home | aktuell | archiv | newsflyer | radio | kontakt
[39][<<][>>]

review-corner, 1.6k

Raul Hilberg:

»Die Vernichtung der europäischen Juden.«

Durchges. und erw. Aufl., Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 1990, DM 39,00.

, 0.0k

Als „Standardwerk über den Holocaust“ ist die umfangreiche Gesamtdarstellung des nordamerikanischen Historikers Raul Hilberg bekannt geworden. Neben dem allgemeinen Erschließen der größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte bietet die Chronologie aber auch Anhaltspunkte und Hintergründe zu den aktuellen Debatten um Daniel Jonah Goldhagen, der Verwicklung der Wehrmacht in den Vernichtungskrieg und der exemplarischen Vorgänge im brandenburgischen Gollwitz.

nazi-propaganda, 9.0k Raul Hilberg, der 1939 mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten emigrierte, ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Vermont/USA. Für das vorliegende Werk verwendete er in jahrelanger Arbeit tausende von zeitgenössischen Quellen, die ihm nach dem Zweiten Weltkrieg in amerikanischen Archiven und Bibliotheken zur Verfügung standen. Er gilt wohl zu Recht als bester Kenner der Quellen. Dabei hatte Hilberg schon bei der Veröffentlichung seiner Arbeiten in den USA und Großbritannien mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Aufgrund des Kalten Krieges stieß er mit seinen tabuisierten Ausführungen über den Holocaust und die deutschen Täter auf Skepsis, Ablehnung und Desinteresse. In Deutschland wurde er zunächst ignoriert, später wurden seine Werke zwar in der Fachpresse rezipiert, fanden aber erst seit den 80er Jahren die Beachtung einer breiteren Öffentlickeit. Das hier vorgestellte Werk wurde so in der BRD auch erstmals 1982 bei einem kleinen Verlag veröffentlicht. Inzwischen wird er hierzulande gern als der „große Chronist“ gelobt, der – und darin liegt wohl auch der Grund dafür – „die Verwicklung und Beteiligung der Führungseliten in Staatsverwaltung, Industrie und Wehrmacht bei der Judenvernichtung mit Kühle und Präzision nachweist.“

Aufgebaut sind die drei Bände nach der von Hilberg geprägten und allgemein übernommenen Formulierung der Judenvernichtung als „unteilbarer, monolithischer und in sich geschlossener Prozeß mit durchgängiger Struktur“, die er folgendermaßen charakterisiert: Zuerst wurde der Begriff „Jude“ definiert; daraufhin traten Enteignungsmaßnahmen in Kraft; es folgte die Konzentration in Ghettos; schließlich folgte aus dem Entschluß, die Juden zu vernichten, die Entsendung von mobilen Tötungseinheiten und die Deportationen in die Vernichtungslager. Chronologisch gibt er in umfangreichen Kapiteln die einzelnen, Schritt auf Schritt folgenden Operationen wieder: Von der Übernahme vorhandener judenfeindlicher Tendenzen aus dem Mittelalter, die, wenngleich theologisch motiviert, zusammen mit inzwischen antisemitischen Vorurteilen der überwiegenden Bevölkerung im Kaiserreich und der Weimarer Republik Grundlage für die Judenverfolgung bildeten und durch erste gesetzliche Reglementierungen nach der Machtübernahme der Nazis die Verfolgungen einleiteten. Großen Raum widmet er den das cover, 7.7k „Arisierungen“ jüdischen Eigentums, der einsetzenden Emigration und den groß angelegten Konzentrationen in den Ghettos Osteuropas. In Band II zeichnet Hilberg den zweiten Teil des Vernichtungsprozesses nach. Hier schildert er, ausgehend vom Entschluß der „Endlösung der Judenfrage“ das Wüten der mobilen Einsatzkommandos aus Polizei und SS in Zusammenarbeit mit der Wehrmacht in den eroberten Gebieten sowie die einsetzenden umfangreichen Deportationen in die Vernichtungszentren: in die Katastrophe von Auschwitz, Belzec, Kulmhof, Lublin, Sobibor und Treblinka. Band III schließlich ist überzeichnet mit „Schlußfolgerungen“: Es folgen Betrachtungen über die Täter, Opfer, Widerstände, Prozesse und Wiedergutmachung.

Die Ausführungen bieten, abgesehen von der Aufzeichnung der Organisation des Vernichtungsprozesses durch Bürokratie, Wehrmacht, Parteidienststellen und Industrie, auch zahlreiche interessante Fakten und Aufklärung über verfälschte Darstellungen. So erhält man Aufschluß über die Situation in allen besetzten europäischen Staaten, namentlich den Satellitenstaaten „par exellance“ die Slowakei und Kroatien, die angebliche Unwissenheit der deutschen Bevölkerung und die Rolle der Wehrmacht im Vernichtungsprozeß: Hier wird klar, daß die z.T. zögerliche Haltung der Wehrmachtsführung gegenüber Judenpogromen und Erschießungen in den besetzten Gebiete nicht etwa einer vielbeschworenen generellen Ablehnung als vielmehr dem „Ansehen der Truppe“ und dem Pogrom an sich als „Alptraum aller militärischen Verwaltungsexperten“ geschuldet war.(1)

Hilberg vermittelt mit seiner Gesamtdarstellung eine komplexe Abfolge der Vorgänge. Er gibt aber, trotz seiner Ansätze zur Erklärung des Tätertypus, durch die Fixierung auf die deutschen „Behörden und deren verantwortliches Personal“ keine gesellschaftstheoretische Analyse des Holocaust und stellt nicht die Frage nach dem „Warum?“, wie das z.B. Ausgangspunkt des Buches „Hitlers willige Vollstrecker“ von Daniel Goldhagen ist. Gleichsam blendet er die Teilnahme und Beurteilung der deutschen Bevölkerung an der Shoa aus. Aber, und darin liegt der Verdienst Hilbergs, die dargestellten und in ihrer Beispielhaftigkeit erdrückenden Fakten bieten bei aufmerksamer Auseinandersetzung wenig Spielraum zu einer relativierenden Einschätzung des Holocaust. Philipp

Anmerkung:
(1) Mit der Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg werden sich einige der nächsten Rezensionen ausführlicher beschäftigen.


home | aktuell | archiv | newsflyer | radio | kontakt |
[39][<<][>>][top]

last modified: 28.3.2007