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Alte Schule.


Detlef Hartmann: Empire - Linkes Ticket für die Reise nach rechts, 17.2k
Detlef Hartmann: "Empire" – Linkes Ticket für die Reise nach rechts. Umbrüche der Philosophiekritik: Hardt/Negri, Sloterdijk, Foucault; Assoziation A: 2002, 196 S, ISBN: 3-935936-15-X, 12 Euro
In der Reihe "Materialien für einen neuen Antiimperialismus" ist eine Kritik an dem Buch "Empire" erschienen, welche sich außer der Produktion von Weltverschwörungstheorien und der Verwendung anderer Phrasen nicht sonderlich vom Gegenstand seiner Kritik abhebt – und deswegen genauso wie dieser in die Kritik geraten muss.

Die deutsche Übersetzung von "Empire. Die neue Weltordnung" (Michael Hardt/Antonio Negri, Campus: 2002) war der "linke" Bucherfolg im letzten Jahr. In allen linken und bürgerlichen Zeitschriften erschienen Besprechungen, die Subtropen-Beilage der jungle World schreibt seitdem über fast nix anderes mehr und Theoriefragmente aus "Empire" tauchen in vielen Diskussionen auf. Auch das CEE IEH #88 veröffentlichte einen Verriss des Buches.
Nun erscheint im deutschsprachigen Raum die erste Buchpublikation gegen "Empire". Detlef Hartmann, ein Antiimp der alten Schule, sieht – so lautet auch der Untertitel seines Buches – in "Empire" das "linke Ticket für die Reise nach rechts." Besser wäre wohl die Formulierung: linkes Ticket für die Reise in die Mitte der Gesellschaft; aber Hartmann, der sich mit seinen eigenartigen Welterklärungen gar nicht so sehr von denen Hardts und Negris abhebt, wie er glaubt, sieht in "Empire" einen neuen Faschismus durchbrechen.
Wer wissen will, wie die "Neue Weltordnung" funktioniert, sollte – will sie/er nicht völlig verblöden – ihre/seine Finger von "Empire" lassen – und wer wissen will, warum dies so ist, sollte nicht zu Hartmanns Buch greifen. Zum Glück gibt es genug andere gute Kritiken an "Empire".(1)
Hartmanns Buch beginnt pathetisch: "Wir bewegen uns über die Schwelle zu einer neuen Epoche der Kämpfe. Aus den Schlüsselsektoren der innovativen kapitalistischen Leittechnologien prallt eine Offensive von epochaler Wucht und Tragweite auf die Welt. Sie treibt in die alten Gesellschaften Strategien der Zerstörung und Neuordnung, der Unterwerfung lebendigen Verhaltens und des Wertraubs hinein, die in die Tiefe und Totalität ihres globalen Durchdringungsanspruchs ohne geschichtliches Beispiel sind. Entfesselt, um die Krise des alten fordistischen Verwertungsregimes zu überwinden, sieht sie sich in den ersten Ausläufern einer Krise aus weltweiten Widerständen blockiert."
Sowohl bei Hartmann als auch bei Hardt/Negri sind die Kämpfe der sozialrevolutionären Bewegungen (Hartmann) oder der Multitude (Hardt/Negri) – beide Begriffe stellen eine ins Beliebige driftende Erweiterung des alten Klassenbegriffes Proletariat dar – die treibende gesellschaftliche Kraft der Geschichte. Das Kapital (Hartmann) oder das Empire (Hardt/Negri) reagieren nur auf diese Kämpfe und versuchen sie unter ihrer Kontrolle zu halten. Die kapitalistische Krise ist in beiden Büchern nicht etwa eine Folge kapitalimmanenter Gesetzmäßigkeiten, sondern der Kämpfe. Die Kämpfe seien zwar oft unorganisiert und unkoordiniert, aber durch ihre Unkontrollierbarkeit umso gefährlicher. Die Menschen an sich seien die positive Kraft, denen durch das parasitäre und gewalttätige Kapital das Leben ausgesaugt, der Wert geraubt und die Arbeit aufgezwungen wird. Das kann und wird aber nicht mehr lange so weitergehen: die Umwälzung steht angeblich schon vor der Haustür. Es wird suggeriert, dass die Menschen nur ihr Leben in die eigenen Hände nehmen müssten – und schon wird alles gut. Viele gesellschaftlichen Kategorien werden bei Hartmann und Hardt/Negri nicht hinterfragt. Soviel zu den Gemeinsamkeiten.
