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das Erste, 0.9k

Wenn Deutschland,
dann Dresden



Das alte Jahr war turbulent zu Ende gegangen. Leider kam die Aufhebung des Earth-Crisis-T-Shirt-Verbotes im Conne Island für mich zu spät. Schon vor Jahren hatte ich mein, für damalige Szeneverhältnisse recht schickes Shirt, in einem abgelegenen Kleidercontainer entsorgt, als ich in Kontakt mit den Texten des homophoben Abtreibungsgegners Karl Büchner gekommen war, der bei besagter Band das Mikro hielt. Nicht, dass ich die Abschaffung der Tierindustrie nicht für wichtig oder Fleisch gar für ein Nahrungsmittel halten würde, aber dass nicht jeder faschistoide Spinner Songtexte schreiben sollte, ist ja nicht erst seit Paul van Dyk und Peter Heppner klar.

Mit etwas anderen Texten hat sich die Redaktion der Zeitschrift Feierabend!, einem „libertär anarchistisches Monatsheft“ aus Leipzig, nach jahrelanger Hinhaltetaktik nun doch endlich der – zugegeben von mir nicht unbedingt uneingeschränkt geteilten – antideutschen Forderung nach dem Bruch mit der Linken gebeugt. Anfangs noch zögerlich, stellt sich die erwähnte Redaktion auch auf Nachfrage geschlossen hinter ein übel antizionistisches Pamphlet in der Ausgabe 14 ihres Blattes. In dem Artikel, welcher weit ausführlicher über die gruselige Gedankenwelt des Autors v.sc.d als über die angeblich
Kfz-Wagenpflege, JVA Bautzen, 23.0k
Kfz-Wagenpflege in der JVA Bautzen
bearbeitete Thematik Auskunft erteilt, geraten sogar die Leipziger WertkritikerInnen durch ihr Beharren auf der Solidarität mit Israel zu „Steigbügelhaltern der Antideutschen“ (alle weiteren Zitate aus besagtem Artikel). So schnell kann es eben gehen. Meiner Meinung nach muss die Gemeinde der „unterdrückten“ AntideutschenhasserInnen da viel mehr zusammenhalten, um die „sprachlose Ohnmacht“ zu durchbrechen, die durch die „rhetorische Gewalt“ der Antideutschen angerichtet würde. Und wer jetzt immer noch nicht kapiert haben will, warum es auf linken Demonstrationen in Deutschland ganz normal sein soll, dass die TeilnehmerInnen sich auch mal gewaltsam gegen allzu deutliche Artikulationen von Israelsolidarität wehren, dem hat sicher für seinen Antizionismus folgendes wohl noch gefehlt: Der Autor bemüht Adolf Eichmann, der von den Deutschen als Hauptorganisator der Deportation von Millionen von Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager eingesetzt worden war, ganz unbefangen als Kronzeugen für die angebliche Schlechtigkeit des zionistischen Projektes und die Mitschuld der Juden an der Shoah und zitiert den Obernazi zustimmend: „Dieser Dr. Kastner [der wichtigste Vertreter der zionistischen Hilfsorganisation Waad(1), Anm. M.F.] war ein junger Mann, etwa in meinem Alter, ein eiskalter Anwalt und ein fanatischer Zionist. Er war einverstanden, dabei zu helfen, die Juden davon abzuhalten, Widerstand gegen die Deportation zu leisten – und auch die Ordnung in den Sammellagern aufrechtzuerhalten – wenn ich meine Augen schließen würde und wenige hundert oder wenige tausend junge Juden illegal nach Palästina emigrieren lassen würde. ... Wir verhandelten als völlig Gleichgestellte. ... Ich glaube, daß Kastner tausend oder hunderttausend seines Blutes geopfert haben würde, um sein politisches Ziel zu erreichen. Er war nicht an alten Juden interessiert oder an in die ungarische Gesellschaft assimilierten. Doch er war unglaublich beharrlich bei dem Versuch, biologisch wertvolles jüdisches Blut zu retten – also Menschenmaterial, daß zur Reproduktion und harten Arbeit fähig war. ‘Sie können die andren haben’ würde er sagen, ‘doch lassen sie mich diese Gruppe hier haben.’ Und weil uns Kastner einen großen Dienst leistete, in dem er half, die Deportationslager friedlich zu halten, habe ich seine Gruppe entkommen lassen.“ Ohne diesen Nazimüll weiter kommentieren zu wollen, wünsche ich der Redaktion des Feierabend!, die nach eigenen Angaben im Gleichklang mit der Libelle „voll vor und hinter unserem Autor v.sc.d“ steht, viel Erfolg beim Durchforsten der zahlreichen Zitate des anderen Adolf, die sicher auch noch den einen oder anderen Beleg für die „zionistische Gefahr“ zu Tage befördern werden.
