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Der große Radikalinskischwindel

Nach dem im letzten Cee Ieh der erste Teil die Thesen zur Kritik der Antifa enthielt, geht es im folgenden um das Fundament dieser Kritik. Teil zwei und Schluß der Dokumentation der Referate auf der Veranstaltung der Antinationalen Gruppe Leipzig (ANG) mitte Mai dieses Jahres.

Die Linke am Ende
Schaut man sich die linke Theoriebildung der letzten Zeit an, so kann man völlig wirre und abstruse Vorstellungen von Gesellschaft und daraus folgender Praxiskonzepte erkennen.
Am Schlimmsten ist dabei, daß die Linke in ihrer Mehrheit kein Verständnis von der prinzipiellen Endlichkeit des Kapitalismus hat. Im Gegenteil: gerade mit Globalisierung und Neoliberalismus sieht sie den Kapitalismus auch noch erstarken.
Zunächst ist entscheidend, daß ein angemessener Begriff von Gesellschaft nicht existiert. So werden allerhand Widersprüchlichkeiten in derselben gesehen. Zum Beispiel »Rassismus«, »Sexismus« und »Kapitalismus«, wie die unerträglich dumpfe und gefährliche triple-oppression-Theorie es weißzumachen versucht. Sie versucht alles zu denken und denkt in Wahrheit gar nicht.

Der Begriff von Gesellschaft
Überhaupt von „GESELLSCHAFT“ zu reden ist sinnvoll erst im Kapitalismus. Vorher wäre niemand auf die Idee gekommen, das soziale Gebilde in dem er oder sie lebt als eine Gesellschaft zu bezeichnen. Nicht umsonst waren die ersten Gesellschaftstheorien Vetragstheorien, nicht umsonst mahnt der Begriff an das gegenseitige Abschließen von bürgerlichen Verträgen, nicht umsonst die inhaltliche Nähe zu »Aktiengesellschaften« etc..
Man kann zwar in vorkapitalistischen Zeiten davon reden, daß es so etwas wie Gesellschaften oder besser: Gemeinwesen gab. Aber eine Weltgesellschaft, eine Gesellschaft, die weltweit zusammengeschweißt ist und in der sich alle Menschen aufeinander beziehen, hat es vormals nicht gegeben. Gesellschaft entsteht also erst mit dem Aufkeimen und Durchsetzen des Kapitalismus. Das heißt, daß Menschen in dieser Gesellschaft ersteinmal dadurch in Kontakt kamen, daß sie anfingen, Waren zu produzieren und zu tauschen – sie kamen erstmals einzig und allein durch den Austausch vermittelt als reine Warenbesitzer zusammen. Das ist das absolut Grundlegende. Und daran ist unseres Erachtens hinsichtlich einer materialistischen Gesellschaftskritik auch unbedingt festzuhalten.
Es schließt sich die Frage an, was in solch einer warenproduzierenden Tauschgesellschaft passiert, in der sich Menschen in solch einer Weise begegnen: sie geraten unter den Zwang von Verhältnissen, die sie selbst schaffen.

