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Der folgende Text ist eine ausformulierte Version eines Vortrags, der auf dem Buko 30 in Leipzig am 7. April 2007 von Sebastian Voigt gehalten wurde. Er war Teil der Einleitungsreferate bei der Veranstaltung „weiterführende links. Zur Kritik des Antisemitismus und Antiamerikanismus.“
www.buko.info/kongress/buko30/deutsch/groups/oeffentliche.html

Essentials der Antisemitismuskritik


Ich werde versuchen, einige grundlegende Elemente des antisemitischen Weltbildes darzulegen. Eine Beschäftigung mit diesem Thema ist kein voluntaristischer Akt, es ist kein Thema unter anderen, mit dem man sich eben auch mal so auseinandersetzen muss. Es ist nicht einfach ein Thema, das man pflichtschuldig auf dem Buko abhandeln und danach ad acta legen kann. Es ist mehr als nur ein weiterer Widerspruch im linken Kanon.
Genau deshalb gibt es auch Gründe für die Vehemenz der Auseinandersetzung in den letzten Jahren. Die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus und die ideologietheoretisch fundierte Kritik desselben markieren die zentralen Topoi, an denen eine progressive Position ihre Geltung zu erweisen hat. Die Verkennung der Zentralität der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus zieht sich durch die linke Geschichte. So ist es keineswegs als allgemein akzeptiert vorauszusetzen, was Max Horkheimer schon vor einigen Jahrzehnten in einem Brief an Harold Laski formuliert hat: „So wahr es ist, dass man den Antisemitismus nur aus unserer Gesellschaft heraus verstehen kann, so wahr scheint es mir zu werden, dass heute die Gesellschaft selbst nur durch den Antisemitismus richtig verstanden werden kann.“
Die Linke hat auch nach der Ermordung der europäischen Juden die Erkenntnisse der kritischen Theorie und der Psychoanalyse nie adäquat rezipiert. Die Shoah wurde nicht als der Zivilisationsbruch aufgefasst, der sie war und deshalb wurden auch die sich daraus ergebenden Implikationen für die Neubestimmung einer emanzipatorischen Gesellschaftskritik nicht gezogen, wie etwa die Absage an ein revolutionäres Subjekt. Stattdessen kam es in der Neuen Linken zu einer Verschiebung vom Proletariat hin zu Befreiungsbewegungen im Trikont, die nicht selten einen evident reaktionären Charakter hatten und noch immer haben.
Der unbedingte Wille zur Praxis und der Bewegungsfetischismus, der sich heute etwa in der Mobilisierung nach Heiligendamm gegen den G8 Gipfel zeigt, sind meist ein Hindernis zur begrifflichen Durchdringung eines Gegenstandes. Nur durch konsequentes, insistentes Denken jedoch, das den Anspruch hat, die Gesellschaft in ihrer widersprüchlichen Totalität auf den Begriff zu bringen, ohne sich primär darum zu kümmern, was dies unmittelbar für das politische Agieren oder für eine linke Bewegung und ihre Mobilisierungsfähigkeit bedeutet, könnte die Grundlage geschaffen werden, aus der sich eine richtige Praxis ergibt.

Gartenzwerg-Protest, 34.6k

Eine Zwergen-Liebhaberin trennt sich notgedrungen - aus Platzgründen - von ihrer Sammlung.

