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Die Eigenlogik des Geldes

Buchcover, 3.4k

Hanno Pahl: Das Geld in der modernen Wirtschaft. Marx und Luhmann im Vergleich, Campus Verlag 2008, 358 Seiten

Marx und Luhmann im Vergleich

Innerhalb der letzten Jahre hat die Diskussion über die Globalisierung und den wachsenden Einfluss der internationalen Finanzmärkte nicht nur im öffentlichen Diskurs Hochkonjunktur erfahren. Die hierbei entstandenen Kontroversen haben aber vor allem offen gelegt, welche inhaltlichen und theoretischen Defizite vorhanden sind, besonders wenn es um die Rolle des Geldes in der globalisierten Wirtschaft und deren inneren Zusammenhängen geht.

Genau dieser Frage versucht Hanno Pahl nachzugehen, um zugleich die Geldvergessenheit innerhalb der so genannten Neoklassik und der Wirtschaftssoziologie zu durchbrechen. Hierfür strengt er nichts Geringeres an als ein Vergleich zwischen der Kritik der politischen Ökonomie von Marx und der Theorie sozialer Systeme von Luhmann. Beide stellen ihm zufolge, auch wenn dies unterschiedlich ausfällt, die begrifflichen Möglichkeiten zur Verfügung, um die Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft und die „Emergenz und Strukturgeprägtheit des monetären Nexus“ (11)(1) zu erklären. Zu analysieren ist in diesem Sinne „wie und mittels welcher begrifflichen Instrumentarien in beiden Theorien die Eigenlogik der modernen Ökonomie bestimmt wird.“ (17) Intendiert ist hiermit keineswegs eine Synthetisierung beider Theoriekonzepte, sondern eher eine „Irritation und Anregung“ (21) beider Theorielager für eine gegenseitige Fruchtbarmachung der sich „wechselseitig unterstützende(n) Theorieprogramme.“ (22)
Im ersten der insgesamt drei Kapitel versucht Hanno Pahl zunächst die grundbegrifflichen Ebenen anhand des Verhältnisses von Wirtschaft und Gesellschaft bei Luhmann und Marx zu vergleichen. Für Pahl setzt Luhmann bei den Ambivalenzen des Hegelschen Gesellschaftsbegriffs an, die aus einer differenzierungstheoretischen Perspektive kritisiert werden. Dies sei gleichermaßen auf die Hegelsche wie Marxsche Tradition eines Primats der Politik beziehungsweise der Ökonomie zu beziehen. „In beiden Fällen wurde die Theorie als eine Unterscheidung formuliert, wobei die (zunächst politische, dann wirtschaftliche) Gesellschaft als die eine Seite der Leitunterscheidung vorgesehen war. [Die] Einheit der Unterscheidung, also der Grund der Zusammengehörigkeit des Differenten, [wurde] nicht problematisiert, nicht als Gegenstand besonderer Beobachtung und Beschreibung markiert“ (Luhmann, 39 – kursiv wie im Original). Zugleich hält Luhmann aber an einem Begriff der gesellschaftlichen Einheit fest, welche als eine „Form ihrer primären Differenzierung zu bestimmen“ (40 – kursiv wie im Original) wäre. Die gesellschaftliche Einheit ist demzufolge ihre Differenzierungsform selbst.
Dieser Lesweise zufolge können Marx und Hegel zwar Differzierungsvorgänge beschreiben, verfallen aber einer Verabsolutierung eines Teils des Differenzierten. Dies führt Luhmann, der Marxschen Erkenntniskritik nicht unähnlich, auf die historischen Erkenntnisrestringierungen zurück, welche noch auf vormoderne Gesellschaften verweisen. Für Marx ist es, so Pahl, hingegen die bürgerliche Gesellschaft selbst, die die Verdopplung in Staat und bürgerliche Gesellschaft vollzieht. Hier könnte wiederum Luhmanns Kritik ansetzen, da wie bei Hegel ein doppelter Staatsbegriff, bei Marx ein doppelter Begriff der bürgerlichen Gesellschaft entsteht: „Die bürgerliche Gesellschaft wird sowohl als eine Seite der Differenz von politischen Staat und bürgerlicher Gesellschaft begriffen, als auch als Grund der Diremption selbst ins Feld geführt.“ (46) Aber Marx reflektiert gerade auf „die Einheit der Differenz von bürgerlicher Gesellschaft und politischen Staat (...). Die These des Primats der Ökonomie bezieht sich zunächst einmal nur auf diesen funktionalen Konstitutionszusammenhang: Dass die Struktur der materiellen Reproduktion aus sich heraus zur sozialen Differenzierung treibt.“ (ebd.) In diesem Sinne kann zwar von einem Dominanzverhälnis gesprochen werden, aber dies geschieht unter konstitutionstheoretischen Gesichtspunkten, weil darin auf die Einheit und Dynamik sozialer Differenzierung innerhalb der modernen Gesellschaft reflektiert wird. Da aber jegliche Formen sozialer Differenzierung bei Marx aus der Basaldifferenz von politischen Staat und bürgerlicher Gesellschaft erklärt werden, so der Autor des Buches, verfügt er nicht wie Luhmann mit seinem Kommunikationsbegriff über ein allgemeines Konzept für die Emergenz des Sozialen und kann demzufolge die Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft nur unzureichend erklären.