Was ist der Wert?
Klären wir zunächst die Frage, worauf dieser Tausch, den die Menschen selbst vollziehen, beruht. Grundlegend dafür ist der Wert. Dieser Wert als Grundmoment des Tausches ist das Vermittelnde des Warentausches.
Der Austausch zwischen verschiedenen Waren muß in einer warentauschenden Gesellschaft erst möglich gemacht werden (da er im Gegensatz zu Behauptungen des „gesunden Menschenverstandes“ und bürgerlicher Theorien nicht „natürlich“ ist). Es muß also ein Maßstab gesucht werden, an dem sich die zu tauschenden Waren messen lassen. Es muß eine Größe geben, die zwischen den Waren steht – ein ausgeschlossenes Drittes – den Wert. Nun wurde diese Größe nicht zielstrebig von Menschen gesucht, die sich vorher sagten: „Ach wie schön wäre es doch, Waren zu tauschen!“ – sondern: der Warentausch entstand historisch und in seiner Entstehung setzte sich dann diese Größe historisch durch.
Beim Tausch zweier Waren springt diese Größe förmlich von der einen zur anderen Ware. Der Wert befindet sich sowohl in der einen als auch in der anderen und auch in beiden nicht. Je nachdem, welche ihren Wert ausdrückt oder in welcher der Wert ausgedrückt wird.
Die Waren spiegeln sich im Tausch ineinander. Die eine jeweils in der anderen. Dabei ist jeweils die eine das Original, die andere der Spiegel, in welchem sich das Original selbst betrachtet. Einzig und allein im Spiegelbild der anderen Ware entdeckt die eine ihre Identität, ihre Warenidentität.
Nennen wir sie A und B. A bezieht sich auf B, spiegelt seinen Wert, indem es mit B in ein Tauschverhältnis tritt und entdeckt dabei seine eigene Identität als Ware. Aber auch B bezieht sich in der selben Weise auf A. Je nachdem, vom Standpunkt welcher Ware aus der Prozeß betrachtet wird, springt der Wert von A nach B.
Gleichzeitig ist er die unabhängige vermittelnde Größe und ist doch nicht zu fassen. Dieser Wert hat die Funktion, die Waren, die ja völlig unterschiedliche Sachen sind und die man direkt nicht miteinander vergleichen könnte, zurechtzustutzen. In der griechischen Mythologie gibt es eine Sagengestalt: den Riesen Prokrustes. Er nimmt Wandersleute in seiner Herberge auf, legt sie in ein zu kurzes und zu schmales Bett und schneidet des Nachts die überragenden Glieder einfach ab. Dieses »Prokrustesbett« ist das perfekte Bild für den kapitalistischen Warentausch. Die Waren werden reduziert auf ihren Wert, der sich als die Arbeitskraft bestimmt, die in ihnen steckt. Einzig und allein anhand dieses bornierten Merkmals erfolgt im Tausch der Vergleich: Wieviel gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit in den Waren sich befindet. Diesem Wert werden alle Dinge in der kapitalistischen Gesellschaft untergeordnet. Ihre Besonderheit, ihre Verschiedenheit voneinander, wird vollkommen egal.
Der Wert ist also das grundlegende und vermittelnde Prinzip der kapitalistischen Gesellschaft(1). Aller gesellschaftlicher Austausch regelt sich vermittelt über dieses eigenartige Ding.

Das Geld
Ein entscheidender Aspekt für die Charakterisierung der kapitalistischen Gesellschaft ist die Form der Vermittlung dieser Waren. Zentral dafür ist im Kapitalismus das Geld als konkrete Erscheinungsform des Wertes. Wichtig dabei: Geld resultiert zwar aus dem Wert, ist aber nicht der Wert. Denn der Wert steht zwar hinter dem Geld, ist aber selbst niemals dinghaft (also auch nicht in irgendwelchen Zahlen ausdrückbar) – er erscheint im Geld. Das Geld als die konkrete Erscheinung des Wertes bringt die Waren in der kapitalistischen Gesellschaft zueinander, ist also auch das Zirkulationsmittel. Dieses ist es aber nur dank seiner Funktion als Wertaufbewahrungsmittel. Im Geld wird also der Wert ausgedrückt und aufbewahrt.
Um den gesellschaftlichen Austausch von Waren zu ermöglichen, tritt das Geld als gesellschaftliches Schmiermittel auf.

