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Calcio für jedermann

Die Geschichte und die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs in Italien.

Hooligans, 28.7k Fußball in Italien war schon sehr früh eine internationale Angelegenheit, was vor allem Engländern und Schweizern zu verdanken war. Die Clubs ließen zum Teil gar keine Italiener Mitglied werden – und wenn doch, dann nicht jeden. „Diese Klubs ähnelten den Zirkeln um die Jockey Clubs“, schreibt der Sporthistoriker Pierre Lanfranchi, „in denen ebenfalls die Söhne der städtischen Elite zusammenkamen.“
Die herausragende Rolle der Schweizer als Fußball-Botschafter – außer in Italien wirkten sie in Frankreich und Spanien – resultiert aus zwei Faktoren: der Entstehung des Welthandels und der Ausbreitung neuer Sportarten. In den Schweizer Fachschulen wurden seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts viele Ingenieure, Kaufleute und internationale Bankiers ausgebildet. Hier wurden auch moderne Erziehungsmethoden angewendet, wozu das Fußballspiel zählte.
Selbiges war für diese Eliteschüler eine Möglichkeit, um sich auf dem Weltmarkt Geltung zu verschaffen. Sie waren Spieler und Funktionäre in einem, gründeten ihre eigenen Vereine, handelten die Regeln aus, und wenn sie zu alt fürs Spiel waren, wurden sie Trainer, Sportjournalisten oder blieben zumindest in einem Ehrenamt dem Verein erhalten. Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich die Spielerrolle. Der nunmehr überwiegend als Funktionäre tätigen Pionier-Generation traten aktive Kicker gegenüber. Im italienischen Fußball, mittlerweile fester Bestandteil der Gesellschaft, zeigten sich erste Professionalisierungen sowohl bei den Spielergehältern als auch bei den Stadionbauten: Aus dem Fußball wurde ein Massenspektakel.
Der Faschismus unterstützte diese Entwicklung massiv: 1926 entstand in Bologna eine große Arena, 1932 in Florenz ein futuristisches Stadion ohne Pfeiler und Streben. 1934 organisierte Italien die zweite Weltmeisterschaft, die es auch – durch einen 2:1-Finalsieg über die Tschechoslowakei – gewann. Obwohl sich in Deutschland die Entwicklung zum Profifußball langsamer vollzog, begaben sich in den zwanziger Jahren nur zwei deutsche Spieler nach Italien, um dort zu spielen.
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Offiziell wurde damals noch kein Geld gezahlt, inoffiziell steckten die Vereine den guten Spielern schon größere Lira-Beträge zu. Das Profispieler-Statut wurde in Italien schließlich erst 1926 eingeführt; gleichzeitig aber verboten die Faschisten ausländischen Spielern, bei italienischen Vereinen zu spielen. Dieses Verbot wurde zwar oft unterlaufen, indem ausländische Spieler italienischer Herkunft nach Italien kamen – 1928 der argentinische Starstürmer Raimundo Orsi zu Juventus Turin –, aber deutsche Kicker zog es damals nicht in den Süden. Und Trainer erst recht nicht, obwohl 1935 Ausländer die Mehrheit der Liga-Coaches stellten.
Diese Auseinandersetzungen um die Professionalisierung des Fußballs halfen jedoch schon recht früh, Fußball auch als politisches Spektakel zu sehen. Der Historiker Lanfranchi erklärt das so: „Zu Beginn des Jahrhunderts hatten die italienischen Sozialisten Sport noch als Werkzeug der bürgerlichen Mittelschicht betrachtet und seine Ausübung den Aktivisten bei Strafe des Parteiausschlusses verboten. In den zwanziger und dreißiger Jahren änderten sie jedoch ihre Meinung. Denn es war das Phänomen zu beobachten, dass die Fans sich auf bestimmte Mannschaften festlegten; daher war es naheliegend, dass sich die Sozialisten anschlossen.“
Die Faschisten unter Mussolini nutzten den Fußball ebenfalls für ihre Zwecke: Vom Staat wurden Fahrten zu Auswärtsspielen mit Sonderzügen und Bussen organisiert, neben den Spielen gab es in den Stadien auch Kulturprogramme. Der italienische Fußball war damals äußerst erfolgreich: Neben den zwei WM-Titeln gewann man 1936 bei der Olympiade (1928 war das Team noch Dritter), und Bologna siegte zweimal beim Mitropa-Cup (1932 und 1934) sowie beim internationalen Fußballturnier zur Weltausstellung 1937 in Paris. Aber Italien war auch das Land mit dem ersten großen Bestechungsfall im Profi-Fußball. Bei der WM-Qualifikation 1934 hatten die Azurri das Hinspiel zur Qualifikation gegen Griechenland mit 4:0 gewonnen, doch das Rückspiel fand nicht statt: Der italienische Verband hatte den griechischen Spielern und dem griechischen Verband Geld geboten, wenn sie nicht anträten. Bei der WM selbst kam es dann wiederholt zu Schiedsrichterentscheidungen, die Manipulation vermuten ließen. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Überwindung des Faschismus war es vor allem der Fußball – neben dem Tour-de-France-Sieg des Radfahrers Gino Bartali 1948 –, der dem Land wieder internationale Reputation verschaffte. Ganz maßgeblich verhalf das 1946 eingeführte „Totocalcio“, das öffentliche System der Fußballwetten, dem italienischen Fußball zum ökonomischen Aufstieg. Gezielt konnten die großen Clubs die besten europäischen und südamerikanischen Spieler verpflichten.
In den fünfziger Jahren waren es auch deutsche Spieler, die die Möglichkeit nutzten, in Italien einem Beruf nachzugehen, der ihnen bis 1963 in Deutschland verwehrt war. Auch konnte ein Beschluss des italienischen Verbandes nach der Weltmeisterschaft 1966 nichts bewirken, wonach keine ausländischen Spieler mehr angeworben werden durften. Dieselben waren schon im Land und blieben einfach in der ersten Liga.
1980, als Italien bei der EM im eigenen Land nur Vierter wurde, öffnete die Seria A die Grenzen wieder für ausländische Kicker. In der zu spielen seit den Sechzigern überdies kein Karrierehindernis mehr darstellte; lediglich Kicker, die in der spanischen Liga aktiv waren, mussten noch damit rechnen, nicht mehr in die deutsche Nationalmannschaft berufen zu werden. Die Zeiten, als ein Uwe Seeler 1961 noch ein Millionenangebot von Inter Mailand plus Villa ablehnte und dafür ausdrücklich als guter Deutscher gelobt wurde, waren endgültig vorbei.
Von Berthold und Brehme über Klinsmann und Matthäus bis hin zu Möller und Völler ging Anfang der neunziger Jahre eine ganze Reihe deutscher Spieler, mit Doll und Sammer auch die ersten Ostdeutschen, in die Seria A. Bundestrainer Hubert Vogts sprach sich sogar dafür aus, dass deutsche Spieler, die in Italien bei ihrem Club nicht spielen dürften, auch nicht für Deutschland auflaufen könnten. Dieses Schicksal ereilte wegen des Superstar-Überangebots in der Seria A viele.
Teewald



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last modified: 28.3.2007