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In der letzten Ausgabe des CEE IEH kündigten wir bereits an, daß diesen Monat, nach längerer Abstinenz, wieder einmal eine Theateraufführung über die Bühne gehen wird. Vom Dienstag, dem 27. 10. bis Donnerstag, dem 29.10. wird das Stück „Vom baldigen Ende Alwins nach seiner Beförderung“ nach Texten von Georg Boese aufgeführt.

Über das Conne Island als Spielstätte, das Stück, Gott und die Welt sprach Ralf mit der Dramaturgin Melanie Rühle und dem Regisseur Alexander Firyn.

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Diktatorisches und seltsame Sachen.

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CEE IEH: Ihr kommt beide von der „Studiobühne“. Was muß man sich darunter vorstellen?

Rühle: Die „Studiobühne“ gehört im Prinizp zum „Institut für Theaterwissenschaften“, ist aber im Endeffekt ein separater Verein.

Firyn: 1996 haben wir den Verein gegründet. Ich bin 1995 aus der Umgebung von Hamburg nach Leipzig gekommen und wollte hier Theater machen, aber das ging einfach nicht, weil es in der Stadt fünf bis sechs Vereine gibt, die angeblich Theater machen, aber eigentlich nur szenische Lesungen veranstalten oder ein Theater machen, das ein Amteurniveau hat, dieses aber einem als professionell verkaufen wollen. Das ganze ist noch gepaart mit einer seltsamen Cliquenwirtschaft.
In Anbetracht dieser Situation haben wir dann parallel zu unserer ersten Produktion, die wir damals als Koproduktion mit dem „Poetischen Theater“ gemacht haben, die „Studiobühne“ gegründet.

CEE IEH: Welche Ambitionen verbinden sich mit der „Studiobühne“? Ist der Verein als Konkurrenz zu dem lobbyistischen Kultur- und Kunstklüngel zu begreifen, den es ja eigentlich in jeder größeren Stadt gibt?

Firyn: Ich würde das gar nicht als Konkurrenz sehen. Vielmehr machen es beide Seiten ganz verschieden. Das muß man so verstehen: Viele der Leipziger Theatervereine bestehen eigenllich nur aus zwei bis drei Leuten, die schon alle relativ alt sind, und versuchen, damit Geld zu verdienen. Deshalb

„Vom baldigen Ende Alwins nach seiner Beförderung“

(tue..thu 27..29-10, 8pm)

Zwischenergebnisse jahrelanger Zerstückelungs- und Erweiterungsarbeiten an Texten von Georg Boese hat Boese selbst in Leipzig immer wieder in szenischen Lesungen und lesischen Szenungen vorgestellt und dabei im Laufe der Zeit die gesamte Leipziger Off-Theaterszene zitiert. Als Reaktion zitiert das Theater jetzt Boeses Texte über Menschen, Künstler und Faschisten. Unter Zuhilfenahme von Musik.

richten sie sich in der Regel eher lukrativ aus, tun professionell und drucken sich etwas teurere Plakate, die noch das Schauspielhaus-Farbniveau übertreffen. Ich glaube, es geht ihnen nicht so sehr ums Theater. Bei uns dagegen ist die Anzahl von Theaterwissenschaftlern so hoch, daß es wirklich möglich ist, über Dramaturgien zu diskutieren, über Theater, über Ästhetik. Das ist dann etwas anderes, wenn man inszeniert, um Gedanken über Dramturgie umzusetzen, zu schauen, ob ein dramaturgisches Prinzip aufgeht.

CEE IEH: Also ist die „Studiobühne“ eher ein Akademikerklub?

Firyn: (lacht) Nein. Es ist ein „Klub“, wo wir gegenseitig voneinander verlangen, daß man auch erklären kann, was man da macht. Das ist quasi ein Prinzip bei uns: Alles was du machst, erkläre auch, wieso du es tust. Das heißt aber nicht, daß es am Ende nicht unterhaltsam sein soll. Es geht also darum, eine Strategie zu entwickeln, wie es am Ende unterhaltsam ist – zwingend.

CEE IEH: Letzteres ist ja dann doch eher eine praktische Klammer. Was aber ist die theoretische? Wird alles in erster Linie unter experimentellem Theater gefaßt, ist es etwas, was man gemeinhin im 68er Sinne als Off-Theater begreifen sollte? Was ist eurer Meinung nach am treffendsten?

