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Gewalt, nein!

Zwischen Polizeiwache und Proberaum – Mit Musik im Ohr zur Arbeit

Streifendienst, Tag für Tag, das war ihnen zu wenig. Die Konfrontation mit jugendlicher Gewalt dagegen wurde ihnen zu viel. Aus dieser Situation heraus gründeten junge, engagierte Frauen und Männer aus dem Polizeidienst eine einzigartige Band, die nun schon seit einigen Jahren für Überraschung und überraschenderweise auch für Begeisterung auf den Bühnen sorgt. P.I.4 – so nennt sich das musikalische Projekt der Polizei-Band, 21.4k Sicherheit. Mit geradlinigem Hip-Hop, der „the kids from the streets“ anspricht und gefühlvoll aufrüttelt, wollen sie gegen Gewalt ankämpfen und haben mit ihrer Idee sogar schon in anderen Städten, die im Wettbewerb um den sozialsten Brennpunkt immer öfter die vorderen Plätze belegen, Nachahmer gefunden.

In Berlin soll Gerüchten zur Folge schon seit ca. 7,25 Monaten verdeckt eine weitere Polizei-Street-Combo für Aufklärung und Präventionsarbeit unter den Jugendlichen sorgen. Unter dem Namen „The real S.E.K.“ versucht man hier – anders als bei P.I.4. in Köln – mit etwas lauteren Tönen, nämlich Hardcore- oder Punk-Musik, die Verbindung zu den zukünftigen Straftätern herzustellen. Doch das Argument „ … eh, wir hören doch die gleiche Musik, Alter!“ war den musikalisch bemühten Akteuren im Staatsdienst aber dann doch zu wenig.

„In Berlin müssen wir andere Möglichkeiten ausprobieren, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen.“ So sind die inoffiziellen Punk-Beamten schon auch mal mit dabei, wenn der bunte Mob beim Schnorren friedliche Passanten belästigt oder vorbeilaufenden Biergartenbesuchern ins Bier zu spucken versucht. Und zimperlich sind sie wirklich nicht, die Jugendbeauftragten mit dem Hang zu schnöden Melodien und dem rauen Geschrei, was dem normalen Umgangston allerdings hier schon sehr nahe kommt. „Hier kann es Dir schon mal passieren, dass Du am Abend einem lieben Kollegen derbe aufs Maul hauen musst, obwohl der am nächsten Morgen Deine Schicht übernehmen muss. Aber wenn wir so den Kontakt zum Mob herstellen können …“

Nach der Arbeit proben die Mitglieder von „The real S.E.K.“ ihre Anti-Gewalt-Songs. Nach einem Acht-Stunden-Tag ist das hart, doch die Beamten wissen, worauf sie sich eingelassen haben. „Unsere Chance sind die kleinen Punk-Konzerte, auf denen wir manchmal auftreten können.“ Schnelle Beats und eingängige Soundtracks schaffen die Verbindung zu den kriminellen Vereinigungen der bunthaarigen Szene. Und wenn es gut läuft, spielen sie auch schon mal bestimmte Cover-Songs, die die Jugendlichen kennen und mögen. Joachim, der Frontmann der Band, erzählt: „Einmal, da coverten wir ganz spontan ein Lied von der Band ‚Slime'. Bei ‚Wir wollen keine Bullenschweine', da sind die Kids total mitgegangen. Wir hatten die voll auf unserer Seite.“ Und die Reaktion danach? „Meist reagieren die Leute dann sehr überrascht, wenn wir in den engen, dunklen Szene-Clubs unsere Info-Broschüren und Sicherheits-Flyer auspacken und erklären, dass wir selber von der Polizei sind.“ Ab und zu kommt es auch zu interessanten Gesprächen, ein anderes Mal werden sie dann nicht mehr ernst genommen. Doch das kann die Band und ihre Arbeit nicht so schnell erschüttern. „Einmal“, so erzählt uns „Bulli“, so sein Bandspitzname, „hat mir so ein Punker sogar alle Flyer auf einmal aus der Hand gerissen, so interessiert war der. Und ob das alle wären…“. Mit solchen Erfolgserlebnissen versuchen sich die „Musizisten“ immer wieder selbst zu motivieren. Nicht viel, aber immerhin doch ein Anfang.

Ähnlich wie bei der Kölner Polizei-Hip-Hop-Band P.I.4. – zwei musikalische Außenseiter abseits der eigentlichen Polizeiarbeit. Zwei kesse Tanzformationen, die sich auch über die Wirkung ihrer Musik Gedanken machen und gleichfalls zum Denken anregen wollen. Gewalt ist allzu oft ein fast alltägliches Thema geworden. Und wer weiß, wie lange diese Beamten noch Zeit haben, dieser gefährlichen Spirale zu begegnen, ohne ein Teil von ihr zu werden.

Falk

Weitere Infos:

www1.polizei-nrw.de/koeln/Vorbeugung/
www3.youtube.com/watch?v=dB4DIQ19tyU

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last modified: 28.3.2007