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Der Kritiker als Souverän

Zu Manfred Dahlmanns Antwort auf die Frage: Was ist antideutsch?

Prolog

Im Januar dieses Jahres erschien im CEE IEH Newsflyer #128 ein kurzer Essay zu Manfred Dahlmanns in der Jungle World erschienenem Text „Antideutsche wissen es besser“(1), in dem eine ausführliche Beschäftigung mit den dort synthetisierten Thesen zwar angekündigt, aber noch suspendiert wurde. Jene Auseinandersetzung soll an dieser Stelle nachgeholt werden.
Reichlich unaktuell könnte man meinen, mit einem schalen Blick auf die Zeit, die seit dem Erscheinen der hier zur Debatte stehenden Texte inzwischen vergangen ist. Die Aktualität der Sache, um die es hier geht - nämlich die Frage nach Form und Gehalt von Kritik – geht allerdings über dieses Zeitfenster hinaus. Rechenschaft und Selbstreflexion über das, was man der bürgerlichen Gesellschaft da glaubt entgegen zu schleudern gehören allemal auf die Tagesordung.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die in der Bahamas unter dem Titel „Auf die Frage: Was ist antideutsch?“ veröffentlichte Artikelserie von Manfred Dahlmann.(2) In, wie von ihm gewohnt, äußerst dichter Art und Weise ging es dort um die Frage nach dem, was „deutsch“, was „antideutsch“ und, im besonderen, was „antideutsche Kritik“ ist. Keineswegs alle Punkte werden hier besprochen und auch nicht alles erfährt Widerspruch.
Aber es gibt einen bestimmten, schon länger latent vorhandenden Argumentationsstrang (ebenso wie die ihm korrespondierende Praxis), der vor allem im ersten Essay „Gegenidentifikation statt Konsensprinzip“ endlich einmal zu etwas mehr Konkretion gelangt ist und eben der soll hier behandelt und kritisiert werden.
Der Teil 1 der Artikelserie ist der Versuch, die Dahlmann als einzig richtig erscheinende Form von Kritik – Polemik und „Gegenidentifikation“ – erkenntnis- und ideologiekritisch herzuleiten. Dadurch wird „Gegenidentifikation“ mehr als eine besondere Strategie oder eine – in Anbetracht der misslichen Lage veranschlagte – Taktik. Gerade durch seine erkenntnistheoretische Herleitung soll sie conditio sine qua non von Erkenntnis sein, sozusagen der berühmte „Königsweg“ und als solcher hat sie wohl auch ein nicht zu unterschätzendes Bedürfnis erfüllt. Es scheint, als solle die „Gegenidentifikation“ endlich die „feste Gangart“ vor allem der antideutschen Praxis bewerkstelligen – eben ein „Ende des Taumelns“.(3) Den Nachweis, dass dieser „Königsweg“ nur gewaltvoll erzwungen werden kann, will der hier vorliegende Text erbringen. Um zu zeigen, dass sich die Kritik sozusagen überschlägt, muss daher Richtiges von Falschem in Dahlmanns Text gesondert werden, was wiederum eine verhältnismäßig genaue und kritische Rekonstruktion seiner Argumentation erfordert.

Rekonstruktion I – Basics

Anlass von Dahlmanns Text ist die innerlinke Kritik an „den“ Antideutschen (bspw. durch Gerhard Hanlosers Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken oder Ulrich Enderwitz’ Konsum, Terror, Kritik). Genauer betrachtet beginnt der Text aber mit Grundsätzlicherem. Über die Kontrastierung zweier sich entgegenstehender Denkformen – Konsensprinzips vs. Differenzprinzip – sollen sich nicht nur Rückschlüsse auf erkenntnistheoretische und ideologiekritische Zentralkategorien ergeben, sondern auch praktische Konseqenzen für Form und Gehalt der Kritik. Mit den Begriffen von Konsens- und Differenzprinzip versucht Dahlmann die prinzipielle Nicht-Anschlussfähigkeit kritischen Denkens an den gesellschaftlichen oder akademischen Diskurs, genauer gesagt, das „Aneinander-vorbei-reden“ von krititischem Theoretiker und Positivisten zu fassen.
Das Konsensprinzip beruht auf einer besonderen „ideologischen Prämisse“: der Annahme einer „Konsensgesellschaft“, in der die unterschiedlichsten Interessen letztlich auf einen Nenner gebracht werden können. Es vollzieht sich, so Manfred Dahlmann, die Übertragung der ökonomischen Kategorie der Konkurrenz auf die Politik. Was auf der Ebene der Ökonomie der (theoretisch) für alle Unterschiede von Klasse, Rasse und Geschlecht blinde Markt ist, erscheint in Politik und Wissenschaft als der pluralistische und freie Diskurs, an dem jeder partizipieren kann und wo nichts als der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ herrscht.
Zeitungsausschnitt, 19.8k

