Im Urlaub wars, als ich wie ein Tourist in einem
gemieteten Kleinwagen saß und mir zwei Wochen lang dasselbe Tape
anhören mußte, in Ermangelung eines anderen.
Eine mir bis dato unbekannte Band war darauf verewigt und
was es da zu hören gab, fräste sich derart in meine
Gehörgänge, daß ich mich genötigt sah, die Umwelt mit
meinen weiß Gott nicht überwältigenden Sangeskünsten zu
belästigen. Da man in zwei Wochen auch die Zeit hat, Einiges dessen, was
in den Texten so rüberkommt zu entschlüsseln, kannte mein Erstaunen
keine Grenzen, denn was da in wunderschöne Popmelodien und Arrangements
verpackt rüberkam, hatte nichts mit irgendwelchen sinnentleerten Phrasen
von Liebe, Herzschmerz etc. zu tun, die man so gemeinhin in der Popmusik
vermutet. Nein da kamen z.B. in ein exzellentes Raggastück verpackt so
Sachen wie: Give every facsistman a gunshot. Ich hab dann
später den Namen dieser Band erfahren können: CHUMBAWAMBA.
Angefangen haben CHUMBAWAMBA, wie sollte es anders sein, als
Gitarren-orientierte Band, gemeinhin auch Punk-Band genannt. Doch schon nach
der ersten Platte gabs einen Break, ein reines Folkalbum folgte,
English Rebel Songs des Namens, enthalten waren
ausschließlich a cappella Stücke. Schon war das Geschrei groß,
was das Ganze wohl mit Punk zu tun habe. Ich kanns Euch sagen,
außer einer politischen Grundhaltung, die ähnlich derer, vieler,
nicht aller Punks ist, nichts. CHUMBAWUMBA bieten textlich das, was hierzulande
nur von diversen Punk- und Hardcore-Bands, freilich auf etwas niedrigerem
Niveau, vertreten wird, z.B. SLIME, auch wenn ich genau weiß, daß
dieser Vergleich furchtbar hinkt). Wer hat denn auch die Vorschrift erlassen,
die besagt, daß radikale Texte immer nur in ein Gewand aus drei Akkorden
zu kleiden sind? Und das Ganze möglichst laut von der Bühne gerotzt.
ES geht auch anders und um dieses zu beweisen, verurteile ich alle, die immer
noch der Meinung sind anarchistische und radikale Texte müßten mit
möglichst harten Gitarrenklängen untermalt werden, zum mindestens
zehnmaligen Hören der gesamten Diskographie der CHUMBAS. Und wenn ihr dann
vielleicht die Stirn haben solltet, solche Argumente zu bringen wie, Time
Bomb wäre doch quasi in heavy Rotation über eine der hier
beheimateten ekelhaften Kommerzsender gelaufen, kann ich Euch nur ein trotziges
Na und entgegenwerfen und etwas später dann, wenn sich meine
Empörung ein wenig gelegt haben sollte, mit der Frage kontern, ob es denn
nicht einfach gut ist, erstens sehr viele Leute zu erreichen und zweitens hat
solches ja auch schon eine Combo aus dem Hardcore/Crossover-Bereich
hingekriegt. Was uns jetzt gleich zu der Frage bringt, ob man anarchistisches
Kollektiv, was immer das auch heißen mag, und als solches versteht sich
CHUMBAWAMBA, guten Gewissens sein kann und trotzdem die Instrumentarien und
Verwertungsmechanismen des kapitalistischen Systems und gemeinhin des
Mainstreams zu nutzen vermag, ohne sich zu einer weiteren Lifestylekarrikatur
zu machen wie es besagter Crossover-Herde (RATM) erging?
Wenn das jetzt irgendwem bitter aufstößt, muß ich doch mal
allen Ernstes fragen, ob Euch irgendein Fall bekannt wäre, wo z.B. ein
Zuschauer nach Genuß eines Konzertes und dem Anblick eines Che Guevara
Bildes auf der Bühne, urplötzlich zum Guerilla mutierte? Das die
Gefahr, ein belächeltes Nischendasein in der Popwelt zu spielen oder gar
sinnentleertes von der Bühne zu blasen auch bei CHUMBAWAMBA besteht, liegt
in der Natur der Sache selbst begründet. Wo Musik und Lebenskultur zur
Ware wird, wo Trends immer schneller einem Sell Out unterliegen, dort kann auch
der radikalste Inhalt verkauft werden, wenn man damit Niemandem ans Bein
pinkelt. (Oder vielleicht gerade deswegen, je abgefahrener und radikaler desto
interessanter?) Doch lassen wir die Künstler dazu selbst zu Wort kommen:
Natürlich hätten wir in unserem kleinen Ghetto bleiben
können und selbstgezogene Tapes verschenken können, aber damit
versagt man sich erstens die Möglichkeit sich weiterzuentwickeln, und
limitiert zweitens die den Kreis der Leute, die deine Musik zu hören
bekommen. Warum sollte das ein exklusiver Club sein?. Ich meine man kann
und muß die bestehenden Verkaufsmechanismen erkennen und nutzen ohne sich
gleich zum Spielball der Industrie zu machen. Nochmal O-Ton CHUMBAWUMBA:
Natürlich scheint es auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein,
als überzeugter Anarchist das System eines Majorlabels für sich zu
nutzen. Das Leben ist voller Widersprüche. Wenn ich z.B. in einen Laden
gehe, um eine Flasche Milch zu kaufen und der Mann hinterm Tresen ist kein
Anarchist, dürfte ich dann nicht mit ihm reden? ... Ich denke, wir stehen
in der Verpflichtung, uns anders zu verhalten, die anarchistische Idee zu
verbreiten.
Man mag hier seine Zweifel haben, ob der einfache Radio- oder MTV-Konsument auf
die Texte achtet. Berechtigt meine ich. Und deshalb ist die Form so wichtig. Je
eingängiger ein Liedchen ist, umso mehr Leute werdens hören
wollen und sich vielleicht auch einen Tonträger davon kaufen und sich zu
guterletzt mit den transportierten Inhalten befassen. Und deshalb kann Pop auch
links, und weiter noch, linksradikal sein. Irgendwie komme ich mir an dieser
Stelle vor, wie ein Träumer der den Traum von einer schöneren und
gerechteren Welt träumt und meint mit netten Liedchen wäre die
Revolution schon fast gewonnen und die Eingeschränktheit in den Hirnen der
Menschen beseitigt. Oder wie ein Veganer der glaubt der Verzicht auf
Aasfraß würde die neokapitalistische Weltordnung aushebeln und alle
Menschen wären Brüder (und auch alles was da kreucht und fleucht).
Nein, CHUMBAWAMBA werden mit ihrer Musik nichts an den bestehenden ungerechten
Verteilungsverhältnissen in der Welt ändern können, sie werden
nicht einmal mit solchen Liedern wie Enough is Enough der
europäischen Volkskrankheit Rassismus ernsthaft zu Leibe
rücken. Aber sie können dir helfen die Augen weiterhin aufzuhalten
und Open-Mindet so einige Sachen zu begreifen. Und sie können das Medium
Pop für die Linke definieren. Nach soviel Widersprüchlichem ein Zitat
aus einem Song einer ganz anderen Kapelle und ich hoffe, Ihr wißt, was
ich damit sagen will. Ich bin das Kind mit den großen Augen, das
immer noch an Wunder glaubt. Nicht vergessen, am 9.12., CHUMBAWAMBA im Conne Island. Kay |