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Das bürgerliche Subjekt und seine Drogen


      „Wer des Lotos Gewächs nun kostete, süßer als Honig,
      Nicht an Verkündigung weiter gedachte der, noch an Zurückkunft;
      Sondern sie trachteten dort in der Lotophagen Gesellschaft,
      Lotos pflückend zu bleiben und abzusagen der Heimat.“

      (Homer, Odyssee)
Wenn Adorno/Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung schreiben, „Glück aber enthält Wahrheit in sich. Es ist wesentlich ein Resultat. Es entfaltet sich am aufgehobenen Leid.“ so haben sie damit ganz gewiss nicht das Glück des Rausches , sondern das der befreiten Gesellschaft gemeint. An anderer Stelle bezeichnen sie jenes als „bloße[n] Schein von Glück, dumpfes Hinvegetieren, dürftig wie das Dasein der Tiere. Im besten Falle wäre es die Absenz des Bewusstseins von Unglück“. Als kritischste Kritiker der Aufklärung übernehmen sie damit die Ideale derselben, wenn es um das berauschte Subjekt geht. Denn das bürgerliche Individuum, wie es von den beiden beschrieben wird, kann es sich nicht leisten, sich guten Gewissens dem Rausche hinzugeben. Die Befürchtung, durch spritzen, schniefen, schlucken, rauchen zu einem sabbernden, glücksjauchzendem, tobendem Etwas zu mutieren, lässt den Rausch nicht gerade als bevorzugte Freizeitbeschäftigung für ein verantwortungsbewusstes Mitglied der modernen Gesellschaft erscheinen. Abgesehen von einigen Risiken und unerwünschten Nebenwirkungen, die der Gebrauch einiger Stoffe mit sich bringt und von uns keinesfalls verharmlost werden sollen, fragen wir uns doch: Warum eigentlich nicht? Warum nicht ein paar Pillen einwerfen und glücklich sein, ein bisschen LSD futtern und die Welt mit anderen Augen sehen oder nach einer Line den totalen Durchblick haben? Na, aber, sagt dann das brave bürgerliche Individuum, das ist doch völlig sinnlos, nicht echt, bringt auf Dauer nichts (außer Problemen und seltsamen neuen Freund_innen), ist verantwortungslos und unvernünftig und schädigt nur dich selbst und andere.

Alle Argumente gegen den Rausch lassen sich zurückführen auf das ideale Menschenbild der Aufklärung, welches durch den Gebrauch von Drogen grundlegend in Frage gestellt wird. Das rationale, autonome, mit sich selbst identische Individuum, das sich selbst und seine Umwelt beherrscht, ist nicht in grauer Vorzeit aus der Höhle gekrochen, sondern das Produkt einer langen und schmerzhaften Entwicklung: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.“ (Zitate aus Dialektik der Aufklärung). Der Diskurs über Drogen macht in negativer Abgrenzung deutlich, was von diesem Individuum erwartet wird.

Keine Kontrolle

Übersteigerte Emotionalität, unwiderstehliche Bedürfnisse und das Verhaftetsein im Augenblick, also das Hervorbrechen der „ersten Natur“ (die selbstverständlich auch immer schon gesellschaftlich geprägt war) des Menschen ist dem Subjekt der Moderne nun wirklich nicht angemessen. Denn die Sublimierung von Trieben, ihre Lenkung in vernünftige, produktive Bahnen und ihre möglichst weitgehende Kontrolle konstituieren den modernen Menschen. Damit einher geht die Assoziation von Drogen mit ungehemmter Sexualität, die ansonsten anständige Menschen zum Tier werden lässt, als wenn unter der dünnen Hülle der Zivilisation die rohen Triebe der Vorzeit nur auf ihre Chance warteten. Dahinter steht die christlich-konservative Vorstellung einer grundsätzlich bösen Natur des Menschen, die durch Zwang und Disziplinierung gezähmt werden muss, um ein gesellschaftliches Zusammenleben zu ermöglichen.