Zeitungsausschnitt, 19.7k


Siehe zu den Bildern auch das Editorial.
An dieses Konsensprinzip, kann der prototypische „Kritiker“, so Dahlmann, als Vertreter des Differenzprinzips nie Anschluss gewinnen. Sie stehen sich unversöhnlich gegenüber, denn sie beruhen auf völlig unterschiedlichen Voraussetzungen. Der „Kritiker“ ist sich des Gewaltkerns der bürgerlichen Gesellschaft bewusst, wo der Konsensdemokrat zuerst einmal auf Ausgleich und Konsens setzt. Damit, so Dahlmann, verkennt er jedoch das inzwischen oft zitierte „Wesen des Politischen“, das nach Carl Schmitt in der „Freund/Feind-Bestimmung besteht.“ (57) Auf diese Bestimmung – die Dahlmann etwas gutmütig als das „Herausarbeiten von Differenz“ paraphrasiert – beziehen sich bekanntermaßen (nicht nur) Antideutsche affirmativ. Entscheidend wird im weiteren Verlauf dieses Textes aber folgendes sein: Ist dies „nur“ eine adäquate Beschreibung der politischen Sphäre? Wie weit reicht diese? Hat die eben genannten Bestimmung auch einen normativen Kern, d.h. dahingehend, dass so Politik betrieben werden soll? Als Antwort auf die erste Frage kann gelten, dass Dahlmann ganz richtig feststellt, dass nicht nur jeder durch Waffengewalt gelöste Konflikt, sondern auch die aggressive Ausgrenzung derer, die gegen den Konsens verstoßen, den Politikidealismus des Konsensprinzips ad absurdum führen. Dass er aber genau diese Einsicht am Ende entscheidend erweitern wird und sie damit gegen die Subjekte wendet,womit er wiederum Carl Schmitt doppelt Recht gibt (einerseits als richtige Charakterisierung der Politik in der bürgerlichen Gesellschaft, anderseits als positiver Ausgangspunkt der Kritik) kann hier vorausgreifend schon gesagt werden.
Phänomenologisch ist Dahlmanns Einstieg über die Nicht-Anschlussfähigkeit kritischen Denkens treffend beobachtet und kaum von der Hand zu weisen.(4) Selbstverständlich ist der Schluss von der Beobachtungsebene auf die Ebene der Erkenntnistheorie, suggeriert durch die Verwendung des Begriffs „Denkform“, aber keineswegs. Seit seiner prominentesten Verwendung durch Alfred Sohn-Rethel, ist dies einer jener Begriffe, die, wenn sie denn in den Texten linker KritikerInnen auftauchen, so etwas wie eine philosophische Aura umhüllen, die notorisch unterbestimmt bleiben und daher manchmal den Blick aufs wesentliche verstellen. Ganz allgemein meint der Begriff eine bestimmte verstandesmäßige Strukturierung des dem Subjekt gegebenen Sinnenmaterials zu einem, in sich durch ein Mindestmaß an Ordnung gekennzeichneten, Zusammenhang. Differenzprinzip und Konsensprinzip sollen also verschiedene Weisen darstellen, eben dies zu tun. Ob das, was Dahlmann im Fortgang des Textes beschreibt, tatsächlich immer diesen Tatbestand erfüllt, ist jedoch fraglich. Schließlich geht es nicht nur um einen Fehlschluss oder eine Sache „mal so und mal so“ zu betrachten, sondern der Begriff „Denkform“ deutet auf eine tief ins Subjekt eingelassene, eine, wenn überhaupt, nur durch äußerste reflexive Anstrengung hintergehbare, Form der Interpretation von Welt.(5)
Oben wurde das Konsensprinzip dadurch beschrieben, dass es den Erscheinungen der Oberfläche der kapitalistischen Gesellschaft verhaftet bleibt. Um Beziehung zwischen Wesen (durch den Staat hergestellter Zwang zum Verkauf der Arbeitskraft) und Erscheinung (Vertragsfreiheit, Pluralismus und Demokratie) genauer zu bestimmen, nimmt Dahlmann Marxens Konzept der Verkehrung in Anschlag. (57) Zutreffend führt er aus, warum eine bestimmte Rede von Wesen und Erscheinung besonders dem herrschenden Wissenschaftsbetrieb zuwider sein muss, und warum das „spekulative Moment“ an jener Unterscheidung gerade als kritischer Stachel zu retten sei. Auf eine „Wesensbestimmung“ lässt sich eben, nach positivistischen Maßgaben, nicht so einfach der Finger legen, denn es kommt ja gerade auf Widerspruchsfreiheit und Nachweisbarkeit an. Was dabei aber vergessen wird, auch da bin ich mit Dahlmanns – nebenbei, ganz Kantisch motivierten – Ausführungen d'accord, ist das Subjekt als die Instanz, in der durch den Verstand die entscheidende Synthesis der sinnlichen Wahrnehmung stattfindet. Wird vom Individuum abstrahiert, dann lässt sich die Tatsache, dass durch konkretes Handeln etwas hervorgebracht wird, das zwar selbstgemacht ist, die Subjekte aber gleichzeitig fest im Griff hat, nicht erklären.(6) Dem positivistischen Wissenschaftler und erst recht dem common sense wäre eine solche Art der Spekulation, d.h. etwas, das über Logik und Empirie hinaus geht, unverständlich und etwas, dessen man sich zu enthalten hat.(7) Für dieses „Aufeinander-beziehen von Logik und Empirie“ – und jetzt wird es langsam spannend – wird Dahlmann später den Begriff des „produktiven Grundes“ wählen.
Die Betonung des Subjekts schlägt sich auch im Wahrheitsbegriff von Manfred Dahlmann nieder. Begriffe, so schreibt er, gewinnen ihren Gehalt erst, wenn sie „durch die Selbstreflexion des Subjekts hindurchgegangen sind.“ (58) Gegenbild ist auch hier der prototypische Positivist, für den sich Wahrheit gerade dort befindet, wo eine Bestimmung ganz „objektiv“ ist, also von allen subjektiven Faktoren gereinigt. Wenn Wahrheit (und Falschheit) wesentlich vom Subjekt abhängen, dann schließt Kritische Theorie eine Reflexion auf die Konstitutionsbedingung eben dieses Subjekts notwendig mit ein. Dahlmanns Bestrebungen, gerade davon nicht zu abstrahieren und Wahrheit damit nicht als, wie Adorno das einmal kritisch ausdrückte, „Residualtheorie“(8) – also irgendwo außerhalb von Mensch und Gesellschaft hockend - zu begreifen, ist hier also grundsätzlich zuzustimmen.