Gerade in puncto Antisemitismus ist eine theoretische Auseinandersetzung unumgänglich, weil ihr epistemischer, erkenntnistheoretischer Gehalt weit über den scheinbar partikularen Gegenstand hinausreicht und allgemeine Einsichten in die Konstitution der kapitalistischen Gesellschaft impliziert. Der Grund dafür ist, dass antisemitische Denkmuster aufs Engste mit der kapitalistischen Vergesellschaftung verwoben sind. Es sind grundlegende Ideologeme, die die kapitalistische Gesellschaft immer wieder aus sich selbst heraus hervorbringt, d.h. sie haben eine ganz zentrale Stellung innerhalb des gesellschaftlichen Verblendungszusammenhangs
Diese Ideologeme sind in aller Kürze dazulegen. In der antisemitischen Weltsicht werden in den Juden abstrakte, unverstandene gesellschaftliche Verhältnisse personifiziert. Die Juden erscheinen als die Verursacher und die Profiteure der Moderne mit all ihren Verwerfungen. Eine derartige Sicht auf die kapitalistische Gesellschaft verkennt, dass sich ihre Imperative hinter dem Rücken der Akteure Geltung verschaffen. Sicherlich gibt es keine subjektlose Gesellschaft, aber auch die Kapitalisten exekutieren lediglich die systemischen Zwänge und zwar, um mit Marx zu sprechen, „bei Strafe des Untergangs.“
Die Komplexität der Moderne wird von vielen Menschen nicht durchschaut und so erscheinen als abstrakt wahrgenommene Teilphänomene die Hauptgründe für alles Unheil auf der Welt zu sein. Der Hass auf das Abstrakte geht mit einer Hypostasierung des Konkreten einher. Während das Geld, die Börse und das spekulative Kapital als die Übel schlechthin erscheinen, wird der souveräne Nationalstaat affirmiert und im schlimmsten Fall gibt es einen positiven Bezug auf ein vormodernes Ideal der bäuerlichen Scholle. Ein aktuelles Beispiel für diese Form der antisemitisierenden Argumentation ist die „Heuschrecken-Metaphorik“, die gerade von Jürgen Elsässer in linkspopulistischer Form einen neuen Aufschwung erlebt. Kennzeichnend für sie ist eine künstliche Trennung der Totalität der kapitalistischen Gesellschaft in Zirkulations- und Produktionssphäre. Während das Finanzkapital heftig kritisiert wird, wird nicht über die Ausbeutung und Mehrwertabschöpfung in der Produktionssphäre geredet. Da aus historischen Gründen „die Juden“ in Zusammenhang mit Geld, Zins und Börse gebracht werden, läuft eine Kritik an der Zirkulationssphäre immer Gefahr antisemitisch zu sein. Dies ist nicht zwangsläufig der Fall. Die Argumentation ist aber definitiv nicht progressiv und auch keine „verkürzte Kapitalismuskritik“, wie es häufig genannt wird. Sie ist Ausdruck einer ideologischen Sicht auf die Gesellschaft. Insofern ist es auch kein Zufall, dass die Unterscheidung von raffendem und schaffendem Kapital bei den Nazis von eminenter Bedeutung war und dies bei der NPD bis heute ist. Die Agitation der NPD gegen das internationale Kapital, gegen Globalisierung und gegen den liberalen Kapitalismus ist nicht etwa der Versuch an linke Positionen anzuknüpfen, vielmehr sind dies selbst genuin nazistische Positionen.
Ein weiteres zentrales Moment des Antisemitismus ist ein Manichäismus, der die Welt in gut und böse aufteilt und der Differenzierungen und Ambivalenzen in der eigenen Position nicht zulässt. Dahinter steht das psychologische Bedürfnis nach einer klaren Orientierung und einer klaren Freund-Feind-Bestimmung. Gesucht wird moralische Eindeutigkeit, um sich auf die Seite des Guten schlagen zu können. Dieses Element zeigt sich heute auch ganz deutlich in der Feindschaft gegen Amerika, im Antiamerikanismus. Dieser ist keineswegs identisch mit dem Antisemitismus, aber es gibt viele Überschneidungen. Wenn etwa bei globalisierungskritischen Protesten der ehemalige amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld mit einem gelben Davidstern mit der Aufschrift „Sheriff“ gezeigt wird oder wenn Bush als Strippenzieher des Weltgeschehens dargestellt wird, dann ist die Grenze zum Antisemitismus deutlich überschritten.