Keine Grenzen

Der Verlust der körperlichen und mentalen Abgrenzung, das Verschmelzen mit Lebewesen und Gegenständen oder gleich dem ganzen Universum, ist wohl das beängstigendste was dem autonomen Selbst widerfahren kann. Denn zu wissen, was Ich und was Nicht-Ich ist, macht die eigene Subjektivität erst erfahrbar. „Die Angst, das Selbst zu verlieren und mit dem Selbst die Grenze zwischen sich und anderem Leben aufzuheben, die Scheu vor Tod und Destruktion, ist einem Glücksversprechen verschwistert, von dem in jedem Augenblick die Zivilisation bedroht war“. Die Trennung zwischen Subjekt und Objekt, die historisch und individuell-biographisch vollzogen werden muss(te), begründet erst die Handlungsfähigkeit des mit sich selbst identischen Menschen. Indem die Umwelt zum Objekt wird, unterwirft sie sich der Beherrschung durch den Menschen. Besonders die Einnahme halluzinogener Stoffe lässt die Grenzen zwischen Selbst und anderen häufig verschwimmen – darin liegt der Reiz, aber auch das Risiko solcher Erfahrungen. Wobei das Risiko mit der Annäherung des Ichs ans bürgerliche Ideal von Autonomie und Stabilität sinkt. Die immer schon fragile Konstitution des modernen Individuums scheint gerade im Rausch vor. Die Angst vor dem Verlust des eigenen Subjektstatus, die im Rausch erfahren wurde, kann auch dauerhaft die Fähigkeit beeinträchtigen, sich in der Realität zurechtzufinden. Den „Freunden der Realität“ (F.v. Dannen) wird das nicht so schnell passieren. Und so zeigt den Nichtkonsument_innen das berauschte Individuum auch ihre eigene fragile Subjektivität auf, die dann aber gefahrlos lieber auf den Drogie projiziert werden kann. Die Aufrechterhaltung der inneren und äußeren Grenzen, die das bewusste Ich von körperlicher Natur und der zu beherrschenden Umwelt abgrenzen, erzeugt den Eindruck von Souveränität. Das Andere ist konstitutiv für Identität, die Dualismen Natur/Kultur, Körper/Geist, Mensch/Tier, ganz allgemein: die dichotome Konstruktion der Wirklichkeit bestimmt das Erleben des Subjekts als Subjekt. Die Konstruktion dieser Dualismen ermöglicht die Projektion der inneren Widersprüche des Subjekts wie auch der bürgerlichen Gesellschaft auf etwas Äußeres. Als ein solches bietet sich der Rausch und vor allem der/die Berauschte an, in dem die immer schon fragile Konstitution des modernen Individuums vorscheint. Gerade diese Fragilität ist es, die auch für einen Großteil der Risiken des Drogengebrauchs verantwortlich ist: Löst der Rausch den illusorischen Subjektstatus teilweise auf, kann die Angst, ihn ganz zu verlieren, dauerhaft die Fähigkeit beeinträchtigen, sich in der Realität zurechtzufinden. Nicht nur die Lebensumstände der KonsumentInnen bedingen Risiken, sondern auch der damit zusammenhängende Subjektstatus. Die erfolgreichen „Freunde der Realität“ (F. v. Dannen) mögen zwar dem Ideal des bürgerlichen, autonomen Individuums näher als andere kommen (und so mit geringerer Wahrscheinlichkeit nach einem miesen Trip in der Klapse landen), aber die Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaft wäre nur möglich, wenn mensch sie als einen Teil der „Multitude“ halluziniert.

Die Verachtung des Rausches und der Berauschten hat ihre Ursache nicht nur in der Angst vor der Auflösung des Selbst, sondern ebenso in einem unbewussten Neid auf die Erfüllung des unbewußten Wunsches nach Wiederherstellung des frühen Verschmelzungszustandes. Dessen Aufgabe war zwar notwendig, verlief jedoch nicht ohne Angst und Schrecken.