Rekonstruktion II – Übertragung

Im Grunde unternimmt es Dahlmann jetzt, die Art und Weise, wie sich Wahrheit, oder besser Unwahrheit, konstituiert, näher zu untersuchen. Dabei geht es ihm besonders um die Geltung derjenigen Kategorien, die Marxisten im Allgemeinen zur Beschreibung der Gesellschaft verwenden (Wert, Ware, Klasse, Nation etc.). Anders gesagt: damit die Rede vom Wesen nicht esoterisch oder spekulativ im schlechten Sinne wird, geht Dahlmann zurück auf das Subjekt, um an ihm die Grundlage der Wesensbestimmung zu überprüfen.
Dazu greift er auf die, auch in der Philosophie nicht ganz unkomplizierte, Unterscheidung zwischen Kategorie und Begriff zurück und gibt ihnen eine eigene Wendung. (59) Der Unterschied zwischen beiden findet sich in der Wirkmächtigkeit. Das heißt, damit etwas Begriff und Kategorie ist, muss nachgewiesen werden, dass „diese Kategorien im Bewußtsein des empirischen Subjekts ihren Niederschlag finden; daß in ihm nachgewiesen werden kann, oder besser, philosophisch exakter: daß die Bedingung der Möglichkeit aufgezeigt werden kann dafür, wie Denken und Fühlen des Subjekts sich aufgrund dieser Kategorie konstituiert, sie Moment seiner Selbstwahrnehmung wird.“ (Ibid.) Mit dem letzten Teilsatz verliert die Beschreibung etwas von ihrer Präzision. Ist die Kategorie auch Begriff wenn ein Subjekt eine Kategorie für sich geltend akzeptiert hat oder bereits, wenn die Bedingung der Möglichkeit besteht, dass jemand dies tun könnte? Wer letzteres bestreitet, lädt sich eine gehörige Beweislast auf.
An diese „Definition“ anschließend kann Dahlmann also schreiben, dass Klasse zwar eine objektive Kategorie ist – wenn die Kritik der politischen Ökonomie als „Grundlage von Wirklichkeitserkenntnis akzeptiert wird, gibt es nun mal per definitionem im Kapitalverhältnis denjenigen der Arbeiter anstellt und denjenigen der nur seine Arbeitskraft zu verkaufen hat – aber kein Begriff, denn von einem genuinen proletarischen oder kapitalistischen Bewusstsein kann wohl kaum gesprochen werden. Bei der Kategorie der Nation liegt die Sache ein bisschen anders. Mit der, so Dahlmann, müssen sich die Individuen täglich identifizieren oder zumindest auseinandersetzen, wodurch sich tatsächlich ein Niederschlag im Bewusstsein der Subjekte findet. D.h. einerseits ist das Subjekt zentral für die Konsitution von Wahrheit und Unwahrheit, d.h. für die Hervorbringung einer bestimmten Verkehrung und trotzdem entwirft es nicht die ganze Welt aus sich heraus, was Dahlmann mit Bezug auf Adornos Rede vom „Vorrang des Objekts“ betont. Auch wenn es beispielsweise kein „Klassenbewusstsein“ gibt, bleibt die Kategorie der Klasse trotzdem grundlegend und „objektiv“ für die Wirklichkeitserkenntnis.
Rekapitulieren wir noch einmal: Die Aufgabe des radikalen Kritikers ist es, laut Dahlmann, zu entschlüsseln wie eine bestimmte Kategorie, eine wesenhafte Konstitutionsbedingung des Kapitalverhältnisses, an der Oberfläche (d.h. im Subjekt) als ihr Gegenteil erscheint (in diesem Fall: Klassenherrschaft erscheint als rechtliche Gleichheit aller Individuen). Da es nicht nur um Explikation, sondern auch um Kritik geht, sieht Dahlmann an dieser Stelle ein Problem, nämlich „daß man Kategorien (wie hier die der Klasse) gar nicht unmittelbar kritisieren kann – so treffend sie auch die Wirklichkeit zur Darstellung bringen mag. Man kann nur das Individuum dafür kritisieren, daß es eine Kategorie als für sich geltend akzeptiert.“ (60) Halten wir an dieser Stelle das Problem das Dahlmann beschreibt folgendermaßen fest: Begibt man sich auf die Ebene der Kritik der politischen Ökonomie als Grundlage der Wirklichkeitserkenntnis, dann gibt es Kategorien, die sind betreffs ihres objektiven Status einerseits ähnlich zu verstehen, wie die Kategorien bei Aristoteles oder bei Immanuel Kant. Dort sind Vielheit, Einheit, Quantität, Qualität etc. so etwas wie vorgelagerte Ordnungsschemata, ähnlich wie sich auf dem Boden des Kapitalverhältnisses die Welt von vornherein aufteilt in Kapitalisten und Proletarier. Anderseits aber – und hier sind die Kategorien radikal verschieden von denen Aristoteles oder Kants – bringt sie das Subjekt durch unbewusste fetischistische Anerkennung hervor und zwar anders, in gewissem Sinne direkter, als bei den oben genannten Verstandesformen. Über eine Kategorie wie die der Quantität kann nicht gestritten werden, wohl aber über die Kategorie der Nation wenn das Subjekt sie zum zentralen Bezugspunkt seines Handelns macht. Genauer gesagt: Um das Subjekt für seine Identifikation kritisieren zu können, muss die Kategorie im Subjekt Niederschlag gefunden haben (also auch als Begriff im Subjekt erscheinen), es muss sozusagen (der Bedingung der Möglichkeit nach) eine Angriffsfläche geben. Ausgehend von dieser verzwickten Situation und der Frage, wie diese Form der fetischistischen Hervorbringung denn ins Bewusstsein der Subjekt gelangen kann liefert Dahlmann in der Folge einen bestimmten Lösungsvorschlag und der, so wird sich zeigen, hat es in sich.
Vorher muss allerdings der Grund dieser Hervorbringung noch etwas genauer beleuchtet werden. Marx konnte das Problem der Verkehrung von Wesen und Erscheinung nur lösen, resümiert Dahlmann, indem er den Erscheinungen der Oberfläche einen „produktiven Grund“ unterstellt und das ist die „abstrakte Arbeit“.(9) (Ibid.) Genauer gesagt: Durch eine bestimmte, von allen Subjekten in erster Linie bewusstlos vollzogene Art der Synthesis – exakter: eine Reduktion –, die darin besteht, konkrete Arbeit in einer spezifischen Art und Weise zu betrachten, nämlich als abstrakte und gleiche, entsteht ein bestimmter Sinn- und Wirkungszusammenhang. Dieser gesellschaftliche Zusammenhang, egal ob die Subjekte ihn feiern, bedauern oder er ihnen verborgen bleibt, verselbstständigt sich, bestimmt ihre Handlungen und – so die Argumentation - konstituiert eben auch eine bestimmte „Denkform“. Erst mit der Unterstellung dieses „produktiven Grundes“ kann geklärt werden, wie und warum das Wesen eben gerade so – nämlich verkehrt – erscheinen muss.
Dahlmann versucht nun, im Anschluss an Alfred Sohn-Rethel und Theodor W. Adorno, diesem „produktiven Grund“ – man verzeihe den Wortwitz – weiter auf den Grund zu gehen. Dazu rekurriert er einerseits auf das in der Kategorie der „abstrakten Arbeit“ wirkende Identitätsdenken, d.h. den Mechanismus des „Gleichmachens“. Andererseits verweist er auch auf die dem Kapitalismus eigene Form der Verdinglichung. Zum einen verstanden als das, was Marx Fetischismus nannte. D.h., das Zum-Ding-machen eines Verhältnisses (das als solches ja unfassbar ist, weil es eben immer nur als Beziehung von etwas auf etwas existiert, aber nie an sich). (Ibid.) Hier tritt also genau jenes Absehen von Subjekten auf, die ja die einzigen sind, die diese Beziehungen bilden können.
Auch das Wesen des bürgerlichen Staates, so Dahlmann weiter, hängt letztlich mit dem beschriebenen „produktiven Grund“ zusammen. Auch in ihm wirkt das Identitätsdenken, jedoch, so Dahlmann, in einer besonderen Weise. Das Wesen des Staates bestünde nämlich in einer spezifischen Art der Legitimation, genauer gesagt in „abstrakter und objektiver, und zugleich konkret und subjektiver vollzogener Zustimmung (...).“ (61) Gerade diese Zustimmung, das heißt die Entscheidung zur Identifikation, wird schlussendlich in den Mittelpunkt von Dahlmanns Analyse rücken und alles andere überblenden. Dass dieser Bogen aber überhaupt so geschlagen werden kann, hat mit der Vielschichtigkeit des Begriffs „Identifikation“ zu tun, obwohl das, was da beschrieben wird, ja durchaus seine Unterschiede hat. In dem einen Fall, der Betrachtung der Arbeit, gelten dem Subjekt alle verschiedenen Arbeiten als gleich. Hier findet ein „Abziehen“, eben eine Abstraktion statt, die alles auf einen verdünnten, unterschiedslosen Begriff von Arbeit herunterbricht. Zwar geschieht all dies im Subjekt, es geht jedoch vornehmlich um Dinge außer ihm, d.h. es selbst bleibt in gewisser Weise unberührt. Ganz anders als bei der Identifikation mit bzw. der Zustimmung zum Staat. Hier gleicht sich das Subjekt etwas fremden an, es kommt – wie vor allem die psychoanalytische Verwendung dieses Begriffs lehrt – zur Verinnerlichung des Objekts, ein, wie Freud schreibt, keineswegs unproblematischer Prozess(10), der im Opferkult eine blutige Vorgeschichte hat.

