home | aktuell | archiv | newsflyer | radio | kontakt
[144][<<][>>]

das Erste, 0.9k

Tiefer kann man nicht sinken

Der 1. Mai in Leipzig – Ein kurzer Rundgang durchs Panoptikum der Linken

      Die einst bitter feindlichen Polaritäten fallen im Krisensturz zusammen, und zwar auf allen Ebenen. (Robert Kurz in „Krisis“ 26)
Macht ihnen Adorno keine Freude mehr? Haben sie genug von Flaschenpostzeitkernversöhnung? Wie auch immer – die in den Untergrund (= Universität) gegangenen Antideutschen üben sich aus Mangel an prestigeträchtigen Beschäftigungsmöglichkeiten (Stichwort: Friedenszeiten) in Kommunikationsguerilla. Mit dem bewährten Mittel der charakterisierenden Übertreibung haben sie den 1. Mai in Leipzig gekapert, um vorzuführen, was sie für das antikapitalistische Übel halten. Doch ich bin nicht auf ihren Trick hereingefallen, diesmal haben sie den Bogen überspannt. Dabei ist die ganze Sache raffiniert arrangiert:
Es gibt zwei Blöcke. Vorn laufen die als ein wenig tumb dargestellten Gewerkschafter und hinten fein gestaltete Karikaturen der ganz, ganz Radikalen, derjenigen, die begriffen haben, dass das Schweinesystem nicht reformierbar ist, ein disparater Haufen Schwarzjackenträger, der es irgendwie gut meint, aber wie immer schlecht macht. Hier im Anti-G8-Block nistet die Finsternis, hier sind alle zusammen gekommen, die radikal dummtun gut finden, alle, die sich bisher zwar nie so richtig grün waren, nun aber, aus Mangel an alternativen Gelegenheiten (Krieg, Gender-Debatte, Nazis o.ä.) eine erlesen-ekelhafte Suppe aus altlinker Bewegungsfolklore, dem üblichen fantasievollen Trommelwiderstand, autonomem Verbalradikalismus und Vorschlägen zu Steuergesetzgebung und Wirtschaftsförderung zusammenrühren.

Gartenzwerg-Protest, 55.6k

Dem "Skandalurteil" einer Hamburger Richterin, zwei Gartenzwerge "wegen Unzumutbarkeit" von ihren angestammten Plätzen zu vertreiben, folgten landesweite Demonstrationen

Gartenzwerg-Protest, 46.7k

Etwa die Hälfte der vorderen Demonstranten hat ihr Arbeitsleben noch in der DDR zum Abschluss gebracht, was sie nicht davon abhält „Wir sind die junge Garde des Proletariats“ und anderen Revolutionstrash zu schmettern. Ein paar wenige Vernünftige sind wegen diverser Mindestlohnforderungen oder aus Traditionsgründen gekommen. Die nicht ganz so arbeitsfreudigen Revoluzzer von hinten – die aber mit den Arbeitsverrückten der MLPD wunderbar zusammen demonstrieren können, schließlich muss man „die gesellschaftliche Marginalisierung aufbrechen“ – bekommen von den berechtigten Anliegen der Reformer allerdings wenig mit. So demonstriert man quasi nebeneinander her, findet sich eigentlich panne, ist aber auf Nachfrage schwer überzeugt, dass ein so breites Bündnis nötig ist.
Hinge ich einer Zusammenbruchstheorie an, hätte ich hier prima Belegdokumente anfertigen können. Zum Beispiel dies: Vorn singen Rentner Hannes Waders oberwiderwärtige Interpretation der „Moorsoldaten“, hinten ballert Egotronics unsäglicher „Leitkultur“-Song aus den Boxen. Das gönne ich dieser Band – für eine „attac“-dominierte Anti-Bush/Merkel-Demo mit zwei „Pace“-Fahnen den Soundtrack liefern zu müssen. Im Vergleich zu diesen Krisenlinken, denen Logik immer schon Herrschaftswissen und Konsequenz eine schier unerfüllbare Zumutung war – auf dieser Demo wurde bekanntlich gegen Arbeit und für Arbeit, gegen staatliche Zwänge und für höhere Steuern demonstriert und an ihrem Ende spricht ein Staatsminister (!) zu den linksradikalen Gipfelstürmern, also genau einer von „denen“ – ist selbstverständlich jede Anti-Hartz IV-Demo für ihren emanzipatorischen Gehalt zu loben. Auf der nämlich geht es um Kohle und Arbeitsplätze, während es am 1. Mai vor lauter Pluralismus wieder mal um gar nichts ging.

