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das Erste, 0.9k

Most Valued – Mein Vaterland



Teewald, 8.9k Es muss schwer sein, in Zeiten überzogenen Demokratieverständnisses verantwortungsvolle Posten zu übernehmen. Da hat sich einer aufgeopfert, erst als Kultus- dann als Finanzminister, indem er für seine Partei die Lufthoheit über den schwäbischen Stammtischen im Alleinflug sicherte; da hat er nebenbei einen Fußballverein geleitet, ganz allein, 25 Jahre lang. Und heute ist er fürs große Ganze und den Fußball an sich zuständig. Und was ist der Dank?
Als Gerhard Mayer-Vorfelder noch Kultusminister in Baden-Württemberg war, regten sich alle auf, wenn er mal in Sektlaune sagte, dass „die Chaoten in Berlin, in der Hafenstraße in Hamburg und in Wackersdorf schlimmer herumspringen als die SA jemals“. Dann wollten ihm einige von der sogenannten „Presse“ einen Strick daraus drehen, dass er sich als Kultusminister für die Allgemeinbildung einsetzte: „Die Schüler“, so Mayer-Vorfelder, „sollten wieder alle drei Strophen des Deutschlandliedes beherrschen und singen. Schließlich würden auch die Franzosen ihre Marseillaise ganz singen“, obwohl die ja „auch ihre Geschichte des Dritten Reiches haben, die in Frankreich nicht viel einfacher war als die Geschichte des Dritten Reiches bei uns“. Apropos die Franzmänner: Nach dem Gewinn der WM ‘98 erklärte er, das sei ja kein Kunststück gewesen: „Es soll nicht chauvinistisch klingen, aber hätten wir 1918 die deutschen Kolonien nicht verloren, hätten wir heute in der Nationalmannschaft wahrscheinlich auch nur Spieler aus Deutsch-Südwest.“
Nunmehr aber schien die Welt endgültig verrückt geworden zu sein. Einen Skandal-Hattrick wollten sie ihm andichten. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, weil er sich vom VfB Stuttgart, als dessen ehrenamtlicher Präsident, monatlich satte Bezüge und zwischendurch auch mal ein Darlehen zukommen ließ, wo der Verein ihm doch ohnehin gehörte. Andere regten sich darüber auf, dass er seinem neuen Verein, dem DFB, nach Gutsherrenart den Auftrag erteilte, dem VfB Stuttgart 116 574 Euro zu überweisen. Peanuts: Mayer-Vorfelder hatte sich beim VfB von dessen Geldern einen Schrank und ein paar Bilder gegönnt. Und dann ist da noch dieses „Bündnis Aktiver Fußballfans“ (BAFF). Unter dem Titel „Tatort Stadion“ lässt BAFF, unter der Schirmherrschaft von Wolfgang Thierse, derzeit eine Ausstellung zum Thema „Rassismus und Diskriminierung im Fußball“ durch Deutschland touren. Auf einer Schautafel mit dem Titel „Tatzeugen Vorbilder“ sind Zitate des DFB-Präsidenten zu lesen, Bonmots über Germanen und Genetik, die Polen und Mayer-Vorfelders herzliches Verhältnis zu den Republikanern im Baden-Württembergischen Landtag.
Eigentlich sollte ihm all das Gemäkel nicht viel ausmachen; nach dem Skandal war bei „MV“ immer schon vor dem Skandal. Und bislang schien er all die Geschichten zu verdauen wie andere einen engagierten Kneipenabend: einmal schlecht schlafen, morgens aufwachen – war da was? Diesmal aber empörte er sich. Erst zog der DFB die Zusage von 5 000 Euro Fördergeldern für die Ausstellung zurück. Und jetzt, wo sich die Staatsanwaltschaft im Falle der VfB-Gelder eingeschaltet hat, bezog Mayer-Vorfelder „bewusst öffentlich Stellung, weil die gegen mich erhobenen Vorwürfe nicht haltbar und die massiven Versuche der Rufschädigung unerträglich sind“.
Ja, die Rufschädigung ... Es ist peinlich, dass jemand zum Vorsitzenden des größten deutschen Verbandes und damit zu einem der mächtigsten Sportfunktionäre der Welt werden konnte, der keinerlei Gespür für demokratisch legitimiertes Handeln zu haben scheint. Auf die Frage, was es mit dem Darlehen über 153 000 Euro auf sich habe, das ihm der hoch verschuldete VfB ausbezahlte, antwortete Mayer-Vorfelder in hemdsärmeliger Manier: „Ich habe schnell und unkompliziert Geld gebraucht.“ Das Darlehen hat er nie zurückgezahlt. Vor allem aber ist es peinlich, dass jemand mit 255 von 256 Stimmen zu einem der wichtigsten deutschen Repräsentanten des Sportes gewählt werden konnte, der Sätze sagte wie: „Was wird aus der Bundesliga, wenn die Blonden über die Alpen ziehen und statt dessen die Polen, diese Furtoks und Lesniaks, spielen?“
