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das Erste, 0.9k

Was hatte eigentlich der deutsche „kleine Mann“ vor Stalingrad verloren?


Wurde der „kleine Mann“ von der Bestie Hitler gezwungen? War es halt der Befehl der nationalsozialistischen Führerclique? Konnte der „kleine Mann“ sich nicht wehren in der nationalsozialistischen Maschinerie? Hat der „kleine Mann“ nichts gewusst vom völkischen Wahn der Nazis, der zu sechs Millionen industriell vernichteten Juden und zu weiteren zig Millionen Kriegstoten führte? Hat der „kleine Mann“ nicht gewusst, was Hitler & Co. in Büchern, Reden, Radiosendungen und Filmen dem „kleinen Mann“ täglich unter die Nase rieben: „Das letzte Ziel aber muss unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein.“ (Hitler)
der Kessel, 15.4k Am 31. Januar 1943, während der endgültigen Kapitulation der sechsten Armee im Kessel von Stalingrad, ging bei Hitler ein Telegram vom Chef der sechsten Armee, Generaloberst Paulus ein:
„Die 6. Armee hat getreu ihrem Fahneneid für Deutschland bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone eingedenk ihre hohen und wichtigen Auftrages die Position für Führer und Vaterland bis zuletzt gehalten. (...) Zum Jahrestag Ihrer Machtergreifung grüßt die 6. Armee ihren Führer. Noch weht die Hakenkreuzfahne über Stalingrad. Unser Kampf möge den lebenden und kommenden Generationen ein Beispiel dafür sein, auch in der Hoffnungslosigkeit nie zu kapitulieren, dann wird Deutschland siegen. Heil mein Führer. Paulus, Gen. Oberst“. Der 31. Januar 1943 war der zehnte Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung. Vier Jahre zuvor, am sechsten Jahrestag der Machtergreifung, hat Hitler dem deutschen Volke in einer Reichtagserklärung verkündet:
„Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“
War der „kleine Mann“ also uninformiert? Ist der „kleine Mann“ also in etwas hineingeraten, wovon er nichts hat wissen können? Hätte also der „kleine Mann“, wenn er einfach aber gut gewesen wäre, nicht aufschrecken müssen bei den Worten: „Vernichtung der Juden in Europa“.
Über zwanzig Millionen Sowjetbürger, davon mehr als sieben Millionen Zivilisten, wurden von den Deutschen getötet. Hat das der „kleine Mann“ an der Front nicht bemerkt? Warum hat der „kleine Mann“ das in seiner Feldpost ab dem Jahre 1941 nicht geschrieben und beklagt? Sonst wusste er doch einiges über „den Russen“ zu berichten.
Hat der „kleine Mann“ in einer der Sonderformationen, die den deutschen Stoßarmeen folgten, um die in der Sowjetunion lebenden Juden zu killen, nichts über seine Aufgabe gewusst? Hat der kleine Mann sich überhaupt mal gefragt, warum man „gen Osten“ wollte? Oder wusste der „kleine Mann“ nur irgendwie, dass es für das deutsche Volk und gegen den „jüdischen Bolschewismus“ ging?
Haben sich die Familienmitglieder zu Hause nicht gefreut, als in der abendlichen Kriegsberichterstattung die Erfolge gegen den „jüdischen Feind im Osten, die Wiege des Weltjudentums“ gemeldet wurden? Haben nicht die Daheimgebliebenen die Unbesiegbarkeitsdynamik angefüttert, als sie Hitlers Versprechen, Stalingrad wäre fast in deutscher Hand, bejubelten? Haben nicht die Daheimgebliebenen die Umstellung auf die absolute Kriegswirtschaft mitbetrieben?
Man konnte doch nichts machen gegen die Einberufung in die Wehrmacht... ist eine gern und nachdenklich aufgestellte Behauptung von heutigen Deutschen, die das nämlich von ihren lieben Großeltern wissen. Aha. Aber man konnte bis nach Stalingrad marschieren, auf dem Weg dahin zusehen, wie Millionen von Menschen sterben, barbarische Befehle entgegennehmen („Der Soldat ist im Ostraum nicht nur Kämpfer nach den Regeln der Kriegskunst, sondern auch Träger einer unerbitterlichen völkischen Idee“, Generalfeldmarschall Reichenau, 1941) und schlussendlich monatelang gehorsam im Kessel verharren, während einem langsam aber sicher die Gliedmaßen unterm Arsch wegfrieren. Und Mami und Papi konnten auch nichts machen und haben währenddessen daheim der Kriegswirtschaft gedient, darüber geschwiegen – man wusste ja nichts –, dass gar keine Juden mehr im Dorf leben und abends den Volksempfänger eingeschaltet, um zu erfahren, wo der Sohn gerade steckt.
