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Eine EM dauert bis zum Titel
Mit ausreichend Vorschußlorbeeren ausgestattet ging die deutsche Fußballnationalmannschaft die Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden mit den für dieses Team kennzeichnenden Selbstbewusstsein an. Die Titelverteidigung stand zu keiner Zeit außer Frage. Jenes Unterfangen erfuhr jedoch ein jähes Ende, Deutschland musste nach der Vorrunde die Segel streichen.
Eine Nachbetrachtung unter Zuhilfenahme der Medien:

Da brüllt die Bild-Zeitung nach dem berückend schönen, ja würdig müde betriebenen Ausscheiden respektive „Ausscheitern“ (DSF) der birnenmatschigen Ribbeck-Kampftruppe gegen Portugal, nach dem lange ersehnten Suizid des sogenannten „deutschen Fußballs“ in frühster Axel-Springer-Manier am 22. Juni: „Euch“, gemeint der komplette 22-Mann-EM-Kader, „Euch wollen wir nie mehr sehen!“ und schickt den lausigen Vaterlandsverrätern hinterher: „Sie haben das Trikot der Nationalmannschaft besudelt. Sie haben Deutschland vor der ganzen Fussball-Welt blamiert“, bloß weil Hamann, Jeremies und Co.-Konsorten wahrmachten, was die 68er nur projektierten – die Idee des Nationalen endlich zu desavouieren – da keift das rundweg verrückte Blatt, seine deutschnationale Gesinnungsform
hools, 22.1k
„... verärgerte MedienvertreterInnen nach dem 0:3 Debakel gegen Portugal“

wiederfindend, gegen die „satten Millionäre“, dass man meint, der Strick sei die geringste Strafe, die sie verdienten.
Und was unternimmt die taz (23. Juni)? Die möchte mittun, die nationale Katastrophe abzuwenden und fordert einen Bundestrainer Volker Finke (SC Freiburg). Bestätigt findet sich das bekanntlich extrem kritische Organ durch „Altinternationale und Prominente aus Kultur und Politik“, etwa den sogenannten „Philosophen“ Klaus Theweleit und den aus der humanistischen Versenkung hinaufgespülten Altphilologen Walter Jens, der seiner Tübinger Trutz- und Trotzkopfburg den jahrzehntelang antrainierten Seim entlockte: „Kreative Menschen“ gleich Finke seien vonnöten, „Figuren, die über Witz, Spaß, Sprachkunst, Grazie verfügen“, denn wahrscheinlich geht es beim Fußball um creative writing und künstlerische „Selbstverwirklichung“.
Deutschland war seit dem August 1914 nicht mehr so bedroht, und die Medien erleben eine ähnlich hohe Stunde wie dazumal. Der Fernseh- und Zeitungsapparat ächzt und mahnt, poltert und dröhnt, als sei der Untergang des Reiches zu verhindern. Es „muss und wird sofort gehandelt werden“, kommentiert scharf schießend selbst die gewöhnlich reservierte Frankfurter Rundschau (23. Juni) und pustet ins Horn der Sekundärtugendwächter. „Mangelhafte Berufsauffassung“ attestiert man den Spielern, den, so Bild, höhnisch singenden, saufenden und obendrein, rauchenden „Versagern“. Und der stahlharte Ehrenmann Lothar Matthäus tritt zu: „Wir hatten eine charakterlose Mannschaft“ – es sagt gewiss der Richtige –, um zu resümieren, „es war scheißegal nach den Intrigen“, das Erreichen der Länderspielweltrekordmarke wohlgemerkt.
Nein, sie spinnen tutto kompletto grandissimo (Trappatoni). „Das ganze Spektrum ist offen“, orakelte DFB-Pressesprecher Wolfgang Niersbach und meinte die Wahl des Ribbeck-Thronfolgers, allein, die grotesken Nichtigkeiten, die tage- und mutmaßlich wochenlang die Öffentlichkeit „bewegen“, sind, spektral gesehen, noch nicht ausgereizt. Die Frankfurter Rundschau (24. Juni) zum Beispiel jammerte erneut über das „Tollhaus“, jetzt: den trainersuchenden DFB, und heuchelte irgendein halbgewalgtes grauenhaftes Zeug von wegen „eskalierenden Tendenzen“ im deutschen Fußball und Schlachttaktiken der Bundesliga- und Verbandsvertreter daher, was letztendlich im Unterfangen „Task Force“ sein Ende nahm.
Nicht den Schlieffenplan, aber den „Geheimplan“ zwecks „Doppelspitze“ Daum (Bayer 04 Leverkusen) und Hitzfeld (Bayern München) erspähte hinwieder Bild, während Matthäus, Lothar seltsamerweise plötzlich ruckartig die Klappe hielt. Stielike (U21) freilich nicht. Den allerdings will wirklich niemand mehr hören, beziehungsweise anstellen.
Via DSF (Nike-EM-Doppelpaß, 24. Juni) tatzelte schließlich „Rudi“ Brückner (DSF) den „hilflosen alten Verband“, kalauerte, dass die Ohren schmerzten: „Der DFB: 100 Jahre und ein bisschen greise“, und sein beisitzender bär- und wadenbeißiger Preußengeneral Udo Lattek wollte mal ganz klar sagen: „Man sollte mal ganz klar sagen, dass die Trainersituation beim DFB nicht in Ordnung ist.“
Ist sie bestimmt nicht. Die Welt ist nicht in Ordnung, sie ist aus den Fugen. Sie, die Welt, hat sich tatsächlich erdreistet, die Deutschen vor dem Finale gen Heimatfront zu beordern, und dort wüten sie, vereint in Zorn und Trauer, bis zur Besinnungslosigkeit. Immerhin, der „Kanzler“, meldete Sat.1-Text, „nimmt Lothar in Schutz“, die Grünen packen die „Doppelspitze Künast/Kuhn“, und Udo Lattek, der weiß, „dass man nur auf die Schnauze kriegt bei der Nationalmannschaft“, schnauft und droht alarmrot rammdösigen Revoluzzerschädels: „In den DFB muss mal ‘ne kleine Bombe reingeworfen werden.“ Derweil das gerontologische Führungsgremium an der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise mit Interimsbundestrainer Rudi „Käthe“ Völler gerade den 4:1 Sieg gegen Spanien feiert.
Teewald



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last modified: 28.3.2007