Keine (Selbst-)beherrschung

Wer hemmungslos unschuldige Leute zulabert, total besoffen ins Auto steigt oder fremde Wohnzimmer vollkotzt, hat man vor allem eines verloren: die bewusste Selbstbeherrschung. Die Existenz eines sich kontrollierenden Selbst, rational denkend und zweckgerichtet handelnd, ist unabdingbar für die Herrschaft über die Natur, für die gesellschaftliche Herrschaft. Der äußere Zwang, dem das Individuum in vormodernen Gesellschaften unterworfen war, zeigt sich in der modernen als der Zwang, sich selbst zu beherrschen. So erscheint er als naturgegeben und somit unentrinnbar und nicht hinterfragbar. Das Ich wird zum Produkt von wie zur Bedingung für kapitalistische Totalität. Die Konzeption des bürgerlichen Individuums als autonomes und selbstbestimmtes wird in Frage gestellt durch die Vorstellung, von einer Substanz abhängig zu sein. Doch dieses Bild von Freiheit und Selbstbestimmung ist in der Moderne, die sich über ein System abstrakter Notwendigkeiten herstellt, die den menschlichen Bedürfnissen nicht weniger fremd sind als jene der ersten Natur, sowieso immer illusionär.
Der Vorwurf, der Drogenrausch sei nur ein schaler, künstlicher Abglanz der wahren Fülle des menschlichen Geistes, also nichts Echtes, weist hin auf den konservativen, antimodernen Aspekt der Drogenfeindlichkeit. In dieser Denkweise gelten Drogen als Ausgeburt der ‚entfremdeten’ Moderne (entfremdet nicht im marxschen, sondern deutsch-idealistischen Sinne). Gefährlich für das bürgerliche Subjekt sei nicht nur der Nachhall der verschütteten Geschichte, sondern auch der unaufhaltsame Gang des Fortschritts. Die vollständige Durchsetzung des Kapitalismus gibt die alten Werte, den Glauben an Genie und Einzigartigkeit, der Lächerlichkeit preis. Die Menschen sind vergleichbar geworden, da sie nur noch der Wert unterscheidet, der ihren jeweiligen Funktionen in der Gesellschaft zugemessen wird. Der reaktionäre Antikapitalismus setzt der Auflösung aller Unterschiede im Tauschwert das im Volk oder sonstiger Kleingruppe vergemeinschaftete Subjekt entgegen. In der Ablehnung von Substanzen, die den überhistorischen Wesenskern angeblich beeinflussen, also bewusstseinsverändernd sind, kondensiert der Widerwille gegen die individualisierende und vom Warenreichtum überflutete spätkapitalistischen Gesellschaft.

Ohne Arbeit

Echtes Glück in der warenproduzierenden Gesellschaft kann nur als Resultat produktiver Arbeit gedacht werden. Arbeit wird dabei, ganz besonders in Deutschland, als Zweck zur Sinnerfüllung, als Berufung, gedacht, nicht in erster Linie als Mittel, um sich dadurch Waren leisten zu können. Drogen versprechen Glück ohne Anstrengung. So folgt die Ablehnung von Drogenkonsum aus der Internalisierung des Arbeitszwanges. Denn die Zumutung, die dieser darstellt, muss unbewusst bleiben und äußert sich daher nicht in der Ablehnung der kapitalistischen Vergesellschaftung oder auch nur im sich selbst bewusst werdenden Neid auf das unverdiente Glück, sondern im Hass auf die berauschende Substanz wie auf die Berauschten. Um ihnen jenes Glück wenigstens zu vermiesen, geben sich bürgerliche WissenschaftlerInnen seit je her alle Mühe, immer neue Gefahren und Nebenwirkungen herbeizuforschen. Als Begründung für die Illegalisierung verwandt, die einen Großteil der Verantwortung für das Elend vieler Konsument_innen trägt, entpuppen sich die Forschungsergebnisse letztlich als Self-Fulfilling Prophecy.

Der vehement eingeforderten aktiven, eigenverantwortlichen Lebensgestaltung steht die kontemplative Versunkenheit im Rausch antithetisch gegenüber. Passiv erscheint auch der/die Süchtige, getrieben von einer nie zu erfüllenden, zwecklosen Begierde. Aber das eigene Leben erfolgreich zu meistern bedeutet im Kapitalismus auch nur, sich seinen Zwängen, denen der Kapitalakkumulation, zu unterwerfen. Diese Zwänge gelten als natürlich und unentrinnbar, so dass es als Ausdruck von Rationalität betrachtet wird, die von ihnen gesetzten Zwecke mit den effektivsten Mitteln zu erreichen. Wie es jedoch um die vernünftige Einrichtung dieser Gesellschaft wirklich bestellt ist, brauchen wir hier wohl nicht näher zu erläutern. Die Forderung nach permanenter und zielgerichteter Aktivität wird bedauerlicherweise selbst von jenen erhoben, die dem kapitalistischen Arbeitswahn ansonsten äußerst kritisch gegenüber stehen. Auch viele Gegner_innen der herrschenden Ordnung der Welt sehen es leider als die heilige Pflicht jede_r aufrechten Kritiker_in, allzeit nüchtern und mit aller Kraft auf die nächste Revolution hinzuarbeiten.