Was wird nun aus der Bundesliga? „Im deutschen Fußball wird jetzt alles gut.“ So erklärten es zwei Neonazis und Fußballfans bei der Eröffnung der Arena „Auf Schalke“ einem Fanprojektleiter. Als der sie fragte, warum denn nun alles gut werde, meinten sie: „Da ist jetzt einer von uns Präsident.“ Der eigentliche Skandal aber ist, dass Mayer-Vorfelders selbstherrlich zwielichtiges Gebaren und Sprechen noch immer symptomatisch ist für diesen Verband.
Gerhard Mayer-Vorfelder, der seine Karriere als persönlicher Referent von Hans Filbinger anfing; Mayer-Vorfelder, Träger der „Bund der Vertriebenen-Plakette für Verdienste um den Deutschen Osten und das Selbstbestimmungsrecht“, einer wackeren Institution, die auch für eine Wiedereingliederung des polnischen Oberschlesiens stand; eben dieser Gerhard Mayer-Vorfelder schrieb 1988 in der Zeitschrift „Nation Europa“, die damals wie heute vom Verfassungsschutz beobachtet und in dessen Jahresbericht 2000 als „bedeutsamstes rechtsextremistisches Theorieorgan“ geführt wurde, Treffliches über Sinn und Zweck des Geschichtsunterrichts: „Geschichte ist ein moralisches und ethisches Fundament staatsbürgerlicher Bildung von hohem pädagogischen Wert. In der Vergegenwärtigung des Ursprünglichen, in der Aufarbeitung des Geschehenen erkennt der Mensch sich selbst.“
Also etwas Geschichte im Schnelldurchlauf: Zwei Tage nach dem Wunder von Bern, dem Urknall der deutschen Nachkriegsgeschichte, dankte Dr. Peco Bauwens, DFB-Präsident von 1949 bis 1962, dem altgermanischen Kriegsgott Wotan, der der Herberger-Elf während des Turniers beigestanden habe. Bauwens pries die Weltmeister als Repräsentanten „besten Deutschtums“, die ihren Erfolg der Praktizierung des „Führerprinzips“ verdankten. Alles endlos lange her? Der reaktionäre Mief, der damals eben über Deutschland hing?
24 Jahre später: WM-Organisationschef Hermann Neuberger, seines Zeichens DFB-Chef, wurde im Vorfeld der WM in Argentinien nicht müde, die dortigen Militärs für ihren Putsch zu loben: Endlich sei in dem Land „eine Wende zum Besseren“ zu erkennen. Während die französische Delegation ihren Aufenthalt dazu nutzte, für die Freilassung politischer Gefangener einzutreten und das Schicksal von etwa zwanzig Vermissten aufzuklären, lud Patriarch Neuberger den höchstdekorierten Weltkriegsflieger und Wehrmachtsoberst Hans-Ulrich Rudel, der in den siebziger Jahren als – neben Rudolf Hess – wichtigste Galionsfigur der Neonazis galt, ins WM-Quartier in Ascochinga ein. Auf die harsche Kritik einiger Bundestagsabgeordneter sagte Neuberger: „Herr Rudel ist meines Wissens Bundesbürger mit vollen Rechten wie die Protestierenden, und ich hoffe doch nicht, dass man ihm seine Kampffliegertätigkeit während des Zweiten Weltkrieges vorwerfen will.“ Wer sich gegen Rudels Besuch bei der deutschen Nationalmannschaft ausspreche, der beleidige „alle deutschen Soldaten“. Punkt. Und keine Widerrede. Wie der Journalist Dietrich Schulze-Marmeling so treffend schrieb: „Zwei Jahre vor Ascochinga waren Bundeswehrgeneräle vom Dienst suspendiert worden, nachdem sie Rudel in eine Kaserne zu einem Traditionstreffen eingeladen hatten. Kein Parteipolitiker hätte die Rudel-Affäre überlebt. Für Neuberger blieb die Angelegenheit ohne Folgen. Für den DFB galten offenbar andere Regeln als für den Rest der demokratischen Gesellschaft.“ Offenbar gelten diese geheimnisvollen Ausnahme-regeln bis heute.
Gerhard Mayer-Vorfelder ist nicht das Weltgewissen. Er ist nicht haftbar zu machen für das dummdreiste Benehmen seiner Vorgänger. Er ist auch nicht verantwortlich für das Gerede zweier Schalker Fans. Aber es wäre an der Zeit, dass der DFB selbst sich an die Worte seines Chefhistorikers Mayer-Vorfelder erinnert und seine Geschichte kritisch aufarbeitet. So wie es unter Egidius Braun in Ansätzen bereits geschah. Bauwens und Neuberger gelten weiterhin als strahlende Helden des Deutschen Sports. Und Mayer-Vorfelder hat eine Chance vertan. Er hätte sich bei der Eröffnung der Ausstellung „Tatort Stadion“ hinstellen und endlich deutlich Abstand nehmen können von altvorderen Sprüchen. Stattdessen sprach er vom „Zusammenhang“, aus dem all die Sätze gerissen worden seien. Fragt sich nur, in welchem Zusammenhang solche Sätze überhaupt je Sinn machen könnten.
Teewald

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last modified: 28.3.2007