Im zweiten Kapitel des Buches wird die Ausdifferenzierung und Eigenlogik der modernen Ökonomie der beiden Theorien analysiert, um Konvergenzen und Divergenzen innerhalb der jeweiligen Position aufzuzeigen. Beginnend mit Marx wird versucht die Emergenz ökonomischer Kategorialität im Sinne einer „Konstitutionstheorie des Werts“ (71) nachzuzeichnen, welche an den Arbeiten von Helmut Reichelt ansetzt und in den Grundrissen seinen eigenen Referenzpunkt hat, da diese weder eine popularisierte Form der Darstellung sind noch arbeitswerttheoretische Implikationen besitzen. Marx‘ Analyse fängt in der Rohfassung mit der Analyse vorkapitalistischer Gemeinwesen an. Dabei kommt er zu der Einsicht, dass es zu einer „Konstitution einer ›verschwindenden Wertförmigkeit‹ im einfachen Produktentausch“ (79) kommt, welche in dem Akt der qualitativen Gleichsetzung den Handelnden unbewusst bleibt und zugleich eine Form der Einheit konstituiert. Dies soll aber weniger historisch verstanden werden, da dies nur randständig vorkam und nicht auf die materielle Reproduktion übergriff, sondern als ein theoretischer Zugriff oder kategorialer Nullpunkt.(2) Systemtheoretisch könnte man sagen: „Es liegt noch keine Zweitcodierung des Eigentums durch das Geld vor.“ (86) Die einfache Zirkulation ist innerhalb der kategorialen Entwicklung eine neue Stufe der Verselbstständigung des Werts, das heißt, es konstituiert sich ein selbständiges Dasein einer Geldform, welcher latent die Verkehrung des Geldes von einem Mittel zum Selbstzweck innewohnt. Als emergente Einheit geschieht dies als Einheit der ersten beiden Geldfunktionen in der dritten Funktion, als individualisierte Form des Reichtums. Damit ist aber keineswegs die „Aporetik im Systemcharakter der einfachen Zirkulation“ (95) aufgehoben, da die Dynamik und Selbsterneuerung noch nicht erklärt werden konnte, sondern es sich nur um sich gegenseitig ausgleichende Tauschakte handelt. Den systemischen Zusammenhang stellt Marx schließlich durch den Übergang von der einfachen Zirkulation zur Zirkulation des industriellen Kapitals her, als einer Art Marxschem Konzept ökonomischer Autopoiesis.
Luhmann versteht hingegen die Ausdifferenzierung der modernen Wirtschaft als eine „Entwicklung des Kommunikationsmediums Geld“ (Luhmann, 114), das aber nur im Kontext eines gesamtgesellschaftlichen Ausdifferenzierungsprozesses zu verstehen ist. Das Schlüsselkonzept hierfür stellt die Emergenz der Kommunikation beziehungsweise die emergente Eigenschaft der Sprache für Luhmann dar, die auch als ein „systemtheoretisches Äquivalent zur Verselbstständigungstheorie in den Marxschen Grundrissen“ (126) gelesen werden kann. Denn wie Marx in der verschwindenden Wertform, nimmt auch Luhmann einen konstruierten „Nullpunkt der Evolution“ (Luhmann, 124) an, der die Bedingung der Möglichkeit für die spezifisch moderne Ausdifferenzierung der modernen Ökonomie darstellt, welche erst durch symbolische generalisierte Kommunikationsmedien wie Geld qua Selbstreflexivität (Zahlung um der Zahlung willen) möglich ist. „Die Zweitcodierung der Wirtschaft durch das Geld, verstanden als Ergänzung und Überformung des Codes Haben/Nichthaben durch den Code Zahlen/Nichtzahlen, ist eine der Bedingungen der Ausdifferenzierung der Wirtschaft.“ (146) Ein Stellenwert, wie oben beschrieben, der in der Kritik der politischen Ökonomie der dritten Funktion des Geldes zukommt. „Die systemische Ausdifferenzierung der Ökonomie betreffend bringt Luhmann mit der Zweitcodierung des Eigentums durch das Geld sowie der monetären Duplikation von Knappheit zwei Aspekte zur Geltung, die als funktionale Äquivalente zum Marxschen Rekurs auf die ›sogenannte ursprüngliche Akkumulation‹ sowie auf die auf die ›reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital‹ angesehen werden können: Mit ihnen wird jene Differenz artikuliert, die zwischen dem possibilistischen Argument der Herausbildung wirtschaftsspezifischer Kontexturen und der tatsächlichen Realisierung wirtschaftlicher Ausdifferenzierung besteht.