Eine Gemeinsamkeit aber gibt es doch – den Neid der Zu-Kurz-Gekommenen, denn gleichgültig, ob Stalino oder Anarcho oder sonst was, hier wissen alle: Die Mächtigen in Heiligendamm werden es sich so richtig wohl sein lassen hinter Stacheldrahtzaun und Polizeischutz. So ein Mächtiger ist bekanntlich verdammt genusssüchtig und wenn dann noch so ausgewiesene Partyhengste und Stimmungskanonen wie der Anti-Alkoholiker George Bush und die Pfarrerstochter Angela Merkel anreisen, wird eine Orgie wohl kaum noch abzuwenden sein. Überhaupt lässt sich ja kaum etwas Schöneres denken, als der Besuch einer Konferenzrunde alternder Staatschefs, die permanent von subalternen Diplomaten umgeben sind. Da tobt das Wohlleben, da luxuriert man umeinander, da könnte man noch Monate so weitermachen und mit der Welt spielen (wie eine „attac“-Gruppe, die sich offensichtlich für nichts zu schade ist, fünf Tage später auf dem Connewitzer Straßenfest in einer Performance vorführt) hätte man den Armen dieser Welt nur genügend Steuergelder ausgepresst. Nichts als Projektion steckt hinter dem linksradikalen Treiben. Statt die Erbärmlichkeit, das ahnungslose Herumstolpern und Herumprobieren der vom Volk gewählten (also gewollten!) Politiker herauszustreichen, unterstellt man ihnen fiese Absichten und Luxuskonsum auf Volkes Kosten. (Auf den schwer kreativen Performances und den einschlägigen Transparenten tauchen immer wieder Sektgläser auf, so als ginge es in Heiligendamm und nicht in den Szenehöhlen unserer Alternativwürstchen ums hemmungslose Besaufen.) Wer das Heiligendamm-Treffen für Luxus und Verschwendung hält, offenbart nichts, aber auch nichts anderes, als das Bedürfnis, selber so umworben und geschützt zu werden wie die verhassten „Damen und Herren Politiker“, denen mit vor Empörung zitternder Stimme und erst am Ende eines ermüdend langen Redebeitrages gesagt wird, dass „wir ihnen nichts zu sagen haben“ (Auftaktkundgebung). Diese geschwätzige Sprachlosigkeit, die ganze großpolitische Anmaßung scheint das Markenzeichen der Anti-G8-Bewegung zu sein – in den FAQ von www.block-g8.org findet sie sich wieder: „Wir stellen keine Forderungen an die G8, sondern sagen ganz klar ‚Nein`. Als Ausdruck dieses ‚Neins` werden wir nicht nur demonstrieren. Wir werden uns aktiv den G8 in den Weg stellen und die Zufahrten zum Tagungsort blockieren, die der Tross von DiplomatInnen, ÜbersetzerInnen und Versorgungsfahrzeugen passieren muss, um nach Heiligendamm zu gelangen“. Wie gerne wären sie alle hinter den Absperrungen, wie gern würden sie selber Diäten zocken wollen, selber wichtig sein, selber im als idyllisch vorgestellten Heiligendamm sitzen, unsere Damen und Herren „Attac“-Funktionäre und Links-Studenten.

Sie alle sind eingesponnen in ihren je ganz eigenen Kokon des Wahnsinns – die MLPD-Liesel baut, während sie noch den richtigen Blockeinlauf auf den Augustusplatz überwacht, im Geiste wohl längst Gulags für die, mit denen sie jetzt noch zu demonstrieren gezwungen ist, die Stalinisten um die Zeitschrift „Rotfuchs“ machen das, was sie am besten können, nämlich die DDR hochleben zu lassen und den Zeiten hinterherzutrauern, in denen sie die Stasiknäste mit unbotmäßigen Fragestellern füllen konnten – nur der links-studentische Gutmensch, der seine Arbeitsabneigung immer noch nicht ganz niedergekämpft hat, hofft darauf, dass man sich nach der Revolution schon irgendwie wird einigen können. Das debile, fantasievollkreative Grinsen wird ihm hoffentlich bald vergehen; vielleicht lernt er ja sogar, dass mit mausgrauer Ernsthaftigkeit und klarem Sprechen den Menschen mehr gedient ist, als mit peinlichen Theaterspielchen und 15 minütiger Ankündigung des Verstummens.
Denn eigentlich, ja eigentlich wissen es viele von ihnen besser – sie wollen aber, wenn es, wie immer, „um alles“ geht, nichts davon hören lassen. Da steht man eben gemeinsam in einer Demo rum und freut sich, „dass jemand überhaupt was macht“ – und sei es noch so blöd. Und auch die o.g. elenden DKPler und die brutalo-M/Ler vom „Rotfuchs“, mit deren Publikationsorganen sich der Verfassungsschutz leider viel zu wenig beschäftigt und denen jeder vernünftige Mensch ein Wiederbetätigungsverbot an den Hals wünscht, reihen sich dann ein in den fantasievollbuntkreativen Widerstand; friedlich stehen sie neben Naturschützern und Gewerkschaften und während Staatsminister Jurk von der Rednertribüne hinweg einem aufmüpfigen Proleten das Wort verbietet, bleibt ihr einziges Problem die „Konterrevolution“ gegen die DDR.