AntisemitInnen ganz anderer Couleur haben im neuen Jahr einen vollen Terminkalender.
Zum ersten von mehreren, in diesem Jahr stattfindenden Jubiläen, findet sich am 13.Februar in Dresden der pluralistische Trauermob zusammen, um der Opfer der „angloamerikanischen Luftterroristen“ zu gedenken. Dass zu diesem Anlass jährlich einer der größten Naziaufmärsche stattfindet, ist dabei nicht verwunderlich. Gleicht sich doch bei aller Differenz – die zwischen den marschierenden NationalsozialistInnen, den trauernden BürgerInnen und dem besorgt-liberalen Dresdener Friedenskreis – die Perspektive auf die Geschichte. Im Zentrum der Erinnerung steht niemals die Shoah oder die deutsche Barbarei im Allgemeinen, die der Bombardierung bekanntlich vorausging. Im Blick ist stets nur das so genannte deutsche Opfer – Auschwitz dagegen höchstens eine Randnotiz. Trotz aller sozialdemokratischen Schuldannahme, aus der selbstverständlich ausgleichend immer eine größere Kompetenz und Verantwortung für Deutschland folgen müsse, ist es Deutschen nach wie vor unmöglich, an Dresden als das zu erinnern, was die Bombardierung für GegnerInnen des Nazireiches war: Ein Symbol für die sich abzeichnende Niederlage Deutschlands und ein Hoffnungsschimmer für die wenigen Überlebenden und ihrer Befreiung harrenden Jüdinnen, Juden und alle anderen, die der Vernichtung durch die Deutschen bislang entgangen waren.
Wem an diesem Tag in Dresden gedacht werden sollte, das sind die alliierten Bomberpiloten, die ihr Leben gaben, um die deutsche Vernichtungsmaschine aufzuhalten, und den Kriegsgefangenen, die nicht in die deutschen Luftschutzkeller durften. Angesichts der Millionen von Opfern, für welche die alliierten Bomben zu spät kamen, bleibt jede Träne für das Leiden der Täter eine ungeheuerliche Verhöhnung der wirklichen Opfer.
Die perfide Enteignung der Erinnerung der Opfer nimmt dabei immer unerträglichere Ausmaße an. Die Projektion shoah-spezifischer Kategorien auf die Deutschen lässt beispielsweise in Jörg Friedrichs „Der Brand“ Luftschutzräume zu Krematorien und die Opfer der Luftangriffe zu Ausgerotteten werden. Dem deutschen Erinnerungs- und Trauerkollektiv(2), dass in Dresden auch am 13.Februar eben nur zu einem wenig bedeutenden Teil aus marschierenden Nazis besteht, sich entgegenzustellen, sollte für AntifaschistInnen eine Selbstverständlichkeit sein. Die Vorbereitungen für ein ereignisreiches Wochenende laufen bereits(3) und insgeheim wage ich zu hoffen, im Februar in Dresden auch Earth-Crisis-T-Shirt tragende Hardcorekids und vielleicht sogar libertäre AnarchistInnen zu treffen.

Marcel Frost

Fußnoten

(1) Wer mehr über Rezo Kasztner oder die Organisation Waad erfahren möchte, dem sei der auch sonst sehr aufschlussreiche Text von Falko im Incipito Nummer 15, „Nichts ist unmöglich – Feierabend!“ wärmstens empfohlen.
(2) Ausführlichere Erläuterungen zu aktueller deutscher Erinnerungspolitik und eine gute Textsammlung bietet die Ausgabe 9 der Phase 2 „German Gedächtnis – Die Europäisierung der deutschen Geschichte“ (http://www.phase-zwei.org/).
(3) www.frauenkirche-abreissen.tk


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last modified: 28.3.2007