Der Unterschied wird schon in den nächsten Sätzen, die nach dem obigen Zitat auf der ersten Seite des Buches von Hartmann folgen, deutlich. Da schreibt er: "Die Informatik beherrscht die zentralen Schlüsseltechnologien dieses Angriffs. Sie ist die ‚politische Technologie‘, die ihre Verhaltensdiktate in alle gesellschaftlichen Bereiche hineinzutreiben sucht. Sie verwandelt Leben in Daten und dringt mit den logischen Prozeduren ihrer Verarbeitung in bisher unerschlossene Dimensionen menschlicher Existenz vor, um ihren Wertdurst daraus zu löschen. Sie hat es ermöglicht, die Arbeit in den alten industriellen Sektoren (...) unter das transnationale Kommando der Konzernzentralen zu stellen." Während also die Informatik(2) bei Hartmann ein durstiges (wenn nicht gar blutrünstiges) Gespenst im Dienste des Kapitals ist, ist sie bei Hardt/Negri eine gute Fee, die – auch aufgrund der mit ihrer verbundenen neuen Arbeitsverhältnisse – den spontanen Kommunismus ermöglicht.
Beide Positionen übersehen in ihrer kategorischen Ablehnung oder Überaffirmation der Informatik, dass sie eine Technologie wie jede andere ist, für die gilt: Natürlich ist sie im Dienste des Kapitals entwickelt worden und dient der Zurichtung der Menschen, ihre konkrete Form ist schlecht (Microsoft Windows wird es im Kommunismus genauso wenig geben wie Autos, sehr wohl aber Betriebssysteme und Fortbewegungsmittel), ihr ganz allgemeiner Zweck aber nicht. Jede Technologie kann auch in ihrer herrschenden schlechten Form subversive Elemente (RevolutionärInnen fahren des öfteren Auto und Hackerkids machen uns manchmal ganz schön zu schaffen) enthalten. Ob und wie diese sich entfalten, hat allerdings weniger mit der Technologie an sich zu tun, sondern mehr mit dem Bewußtsein der AnwenderInnen und – auf einer allgemeineren Ebene – den gesellschaftlichen Verhältnissen. Was die Informatik betrifft, kommt z.B. die Beschäftigung des Projektes Oekonux (siehe CEE IEH #94, http://www.conne-island.de/nf/94/21.html), welches die Rolle der Freien Software für den "Weg in die befreite Gesellschaft" untersucht, der Sache viel näher als Hartmann oder Hardt/Negri.
Ein zweiter bedeutender Unterschied ist, dass Hardt/Negri zwar genauso Anhänger des traditionellen Imperialismbegriffes sind wie Hartmann, ihn allerdings auf die "Neue Weltordnung" für nicht mehr anwendbar halten: Das Empire habe den Imperialismus abgelöst. Hartmann hingegen hält weiterhin am Imperialismus fest. Er zieht enge Parallelen für die Zeit nach 1914 mit der seit 1989 – beide Daten markieren den Beginn für den "Weg in den Faschismus".(3) Für Hartmann war der Nationalsozialismus das "damals modernste Akkumulationsmodell", das später dann vom keynesianischen Nachkriegsmodell "auf Weltebene hochkopiert" wurde – beide hätten das Ziel gehabt, den sozialrevolutionären Widerstand möglichst effektiv zu brechen und die Menschen zu verwerten.(4) So sieht Hartmann Nietzsches Idee vom "Übermenschen" in den Managern der heutigen Zeit verwirklicht.(5) Während Hartmann also ständig vom Faschismus spricht und alles für ihn faschistisch oder zumindest faschistoid ist (so ja auch das Buch "Empire"), findet der Faschismus bei Hardt/Negri kaum Erwähnung, weil er den Zukunftsoptimismus mindern würde.(6)
Was hat Hartmann nun an "Empire" auszusetzen? Auch wenn wir laut Hartmann wieder auf den Faschismus zusteuern, so sei es doch nicht derselbe von 1933-1945. Neue kapitalistische Eliten würden die alten ablösen wollen, eine neue bürgerlich-reaktionäre Revolution von oben bestünde uns bevor. Hardt/Negri wären die ideologischen Wegbereiter dieser Revolution von oben.(7) Deswegen ist er auch nicht in der Lage und Willens, Hardt/Negri für theoretische Fehler zu kritisieren (und für andere Theoriefragmente zu loben, wo er mit ihnen übereinstimmt – oder wo ihnen zuzustimmen wäre: z.B. bei ihrer Kritik am sozialromantischen Nationalismus und Antiamerikanismus der Linken), sondern er greift sie an und bekämpft sie.