Rekonstruktion III – Überschlag

Nachdem Dahlmann bis dato eine ganze Menge Bestimmungen zusammengetragen hat, nähert sich seine Argumentation ihrem Höhepunkt. Doch zunächst werden die genannten Bestimmungen durch eine fast schon gewaltvolle Klammer um Marx und Adorno zusammengebracht, denn laut Dahlmann „sollte klar sein, worin derartige, wie Marx sich ausdrückt, >>gallertenartige<< Bestimmungen des >>produktiven Grundes<<, von Adorno übrigens Nicht-Identisches genannt, sich von jeder Seinsphilosophie unterscheiden.“ (61) Auf der einen Seite: „Gallertenartig“, von Marx im ersten Band des Kapital als Metapher für die Seinsweise der Arbeit als abstrakt-menschliche verwendet.(11) Auf der andere Seite: Adornos schwieriger Begriff des „Nicht-Identischen“, den man vielleicht am verständlichsten als das bezeichnet, was im Begriff nicht aufgeht. Und beides soll dasselbe sein? Anstatt hier Philologie zu betreiben und die unklaren Bezüge in jenem Zitat zu ordnen (Was wurde denn von Adorno Nicht-Identisches genannt? Der „produktive Grund“? „Gallertenartige“ Bestimmungen?), soll dies als Beispiel für eine besondere Schwierigkeit in Dahlmanns Text dienen. In einer gutmütigen Lesart (die manchmal nicht die schlechteste ist) könnte sie mit „äußerster inhaltlicher Dichte“ beschrieben werden. Weniger gutmütig als „zweifelhafter und in jedem Fall ungenauer Umgang mit Begriffen“. Programmatisch scheint diese Schwierigkeit allerdings allemal und nährt den Verdacht, dass auf Biegen und Brechen auf etwas ganz bestimmtes hin argumentiert wird.
Wie im oben erwähnten Zitat bereits angedeutet, kommt jetzt die Seinsphilosophie (Dahlmanns zweiter Hauptgegner im Text) ins Spiel. Deren Begriff des „Seins“ (jener mystische Urgrund des sog. „Seienden“, der unmittelbaren Lebenswelt, d.h. der Erscheinungen) ist analog zu Dahlmanns „produktivem Grund“ zu verstehen. Das ist, gemessen an den Ausführungen vorher, keineswegs einleuchtend. Denn wenn der „produktive Grund“ die Verkehrung von Wesen und Erscheinung konstituiert, das heißt, durch seine Unterstellung eine sinnvolle Verbindung zwischen zwei sonst schlicht paradoxen Phänomenen überhaupt erst einsichtig wird, wie kann er dann mit dem Wesen (oder in der Sprache der Seinsphilosophie: dem „Sein“) unmittelbar zusammenfallen? Es ist wohl folgendermaßen zu verstehen: Nicht erst in der Seinsphilosophie Heideggers, sondern gewisserweise auch im deutschen Idealismus und der antiken Philosophie, wird die entscheidende Spannung (zwischen Sein und Sollen oder zwischen Wesen und Erscheinung) in das zugrundeliegende Wesen verlegt, dem gegenüber die konkrete Mannigfaltigkeit und das Individuum immer das Nachsehen haben. Das Wesen gilt als das Höhere, Wahrere und Unveränderliche.(12) Um an diesem Zusammenhang teilzuhaben, bleibt dem Subjekt nur, sich auf die Seite des Wesens bzw. des Seins zu stellen oder zumindest an ihm zu partizipieren. Am Beispiele G.W.F. Hegels beschreibt Herbert Marcuse dies folgendermaßen: „’Das Wesen als solches ist eins mit seiner Reflexion, und ununterschieden ihre Bewegung selbst.’ Es ist nicht der Mensch, der sich des Wesens erinnert, das ihm entgegenstehende Seiende ergreift, seine schlechte Unmittelbarkeit aufhebt und aus der Erkenntnis des vernünftigen Sein selbst, und der Mensch nimmt an diesem Prozeß nur als erkennendes Subjekt teil, sofern er selbst vernünftiges Sein ist.“(13)
Diese fehlende Vermittlung attestiert Dahlmann auch der – für ihn durch Heidegger prototypisch vertretene - Seinsphilosophie. Das Individuum wird dort unvermittelt zwischen das „Sein“ und das „Seiende“ plaziert. (61) Dahlmann folgert daraus: „Zur Zentralkategorie der Seinsphilosophie, die eben ganz explizit eine „Vermittlung“ zwischen „Sein“ und „Seiendem“ (oder in der Sprache der Dialektik: zwischen Wesen und Erscheinung) ausschließt, muß die Entscheidung dieses Subjekts avancieren, sich dem Sein (also dem „produktiven Grund“) hinzugeben, oder sich dem Seienden einzuordnen – und damit dem oberflächlichen, reflexionslosen Zustand der Seinsvergessenheit.“ (Ibid./Hervorhebung W.S.) Von einer ähnlichen Ausgangssituation geht auch Dahlmann aus, allerdings ist der „produktiven Grund“, d.h. die vermittelnde Instanz, das Subjekt selbst. Dadurch wird die Kritik ad hominem notwendig oder anders gesagt „das empirische Individuum, so wie es denkt, fühlt und sich verhält, [muss] zur Nahtstelle der Reflexion“ werden. (Ibid.) Für Dahlmann rückt diese Situation nun ganz ins Zentrum: „Die Kritik versucht nun, wie vergeblich auch immer, dieses Individuum darauf zu stoßen, daß erst das von ihm vorgenommene Äquivalent-Setzen von Gebrauchswerten, das heißt das von ihm veranlasste Gleich-Machen des Ungleichen im Tausch, das Geld konstituiert, und schließlich das Kapital als ‚automatisches Subjekt‘.“ (61)(14)
Auf diesen Mechanismus, der quasi alles mit allem zusammenhält, soll nun durch eine ganz spezifische Wendung aufmerksam gemacht werden – die Gegenidentifikation.

