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Jurek Becker:

»Bronsteins Kinder«

Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main, 1988. 302 Seiten, DM 17,80

deutsches gesindel, 2.7k

Nach der Lektüre von Jurek Beckers Roman »Bronsteins Kinder« lassen sich die Erfolge der Nazis im Osten besser verstehen.

In den ostdeutschen Provinzkäffern gehört die Straße den Nazis. Natürlich, auch in den Gemeinden des Westens sieht es oft nicht viel besser aus. Gollwitz hat in Adelsdorf ein ebenbürtiges Äquivalent. Und trotzdem gibt es Unterschiede, die sich aus der getrennten Geschichte der beiden deutschen Staaten erklären lassen.
Im Westen brandschatzen die Nazis die Flüchtlingsunterkünfte und Synagogen im Schutz der Dunkelheit. Auch wenn sich der westdeutsche Nazi einer breiten Sympathie sicher sein kann, muß er vor allem eines fürchten: Die Gegenwehr von Migranten. Außerdem trifft man in den alten Bundesländern eher auf einen differenzierenden Rassismus, der die Jagd auf den schwarzen Drogendealer fast uneingeschränkt legitimiert, am „Italiener“ an der Ecke aber noch einen Nutzen gelten läßt.
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Jurek Becker: Bronsteins Kinder. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main, 1988. 302 Seiten, DM 17,80
In den braunen Zonen des Ostens trifft alles „Undeutsche“ auf den gleichen Haß – die Unterscheidung zwischen dem „fleißigen“, „assimilierten“ Arbeitsmigranten und dem fremden Schmarotzer spielt eine viel kleinere Rolle. Die rassistische Tat wird hier viel offenkundiger beklatscht. Die Nazis in Wurzen, Magdeburg-Olvenstedt, Görlitz etc. bewegen sich wie Fische im Wasser, denn sie teilen mit weit mehr Mitbewohnern, als dies im Westen der Fall wäre eine ideologische Grundlage für ihr Handeln – die völkische Identität, Deutsche zu sein. Nicht nur die engsten Kameradenkreise, vielmehr auch die Elternhäuser und Bekannten, die rechte Hegemonie an Schulen und in Jugendzentren sind Motivationsbasis und Rückzugsgebiet zugleich. Deshalb agieren die Nazis im Osten nicht nur ungestörter, sondern wahrscheinlich auch brutaler. Die breite Akzeptanz einer tief verinnerlichten Herrenmenschenideologie gestattet deren leidenschaftlichere Durchsetzung.
Im Mai ’96 wurde in Leipzig Bernd G. aufgrund seiner Homosexualität auf kaum vorstellbare Weise gelyncht. Die drei beteiligten Nazis ließen einen Ziegelstein auf seinen Kopf fallen, schütteten Sand in seinen Mund, stachen ihm die Augen aus und töteten ihn schließlich mit 36 Messerstichen. Solche Bestialität gestattet nur eine Weltsicht, die in dem Opfer keinen oder aber einen „Untermenschen“ sieht. Eine Weltsicht, die von Sanktionen und Widersprüchen weitgehend frei geblieben sein muß, so daß sie sich letztendlich im beschriebenen Ausmaß Bahn brach. Die Täter stammen aus der DDR. Sie selber müssen genau in dem Maße wie auch ihre unmittelbaren Sozialisationsinstanzen (Elternhaus, Schule etc.) vom „staatlich verordneten Antifaschismus“ geprägt gewesen sein. Läßt sich ihre Tat als Reflex auf die „sozialistische“ Erziehung erklären? Sind die Erfolge der Nazis, wenn schon nicht als Ausdruck sozialer Deklassiertheit, dann als Reaktion auf ein ehemals verordnetes Links-sein zu verstehen?
Ein genauerer Blick hinter den antifaschistischen Anspruch des SED-Staates zeigt, daß die psychischen Voraussetzungen des Nationalsozialismus nicht großartig angekratzt wurden. An den deutschen Tugenden wie Ordnung, Fleiß, Pünktlichkeit, Nationalbewußtsein und Obrigkeitshörigkeit wurde auch in der DDR festgehalten, ja diese Wertekonstellation konnte im Schutze des „antifaschistischen Schutzwalls“ viel ursprünglicher konserviert werden. Im Westen dagegen lockerten Millionen von Migranten, angloamerikanische Kultur und nicht zuletzt die 68er die Atmosphäre.
Nach ’89 fiel mit dem SED-Regime inklusive Stasi das einzigste Gegengewicht weg, welches die lebendig gebliebene Nazi-Mentalität an größeren Ausbrüchen gehindert hatte. (Übrigens scheinen heute im Osten die Spezialeinheiten der Polizei und die Verfassungsschutzbehörden die einzigen Gegner der Nazis zu sein, vor denen diese noch ein bißchen Respekt haben.)
Die Stärke der Nazis im Osten muß also als Ernte einer Saat angesehen werden, die während der 40 Jahre DDR in spießiger Weltabgeschiedenheit gedeihen konnte. Es gab in der Zone nicht zuviel Antifaschismus, sondern zu wenig. Auf der Ebene der Mentalität war die DDR deutscher als die BRD. Eine Erklärung von Rassismus und Antisemitismus im Osten muß also eher Kontinuitäten als Brüche betonen.