Hartmann glaubt, Ideologiekritik zu betreiben, indem er nachweist, dass Hardt/Negri die Aussagen von "guten" Philosophen (Foucault, Deleuze, Marx) verfälschen, um sie zu vereinnahmen (damit soll angeblich die Linke besonders geschickt verführt werden), oder dass sie sich gleich auf "böse" Philosophen (Nietzsche, Spinoza, Machiavelli) beziehen. Die an sich berechtigte Kritik an Hardt/Negri und die stellenweise interessanten Recherchen zu den Hintergründen bestimmter Zitate oder theoretischer Schulen, auf die sich Hardt/Negri beziehen, geht leider in der wirren Abhandlung von Hartmann völlig unter. So ist das Buch nicht mal als Baukasten für eine Kritik an Hardt/Negri zu empfehlen.
Während die Globalisierung für Hardt/Negri ein begrüßenswerter Prozess in die richtige Richtung ist, der sich gesetzmäßig entwickelt und keine Protagonisten kennt, ist sie für Hartmann eine perfide Strategie des Kapitals. So schreibt er z.B. "Globalisierung der Prostitution ist nur ein Aspekt der sexistischen Modernisierung. Hauptfeld des so genannten ‚gender-mainstreaming‘, das heißt die Befreiung der Frauen vor allem zu postmodernen Dienstleistungsprofilen, sind die sozialarbeiterisch-kriegerischen Interventionen in den neuen Kriegen – vom Kosovo-, Afghanistan- bis zum Irakkrieg." (S. 31) Diese beiden Sätzen offenbaren die ganze Herangehensweise von Hartmann: Er hat ein paar modern klingende Wörter aus dem akademischen Diskurs (gender-mainstreaming) aufgeschnappt und versucht damit, seine alte antiimperialistische Soße ("Die ‚Zentralität‘ liegt nicht bei der Klasse, die Zentralität liegt im gegenwärtigen Kampfstadium ‚...in der Erfahrung, im Leben und in den Kämpfen der farbigen Frau‘"(8)) damit aufzupeppen. Heraus kommt allerdings nur ungenießbarer Brei: Die modernen Kriege werden also geführt, um die widerständigen Frauen zu disziplinieren und in die Verwertungskette zu integrieren.
Hartmann denkt in klaren Schwarz-Weiß-Kategorien: Von IWF über Hardt/Negri bis attac gehören alle zur imperial-faschistischen Weltverschwörung – alles, was sie von sich geben, muss schlecht und böse sein; alles, was sie tun, ist darauf ausgerichtet, die "Gesellschaftlichkeit und Staatlichkeit in den drei Kontinenten im Zuge des neoliberalen Angriffs" zu zerstören (und die terroristischen Eliten im Trikont wären lediglich eine Reaktion darauf).(9) Laut Hartmann hat eine Theorie einen klaren Klassenstandpunkt einzunehmen und menschliche Subjektivität kann sich nur im Widerstand entfalten. "So gewaltig und komplex sich das Arsenal der Unterwerfung auch auftürmte, so großartig und kompliziert ihr wissenschaftlicher und technischer Ausdruck geworden ist, seine ‚Fortschritte‘ sind nie mehr als totes Kapital, Fortschritte in den Technologien der Unterwerfung, Fortschritte seiner Kampfmittel. Sie sind trostlos tot und ärmlich gegen die lebendigen Formen des prozessierenden Widerstands [das geheimnisvolle, weil unerklärte, und dialektisch klingen sollende Lieblingswort von Hartmann!], in denen sich die Menschen emanzipieren – Formen neuer Gesellschaftlichkeit, neuen Kosmopolitismus, neuer Identität, einer jeweils erneuerten moralischen Ökonomie, neuer Lust, neuen Witzes, neuer Kultur, einer neuen Welt." (S. 164 f.) – es verwundert schon, dass jemand, der selbst blind ist für seine verkürzte Kapitalismuskritik, den versteckten Antisemitismus im Werk von Hardt/Negri(10) überhaupt erkennen kann. Hartmann gelingt dieses kleine Kunststück – und da ist ihm auch ein wenig Anerkennung zu zollen.