Wie die staatliche Drogenpolitik sich um das Wohl des Einzelnen nicht schert, sondern einzig die Volksgesundheit im Blick hat, so gründet auch die Drogenfeindlichkeit unter Teilen der Linken nicht in der Sorge ums Individuum, sondern zielt auf den Schutz der Gemeinschaft und die Aufrechterhaltung ihrer Handlungsfähigkeit. Dagegen stehen diverse Hippie-Mythen, die behaupten, die staatliche Drogenpolitik diene der Verhinderung bewusstseinserweiternder Erfahrungen, die die Grundlagen von Staat und Arbeit systemgefährdend in Frage stellen könnten. Nun mag es sein, dass in der beschränkten oder auch entgrenzten Welt des Rausches Staat, Nation und Kapital ihren Sinn verlieren – zumindest solange der Rausch nicht zu einer fanatisierten Mob-Bildung führt. Doch wer sich nie in nüchternem Zustand Begriffe davon machen konnte, wird auch unter Drogeneinfluss solcher Erkenntnis nicht zugänglicher sein. Schon gar nicht sich dadurch zu konkreten Taten dagegen aufraffen können.

Wie praktisch alles im Kapitalismus, was Spass macht – Liebe, Urlaub, Party – ist auch der Rausch nur eine Flucht aus der Realität, keine Überwindung derselben. Er kann verschiedene Begehren nach Verschmelzung der Vereinsamten, nach Unmittelbarkeit, nach neuen Erlebnissen nur kurzfristig befriedigen und so auch dazu beitragen, den Alltag mit seinen Selbstverwertungszwängen besser und ohne Aufbegehren zu überstehen. „Fun ist ein Stahlbad“. 60Stunden-Woche und als Ausgleich von Freitag bis Sonntag durchfeiern, was ohne chemischen Support nicht geht. Und so würde natürlich die Legalisierung aller Drogen schneekönigliche Freude auslösen, als Ziel linker Intervention ist diese Forderung aber in einem Spannungsfeld zwischen größenwahnsinnigem Reformismus und genügsamem Utopismus gefangen. In der bürgerlichen Gesellschaft wird der/die Berauschte immer als Projektionsfläche für die verdrängten Ängste und verschütteten Sehnsüchte der vergesellschafteten Individuen dienen. Zwar variieren die im Umgang mit Drogenkonsument_innen gezeigte Menschlichkeit und Akzeptanz nach Orten und Zeiten, die grundsätzlich ablehnende Haltung gegenüber Rausch und Berauschten entspringt jedoch der inneren Logik der modernen Gesellschaft. Deren Zumutungen sind zwar auch mitverantwortlich für den Wunsch nach Rausch, allerdings spricht wenig dafür, dass in der befreiten Gesellschaft dieser Wunsch nicht mehr existieren wird. Auch wenn die Zwänge in der Utopie gesellschaftlich ausgehandelt werden, so bleiben es doch Zwänge. Selbst in der vernünftigsten Ordnung wird das permanente Glück aller Menschen von zwischenmenschlicher Frustration oder schlechtem Wetter getrübt werden. Aber die Sehnsucht nach Rausch ist nicht nur Eskapismus, auch wenn es aktuell vielen so vorkommt, sondern auch im besten Sinne eine Erweiterung des menschlichen Bewusstseins. Die Erfahrung eines Rausches in einer nicht-entfremdeten Gesellschaft, in der Drogen weder Waren noch verboten sind, würden wir zwar gerne, werden wir aber wohl nicht mehr erleben. Möglicherweise müssen wir uns vorerst an Foucault halten: „Die zukünftige Gesellschaft zeichnet sich vielleicht in Erfahrungen ab: Drogen, Sex, gemeinschaftliches Leben, ein anderes Bewusstsein, ein anderer Typ von Individualität.“ Deshalb: Kommunismus statt Legalisierung.

IfB


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last modified: 22.4.2009