Rekonstruktion IV – Sturz

Der Begriff der Gegenidentifikation meint mehr als die aufgrund von konkreten Inhalten vollzogenene, also „vernünftig“ oder sei es nur „taktisch“ begründete Identifikation mit irgend etwas. Er meint auch mehr als die Rede vom „kleineren Übel“. Man vergesse nicht, dass der Text im Kontext von „Fahnenstreit“ und der Identifikation mit den USA etc. entstand. Des weiteren könnte ausschlaggebend sein (doch dies ist bereits eine weitergehende Deutung), dass sich mit dem Fortgang der Gewalt im Irak wohl so einige Zweifel regten, ob man bei der „Demokratisierung“ auf das richtige Pferd gesetzt hat, was wiederum zu einer Reflexion auf die Bedingungen dieser Parteinahme zwang.
Doch zurück zum inzwischen ins griffige antideutsche Taschenvokabular eingegangenen Begriff der Gegenidentifikation. Die Mittel der Kritik, so Dahlmann „ergeben sich eigentlich von selbst; es sind, frei nach Marx, die Polemik und die Denunziation; konstruktiv kann diese Kritik vor vornherein nicht sein. Gegen die Identifikation mit dem Verkehrten: also mit Staat, Nation, Volk, Klasse, Partei, Eigentum etc. hilft nur der Aufbau von Gegenidentifikation, um das Subjekt in die Krise zu stoßen, die Voraussetzung ist, von diesen Identifikationen abzulassen.“ (Ibid.)
Der Gefahr, dass aus der Gegenidentifikation doch wieder Identifikation wird (und ehemalige Antifas im Wahllokal FDP oder CDU ankreuzen), scheint sich Dahlmann bewusst zu sein. Und weil das so ist und das Konzept die sichere Gangart, die es verspricht, offensichtlich nicht liefern kann, kommen durch die Hintertür doch wieder Taktik, Berechnung und eben das Auge für die Anschlussfähigkeit herein: Um ernst genommen zu werden, muss der Kritiker seine Position „vollständig auf der Basis der Gegenidentifikation begründen. Er muss für sie mit seiner gesamten Person Partei nehmen, das heißt, er darf sich nicht taktisch verhalten.“ (Ibid.) Darauf wurde schon im Vorgängerartikel hier im CEE IEH hingewiesen: Wie hat man sich dieses „Sich-vollständig-der-Gegenidentifikation-hingeben“ wohl vorzustellen? Es bleibt unklar und würde bei Leuten, die ein Problem damit haben, sich für irgendeine „Sache“ ganz und gar auf- oder hinzugeben, wohl eher Skepsis auslösen. Der ganze erkenntnistheoretische Vorlauf führt zu einer vermutlich weder realisierbaren noch ganz erstrebenswerten Authentizität, die erforderlich sein soll, um die negative Anschlussfähigkeit zu gewährleisten.
Vor allem aber ist die Gesamtlogik von Dahlmanns Argumentation an dieser Stelle schwer einzusehen. Denn die Gegenidentifikation geschieht ja, um den Subjekten den „produktiven Grund“ vorzuführen, er soll also quasi repräsentiert werden oder, in Dahlmanns Worten: „nur so kann der ‚produktive Grund’ (der Identifikation und Gegenidentifikation zugleich konstituiert) vor das Bewußtsein gelangen und, als der gesellschaftlich verkehrte, kritisiert werden.“ (Ibid.) Bisher war eigentlich immer Reflexion das Mittel, um etwas „vor das Bewußtsein gelangen“ zu lassen. Jetzt soll die Parteinahme mit der „ganzen Person“ nicht nur den Anstoß leisten, sondern auch den ganzen Reflexionsvorgang?(15) Würde es wirklich bloß um einen politischen Klaps auf den Hinterkopf gehen, wäre der ganze erkenntnistheoretische Vorlauf unötig.
Zum anderen, wenn der „produktive Grund“ eine Wesensbestimmung ist, wie kann er dann als das Wesen „unmittelbar“ erscheinen? Ein Wesen ohne (von ihm unterschiedene) Erscheinung ist keins und führt die ganze Konstruktion ad absurdum. Daran wird, so meine ich, deutlich, dass der Versuch, Polemik als notwendig und nicht taktisch begründete Form zum Königsweg der Kritik zu machen, in Widersprüche und vor allem in eine leerlaufende Geste führt. Wenn am Anfang gegen die „Anschlussfähigkeit“ des Konsenstheoretikers polemisiert wird, so steht am Ende doch ein Kritiker im Raum, der aufpassen muss, dass er „ernstgenommen“ wird und nicht als verrückter Amerikafreund abgetan wird. Vielleicht sind die Differenzierungen gegen Ende des Textes der Ahnung geschuldet, dass es so einfach doch nicht ist.(16)
Auf das „Temperament des Kritikers“ käme es an, so Dahlmann, vermutlich auch auf das berühmte Fingerspitzengefühl.(62) Und eigentlich sollen keine „allgemeine[n] Regeln“ aufgestellt werden. Das Problem aber ist und bleibt, dass der Text genau das tut. (Ibid.)

Zwischenstück: Des Souveräns Freund und Feind

„Das Subjekt in die Krise stoßen“ durch „Gegenidentifikation“ sollen also die Mittel sein, den sich mit dem Falschen identifizierenden Subjekten vorzuführen, was sie da gerade tun? Identifikation um auf die Identifikation aufmerksam zu machen? Der Zwang zur Parteinahme und Selbstreflexion soll ausgerechnet dadurch entstehen, dass man das vorführt, was es abzuschaffen gilt? In dieser Form der praktizierten Kritik gibt Dahlmann Carl Schmitt doppelt recht: Nicht nur besteht in der bürgerlichen Gesellschaft das Wesen des Politischen in der Freund/Feind-Bestimmung, sondern sie muss, laut dieser Argumentation, auch vom Kritiker so vollzogen werden. Dabei sollte man sich noch einmal vor Augen halten, welchen begrifflich-historischen Zusammenhang es in diesem Bezug auf Carl Schmitts Wesen des Politischen immer mitzudenken gilt. Im politischen Existenzialismus Carl Schmitts ist es der Staat, genauer, der Souverän, der qua Gewaltmonopol die Freund/Feind Bestimmung zum Ausgangspunkt all seines politischen Handels macht. Zur Unterscheidung, ob einer friend oder foe ist, braucht es aber noch ein weiteres Element, dass untrennbar mit einer solchen Auffassung des Politischen verbunden ist: die „reale Möglichkeit des Kampfes“ bzw. den Ausnahmezustand. Dazu Carl Schmitt: „Man kann sagen, daß hier, wie auch sonst, gerade der Ausnahmefall eine besonders entscheidende und den Kern der Dinge enthüllende Bedeutung hat. Denn erst im wirklichen Kampf zeigt sich die äußerste Konsequenz der politischen Gruppierung von Freund und Feind.“(17) Was einmal begrifflich und konzeptionell auf einen souveränen Staat gemünzt war, der nach außen anderen politisch souveränen Einheiten gegenübersteht und wo es tatsächlich zuweilen so existenziell zugeht, wie sich Schmitt das vorstellt, soll jetzt auch auf der Mikroebene gelten? Ein jeder Kritiker ein kleiner Souverän? Auf einmal scheint der ganze existenzialistische Ballast Carl Schmitts vergessen, der sich ja u.a auch durch einen völlig überladenen Begriff der „Teilnahme und Teilhabe“ auszeichnet, den man ohne große Schwierigkeiten als verklausulierte Beschreibung des politischen Aktionismus lesen kann, für den man früher viel und berechtigte Kritik übrig hatte.(18) Von der Notwendigkeit des Opfers in Schmitts Konzeption ganz zu schweigen.(19) Die Gegenidentifikation ist dann, so könnte man zuspitzen, der herbeigeführte Ausnahmezustand, in dem der Kritiker als Souverän die Freund/Feind Bestimmung in einer Klarheit durchsetzen kann, wie er sie in der Realität – und davon zeugen ja Beschreibungen wie „softcore“ und „harcore“ antideutsch – nie vorfinden wird. Damit wird nicht nur der Begriff des Ausnahmezustandes über seinen Erklärungsgehalt hinaus erweitert und verdünnt(20), sondern er impliziert auch einen Umgang mit Menschen, für die Adorno in Minima Moralia harte Worte gefunden hatte. In dem Aphorismus mit dem bezeichnenden Titel „Musterung“ schreibt er: „So tritt Verarmung im Verhältnis zu anderen Menschen ein: die Fähigkeit, den andern als solchen und nicht als Funktion des eigenen Willens wahrzunehmen, vor allem aber die des fruchtbaren Gegensatzes, die Möglichkeit, durch Einbegreifen des Widersprechenden über sich selber hinauszugehen, verkümmert.“(21)
Konkrete Inhalte ziehen sich hinter den schematischen Dualismus von Freund und Feind soweit zurück, dass Dahlmann in Teil II des Artikels dann auch die Konsequenz zieht: „...politisch gilt: der Feind meines Feindes ist mein Freund.“(22)