Die Schuld am Kessel von Stalingrad hatten die Deutschen und nur die Deutschen. Und das ist ihre geringste Schuld. Absolut vernachlässigenswert gegenüber dem unendlichen Leid, welches die Deutschen in ihrem völkischen Wahn der Menschheit zwischen 1933 und 1945 auferlegt haben.
Und was geschieht heute – völlig aus dem historischen Zusammenhang gerissen. Es werden deutsche Feldpostbriefe im Deutschlandradio und in der Bildzeitung zitiert. Emotionale Happen für das nach einer eigenen Leidensgeschichte lechzende deutsche Volk. Matthias Beltz hat einmal gesagt, dass sich aus der Perspektive der Täter keine Leiden beschreiben lassen, außer deren eigene. Endlich können die Deutschen auch am zweiten Weltkrieg leiden, sich der eigenen Opfer besinnen, die Wunden ihrer Vorfahren bestaunen und aus vollem Herzen sagen: Der Krieg damals im russischen Winter muss ja schrecklich gewesen sein. Ja, dass vor dem Krieg alles besser war, wussten auch die deutschen Soldaten in ihren Feldpostkarten. So zumindest wird es naiv und ehrlich auf der Homepage des Deutschlandradios zusammengefasst: „Einig sind sich die Briefschreiber in der Hoffnung, dass das Leben nach der Schlacht wieder unbeschadet in den alten Bahnen verlaufen wird. Der Kessel wird als Bewährungszeit verstanden; anschließend wollen die meisten um so bewusster leben. In diesem Zusammenhang wird persönliches Glück darin gesehen, nach dem Krieg dort wieder anknüpfen zu können, wo das zivile Leben bei Kriegsausbruch endete.“ Also: Wo das zivile, also das nichtmilitärische Leben bei Kriegsausbruch endete: Ermächtigungsgesetz, Juden-Boykott-Tag, Verbot nicht-nationalsozialistischer Partein und Gewerkschaften, Gründung der „Deutschen Arbeitsfront“, Bücherverbrennung, Gesetz zur „Verhütung erbkranken Lebens“, Nürnberger Rassengesetze, Reichsarbeitsdienst, Antikomminternpakt, der verkündete Plan zur „Eroberung neuen Lebensraums“, Vereinigung mit Österreich, Zerschlagung der Tschechoslowakei, Pogrome gegen Juden... Der Kessel von Stalingrad war der Anfang vom Ende dieser barbarischen deutschen Politik und des unter dieser Politik stattfindenden ekeligen deutschen zivilen Lebens. Somit war der Kessel von Stalingrad der Beginn des Sieges der Menschheit über das deutsche Mordkollektiv. Der Kessel von Stalingrad ist eine Sternstunde der Menschheit.
Neben der bewusstlosen Kommentierung der Feldpost deutscher Soldaten durch irgendwelche Radioheinis klingen die deutschen Belange jedem wachsamen Antifaschisten und den vom deutschen Mob Bedrohten bitter im Ohr: Zurücknahme der Beneš-Dekrete (CSU), keine Waffen für Israel (Die Grünen), deutscher Weg (SPD) etc. Die Gruppe Café Morgenland fordert in ihrem in diesem Heft dokumentierten Text, das Selbstmitleid der Deutschen bezüglich der Aufarbeitung Stalingrads genüsslich zu unterstützen und den Deutschen ihren Opferstatus in die Köpfe zu hämmern, damit sie ja weiterhin verinnerlichen, dass ihr deutsches Handeln notwendig im Kessel von Stalingrad enden würde. Dem mag ich nicht so richig trauen, ist doch der Schritt der Deutschen, Leiden zu artikulieren, ein Schritt, die Geschichte von damals endlich bereden zu können und zu verdauen.
Schade, dass die Alliierten einfach zu nett waren und das den totalen Krieg bejahende Gejohle der Deutschen von 1943 nicht so ernst beantwortet haben, wie es von den Deutschen gemeint war: Totaler Sieg oder totale Niederlage. Die Forderung „Nie wieder Deutschland“ hätte sodann heute keine Bedeutung mehr.

Hannes

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last modified: 28.3.2007