskraft.
m’ = m/v
Die Rate gibt also an, wie groß der Mehrwert ist, der aus einer bestimmten Menge variablem Kapital gesogen wird. Sie ist Ausdruck der Intensität der Vernutzung menschlicher Arbeitskraft. Sie ist eine fetischistische, die Gesellschaft im Kapitalismus beherrschenden Formel, die die Vernutzung von Menschen für die Kapitalverwertung auf den Punkt bringt.
Profit (p) und Profitrate (p’)
Vom Standpunkt der kapitalistischen Produktion ist allerdings nicht der Mehrwert sondern der Profit entscheidend. Der Profit ist der dem einzelnen kapitalistischen Unternehmen erscheinende Mehrwert. Klein p ist also erstmal gleich klein m, also Profit gleich Mehrwert.
Bei der Profitrate verhält es sich allerdings anders. Vom Standpunkt kapitalistischer Unternehmertätigkeit, der – machen wir uns nichts vor – auch jener der Arbeiter ist, betrachtet, ist nicht das Verhältnis des Profits zur angewandten menschlichen Arbeitskraft (v) entscheidend, sondern das Verhältnis zum gesamten eingesetzten Kapital (C), also auch zum konstanten (c).
P’ = m/C = m/c + v
In der Profitrate wird also die Vernutzung menschlicher Arbeitskraft, die das Herzblut des kapitalistischen Verwertungsprozesses darstellt, ideologisch verschleiert. Die Formel der Profitrate ist eine ideologische Verzerrung des wirklichen Sachverhalts. Sie drückt die Herkunft des Profits aus vernutzter Arbeitskraft lediglich ist verschwommener – und zwar notwendig verschwommener – Form aus. Dass der gesamte kapitalistische Verwertungsprozess Auspowerung menschlicher Arbeitskraft zur Basis hat, bzw. haben muss, kommt hier nur noch verzerrt zum Ausdruck.

Durchschnittsprofit(rate):

Innerhalb der kapitalistischen Produktion setzt sich jeweils ein bestimmter Durchschnittsprofit durch. Das bedeutet, dass sich die Produktion innerhalb einer bestimmten Branche auf dem Weltmarkt an diesem Durchschnitt zu orientieren hat. Nur jenes Unternehmen, welches seine Arbeitskräfte auf Weltniveau ausbeuten kann, hat auf dem Weltmarkt noch eine Chance. Wird dieses Niveau unterschritten, ist das Unternehmen nicht profitabel und geht bankrott. Wird das Niveau hingegen überschritten, so kann das Unternehmen einen zusätzlichen – den Extraprofit erzielen.
Der Durchschnittsprofit ist somit das unerbittliche fetischistische Gesetz, an dem sich eine globalisierte kapitalistische Produktion zu orientieren hat. Unternehmen, die hier nicht folgen können, sind unerbittlich draußen. Nicht anders ergeht es den in dieser Produktion beschäftigen Arbeitern. Sie verlieren unerbittlich ihre Existenzgrundlage, wenn sie nicht auf Weltniveau beschäftigt werden können.

Tendenzieller Fall der Profitrate:

diese ist der fetischisierte Ausdruck des kapitalistischen Wachstumsprozesses. Er rührt daher, dass im Zuge technischer Rationalisierung der Anteil von klein c, also des konstanten Kapitals immer mehr zunimmt. Die Maschinen müssen immer besser werden, damit menschliche Arbeit immer effektiver vernutzt werden kann. Demzufolge verschiebt sich das Verhältnis von c und v immer mehr zugunsten von c. gemäß der vorhin erklärten Formel nimmt damit die Profitrate immer mehr ab – der Anteil der einzelnen Unternehmen am Verwertungskuchen wird immer kleiner. Das ist solange kein Problem, solange der „Gesamtkuchen“, die Profitmasse, immer weiter wächst.