Das Kapital
Der entscheidendste Begriff des Kapitalismus, wie der Name dieser Gesellschaftsformation schon sagt, ist der des Kapitals. Jenes ist wertheckender Wert. Das heißt, das Wert aus sich heraus mehr Wert wird. Zur Veranschaulichung: Menschen betätigen sich als Unternehmer, verfügen über eine bestimmte Menge Geld. Dieses Geld wird in die Zirkulationssphäre investiert, indem Waren aufgekauft werden. Eigenartiger Weise vermehrt sich dieses Geld. Es entsteht ein Gewinn dabei. Eine ziemlich mystische Angelegenheit, wie man meinen könnte.
Der gute Marx hat sich überlegt, woran das liegen könnte und ist dabei auf den Gedanken gekommen, daß auf dem Warenmarkt mittels des Geldes eine ganz bestimmte Ware aufgefunden wird. Also daß es neben Blechbüchsen, Tonnen Eisen oder sonst etwas noch die ominöse Ware Arbeitskraft gibt.
Viele Menschen entgegnen an dieser Stelle, Wertschöpfung geschehe gar nicht ausschließlich durch die Ware Arbeitskraft. Man könne sich ja auch Maschinen kaufen, die dann anstelle der Menschen die Arbeit verrichten und dann die Waren verkaufen und hat als Kapitalist trotzdem noch einen tollen Profit. Aber diese Rechnung geht nicht auf. Menschen haben zur Erleichterung des Stoffwechselprozesses mit der Natur stets Maschinen eingesetzt. Auch Marx kannte diese Entwicklung und beschrieb sie im genialen 13. Kapitel des Kapitals (1. Band). Also: die Maschine gibt stets nur den Wert weiter, der zu ihrer Herstellung verwandt wurde. Wird sie ausgeschaltet, unterbricht sich dieser Prozeß. Weder Maschinen, noch gezüchtete, genetisch veränderte Arbeitssklaven, noch überhaupt irgendwelche unbezahlten Arbeitskräfte schöpfen Wert.
Als Kapitalist kann ich also neben anderen Waren auch die Ware Arbeitskraft aufkaufen und damit Wert schöpfen – kann aus Geld mehr Geld machen. Ich stelle mir Menschen ein, kaufe neben der Ware Arbeitskraft noch andere Waren auf und kann so Wert schöpfen, in dem ich die Arbeitsprodukte wieder verkaufe. Dieser Prozeß der Wertschöpfung ist das grundlegende Moment in einer kapitalistischen Gesellschaft. Er erzeugt den Wert – also die Substanz des Kapitalismus.
Zwischen den ursprünglichen Austauschprozeß zwischen Mensch und Natur, den „Stoffwechselprozeß des Menschen mit der Natur“ (Marx) ist im Kapitalismus also jener Wertschöpfungsprozeß getreten. Menschlicher Austausch mit der Natur (also jegliche Produktion) ist von nun an nur noch in wertförmiger, also letztlich gewinnbringender Gestalt möglich. Bedürfnisse der Menschen werden für die Produktion unwichtig. Brot wird nicht mehr gebacken, weil Menschen Hunger oder Appetit darauf haben, sondern weil es verkauft werden, etwas einbringen soll. Das Resultat: Millionen hungernder Menschen trotz immenser Güterproduktion, krankmachende Lebensmittel, sinnlose Produkte, für deren Verpulverung wiederum eine noch sinnlosere Werbeindustrie aus dem Boden gestampft wird. Nicht nur das eigentliche Subjekt der Bedürfnisbefriedigung, der Mensch, wurde unwichtig, sondern auch das Objekt dieser Befriedigung. Kapitalistische Produktion nimmt keine Rücksicht auf den Stoff, mit dem sie sich vollzieht. Eine irrsinnige Ressourcenverschwendung und Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen sind die unvermeidliche Folge.

Das automatische Subjekt
Als nächstes ist zu fragen, warum das Kapital zum automatischen Subjekt wird. Das Kapitalverhältnis bezeichnet einen Prozess, der sich wesensgemäß immer weiter fortpflanzen muß. Er spielt sich immer und immer wieder von neuem ab. Daraus resultiert ein unentwegtes Fortschreiten auf stets höherer Stufe, in dessen Folge sich das Kapital immer mehr Arbeit einverleibt – also lebendige in tote Arbeit verwandelt. Das zeigt sich in der Erzeugung einer immer größer werdenden Gütermasse. In allen Gütern, v.a. auch in Produktionsmitteln (Maschinen, Fabrikanlagen, Computern) ist derartige tote Arbeit kristallisiert. Auf Grund eigener Gesetzmäßigkeiten setzt sich dieser Prozess immer weiter fort. Er schraubt sich aus eigener Kraft immer weiter. Und kauft darin immer mehr Menschen in Form von Ware Arbeitskraft auf.