Ein weiteres konstitutives Element des Antisemitismus, das hier nur kurz erwähnt wird, sind Kollektivkonstruktionen. Im Zuge der Herausbildung moderner Nationalstaaten in Europa bedurfte es eines Negativums zur Konstitution der eigenen Gemeinschaft. Die Funktion dieses „Anderen“ hatten häufig die Juden. Dies lässt sich historisch für Deutschland zeigen, gilt aber auch für andere Länder, wie z.B. die Dreyfus Affäre in Frankreich im ausgehenden 19. Jahrhundert zeigt.
Der Antisemitismus erfüllt des Weiteren ein sozialpsychologisches Bedürfnis kapitalistisch vergesellschafteter Subjekte. Er dient der Projektion eigener abgespaltener, nicht eingestandener Wünsche in die Figur des Juden, die dann bekämpft wird. Adorno und Horkheimer formulierten dies in der Dialektik der Aufklärung wie folgt: „Der Gedanke an Glück ohne Macht ist unerträglich, weil es überhaupt erst Glück wäre. Das Hirngespinst von der Verschwörung lüsterner jüdischer Intellektueller, die den Bolschewismus finanzieren, steht als Zeichen eingeborener Ohnmacht, das gute Leben als Zeichen von Glück. (...) Der Bankier wie der Intellektuelle, Geld und Geist, die Exponenten der Zirkulation, sind das verleugnete Wunschbild der durch Herrschaft verstümmelten, dessen die Herrschaft sich zu ihrer eigenen Verewigung bedient.“ (Dialektik der Aufklärung, S. 196f.)
Die benannten Elemente finden sich bis heute im antisemitischen Weltbild, allerdings ist noch auf die Veränderung einzugehen, die der Antisemitismus nach der Befreiung vom Nationalsozialismus durchgemacht hat. Vor allem im postnationalsozialistischen Deutschland ist dies von besonderer Relevanz. Die traditionelle Form der Judenfeindschaft war nach der Befreiung in beiden deutschen Staaten tabuisiert, weswegen eine Verschiebung stattfand. Der sekundäre Antisemitismus, wie er in der Wissenschaft genannt wird, hasst die Juden nicht trotz, sondern wegen Auschwitz. Jeder einzelne Jude ist die permanente Erinnerung an die deutschen Verbrechen und somit ein Hindernis auf dem Weg zur Herausbildung einer positiven Haltung zur deutschen Nation und zur deutschen Geschichte.
Psychologisch herrscht in der deutschen Gesellschaft das Bedürfnis nach Schuldentlastung vor. Dieses Bedürfnis wird bis heute perpetuiert und zeigt sich in allen aktuellen Umfragen über Antisemitismus in Deutschland. Angenommen wird etwa, die Juden nutzten bewusst die Vergangenheit für ihre Zwecke aus. Auch das Lamentieren über die „Auschwitzkeule“ ist ein regelmäßiges Moment des deutschen Diskurses sowohl am Stammtisch als auch in der politischen Klasse.
Eine andere Möglichkeit, sich von der Last der deutschen Vergangenheit zu befreien, ist es, die begangenen Verbrechen zu externalisieren, also nach außen zu projizieren. Wenn andere das gleiche machen wie die Nazis, dann können die ja so schlimm nicht gewesen sein.
So finden sich Vergleiche der amerikanischen Politik mit dem nationalsozialistischen Deutschland in der Friedensbewegung zuhauf und auch diese Position ist keine unbedeutende Minderheitenposition. Vielmehr wird sie immer mal wieder von führenden Repräsentanten artikuliert, so von der ehemaligen Justizministerin Däubler Gmelin in Bezug auf den Irakkrieg.