Der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der DDR ist der Hintergrund für Jurek Beckers Roman „Bronsteins Kinder“.
Drei ehemalige jüdische Häftlinge, in der DDR anerkannte Opfer des Faschismus, stoßen durch einen Zufall auf einen KZ-Aufseher. Sie übergeben ihn nicht der DDR-Justiz, sondern entführen ihn, um ihn in einem abgelegenen Haus zu foltern. Der Sohn eines der Entführer, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, entdeckt die Aktion und versucht den Vater davon zu überzeugen, den KZ-Wärter einer ordentlichen Gerichtsbarkeit zu überlassen: „‘Warum zeigt ihr den Mann nicht einfach an?... Habt ihr Angst, daß er zu milde bestraft würde?’“ Der Vater, der sich mit seinen beiden Freunden darin einig ist, „in einem minderwertigen Land zu leben, umgeben von würdelosen Menschen, die ein besseres nicht verdienen“, verneint die Frage, bezweifelt aber die Motivation, mit der in der DDR NS-Verbrecher verurteilt werden: „Es sei zwar richtig, daß der Aufseher hart bestraft würde, wenn sie ihn einem Gericht übergäben, aber warum? Doch einzig deshalb, weil zufällig die eine Besatzungsmacht das Land erobert habe und nicht die andere. Wenn die Grenze nur ein wenig anders verliefe, dann wären die selben Leute entgegengesetzter Überzeugung, hier wie dort. Wer stark genug sei, könne diesem deutschen Gesindel die Überzeugung diktieren, ob er nun Hitler oder sonstwie hieße. Darum hätten sie beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Wenn es ein Gericht gäbe, das von ihnen anerkannt werden würde, wären sie nie auf eine solche Idee gekommen.“
Der Sohn nimmt jedoch im Roman keinesfalls einen strikten Gegenpart ein. Auch ihm werden Konfrontationen mit der ostdeutschen Nachkriegskultur, die er nur oberflächlich zu verteidigen vorgibt, aufgezwungen. In einer Schwimmhalle, der Ich-Erzähler hatte gerade erfolgreich seine Sportprüfung beendet, kommt es zu einer Auseinandersetzung mit einem ordnungsbewußten Mitschüler. Dieser fordert den Jungen dazu auf, unter der Dusche seine Badehose auszuziehen. Als der Gängler penetrant weiter darauf drängt, wird er von dem Jungen niedergeschlagen. Der herbeigerufene Sportlehrer verweist, statt zu strafen, auf die jüdische Herkunft des Jungen. Dieser erkennt die Konstruktion, die in ihm etwas „Besonderes“ ausmacht, was einer anderen Behandlung bedarf: „Mir fiel ein, was ich Sowade (dem Sportlehrer) zum Abschied hätte sagen können: Ich möchte nicht von der Schule verschwinden, ohne einen Irrtum aufzuklären, von dem ich erst heute erfahren habe: Ich bin entgegen Ihrer Vermutung nicht beschnitten. Ich hatte keine höheren Motive, dem Kerl eine runterzuhauen, nur niedere. Hoffentlich hat das Mißverständnis Sie nicht dazu bewogen, ein paar Sekunden zu früh auf die Stoppuhr zu drücken.“
Aber in der Auseinandersetzung mit seinem Vater ist der Sohn keinesfalls zufriedengestellt. Immer wieder versucht er, ihm eine Erklärung für die Entführung des Aufsehers abzuringen: „‘Du kannst nicht im Ernst behaupten, sie (die DDR-Gerichte) hätten eine heimliche Sympathie für Aufseher. Sie würden den Mann verurteilen, und zwar nur wegen ihrer Überzeugung, daß so einer verurteilt werden muß.’ Vater sah mich höhnisch an und nickte, wie um mich aufzufordern, noch mehr solchen Unsinn daherzureden. Dann sagte er: ‘Ich will es dir noch einmal erklären: Sie können ihn deshalb nicht aus Überzeugung verurteilen, weil sie keine haben. Sie kennen nur Befehle. Viele bilden sich ein, daß die Befehle, die man ihnen gibt, ihrer eigenen Meinung entsprechen. Aber wer kann sich darauf verlassen? Befiehl ihnen Hundedreck zu essen, und wenn du stark genug bist, werden sie Hundedreck bald für eine Delikatesse halten.’“
Man konnte sich nicht darauf verlassen. Mit der Wiedervereinigung verschwand mit den „Befehlen“ auch die „Überzeugung“. Und die unangegriffene mentale Disposition der Ostdeutschen, die bis dato nur von oben im Zaum gehalten werden konnte, fand in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda ihre ersten pogromartigen Ausdrücke. Im Verlauf eines Schlüsseldialogs mit dem Vater warf der Sohn ihm vor, die Deutschen nicht leiden zu können, egal, wie diese sich verhielten. „‘Kunststück’“, antwortete der Vater. ulle
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last modified: 28.3.2007