In einem Redebeitrag auf der Abschlusskundgebung bemüht man sich dann doch, Sachforderungen zu stellen und gegen so manche der angeführten Punkte ist sachlich nichts einzuwenden: Selbstverständlich ist eine fette Vermögenssteuer eine gute Sache und eine Devisentransaktionssteuer (im mindestens europäischen Rahmen) durchaus einen Versuch wert; natürlich ist Widerstand gegen die Privatisierung städtischer Infrastruktur nötig, wobei auch Ross und Reiter, die neoliberalen Ideologen im Rathaus und die privaten Profiteure genannt werden müssen. Das allerdings unterbleibt – aus Mangel an Detailarbeit oder wegen der Überbeanspruchung der martialischen Anti-G8-Rhetorik? (Wie es besser geht, zeigt die Kundgebung vorm Rathaus zum Stadtwerkeverkauf im November vergangenen Jahres – da gab es eine klare, laute Ansage mit eindeutigen Redebeiträgen, getragen von einem breiten, aber – weil sachorientierten – gut erträglichen Bündnis.) Keine Frage: Jemand, der für sich selbst möglichst viel herausholen möchte, soll durchaus versuchen, sich an die Gewerkschaftsforderung nach Stärkung des Binnenmarktes zu hängen und gegen Lohndumping eintreten. Wenn schon die kommunistische Bedrohung gerade nicht wiederbelebt werden kann, warum es nicht mit Linkskeynesianismus versuchen? Das alles ist überhaupt nicht ehrenrührig. Doch unseren Demonstranten geht es einen Dreck um dieses Klein-Klein. Ihr Ding ist die große Politik, die Angelegenheit „Stadtwerke Leipzig“ ist ihnen nur Mittel zum dummen Zweck „Anti G8“.

Gibt es Ausnahmen? Durchaus. Da wären:
  • die sympathische PDS-Omi, die das mit dem Mindestlohn richtig findet, weil die Leute ja immer weniger Geld haben und Geld zwar nicht alles sei, man es aber nun einmal brauche, nicht wahr?!,
  • die Gewerkschaftsjugend, die wenigstens nichts Dummes ruft, eine „Verdi“-Fahne trägt, mehr Geld fordert und im Übrigen sich aufs grimmig Gucken beschränkt,
  • die auf alle Fälle hübsch anzusehenden, wuchtigen, breit grinsenden Gesellen mit Mainelke im Knopfloch,
  • ein paar dickliche Punker, die sich glücklicherweise auf ihre Tradition besonnen haben, also keine dummen Politparolen rufen, sondern ihre Sternis vertilgen, Polizisten zuquatschen und mit den Hunden schimpfen, wie es sich für Punker gehört. (Danke noch mal!),
  • und nicht zu vergessen die iranischen KommunistInnen mit Schildern gegen den westlichen Militarismus, gegen den politischen Islam, gegen eine islamische Republik, gegen Krieg und gegen islamistischen Terrorismus. Sie sind vermutlich die einzigen der ganzen Demonstration, die wissen, wovon sie überhaupt reden.
Hinter den iranischen ArbeiterInnen sammelt sich allerdings kaum jemand.
Die deutsche Linke ist ausreichend damit beschäftigt, gegen die Zerstörung der „Sitten und Bräuche“ (O-Ton „attac“ bei der Auftaktkundgebung am Connewitzer Kreuz) durch die globalen Konzerne zu wettern. Ich möchte den Tag noch erleben, an dem unter sanftem oder stärkerem Druck den aufgeregten Subkulturfatzken aus dem linken Ghetto und auch dem ahnungslosen „attac“-Hanswurst von übergeschnappten Volksbefreiern irgendwelche autochthonen Bräuche beigebogen werden. Es wird der Tag sein, an dem sie, um mitmachen zu können bei der Befreiung, in eine peinliche Volkstracht gehüllt, mit ihren neuen Brüdern und Schwestern im Kreise tanzen, dabei ihre CD-Sammlung zertrampeln und die letzten Alkoholvorräte wegschütten müssen. Vielleicht gestattet aus diesem Anlass das „Autonome Volksbefreiungskomitee“ der Band „Egotronic“ einen letzten Auftritt.

Holger

home | aktuell | archiv | newsflyer | radio | kontakt |
[144][<<][>>][top]

last modified: 26.5.2007