Abschließende Bemerkungen

Weil das Problem der Kritik immer auch ein Problem der Vermittlung ist, bleibt, wie man es auch dreht und wendet, eine entscheidende Lücke bestehen. Sie klafft zum einen zwischen Kritiker und Kritisiertem und zum anderen zwischen dem Subjekt und der Gesellschaft. Im ersten Fall liegt die Differenz in einem logisch nicht ableitbaren Moment. Keiner kann bruchlos erklären, wie eine Einsicht entsteht, warum aus Nicht-Wissen Wissen wird, aus Nicht-Können Können – kurz, wie sich Selbstbewusstsein konstituiert und warum jemand zu der Entscheidung kommt, dass das vernünftigste immer noch ist, auf eine befreite Gesellschaft hinzuarbeiten.(23) Schon als bloßer Denk-Anstoß scheint es klüger, die Gegenidentifikation nicht zu überschätzen. Als erkenntnistheoretisch eingebettetes Wundermittel taugt sie allerdings noch weniger.
Im zweiten Fall, d.h. der Differenz zwischen Subjekt und Gesellschaft, war es gerade die ISF und verschiedene Veröffentlichungen des Ca Ira Verlages, die immer wieder auf die Grenzen einer naiv rationalen Erklärung des Kapitalverhältnisses hinwiesen. Dabei konnte man sich auf Theodor W. Adorno berufen, nach dem „Gesellschaft, das Verselbständigte, wiederum auch nicht länger verstehbar“ sei, „einzig das Gesetz der Verselbständigung.“(24) Oder anders gesagt, frei nach Jochen Hörisch, in verzauberten Verhältnissen ist keine Erkenntnistheorie möglich, lediglich eine Theorie des Verkennens. Hinter diese notwendige Vermittlung fällt Dahlmann, sobald er die „Gegenidentifikation“ ins Spiel bringt zugunsten einer formalen, inhaltsleeren Geste zurück.
Wohlwollend gelesen, möchte die Gegenidentifikation einen Keil in die Totalität treiben, um etwas ganz bestimmtes sichtbar zu machen. Sie tut dies als Konsequenz der Einsicht in die gesellschaftlich gängige Form, die Dinge so aufeinander zu beziehen, dass sie als kohärenter Sinnzusammenhang erscheinen. Nur in der Dahlmannschen Variante, der „Gegenidentifikation“, wird auf diesen formalen Vorgang wieder nur formal reagiert, d.h. eine Form ohne Inhalt zur Kritik erklärt. Vom Inhalt der ganzen Angelegenheit wird abgesehen oder – um in der Metapher zu bleiben – die inhaltliche Begründung bzw. Motivation des Keils bleibt völlig außen vor. Soweit, nämlich die politische Praxis derart an erkenntnistheoretische Belange zurückzubinden, ging nicht einmal Karl Marx, der sich heute von jedem Zweitsemester Determinismus jeglicher Art vorwerfen lassen muss. Was er damals als potentielles Agens der Emanzipation begriff, nämlich die Arbeiterklasse, befindet sich, so führt Helmut Reichelt aus, an den Grenzen der „dialektischen Form der Darstellung“, d.h. es ist aus der Entwicklung des Begriffs unableitbar.(25)
Die natürlich ebenfalls vorhandenen Versuche (nicht nur) Marxens, das revolutionäre Subjekt zurück in die Logik zu pressen, haben sich durchweg als fatal erwiesen, und es wäre eher davon zu lernen, als auf eine solch starre Konstruktion wie die hier umrissene zu hoffen.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin mir der Aporie, auf die Dahlmann letzten Endes reagiert, bewusst. Wie soll man – wenn man um abstrakte Herrschaft, konkrete Lebensnot und den „stummen Zwang der Verhältnisse“ weiß und all diese Dinge in ihrem Vollzug täglich, zu aller erst an sich selbst, beobachten kann – den Leuten begreiflich machen, dass es immer noch die von ihnen hergestellte Praxisform ist, die als „automatisches Subjekt“, d.h. als verselbständigter Zwang, immer wieder auf sie zurückwirkt? Die täglichen Anzeichen der Regression sind schließlich Anlass genug, die Menschen nicht allein dem „objektiven Zwang“ zu überantworten, sondern ihnen soviel Wirkmächtigkeit zuzugestehen, dass der Bruch mit dem falschen Ganzen jederzeit möglich wäre, d.h. es ist gerade dort Freiheit zu unterstellen, wo man um die tatsächliche Unfreiheit weiß. Nichtsdestotrotz gilt: „Der Mensch ist das Produkt seiner selbst, aber er erzeugt sich unter der Form eines Überhangs an gesellschaftlicher Objektivität.“(26) Und diesen Überhang einfach wegzustreichen, lässt die Polemik leerlaufen.
Ungewollt rationalisiert Dahlmann die falsche Gesellschaft und täuscht mit seinem ambitionierten Versuch über die Schwierigkeiten der emanzipatorischen Kritik hinweg. Dies geschieht zum Teil auch durch die Verwendung seiner Begriffe, die, wie hier an verschiedenen Stellen ausgeführt wurde, selten die Klarheit bringen, die sie versprechen. Vielmehr, wird eine, oft kaum einzuhaltende, argumentative Schwere suggeriert, wie im Falle des Begriffs „Denkform“. Wenn diese mehr sein soll, als etwas „mal so und mal so“ zu betrachten, dann ist die Frage, ob Konsens- und Differenzprinzip den Tatbestand einer „Denkform“ erfüllen oder ob es sich bei dem, was Dahlmann als Konsensprinzip beschreibt nicht eher um einen ganz klassischen Fehlschluss oder Ignoranz handelt.(27) Ob einer sich über den „Gewaltkern“ der Gesellschaft bewusst ist oder nicht, konstituiert – weder bei Sohn-Rethel, noch in irgendeinem anderen Sinne – beleibe noch keine Denkform. Dabei soll dem Begriff seine Relevanz keinesfalls abgesprochen werden. Nur bleibt er zumindest hier völlig unterbestimmt und scheint dadurch eher den Charakter eines „Signalworts“ zu haben (was übrigens für viele Begriffe des politischen Vokabulars gilt). Der Bruch mit einer tatsächlichen Denkform ließe sich nicht durch ein paar harte Worte, narzisstische Kränkung, also der Kritik ad hominen herbeiführen. So als ob das Identifikationsprinzip nur vorgeführt werden muss, in dem man es ist, es verkörpert, und schon kann es kritisiert und abgeschafft werden. Das ist es, was hier zur Kritik steht: die Überhöhung eines dürftig hergeleiteten formalen „Prinzips“ zum Wundermittel der Kritik. So entsteht schlussendlich der Eindruck – den man vielleicht weniger auf Dahlmanns Seite, sondern auf der seiner Rezipienten zu suchen hat –, der Text käme dem Bedürfnis nach, endlich einmal Politik machen zu können und damit erkenntnistheoretisch auch noch auf der richtigen Seite zu stehen. Wer Schluss machen will mit dem „ewigen Theorieseminar“, für den erfüllt Dahlmanns Essay eine nicht gering zu schätzende Funktion.
Selbst in dem, vor allem im Bezug auf den Sinn der polemischen Kritik, vielzitierten Text Hegels mit dem sperrigen Titel „Über das Wesen der philosophischen Kritik überhaupt und ihr Verhältnis zum gegenwärtigen Zustand der Philosophie insbesondere“ werden die tatsächlichen Schwierigkeiten nicht unter den Teppich gekehrt: „Gegen dies Verhältnis der Kritik, welche die Unphilosophie von der Philosophie abscheidet, auf einer Seite zu stehen und die Unphilosophie auf der entgegengesetzten zu haben, ist unmittelbar keine Rettung.“(28)
Im Grunde fordert Dahlmann die Praktizierung von Differenz im Leerlauf. Gerade dabei sollte es laut Hegel nicht bleiben. Den Verhältnissen ihre eigene Melodie vorspielen bedeutet eben – soweit das jeweils möglich - die ganze Melodie und nicht nur den Schlussakkord. Einer Kritischen Theorie bleibt nichts anderes übrig als der, ja im Grunde auch nicht neue, Spagat zwischen – je nach Situation – Polemik und Verkürzung, aber auch Explikation und Analyse, d.h. notwendigem Einlassen auf den Anderen.(29) Und ich möchte den oder die ernstzunehmenden KritikerIn sehen, der sich im Alltag nicht eben genau so verhält.