Noch verbreiteter ist es jedoch, die israelische Politik mit dem Nationalsozialismus in Verbindung zu bringen oder gar gleichzusetzen. Die deutschen Bischöfe, die vor kurzem in den palästinensischen Gebieten, die Wiederkehr des Warschauer Gettos herbeihalluziniert haben, befinden sich im gesellschaftlichen Mainstream. So stimmten nach einer Umfrage des Sozialpsychologen Heitmeyer 80% der Befragten der Aussage zu, dass Israel einen „Vernichtungskrieg“ gegen die Palästinenser führe. Der Terminus „Vernichtungskrieg“ ist kein neutraler Begriff, sondern historisch eindeutig konnotiert. Einen „Vernichtungskrieg“ hat die deutsche Wehrmacht in Osteuropa geführt. Eine Position, die Israel in irgendeiner Weise mit dem nationalsozialistischen Deutschland in Verbindung bringt, ist weit entfernt von einer politisch motivierten Kritik. Sie ist pures antisemitisches Ressentiment.
Wie zu Beginn meines Vortrags ausgeführt, hat die Beschäftigung mit antisemitischer Ideologie einen zentralen Stellenwert in der Neukonstituierung einer emanzipatorischen Gesellschaftstheorie. Lange Zeit hat die Linke versucht, an ein vermeintlich fortschrittliches Potential im Antisemitismus anzuknüpfen. Paradigmatisch kommt diese in einem Bebel zugeschriebenen Zitat zum Ausdruck. Es lautet: „Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerls.“ Diese unrühmliche Tradition setzt sich heute in dem Versuch fort, an andere reaktionäre Ideologien anzuknüpfen, etwa wenn Oskar Lafontaine die Affinitäten zwischen linkem Gedankengut und dem Islam betont und dabei auf das Zinsverbot rekurriert. Wichtig ist es vielmehr, das reaktionäre Potential von Ideologien klar zu benennen. Es darf keinerlei Anknüpfungspunkte für eine Querfrontpolitik geben, weswegen der linke Populismus ebenso abzulehnen ist, wie die Kooperation mit Bewegungen islamistischer Provenienz. Deren Ideologie ist nicht einfach als sekundäres, aus materiellen Bedingungen abzuleitendes Moment zu sehen, sondern als genuines Moment dieser Bewegungen. So ist der Antisemitismus der Hamas kein Aufschrei der Unterdrückten.
Insofern täte die Linke gut daran, Ideologen auch ernst zu nehmen. Häufig meinen die Menschen genau das, was sie sagen. Man muss nicht immer in schlecht verstandendem Materialismus nach dahinter liegenden Motiven suchen. Wenn der iranische Präsident seinen Antisemitismus bei jeder Gelegenheit laut hinausposaunt, Israel von der Landkarte löschen will und den Holocaust leugnet, dann meint er, was er sagt.
Ein neuer progressiver Internationalismus, der das Postulat der Einheit der Gattung Ernst nimmt, der, eingedenk der immanenten Dialektik, an den Idealen der Aufklärung festhält und ein universelles Verständnis von Befreiung hat, gerade dieser Internationalismus darf nicht in die alten antiimperialistischen Muster zurückfallen. Die Solidarität mit selbst ernannten Befreiungs- oder Widerstandsbewegungen ist nicht per se geboten. Im Gegenteil – heute verbietet sich die Solidarisierung häufig aufgrund des reaktionären Kerns vieler dieser Bewegungen. Hamas oder Hisbollah können niemals Referenzpunkt emanzipatorischer Positionen sein. Ebenso gibt es im Irak keinen „Widerstand“. Was es gibt, sind Terroristen, die wahllos möglichst viele Zivilisten ermorden wollen.
Eine emanzipatorische Position muss vom Individuum ausgehen, dessen Glück und dessen Entfaltung sie intendiert. Dies bedeutet, dass sie antikollektivistisch sein muss. Es geht nicht um die Bewahrung von Kulturen, sondern um den Schutz der Individuen vor barbarischen Konsequenzen derselben.
Das Ziel ist die Einrichtung gesellschaftlicher Verhältnisse, die es jedem Einzelnen ermöglichen, aus Zwangskollektiven jeglicher Art auszubrechen, um ohne Angst verschieden sein zu können. Das Ziel ist die Befreiung des Geistes jedes Einzelnen im Stande der vollständig befriedigten materiellen Bedürfnisse.
Die Diskussion der in diesem Vortrag angesprochenen Punkte ist keineswegs beendet. Sie gilt es weiter zu führen.

Sebastian Voigt



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last modified: 19.6.2007