Akkumulation des Kapitals
Der kapitalistische Prozeß muß dabei stets auf höherer Stufenleiter weitergehen. Bei Strafe des eigenen Untergangs ist der einzelne Kapitalist gezwungen, stets seine Produktionsmittel zu vervollkommnen. Er muß also immer bessere Maschinen kaufen und immer mehr Arbeitskräfte einsparen, damit er im Konkurrenzprozeß nicht zurückbleibt.

Herrschaft und Knechtschaft
Es hat sich durch die Ausführungen eröffnet, daß der Mensch selbst die grundlegende Ware im Kapitalismus ist.
Kapitalismus ist ein gesellschaftlicher Zustand, der Menschen unentwegt in Waren, in Dinge, in Objekte verwandelt, die gesamtgesellschaftlich gesehen nichts zu melden haben. Diese zu Dingen herabgewürdigten Menschen laufen genauso wie andere Waren durch das Prokrustesbett der Verwertung. Sie werden bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, der Verwertungslogik angepaßt.
Die Menschen machen sich dabei selbst zu Dingen, zu Objekten, zu Waren. Sie produzieren genau die Verhältnisse, von denen sie beherrscht werden. Sie schaffen die herrschenden Strukturen des Kapitalismus, von denen sie dann wiederum geknechtet werden.
Produktion im Kapitalismus hat in keinster Weise zum Ziel, jemanden zu befriedigen, satt oder glücklich zu machen. Es geht immer ausschließlich darum, daß sich das Kapital selbst vermehrt, daß der Prozess des automatischen Subjekts immer weiter angeheizt wird. Das Triebwerk Kapitalismus soll sich immer weiter entwickeln, immer schneller und weiter rasen.

Fetisch
Ein Fetisch ist eigentlich ein religiöses Ding, ein selbstgefertigtes Objekt, das man anbetet und das Macht über einen gewinnt.
Bezüglich des Kapitalismus kann man von einer fetischistischen Gesellschaft sprechen. Eine Gesellschaft, die zwar irgendwann einmal von Menschen hervorgebracht wurde, die aber heute Menschen beherrscht und Menschen zu Objekten niederdrückt – zu Objekten eines Subjekts, das nicht, wie man denken könnte, ein Mensch ist, sondern eben das Kapital als Verhältnis. Alle Menschen, die in der kapitalistischen Gesellschaft leben, egal, ob sie sich nun unternehmerisch betätigen oder auf der Gegenseite ihr Dasein fristen müssen, stehen unter der Herrschaft dieses Kapitals. Jegliche Art zu personalisieren (also sich zu fragen, wer denn nun am Kapitalismus schuld ist, wer denn nun das Kapital ist – und nicht was es ist – nämlich ein Verhältnis), endet in wüsten und gruseligen Theorien. Einzelne werden verantwortlich gemacht für ein gesellschaftliches Verhältnis. »Bonzen« und »Spekulanten« würden angeblich den Kapitalismus steuern und Geld haben und sichs gut gehen lassen, während andere für sie arbeiten müßten. Den Haß auf »Sozialschmarotzer« gibt’s zu dieser Ideologie gratis. Denn diese »schaffen« schließlich auch nichts.