“ (137f.) Die Duplikation von Knappheit ist dabei aber keineswegs neoklassisch als Grenznutzen zu verstehen, sondern als die spezifisch neuzeitliche Setzung der Knappheit des Geldes neben der von Gütern, wodurch die kapitalistische Wirtschaft für Luhmann an die neuartigen Qualitäten des Geldes gebunden ist und demzufolge keine Neutralität des Geldes angenommen werden kann. So entstehe bei Luhmann wie bei Marx eine „ähnliche Diagnose. Der klassischen politischen Ökonomie wird zwar ein Erkenntnisfortschritt zugesprochen, insoweit sie auf das produktive Moment von Arbeit abgestellt habe. Zugleich wird kritisiert, dass sie es nicht zu Wege brachte, dieses Moment mit der Geldtheorie zu vermitteln.“ (155) In diesem Sinne zielt zwar die Theorie sozialer Systeme (Luhmann) auf die Operationslogik von G-W-G‘ (Marx) ab, kann aber das Moment der Größenausdehnung selbst nicht erklären. „Das Wirtschaftssystem, soviel sieht Luhmann selbst, kann sich von ›privaten‹ Motiven abkoppeln und funktionale Autonomie nur dann gewinnen, wenn es Zahlungen reflexiv organisiert, zur Wiederherstellung von Zahlungsfähigkeit einsetzt. Die bloße Wiederherstellung der Zahlungsfähigkeit kann jedoch kein Motiv dafür sein, Geld auszugeben. Böte die Wirtschaft keine andere Aussicht als nur den Rückfluss der geleisteten Leistungen, so würde dies offensichtlich zur Hortung des Geldes und somit zum Stillstand von Produktion und Austausch führen.“ (Deutschmann, 171)
Im dritten und letzten Kapitel versucht der Autor des Buches die Einheit und Differenz von
Wirtschaft und Finanzsphäre anhand der beiden Theorien zu diskutieren, ohne aber dabei einer referenzlosen Hyperrealität oder gar Geldvergessenheit das Wort reden zu wollen. Dabei „fungiert das Kreditsystem (...) sowohl bei Marx wie bei Luhmann recht eindeutig als Zentrum des ökonomischen Gesamtsystems.“ (188) Wieder mit Marx beginnend, werden vor allem zwei Leitmotive hinsichtlich des Kredits in den Grundrissen herausgearbeitet: Auf der einen Seite wird der Kredit als eine „direkt vom Kapital gesetzte Form der Zirkulation“ (Marx, 199) bestimmt und auf der anderen als eine „strukturelle Steuerungsinstanz der kapitalistischen Ökonomie.“ (Heinrich, 200) Zwar wird das Kreditsystem notwendig mit dem industriellen Kapital gesetzt, emergiert aber selbst zu einer Art Steuerungsinstanz. Besonders mit Blick auf den zweiten Band des Kapitals wird versucht aufzuzeigen, wie das Kapital aus sich selbst heraus kreditäre Vermittlungsformen setzt und dies die Möglichkeit für eine Erklärung der Finanzsphäre aus einem genuin systemischen Begründungszusammenhangs bietet. Hier ist der logische Ort der Schatzbildung im zweiten Band des „Kapital“ als einem „Funktionsmoment ökonomischer Autopoiesis“ (215) von besonderem Interesse, weil diese einen spezifischen Doppelcharakter aufweist: Einerseits als ein Moment des kapitalistischen Akkumulationsprozesses, da sie notwendig aus ihm resultiert, und zugleich unterschieden, weil sie nicht unmittelbar zu ihm beiträgt. Dieses Phänomen tritt uns ähnlich entgegen bei dem zinstragenden und fiktiven Kapital als „Kulminationspunkte der Kategorienentwicklung.“ (227) So verdoppelt sich das Kapital im Prozess des zinstragenden Kapitals (G-G-W-G‘-G‘) in ein geldverleihendes (G-G‘) und fungierendes (G-W-G‘) Kapital. Was sich am Schatz noch als zwei Momente einer Sache darstellte, erscheint hier jetzt als getrennt. Ähnlich auch beim fiktiven Kapital, wie es am Beispiel der Aktien diskutiert wird: „Aktien stellen wirkliches Kapital vor. Die Struktur des fiktiven Kapitals ergibt sich für Marx daraus, dass auch im Falle von Aktien ein Verdopplungseffekt eintritt, denn das Kapital scheint nun ›einmal als Kapitalwert der Eigentumstitel, der Aktien, und das andre Mal als das in jenen Unternehmen wirklich angelegte oder anzulegende Kapital‹ (Marx). Tatsächlich aber, so Marx, existiere das Kapital ›nur in der letzteren Form, und die Aktie ist nichts als ein Eigentumstitel, pro rata, auf den durch jenes zu realisierenden Mehrwert‹ (Marx).“ (241)