Walther Schrotfels

Fußnoten

(1) Vgl.: Walther Schrotfels: „Das Ende des Taumels“. In: CEE IEH Newsflyer #128, Januar 2006. S.30-31, Manfred Dahlmanns Text „Antideutsche wissen es besser“ erschien in der Jungle World 48/2005.
(2) Manfred Dahlmann: „Auf die Frage: Was ist Antideutsch? – Teil 1: Gegenidentifikation statt Konsensprinzip. In: Bahamas Nr.47/2005. S.57 (Seitenangaben künftig im Text).
(3) Die Rede von der „festen Gangart“ bzw. dem „sicheren Gang“ hat Tradition in der Philosophie. Prominent findet sich sich bei Immanuel Kant in der Kritik der reinen Vernunft an (Vgl. Vorrede zur 2.Auflage der Kritik der reinen Vernunft. Hamburg 1998. S.15.) Auch René Descartes’ Suche nach einem Unbezweifelbaren und Baruch Spinoza’s mathematisch-definitorische Methode sind nur vor diesem Hintergrund verständlich.
(4) Als Beispiel, wo eine solche Situation, in der man scheinbar auf völlig unterschiedlichen Ebenen diskutiert, offensichtlich wird, kann die Diskussion von Michael Heinrich und Manfred Dahlmann auf dem Kongress „Antideutsche Wertarbeit“ 2002 in Freiburg gelten. Hier Heinrich, der fortwährend fragt (im freien Zitat) „Ja, wie könnt ihr denn sagen, über das Kapital und den Wert lässt sich nichts aussagen, wenn ihr doch ständig darüber Aussagen macht?“, dort Dahlmann, der ständig darauf beharrt, dass sich genau daran etwas ganz Wichtiges und Fundamentales aufzeigen ließe. Zu irgendeinem „Konsens“ kommt es selbstredend nicht.
(5) Der weitreichendste und an Explikation und Detailtreue überzeugendste Versuch, die Genese einer spezifischen Denkform, nämlich der modernen, zu erklären, ist Eske Bockelmanns „Im Takt des Geldes – Zur Genese des modernen Denkens” (zu Klampen, 2004).
(6) Dazu grundlegend: Max Horkheimer: „Traditionelle und kritische Theorie“. In: Traditionelle und Kritische Theorie – vier Aufsätze. Frankfurt a.M 1970. S. 23 – 31. Hier wird auch deutlich, was die Kritische Theorie an Kant hat und worin sie über ihn hinausgehen muss.
(7) Die Spekulation auf die hier verwiesen wird, ist nicht zu verwechseln mit der vom kritischen Rationalisten Karl R. Popper geforderten Spekulation – den berühmten „kühnen Thesen –, denn die Rede bspw. vom Kapital als „automatischem Subjekt“ wäre für den Positivisten einfach nicht „falsifizierbar“, weil weder ihre Wahrheit, noch ihre Falschheit empirisch und logisch bewiesen werden kann. „Prinzipiell“ (um mit Dahlmann zu sprechen) ist im Wissenschaftsbereich der Philosophie die Rede von Wesen und Erscheinung deswegen allerdings trotzdem noch kein automatischer Ausschlussgrund, das Konsensprinzip dort also weniger konsensbedacht, als Dahlmann es gern hätte. Überhaupt könnte man sagen, dass gerade die Wissenschaft eine spezifische Art des Differenzprinzips pflegt. Nicht nur, dass es ja ständig darum geht, „Differenzen herauszustellen“ (nach dem Motto, viel Feind viel Ehr). Diese können nämlich auch, solange sie im Innenraum des wissenschaftlichen Diskurses bleiben, einfach bestehen bleiben. Sie sind dann „gleichberechtigte“ Theorien und Positionen, die aber deswegen noch lange nicht zum Konsens untereinander getrieben werden.
(8) Ausführlich expliziert Adorno dies in der Metakritik der Erkenntnistheorie (GS 5, S.23) Vgl. auch: Theodor W. Adorno: Nachgelassene Schriften IV/4: Vorlesung zu Kants Kritik der reinen Vernunft. Frankfurt a.M. 1995. S.365.
(9) Darin liegt bei Marxens Argumentation das „spekulative Moment“. Dass der innere Zusammenhang seines „Systems“, inklusive der Unterstellung des „Schlusssteins“ abstrakte Arbeit, stellenweise hochgradig fragil ist und mehr Fragen aufwirft, als es er beantwortet, haben Vertreter der „Neuen Marx-Lektüre“ in vielen Publikationen gezeigt.
(10) Sigmund Freud: Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse. Franfurt a.M. 1983. S.335.
(11) Bspw.: „Sagen wir: als Werte sind die Waren bloße Gallerten menschlichen Arbeit, so reduziert unsre Analyse dieselben auf die Wertabstraktion, gibt ihnen aber keine von ihren Naturalformen verschiedene Wertform.“ (Vgl. MEW 23, S.65. Herv. W.S.)
(12) Dazu ausführlich: Karl-Heinz Haag: „Das Unwiederholbare“, In: Ders.: Philosophischer Idealismus. Frankfurt a.M. 1967. S.5-17. Ebenfalls: Herbert Marcuse: „Über den Begriff des Wesens “. In: ders.: Schriften Band 3. Springe 2004. S.45-84.
(13) Ibid., S.68.