Kritik und Anti-Politik
Die oben genannten objektiven Bedingungen offenbaren die Gründe, warum ein politisches Agieren mit dem Ziel der Abschaffung des Kapitalismus letztendlich zum Scheitern verurteilt ist. Jegliche Beeinflussung dieses Kapitalverhältnisses in bezug auf seine Entwicklung ist blanke Selbstüberschätzung und läßt sich nicht auf der Grundlage einer materialistischen Gesellschaftskritik rechtfertigen. Der einzige Standpunkt der möglich ist, ist der Standpunkt einer kritischen Theorie, welche die Bewegung des Kapitals nachvollzieht und daran immer und immer wieder radikale Kritik äußert.
Es ist wichtig, auf die tendenziell mögliche und notwendige Endlichkeit des Kapitalismus zu verweisen, zu sagen, daß also das Kapitalgesetz kein ewig laufender Kreislauf sein kann und daß sich genau jene Krisentendenz in der bestehenden Gesellschaft auch ankündigt.
Genau in jener Krise stellt sich die Frage, was mit dem bürgerlichen Subjekt passiert, das bisher weitgehend reibungslos funktionierte. Es besteht dabei jederzeit die Möglichkeit, daß es einem kollektiven Wahn verfällt und bestialische Gesellschaftszustände errichten möchte.
In einer solchen Krise besteht die Gefahr, daß das sich als rational begründende bürgerliche, männliche Subjekt aus den Fugen kracht. Die Idee eines vernünftig handelnden, seine Zwecke und Interessen rational vertretenden, sich permanent beherrschenden und zusammenreißenden Menschen formierte sich erst im Zusammenhang mit der Entstehung des Kapitalismus und des Siegezuges der Arbeit. Seine Identität fand der rationale Mensch stets in der Abgrenzung vom Wahnsinn. Menschen, die sich der Verwertungslogik nicht unterziehen konnten oder wollten, die die unsägliche psychische Zurichtung und Zumutung nicht mitmachen konnten oder wollten, wurden seit Beginn der kapitalistischen Zeit in Irrenhäuser, sogenannte »Psychiatrien« gesperrt. Als Spiegelbild der rationalen Welt dienten sie zu ihrer Rechtfertigung und Identitätsbegründung.
Genau dieses Aus-den-Fugen-Krachen kann aber auch eine neue Verhandlungsbasis darstellen, aufgrund derer die Verfaßtheit der Gesellschaft neu ausgehandelt werden könnte. In der Krise werden die Karten neu gemischt.
Gleichzeitig aber besteht in einer derartigen Krise die Gefahr einer schrecklichen Rückentwicklung des menschlichen Bewußtseins. Anzeichen einer solchen stellen die Tendenz zu einer Zunahme sexistischer, sozial-darwinistischer, esoterischer, antisemitischer, rechtsextremer oder extrem-religiöser Positionen dar.
Genau solchen Tendenzen gilt es, mit dem Bewußtsein von einer Krisenhaftigkeit des Kapitalismus entgegenzutreten. Diese Aufgabenstellung ist allemal wichtiger, als sich in den Irrglauben zu versteigen, mit konkreter Politik diese Gesellschaft entscheidend beeinflussen zu können.
Daß dem Kapitalismus die Krise wesenhaft ist, liegt darin begründet, daß er von Anbeginn ein selbstwidersprüchliches Verhältnis ist. Krise wurde in den bisherigen marxistischen Krisentheorien falsch gedacht. Man redete nur von »Überproduktionskrisen«. Das heißt, es würde zuviel produziert, zuwenig verkauft und die Waren müßten aus der Zirkulation geschleudert werden. Diese Entwicklung würde schließlich zum »großen Kladderadatsch« führen, wie August Bebel es formulierte. Die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus aber liegt schon in seiner Produktionsweise selbst begründet.
Das Problem des Kapitalismus ist, daß er seit seiner Existenz auf Selbstwidersprüchen beruht. Einerseits gründet er auf der Anhäufung von toter Arbeit (siehe oben) anderseits muß er infolge der Akkumulation des Kapitals ständig Arbeitskräfte einsparen. Ebenso benötigt er zu seiner eigenen Existenz einen nicht-betriebswirtschaftlich funktionierenden Bereich: eine Armee, Polizei, Justiz, Straßenbau, Energieversorgung, Verwaltung, Wissenschaft, Müllabfuhr, etc.. Wenn diese Bereiche nicht funktionieren, ist ein Verwertungsprozeß nicht möglich. Es ist aber wiederum genau die Tendenz des Kapitalismus, sich alle gesellschaftlichen Bereiche unterzuordnen und sie somit der betriebswirtschaftlichen Rationalität auszusetzen. In diesem Prozeß gräbt sich der Kapitalismus selbst das Wasser ab (vgl. hierzu ausführlich: R. Kurz, Schwarzbuch Kapitalismus). Das Kapital benötigt zu seiner Existenz eben z.B. eine unabhängige Wissenschaft. Dazu bedarf es staatlicher Finanzierung. Ist diese angesichts staatlicher Finanzprobleme nicht mehr zu haben, so wird der universitäre Bereich eben privatisiert – die Unis einer betriebswirtschaftlichen Logik ausgesetzt. Aus Kostengründen aber wird kein Unternehmen dauerhaft den Unibetrieb fördern. Die Wissenschaft geht demzufolge krachen. Das wiederum zeitigt negative Folgen für die kapitalistische Produktion, die schließlich auf wissenschaftliche Neuerungen angewiesen ist – ja überhaupt keine kapitalistische Akkumulation ohne sie betreiben kann.