Und enden will ich mit dem schönsten Zitat aus dem Hartmann-Buch: "Passt also alles nicht [gemeint ist ein Walter Benjamin-Zitat bei Hardt/Negri]. Mussten sie ihn hier unbedingt in den Text hinwursten? Fragt sie."
Die Frage, warum überhaupt soviel Mist geschrieben wird, könnte vielen gestellt werden...

Laura

Fußnoten:
(1) CEE IEH #88/2002, http://www.conne-island.de/nf/88/15.html;
Krisis 25/2002, S. 121-136; analyse und kritik (ak) 462/2002 und ak 466/2002, S. 32-33; Bahamas 39/2002, S. 24-26; jungle World 37/2002, S. 20-21; Argument 241/2001, S. 416-421, Fantômas 02/2002, S. 13-18
(2) Hartmanns Technologiefeindlichkeit äußert sich nicht nur in seinem Hass auf die Informatik. In seinem Buch "Leben als Sabotage. Zur Krise der technologischen Gewalt" (Schwarze Risse: 1989) bezeichnet er die Existenz und Wirkungsweise aller Maschinen als Strategie des Kapitals, den menschlichen Reichtum zu beseitigen; menschliches Leben sei heute somit "automatisch" zur Sabotage geworden, weil sie nicht maschinenkonform sei. Der "technologische Klassenkampf" befinde sich in seiner Endphase...
(3) Genauer führt er das in seinem Artikel "Der neue Griff nach der Weltmacht" in der Phase 2.03 aus. http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=5
(4) Leben als Sabotage, S. III & IX
(5) Detlef Hartmann: Das höhere Chinesentum, in: konkret 10/2002
(6) Die "Faschismusanalyse" von Hardt/Negri deckt sich allerdings mit der von Hartmann: "Der Faschismus sei eine besonders extreme Anstrengung gewesen, die ‚Menge‘ zu unterjochen und an deren produktive Energien heranzukommen." (Bahamas 39/2002, S. 26)
(7) "Die Botschaft des Buchs [Empire] ist ganz simpel gestrickt. Unter seinem revolutionären Anstrich ist es eine klare Propagandaschrift für die Globalisierung der postmodernen politisch-ökonomischen Macht unter amerikanischer Führung." (S. 21). Dieser "Enthüllung" würden Hardt/Negri nicht mal widersprechen, schließlich sehen sie im Empire das letzte Stadium vor dem Kommunismus, und das amerikanische Prinzip (im Gegensatz zu völkischen, imperialen) als eine Grundbedingung dafür. "H/Ns [Hardt/Negri] Projekt zielt auf die Entfesselung einer neuen Welle der Intensivierung und Globalisierung von Biomacht, in die sich noch unerschlossene Quellen kritischer und linker Radikalität einspeisen sollen" (S. 147)
(8) Leben als Sabotage, S. VI
(9) Interview mit Detlef Hartmann in der jungen Welt, 04.05.2002. Dort bezeichnet er die "islamistischen Kräfte" als welche, die "einen modernisierenden Zugriff auf die Bevölkerung nach faschistischem Vorbild" zum Zwecke der Ausbeutung anstreben würden.
(10)Der sich u.a. in der Gegenüberstellung des Begriffpaars Empire – Multitude und deren Etikettierungen als einerseits parasitär und übermächtig, anderseits als die positive, lebendige Kraft schlechthin ausdrückt.

Das Buch kann im Infoladen Leipzig (http://www.nadir.org/infoladen_leipzig) ausgeliehen werden.

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last modified: 28.3.2007