Rühle: Ich finde, es ist eher gemischt, und es kommt auf die Leute an, die ‘was inszenieren, welche Vorstellung diejenigen von Theater haben.

Firyn: Ich würde es nicht als Off-Theater bezeichnen und auch nicht mit den 68ern in Verbindung bringen. Viel eher mit den Theaterleuten um 1910. Das ist ja die Zeit in unserem Jahrhundert, wo die großen Theatertheorien entwickelt wurden. Was zumindest ich versuche und langsam auch in der „Studiobühne“ sich durchsetzt, ist, die Konzepte vom Beginn des Jahrhunderts wieder aufzugreifen.

CEE IEH: Spricht nicht aber die Zeit, in der wir heute leben, dagegen, diese Konzepte wieder aufleben zu lassen? Über die Jahrzehnte ist jeder Ansatz in die bürgerliche Kunst eingeflossen. Wo ist denn da noch die Reibung?

Rühle: Es geht ja eher weniger darum, wirklich neues mit der „Studiobühne“ zu produzieren, sondern eher darum, sich selber mit den Traditionen auseinanderzusetzen, durch praktische Arbeit hinter die Konzepte zu steigen.

CEE IEH: Geht es bei der Umsetzung, der Inszenierung, nicht doch eher um kollektives Arbeiten?

Firyn: (leicht aufgebracht) Nein, nein! Das würde ich ganz weit von mir weisen. Ich mache „diktatorisches“ Regietheater.
Ich versuche, ein Konstrukt zu entwickeln, daß für mich wahr ist, so daß ich für mich sagen kann, so muß man Theater machen, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Somit gibt es auch bestimmte Regeln.

CEE IEH: Die da wären?

Firyn: Alles, was auf der Bühne passiert, muß einen Sinn haben. Das ist eine Spielregel, eine Vereinbarung, die ich im Stillen mit dem Publikum treffe. Alles, was passiert, ist auch so gewollt. Das heißt, wenn etwas von dem, was da passiert, nicht verstanden wird, es sich nicht in das Ganze, was als verstanden angenommen wird, einfügt, dann wurde das Ganze nicht verstanden. Es gibt keine Zufälle.

CEE IEH: Du gibst also schon eine gewisse Interpretationsebene vor. Ich glaube aber, daß dies grundsätzlich mit den verschiedenen Rezeptionsebenen kollidiert. Ist es nicht eine Illusion zu meinen, man könne viel vorgeben?

Firyn: Ja, das kann sein, es kann passieren. Deshalb sage ich, daß wir nicht behaupten.

CEE IEH: Umreißt doch bitte mal kurz, was passiert eigentlich bei dem Stück „Vom baldigen Ende Alwins nach seiner Beförderung“, das im Conne Island zur Aufführung kommt?

Firyn: Das möchte ich gar nicht erzählen, weil es darum nicht in erster Linie geht. Natürlich kann ich den Plot kurz umreißen, aber der Plot ist ja nur so etwas wie der Trägerstoff. Das mußt du so verstehen, als würde ich als Laborassistent nur über den Objektträger reden, aber nicht über das Objekt. Der Plot ist also das Alibi und darin ist etwas eingewebt.

CEE IEH: Ihr habt euch ja sicher genau überlegt, warum ihr das Stück im Conne Island aufführen wollt und wißt ja auch, daß der Laden gewisse Klischees von einem autonomen Kultur- und Jugendzentrum erfüllt – inklusive einer gewissen Theaterphobie, die an dieser Stelle doch verteidigt werden soll. Grundsätzlich, so meine ich, sollte die Theaterszene für jemanden, der Realitäten wahrnimmt, suspekt erscheinen. Zumal die Grenze zwischen sogenannter Hoch- und Basiskultur sehr fließend ist und letztere eigentlich nur als Sprungbrett ins Establishment begriffen wird. Das ist natürlich Grund genug, gegenüber der Aufführung skeptisch zu sein. Wie seht ihr das?

Firyn: Inzwischen bin ich ziemlich froh, daß wir es hier machen. Ich hoffe ja auf Conne Island-Stammpublikum. Es kommen hier wahrscheinlich eher Leute, die nicht so genau wissen, was da passiert und eher Angst davor haben, daß es so ein Literaturquark wird und sich dann aber daran erfreuen können, wenn seltsame Sachen passieren.


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last modified: 28.3.2007