Gesetzmäßigkeit und Befreiung
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Wir behaupten nicht, daß es Gesetzmäßigkeiten gibt, die zwingend aus dem Kapitalismus herausführen.
Die Philosophie hat lange Zeit propagiert – Hegel zum Beispiel –, daß sich die Welt angeblich logischen und vernünftigen Gesetzen gemäß entwickelt und am Ende etwas Gutes steht. Diesen positiven Fortschrittsglauben lehnen wir ab.
Die kapitalistische Gesellschaft aber, die Art und Weise wie sie funktioniert, unterliegt sehr wohl Gesetzmäßigkeiten. Wie der Kapitalismus sich entwickelt, warum aus einer warentauschenden Gesellschaft eine verkehrte Gesellschaft hervorgehen muß, die von den Menschen nicht bewußt beeinflußt werden kann, warum das Kapital sich immer weiter selbst verwerten muß, innerhalb seiner Logik sich in einem Kreislauf bewegt, warum Kapital immer weiter akkumulieren muß, sich immer weiter anhäufen, der Zwang zu immer weiterer Entwicklung da sein muß, das sind immanente Gesetzmäßigkeiten. Es gibt also keine Gesetzmäßigkeit, die aus dem Kapitalismus herausführt, aber Gesetzmäßigkeiten innerhalb desselben. Walter Benjamin hat dies im Nachwort zu seinen Thesen zum Begriff Geschichte mal so beschrieben, daß Revolutionen vielleicht nicht die Marxschen Lokomotiven der Weltgeschichte sind, sondern der Griff des reisenden Menschengeschlechtes nach der Notbremse. Mit dieser Metapher läßt sich der Unterschied hinsichtlich der Gesetzmäßigkeiten scharf fassen. Geschichte an sich ist in keiner Weise determiniert. Es ist nicht vorweg klar, in welche Richtung sie sich bewegt, aber es gab einen Punkt innerhalb der Geschichte, an dem sich das Kapital als automatisches Subjekt durchsetzte. Und von dem Zeitpunkt an wurde das menschliche Denken und Handeln ganz speziellen Kapitalismus-immanenten Gesetzen unterworfen – der Bewegung des Kapitalismus.