(14) Im Anschluss an die obigen Bemerkungen zur Vielschichtigkeit des Begriffs der Identifizierung kann es bezweifelt werden, ob Identifikation mit dem Staat einerseits und die Geltung, die die Kategorie der „abstrakten Arbeit“ – schon für Marx-Eingeweihte schwer genug zu erklären - im Subjekt beansprucht anderseits der Kritik und vor allem der Einsicht gleichermaßen zugänglich ist. Ob also, und darauf setzt ja die Gegenidentifikation, das Innewerden der Identifikation im Prozess des „Äquivalent-Setzens“ genauso funktionieren kann, wie man der Identifikation mit dem Staat inne wird. Diese Frage lässt Dahlmann allerdings gar nicht erst aufkommen.
(15) Dazu hieß es im Vorgängertext: „Es bleibt mir unerklärlich, was es heißt, die ‚Gegenidentifikation’ oder in abgeschwächter Jungle World-Version, die ‚Parteinahme’ unter Einsatz der ‚ganzen Person’ zu vollziehen. Nicht nur, dass man es sonst allerorten zu recht kritisiert, wenn irgendwo das Subjekt als Ganzes aufgefordert wird, sich in irgendeine Sache zu werfen (wie es in ähnlicher Weise übrigens auch schon Helmuth Plessner in Grenzen der Gemeinschaft getan hat). Es widerspricht auch der Vorstellung von kritischer Vernunft als eine Art freigeschaufelter oder zurückgehaltener Raum des Bewußtseins, der die Distanz zur, auch im Kritiker vorherrschenden, instrumentellen Vernunft überhaupt erst einmal möglich macht.“ (CEE IEH Newsflyer #128, S.31.)
(16) Lediglich in den jeweiligen Vorworten der Bahamas-Redaktion wird die bei Dahlmann noch aufscheinenden Differenzierung völlig eliminiert. Aus einem „zunächst“ bei Dahlmann, wird im Vorwort „nur“.
(17) Carl Schmitt: Der Begriff des Politischen. Berlin 1963. S.39.
(18) „Die Möglichkeit richtigen Erkennens und Verstehens und damit auch die Befugnis mitzusprechen und zu urteilen ist hier nämlich nur durch das existenzielle Teilhaben und Teilnehmen gegeben.“ (Ibid., S.27)
(19) Vgl. dazu grundlegend: Gerhard Scheit: Suicide Attack – Zur Kritik der politischen Gewalt. Freiburg 2004.
(20) Schließlich hat der Begriff nicht nur seinen faschistoid-affirmativen Bedeutungsrahmen, wie bei Carl Schmitt, sondern er stand – z.B. bei Walther Benjamin – auch für eine revolutionäre Situation („wirklicher Ausnahmezustand“).
(21) Theodor W. Adorno: Minima Moralia. In: Ders.: Gesammelte Schriften Bd.4, S.149.
(22) Manfred Dahlmann: „Auf die Frage: Was ist Antideutsch? – Teil 2: Die Moral der Vernichtung. In: Bahamas Nr.48/2005. S.64. In gewissem Sinne zieht sich Teil 2 trotzdem ein bißchen hinter die Überschläge des Teil 1 zurück und argumentiert an vielen Stellen souveräner.
(23) Vgl. dazu die umfangreiche und zu weiten Teilen auf das Kritik-Problem (das ja immer auch ein Vermittlungs-Problem ist) übertragbare Analyse von Christoph Türcke in Vermittlung als Gott. Am Ende steht folgendes Fazit: „Weil Selbstbewußtsein unerzwingbar ist, besaßen all die bedeutenden aufklärerischen Einsichten, die zur Befreiung von Verblendung und selbstgemachtem Elend längst hätten führen können, von sich aus nicht Kraft genug, die Leitung der menschlichen Köpfe zu übernehmen. Weil Selbstbewußtsein unableitbar ist, kann aber selbst die aussichtslos verfahrene Weltlage nicht ausschließen, daß selbst nicht doch noch, und sei’s aus Angst vorm eigenen Untergang, die Menschheit sich zum Ausgang aus dem selbstgemachten Elend zusammennimmt.“ (Christoph Türcke: Vermittlung als Gott. Lüneburg 1994. S.134.)
(24) Theodor W. Adorno: „Einleitung zum „Positivismustreit in der deutschen Soziologie“ In: Ders.: Gesammelte Schriften Bd.8, S.296. Zit. nach: Helmut Reichelt: Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs. Freiburg, 2001. S.12.
(25) Ibid., S.15.
(26) Ibid., S.45.
(27) Und selbst wenn man einmal gutmütig den Unterschied zwischen Konsens- und Differenzprinzip lediglich in der Rolle sehen möchte, die man dem „fruchtbaren Gegensatz“ (Adorno), also der Diskussion, der argumentativen Auseinandersetzung, zumisst. Auch dann verschwimmen die Grenzen. Die Bahamas Konferenz im Winter 2005 war nichts als praktizierter – schon allein durch die Podiumsbesetzung inaugerierter – Konsens und hätte eine gehörige Portion fruchtbaren Gegensatzes vertragen.
(28) G.W.F. Hegel: Werke in 20 Bänden. Band 2 Jenaer Schriften 1801-1807. Frankfurt a.M. 1970. S.174.
(29) Womit auch die Dichotomie von Konsens- und Differenzprinzip in ihrer Dramatik eingeschränkt wäre. In gewisser Weise zeigt der kürzlich erschienene Text von Gerhard Scheit "Mitmachen oder Dagegensein - Zum Verhältnis von Kritik und Identifikation" jenes Ineinander historisch am Beispiel des Instituts für Sozialforschung. (Vgl.: Stephan Grigat (Hrsg.): Feindaufklärung und Reeducation. Freiburg im Brsg. 2006, S.201-219.)

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last modified: 28.3.2007