Zusammenfassend werden bei Marx besonders vier Steuerungsleistungen des Kredits hervorgehoben: Ausgleichung der Profitrate, Verringerung der Zirkulationskosten, Möglichkeit zur Ausdehnung der Stufenleiter der Produktion und die stetige Verfügbarkeit von fremdem Kapital. (Vgl. 242f.) Aber auch innerhalb der Systemtheorie von Luhmann besitzen die Banken und Finanzmärkte eine zentrale Stelle innerhalb der Wirtschaft. Dabei wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass die Emergenz von Märkten als Resultat „wechselseitiger Beobachtungen von Wirtschaftsunternehmen und anderen an Wirtschaft beteiligten Systemen“ (275) zustande kommt und durch den stetigen Ausdifferenzierungsprozess die Beobachtungen zweiter Ordnung rasant zunehmen. Das Wirtschaftssystem macht sich selbst zur Umwelt seiner Aktivitäten, wodurch es eine Reduktion erzielt, und es Anderes und sich selbst in der Umwelt beobachten kann. Hierbei kommt dem Bankensystem und den Finanzmärkten eine besondere Bedeutung zu, da beide „Strukturformen (...) als Instanzen begriffen [werden], mittels derer das ausdifferenzierte Funktionssystem auf sein eigenes Komplexitätswachstum und seine eigene zunehmende operative Unzulänglichkeit reagiert.“ (278)
Allgemein wird aber davon ausgegangen, dass Luhmann keine ausgearbeitete Theorie der Banken und Finanzmärkte formuliert hat, wodurch der Autor vor allem auf die Arbeiten von Dirk Baecker zur „Finanzsphäre als Einheit der Differenz von Finanzmärkten und Bankensystem“ (282) rekurriert. Auch wenn Baecker explizit die Finanzsphäre nicht als ein eigenständiges System versteht, so gibt es doch viele Hinweise auf ihre Eigenlogik. Denn im Gegensatz zu den Produktmärkten, auf welchen „Zahlungen die Selbstreferenz des Systems prozessieren, während Leistungen auf die Umwelt des Systems verweisen“, also „Erwartungen erster Ordnung“ (Baecker, 285), bestehen auf den Finanzmärkten „Erwartungen zweiter Ordnung“ (Baecker, ebd.). Vorherrschend sind demzufolge „Erwartungen von Zahlungen für Zahlungen. Bei den Operationen auf Finanzmärkten handelt es sich um Zahlungen, die die Reproduktion von Zahlungen durch Zahlungen antizipiert“ (ebd. – kursiv wie im Original). Innerhalb der Selbstreferenz finanzmarktlicher Zahlungen kommt natürlich der Zins ins Spiel, welchen Baecker zum einen als Preis des Geldes und zum anderen als „Reflexionsindikator“ (286) versteht, einer Markierung von Zahlungen für Zahlungen. Dem folgend können Finanztitel als „Relationierung der Einheit der Differenz von Zahlung und Zins“ (ebd.) verstanden werden. Dabei kommt es im Sinne der Luhmannschen Systemtheorie aber keineswegs zu einem Entkopplungseffekt, sondern zu einer entscheidenden Informationsfunktion der Produktmärkte durch die primären Finanzmärkte. Baecker spricht dabei von einer „Doppelreflexion des Risikos“ (ebd.- kursiv wie im Original), d.h. der Reflexion des Risikos sowohl durch die Investoren von Geld, wie auch deren Geldgeber. „Hatte schon die Diskussion der Marxschen Theorie dazu geführt, dass den einzelnen Kapitalien im Kreditsystem eine höhere Einheit ihrer selbst gegenübertritt, so können wir diesen Aspekt nun systemtheoretisch beschreiben. Die von Baecker genannte Doppelreflexion des Risikos führt dazu, dass ›nur noch solche Entscheidungen getroffen (werden), deren Anreiz hoch genug erscheint, um einen Teil des erwarteten Gewinns in Form von Zinszahlungen an den Geldgeber weiterzugeben‹ (Baecker). Beide Akteure bzw. Systeme, der Anbieter von Finanzleistungen ebenso wie die Erwerber einer Finanzmarktzahlung, ›vergleichen die Zinsinformation mit Investitionserwartungen‹ (Baecker) und prozessieren damit die (...) Erwartungen zweiter Ordnung.“ (287) Der entkopplungstheoretische Aspekt kommt aber vor allem in Bezug auf die sekundären Finanzmärkte hinzu, also dem, was bei Marx als fiktives Kapital fungiert. Der Zirkulation solcher Anspruchstitel (Aktien etc.) kommt dabei ein Doppelcharakter zu. Auf der einen Seite die spekulativen Anreize, welche sich nicht mehr mit bestimmten Produktionsinvestitionen decken. Auch wenn diese nicht fernab des Wirtschaftssystems vorstellbar sind, so begründen sie doch „entlang eigenständiger Reproduktionszyklen eine eigene Autopoiesis der Zahlungen“ (289) Auf der anderen Seite konnte durch die sekundären Finanzmärkte die Steuerungsfunktion der Finanzmärkte gesteigert werden, wie am Beispiel der Börse gut gezeigt werden kann. Vordergründig wird an dieser nicht gehandelt, sondern durch den Verlauf von Kursen beobachtet, wie im System beobachtet wird, als Beobachtung zweiter Ordnung. So konnte auch aus einer systemtheoretischen Perspektive gezeigt werden, „dass die Finanzsphäre durch beides gekennzeichnet ist: Konstitutiv ist sowohl ein intrinsischer Zusammenhang von Kreditsystem und Wirtschaft als auch eine selbstbezügliche Eigenlogik kreditärer Formen.“ (294)