Gegen die Postmodernen!
Marx konnte das Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnis des Kapitalismus im „Kapital“ nur deshalb so minutiös darstellen, weil er selbst materialistisch geerdet war. Es ging ihm gerade nicht darum, die kapitalistische Gesellschaft als eine Gesellschaft von persönlichen Herr-Knecht-Verhältnissen darzustellen.
Postmoderne und v.a. poststrukturalistische Argumentationsweisen haben eine scheinbare Ähnlichkeit mit der marxschen Position. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß diese Denkweisen im strikten Gegensatz zu einer kritischen Gesellschaftstheorie stehen.
Beschreibt Marx die Gesellschaft als eine Vermittlung der Natur mit sich selbst, in der diese sich selbst als ihr eigener Gegensatz entgegentritt, so lösen die Pomos und Struckis dieses dialektische Verhältnis von Gesellschaft und Natur in sogenannte »Diskurse« auf. Demgegenüber sind jene, also die sprachliche Kommunikation selbst als ein Moment der gesellschaftlichen Vermittlung der Natur und der naturhaften Vermittlung der Gesellschaft zu begreifen. Da Pomos und Struckis in aller Entschlossenheit darauf beharren, daß es keine Wahrheit – keine Natur unabhängig des Mal-Drüber-Redens gibt, sind sie zu einer kritischen Auffassung der Gesellschaft nicht in der Lage.
martin d.

(1)Anmerkung: Dieser Text ist die überarbeitete Form des Referats welches ich für die ANG Mitte Mai 2001 hielt. Ich habe es lediglich sprachlich und rechtschreiblich überarbeitet, sowie Ergänzungen durchgeführt, die das Verständnis erleichtern. Das heißt: es gab keine inhaltliche Neufassung. Damit ist der Text Dokument einer eigenen Entwicklung. Aus heutiger Sicht, denke ich, daß materialistische Gesellschaftskritik und eine Kritik des dualen Geschlechterverhältnisses zusammengehören (ansatzweise von mir dargestellt in „Sexismus und Sexualität“ in CEE IEH #74 aber bisher nicht weiter ausgeführt).
Dem im obigen Text vertretenen Anspruch, eine Theorie zu entwickeln, die die gesamte Gesellschaft als Totalität umfaßt tut dies hingegen keinen Abbruch. Im Gegenteil: erst durch Abschied von einer ableitungstheoretischen Vorgehensweise kann eine solche entfaltet werden. Der Wert ist dann nicht mehr als oberste gesellschaftliche Kategorie zu denken, sondern stets mit seinem Gegenstück: dem abgespaltenen weiblichen Bereich, dem „Schatten, den der Wert wirft“ (R. Scholz, Wert und Geschlechterverhätnis). Um überhaupt bestehen zu können, ist die wertförmige Vergesellschaftung auf einen prinzipiell nicht der Wertlogik unterworfenen aber auf sie bezogenen Bereich verwiesen. Ohne Kindererziehung, Gewährung von Liebe und Zuwendung ist Kapitalismus nicht möglich. Die Tatsache, daß gerade dieser Bereich im aktuellen Endzeitkapitalismus wegbricht, ist kein Argument gegen das „Wertabspaltungstheorem“ (Scholz), sondern weiteres Indiz für das sich Anbahnen einer „finalen Krise“ (Kurz): der Kapitalismus benötigt zu seinem Bestehen nicht nur einen der betriebswirtschaftlichen Logik nicht unterworfenen Bereich (z.B. die Armee), sondern auch einen nicht-wertförmig organisierten (z.B. Kinderaufzucht), in dem nicht die „Zeitsparlogik“, sondern eine „Zeitverausgabungslogik“ (Frigga Haug) zählt. Es kommt nicht darauf an, ein Kind mit möglichst geringem, sondern mit möglichst großem Aufwand zu erziehen. Beide Bereiche unterminiert der aktuelle Krisen- bzw. Endzeitkapitalismus. Anstelle von Armee und Polizei treten private Sicherheitstrupps, jederzeit bereit zum Austicken. Anstelle des abgespaltenen weiblichen Bereiches, in dem einst Kinderaufzucht, Zuneigung, Emotionalität, Sexualität, Liebe und Sinnlichkeit eingesperrt waren, tritt das „verwilderte Patriarchat“ (Scholz). Tradierte Strukturen wie Familien zerfallen, machen aber nicht – zumindest nicht per se – emanzipatorischen Formen des Zusammenlebens Platz, sondern stellen das Weiterbestehen des Verwertungsprinzips in Frage.


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last modified: 28.3.2007