Profitmasse:

Da die Profitrate aber nur der Ausdruck des Verhältnisses von c und v ist, braucht ein Unternehmer sich zunächst nicht sonderlich für den Fall der Profitrate zu interessieren. Solange er seine Produktion immer weiter ausdehnen kann, seine Produktion an sich immer weiter steigern kann, braucht ihn dieses Verhältnis nicht zu interessieren. Dabei besteht für das Kapital folgendes Problem: Je höher das Niveau der Produktivität, je niedriger also der Anteil der notwendigen Arbeit am Arbeitstag, desto mehr muss die Produktivität gesteigert werden, damit die notwendige Arbeitszeit wirklich noch nennenswert abnimmt. „ (…) die proportionelle Zu- oder Abnahme des Mehrwerts [ist] infolge eines gegebenen Wechsels in der Produktivkraft der Arbeit, um so größer, je kleiner, und um so kleiner, je größer ursprünglich der Teil des Arbeitstags war, der sich in Mehrwert darstellt“ (K1, 544). Beträgt der notwendige Anteil bei einem gegebenen Acht-Stunden-Tag 50%, also vier Stunden, so führt eine Verdopplung der Produktivität zu einer Verdopplung der Zeit, den der Arbeiter für den Kapitalisten arbeitet: die vier Stunden halbieren sich, der Arbeiter arbeitet dann noch zwei Stunden für sich und sechs Stunden für den Kapitalisten. Der Kapitalist hätte zwei Stunden gewonnen. Eine abermalige Steigerung der Produktivität um das Doppelte würde die notwendige Arbeit nochmals halbieren, der Arbeiter würde nur noch eine Stunde für sich arbeiten. Der Kapitalist hätte also, obwohl er die Produktivität wie zuvor um das Doppelte gesteigert hätte, nunmehr nur noch eine Stunde zusätzlich gewonnen. Eine weitere Steigerung ums Doppelte würde ihm eine zusätzliche halbe Stunden garantieren, eine nochmalige Verdopplung der Produktivkraft nur noch eine viertel Stunde u.s.w. Die notwendige Arbeitszeit in den von der Produktion dargestellten Produkten nimmt also logisch immer weiter ab. Die Produktivität muss also immer weiter gesteigert werden, damit das Kapital weiter wächst, damit also die notwendige Arbeitszeit weiterhin nennenswert abnimmt. Im selben Maße geht die Steigerungsrate des Mehrwerts, wie gezeigt, immer weiter zurück.
Im Zuge der weiteren Akkumulation von Kapital muss die materielle Produktion immer weiter empor getrieben werden. In ihrem Zuge muss also das Produktionsniveau immer weiter klettern, damit auch die Masse der hergestellten dinglichen Produkte und die bei der Herstellung vernutzten Rohstoffe. Da aber das Mehrprodukt im Kapitalismus nicht nur stofflichen, sondern wesentlich wertförmigen Charakters trägt, drückt dieser stofflich sich ausdehnende Produktionsprozess entgegen allem sinnlichen Anschein eine immer geringere Wachstumsrate aus.
Der tendenzielle Fall der Profitrate ist demzufolge nur solange für das Kapital kein Problem, solange ihr eine ständig wachsende Profitmasse korrespondiert. Ist dieser Tatbestand jedoch nicht mehr gegeben, droht die Doppelform des Reichtums die kapitalistische Produktionsweise zu unterminieren: Kann nicht absolut mehr Arbeit vernutzt werden, geht der kapitalistischen Produktion ihre nötige Substanz, die Vernutzung menschlicher Arbeitskraft flöten.

Die in diesem Text entfaltete Doppelform des Reichtums läuft auf die Doppelform der in der Ware auskristallisierten Arbeit hinaus. Dahinter steht die Trennung zwischen stofflich-materieller Umformung der Umwelt und deren notwendiger Darstellung in Quanta abstrakter menschlicher Arbeitszeit. Da diese Darstellung konstitutionsnotwendig für die Existenz der bürgerlichen Gesellschaft ist und zudem ständig ansteigen muss, wird die Verrichtung stofflich-materieller Umformung zur notwendigen Bedingung abstrakter Arbeitskraftverausgabung. Es muss immer mehr Stoff (Umwelt, „Rohmaterial“) materiell umgeformt werden, damit dies noch als Wachstum durchgehen kann. Was bloß als Mittel erscheint, verkehrt sich unter der Hand zum Selbstzweck. Dinglich-materielle Produktion wird zum Anhängsel. Dass diese Logik nicht ewig reproduzierbar ist, liegt auf der Hand.

Martin Dornis


home | aktuell | archiv | newsflyer | radio | kontakt |
[109][<<][>>][top]

last modified: 28.3.2007