Insgesamt und ganz allgemein formuliert kann man sagen, dass die Abhandlung als gelungen gelten kann und es durch die aufgezeigten Konvergenzen und Divergenzen der beiden Theoriekonzepte hoffentlich wirklich zu der angestrebten Irritation und Anregung der beiden Lager kommt. Aber zu stark wirkt mir der Graben zwischen dem Anspruch einer Großtheorie und dem der Kritik. Gerade hinsichtlich dieser Differenz bleibt in der Arbeit viel offen, auch wenn „in der Bestimmung der Wirtschaft als operativ geschlossenen Funktionssystem ebenso wie in der Bestimmung der Wirtschaftswissenschaften als Reflexionstheorie dieses Systems“ eine „kritische Pointe“ (336) entdeckt wird oder die Rede von sich „wechselseitig unterstützende(n) Theorieprogramme(n)“ (22) ist. In diesem Punkt stehen sich Systemtheorie und die Kritik der politischen Ökonomie bei allen Gemeinsamkeiten meiner Meinung nach immer noch unvermittelt gegenüber.
Es konnte aber vor allem dargestellt werden, dass beide Theorien die begrifflichen Instrumentarien bereitstellen können, um die moderne Dynamik zu beschreiben. Und damit müssen sich beide Theorielager auseinandersetzen(3).

Robert F.

Vietnamesischer Geschenkladen, 72.6k

Anmerkungen

(1) Die eingeklammerten Ziffern beziehen sich auf die entsprechenden Seitenzahlen des vorliegenden Buches. Bei Zitaten von anderen Autoren werden diese jeweils immer in Klammern aufgeführt und sind der rezensierten Arbeit entnommen. Zitate in Zitaten sind von mir noch extra durch die Zeichen › ‹ gekennzeichnet worden. Auslassungen innerhalb von Zitaten sind bei eckigen Klammern von Hanno Pahl und bei runden von mir.

(2) Auch wenn der oben genannte Sachverhalt nicht historisch verstanden werden soll, so ist meines Erachtens nicht ersichtlich, warum, wenn auch nur aus theoretischen Aspekten, von einem einfachen Produktentausch die Rede sein soll. Gerade die Marxsche Wertformanalyse und die daraus notwendig hervorgehende Kritik prämonetärer Werttheorien widersprechen dem. Vielmehr ist das Ergebnis, dass die Robinsonaden fetischistischer bzw. ideologischer Natur sind und aus dem inhärenten Schein der bürgerlichen Gesellschaft entspringen. In diesem Sinne kann weder theoretisch noch historisch (auf der Ebene einer logisch-kategorialen Entwicklung) von einer verschwindenden Wertförmigkeit (auch wenn inkonsequenterweise Marx in den Grundrissen davon spricht – dieser Sachverhalt ist vielleicht auf seine Ambivalenzen zurückzuführen) gesprochen werden. Denn wenn von Wertförmigkeit gesprochen wird, ist Geld notwendig gesetzt. Auch wenn es der Autor höchstwahrscheinlich nicht so verstanden wissen will, bleibt mir die Sinnhaftigkeit eines solchen theoretischen Zugriffs verschlossen.

(3) Zur weiteren Auseinandersetzung sei der folgende Text von Hanno Pahl empfohlen: www.rote-ruhr-uni.com/cms/Zu-Begriff-und-Wirklichkeit-des.html?var_recherche=mar%20luhmann

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last modified: 21.9.2008